Folge 2.11: Turmwolken

In der Kanzlei „Ellison, Wilshire, White, Whitman, Sato, Sato and Ames“ sitzen alle sieben Senior-Partner um den Konferenztisch im großen Besprechungsraum. Sato Senior berichtet, dass man zwei junge Männer aufgegriffen habe, die wahrscheinlich für einige der phosphoreszierenden Schriften auf den Schiffen in der Bay von San Francisco verantwortlich gewesen seien. Liz hebt die Brauen: „Willst du dich zum Pflichtverteidiger bestellen lassen, Ryo?“ Der japanischstämmige, grauschläfige Anwalt lächelt. „Nein, eigentlich nicht. Ich wollte etwas vorschlagen – nämlich, dass Howard Industries die beiden Herren bei ihrer Verteidigung wegen Rufmordes unterstützt.“ Kanzleigründer Ellison, noch ein ganzes Stück älter als Ryo Sato, schnaubt: „Behalt‘ dein Showmaster- und Magiertalent für dich und die Gerichte. Komm zur Sache!“ Der Anwalt lacht und nickt: „Ist schon gut. Nun, ich habe mehrere gute Gründe, warum ausgerechnet wir uns ausgerechnet von Howard Industries beauftragen lassen sollten, die beiden jungen Männer zu verteidigen. Erstens wäre das ein richtig gutes Signal, dass Howard Industries es mit dem Umweltschutz ernst meint. Nicht zuletzt, weil Howard Industries eine Kehrtwende in Sachen Umweltschutz hingelegt hat, in den letzten Lebensjahren von Charles B. Howard, haben wir das Unternehmen gerne unterstützt – nicht nur Elizabeth, sondern wir alle. Es gibt allerdings noch einen weiteren sehr guten Grund. Christensen and Albright haben die Zivilklage gegen die beiden Herren durch drei betroffene Reedereien übernommen. Vermutlich werden sie Robert Landsman einsetzen.“ Ellison grinst plötzlich und erklärt, er sei begeistert, dass Ryo Sato endlich begriffen habe, dass man seine Position als Platzhirsch bei der Umweltschützercommunity zu verteidigen habe. Doch er kann nach einem Moment nicht mehr übersehen, dass alle fünf anderen männlichen Partner die einzige Frau in der Runde ansehen. Schließlich nickt er fest und sieht ebenfalls zu Liz: „Du willst diesen Kerl in den Staub werfen, und das ist eine weitere Gelegenheit dafür. Willst du den Fall denn zusammen mit Ryo bearbeiten und zwei Jungs mit Spraydosen mit Leuchtfarbe vor dem Knast und einer saftigen Schadensersatzforderung bewahren?“ Liz nimmt sich Zeit. Sie sieht Ellison in die Augen, dann lässt sie den Blick über die Gesichter der anderen schweifen. Schließlich landet sie wieder bei Ellison und antwortet fest: „Ja. Auch wenn die Methoden nicht akzeptiert werden, ist die Intention richtig. Ich werde versuchen, Howard Industries davon zu überzeugen, uns damit zu betrauen. Dorothy Howard ist nicht begeistert von mir, aber sie weiß auch, dass Howard Industries als Kunststoffhersteller und Petrochemie-Konzern ein Image-Problem hat, das sie in der Form nicht mehr verdienen. Und – aufrichtig gesprochen – für eine Gelegenheit, Bob eins reinzuwürgen, brauche ich keine moralischen oder finanziellen Anreize.“ Ellison nickt und beschließt die Sitzung. Als Ryo Sato und Liz ein paar Minuten später in Satos Büro sitzen, schenkt Sato ihr Kaffee ein und fragt dann höflich, aber bestimmt, was Liz denn so sehr motiviere, Landsman demütigen zu wollen. Sie seufzt, aber als er die Frage gerade zurückziehen will, stellt sie fest: „Wenn ich mit dir an diesem Fall arbeite, solltest du wissen, was mich gegen Bob antreibt. Es gab da so eine Geschichte im Studium. Eine Freundin und ich spielten mit – nun, exotischer Kleidung herum, bedienten ein wenig Fetisch und ein wenig den Reiz von Dominanz und Unterordnung. Bob bildete sich ein, in das Spiel hineinzukommen, statt nur zuzugucken. Wir ließen ihn böse abblitzen.“ Sato zeichnet – spekulativ, aber von Liz‘ Nicken begleitet – verletzte männliche Eitelkeit und ein Aufschaukeln des Konflikts nach. Dann fragt der ältere Anwalt: „Darf ich nach der konkreten Szene fragen – Kleidung, Verhalten und dergleichen?“ Liz bejaht und sagt es ihm. Sato hebt die Braue und erklärt, dass er sich nicht wundere, dass Landsman davon feuchte Träume bekommen habe. Doch dann wechselt er das Thema und beginnt, den Fall mit Liz zu besprechen. Als er die Anschuldigungen gegen die beiden jungen Männer auflistet, kommt Liz ein vager Verdacht…

„So“, erklärt Charles junior. Bob Landsman fragt nach: „So?“ Charles nickt entschlossen und beginnt zu erzählen, dass es ihn nun nicht mehr interessiere, ob Dorothy und Nick ein gewisses Projekt mittragen. Als Landsman die Andeutungen nicht versteht, wird er konkreter: „Onkel Nick und meine große Schwester möchten nicht gegen Arden und Esther Goldstein vorgehen. Sie möchte auch nicht Dr. Callaghan angreifen. Ich will das aber.“ Landsman wiegt den Kopf hin und her. „Simon sagt, die Aktenlage gebe es kaum her, so eine Klage zu führen. Die Berichte von Callaghan täuschten besseren Fortschritt vor und gegen ihn zu klagen ist fruchtlos.“ Charles schüttelt den Kopf. Er mokiert sich darüber, dass Anwälte keine Phantasie hätten. Dann zwinkert er: „Der Hauptrechner von Howard Industries speichert Zugänge mit Karte. Jedes Gebäude ist mit Kartenlesern zugangsgeschützt. Wenn wir an diese Daten herankommen…“ Landsman wirft ein, dass man legal an diese Daten herankommen müsse, um einen Fall zu haben. Datenschutz und Schutz der Arbeitnehmer zu umgehen, liefere einem keine Beweise vor Gericht. Charles schüttelt den Kopf und meint, das wisse er: „Aber allein die Möglichkeit, nachweisen zu können, dass sie eben doch dort waren und somit gesehen haben, dass Callaghan gelogen hat, würde doch einen Antrag auf Aushändigung der Daten, die für Ardens und Esthers Zugänge rechtfertigen, oder nicht?“ Landsman nickt einmal, dann noch einmal. Dann erwidert er, das müsse er sich durch den Kopf gehen lassen. Fadenscheinig sei die Geschichte schon, und wenn man hinreichend Zweifel an der Version säe, dass Esther Goldstein-Howard und Thomas Arden nur die Berichte vorlägen, habe man einen Fall, der nicht nur zugelassen werden könne, sondern vielleicht auch nicht ganz aussichtslos sei. Langsam finden sich die beiden Männer in die Idee hinein, und Charles junior erklärt, er werde bei Seniorpartner Albright diese Idee lancieren, damit Bob offene Türen einrenne. Was seine Schwester davon hielte, sei ihm egal. Landsman reibt sich die Hände, dann meint er jedoch etwas skeptisch: „Wenn nur nicht wieder Liz irgendeine Nummer mit bisher unbekannten Fakten abzieht. Ich will nicht wieder gegen die verlieren, ich will SIE verlieren sehen!“ Charles grinst und meint, das könne er sich denken.

Folge 2.10: Herausstehende Nägel

Dass Claire bestätigt, dass sie angerufen habe, weil sie neugierig auf Esther sei und sie treffen wolle, lässt Esther erstaunt die Brauen heben. Als sie anfügt, dass sie ja mit Mai Sakamoto zusammen nach Hawaii fliegen können, weil diese ohnehin ihren Vater besuchen wolle, verdüstert sich Esthers Miene. Sie bemüht sich aber, ihrer Stimme die Sorge nicht anmerken zu lassen, dass Mai in die Aktionen der Gruppe hineingezogen wird. Sie lädt Claire auf das Anwesen ein und bittet sie, Badesachen mitzubringen. Dann legt sie auf und schlendert zurück zu Sally, Sylvain und Willard, bei denen auch John Hiller gewartet hat, bis Esther das Mobilteil des Telefons zurückbringt. Auf die neugierigen Blicke antwortet sie mit nur einem Wort: „Verdammt!“ Sie lässt sich die Informationen regelrecht aus der Nase ziehen, aber als sie endlich damit herausrückt, dass Mai und Claire auf das Anwesen kommen wollen, verstehen und teilen die vier anderen ihre Besorgnis. Sylvain Chartrand merkt allerdings an: „Nun, wenn sie auf Claire aufpassen muss, wird Mai zur Geheimhaltung gezwungen sein. Damit können wir sie fern halten. Ich fände, sie würde ein instabiles Element in die kritische Situation mit Marc und Corey bringen. Aber wenn wir ihre Verantwortung für Claire nutzen können, um einerseits Mai ein bisschen von der Organisation fernzuhalten und andererseits die beiden als Ausrede haben, warum die ungemütlichen Entscheidungen gegen eine erneute Verschärfung unserer Gangart von Marshall und mir verkündet und durchgesetzt werden, weil du auf dem Anwesen bleiben musst, ist das vielleicht auch nicht schlecht.“ Sally hebt die Brauen: „Und was ist mit mir?“ Sylvain zuckt die Schultern: „So gerne ich dich bei mir hätte, Cherie, du bist in der Gruppe hübscher junger Frauen, die sich hier auf dem Anwesen einen schönen Lenz macht, weit besser aufgehoben als drüben auf Ni’ihau, während Marshall und ich Corey und Marc die Hölle heiß machen.“ Dass Esther ihn einen Chauvinisten nennt, ficht den ehemaligen Fremdenlegionär nicht an. Er zwinkert: „Du siehst das idealistisch. Ich sehe das militärisch. Gegen idealistisch-militante Idioten ist – geschlechtsunabhängig – die harte Kommandeursnummer geeigneter. Dafür bist du nicht die Person, Chefin, und Sally genauso wenig. Lass uns die Wogen glätten und die überstehenden Nägel einschlagen oder absägen, danach können wir was Innovatives planen. Bis auf weiteres würde ich noch ein paar Schiffchen bemalen, ein bisschen Plastik an Küsten anlanden, Schleppnetze abschneiden und Tanker mit Gülle und Verklapptem bespritzen. Corey und Marc werden getrennt – einer fährt mit Marshall, der andere mit mir. Wir machen Schlagzeilen, ihr posiert für die Seite-Drei-Bildchen der Paparazzi und wenn sich Zorn der Zornigen und dein Schuldgefühl ein bisschen gelegt haben, machen wir mal die ‚drastische Aktionen‘-Schublade wieder auf.“ Esther wiegt den Kopf hin und her, Sally seufzt. Dann zuckt Esther die Schultern: „Nicht, dass es mir gefallen würde, Sylvain, aber unrecht hast du nicht. Wir machen hier ein bisschen Mädelssause und ihr trinkt Bier und schlagt den Scharfmachern die Flaschen über den Schädel. Was soll’s, Idealismus hin oder her, wir sind in der Durchführungsphase und da braucht’s Realismus.“ Mit einem „D’accord“ schließt Sylvain das Thema ab, und Hiller erklärt, er werde das Telefon zurückbringen und Cocktails mixen. Die Gruppe am Strand entspannt sich, und posiert nun wirklich für die Kameras als fröhlich-dekadente Strandsause.

Marc Walters starrt mit stumpf wirkenden Augen gegen die grob behauene Wand der uralten Lava-Höhle, in der die Gruppe ihr Hauptquartier auf Ni’ihau hat. Vor ihm steht ein leerer Becher, der wohl einmal Kaffee enthalten hat, daneben liegt seine halboffene Geldbörse. Kein Ausweis ist darin zu sehen, auch kein Führerschein – nur ein Bild von einer jungen Frau, die in die Kamera lächelt: Anna Perkins. Tränen hat er nicht vergossen, aber die Leere, die der Tod seiner Freundin in ihm hinterlassen hat, ist ihm deutlich anzusehen. Aber da ist noch mehr, und Corey Callaghan scheint das regelrecht zu riechen, als er mit zwei Flaschen Bier an den Tisch in dem kleinen Gemeinschaftsraum tritt. „Hey, darf ich mich zu dir setzen?“ Walters bemerkt ihn nur mit reichlich Verzögerung, dann macht er eine vage einladende Geste. Corey setzt sich und stellt die zweite Bierflasch vor Marc hin. Er hält es einige Minuten aus, in denen er nur gelegentlich an seinem Bier nippt und Marc seinen Gedanken nachhängen lässt, doch dann fragt er recht unvermittelt: „Was denkst du? Sollten wir es ihnen nicht heimzahlen, dass Anna…“ Marc runzelt die Stirn, dann erklärt er ärgerlich: „Anna ist für ihre Überzeugung gestorben. Das heißt nicht, dass es weniger weh tut. Aber es war ein Fehler, ihnen beim Kentern zuzugucken.“ Corey bemüht sich, dass Marc ihm nicht anmerkt, dass er angestrengt nachdenkt. Dann schießt er ins Blaue: „Aber sie abzuschießen war richtig.“ Marc nickt, zögert, dann schränkt er ein: „Ich finde das schon. Anna war… anderer Ansicht. Anna wollte weiter Schiffe bemalen, sie mit Gülle bespritzen und so etwas. Sie war der Ansicht, dass wir sie erziehen sollten, statt ihnen substanziell zu schaden.“ Corey hakt nach: „Aber du bist anderer Ansicht?“ Marc nickt vehement. Dann erklärt er betont, dass man eine Situation der Überlegenheit über die Umweltsünder hergestellt habe. Auch Marshall Wells und Sylvain Chartrand betonten immer wieder, wenn es fair zuginge, habe man etwas falsch gemacht. Er schließt mit den fest geäußerten Worten: „Wir haben die Ausrüstung, ihnen wehzutun. Was sie tun, gibt uns das Recht, ihnen wehzutun. Marshall und Sylvain müssen das einsehen. Die Mädchen sind wahrscheinlich zu weich dafür.“ Corey nickt, dann drückt er sanft Marcs Schulter: „Am Ende werden sie es richtig finden. Sylvain und Marshall sind Soldaten, die wissen, dass man drastisch vorgehen muss. Sie müssen nur einsehen, dass Esther uns in der Sache bremst, weil sie zu weich ist.“ Marc nickt und nippt aus der Flasche. Corey bietet ihm seine Flasche zum Anstoßen an, zögerlich schlägt Marc ein. Als Carmen Ochoa Sanchez dazustößt, haben die beiden bereits das Thema gewechselt. Sie holt sich ebenfalls eine Bierflasche und gesellt sich zu den beiden Männern. Dass die beiden recht vertraut wirken, fällt ihr auf – aber weder Corey noch Marc lassen sich davon ködern, dass sie das Gespräch auf die vergangene Mission zu lenken versucht. Zu schmerzlich sei das, meint Marc, und Corey erklärt, man müsse nach vorne sehen.

„Was planst du, Onkel Nick?“ Dorothy Howard-Fielding lehnt in ihrem Sessel hinter dem Schreibtisch im ehemaligen Büro ihres Vaters in der Zentrale in Oakland. Nicolas Howard hat es sich in einem der Ledersessel vor dem Schreibtisch bequem gemacht und lächelt gequält: „Charlie ist immer mehrgleisig gefahren, Dorothy. Ich finde es fahrlässig, nur auf die Formfehler bei der Ausschreibung zu setzen.“ Dorothy schüttelt den Kopf: „Hast du das Dossier von Collette Williams überhaupt gelesen? Das wird funktionieren…“ Nick zwinkert ihr zu: „Und wenn nicht? Was wird dein Senator sagen, wenn du Howard Industries in eine rechtliche Fehde mit der Navy steuerst?“ Es fällt ihr sichtlich schwer, ihn direkt zu fragen, aber sie ist zu neugierig auf seine Alternative, um es bei den indirekten Herausforderungen zu belassen: „Gut. Also, was hast du vor? Was ist dein Plan B?“ Für einen Moment lässt er sie noch zappeln, lange genug, um sie zu einem ärgerlichen Schnarren zu animieren: „Ist das nicht UNSER Unternehmen, Nicolas?“ Er nickt und bestätigt. Dann erklärt er umständlich, dass er auf eine andere Argumentation setzen wolle – nämlich die Tatsache, dass das Problem eigentlich gelöst gewesen sei und die Akten, die den schlechten Projektfortschritt bezeugen würden, eigentlich fehlleitend seien. „Mr. Arden ist der Ansicht, dass die Formel von Dr. Callaghan ganz in Ordnung ist, dieser wohl nur zu unfähig war, das ganze den Maschinen richtig beizubringen. Das hätte er wohl Arden überlassen sollen. Er hat stundenlang Tafeln mit demselben chemischen Kauderwelsch vollgeschrieben, den dein Vater auch immer an Tafeln kritzelte. Ich denke, wir sollten es versuchen, den Kram mal in die Maschinen eingeben zu lassen – und zwar durch einen, der das kann, nicht durch einen Theoretiker wie Callaghan. Dann würden wir nur im Verzug sein – und zwar durch eine Verkettung ungünstiger Umstände: Ein eitler Chemiker und ein Brand. Wenn wir dann noch mal ein paar zehntausend Dollar investieren, könnten wir zeigen, DASS wir das Projekt können. Dann können wir deinen Angriff auf das Verfahren und unseren Beweis, dass wir das hinbekommen, zu einem Vergleich mit der Navy gießen lassen. Die kriegen ihre Beschichtung und wir das Geld.“ Dorothy neigt den Kopf zur Seite, dann nickt sie langsam: „Immer vorausgesetzt, es funktioniert.“ Er grinst: „Gibst du mir ein Budget und ein paar Leute, um Arden zu unterstützen? Setzt du ihn wieder ein, als Abteilungsleiter? Er ist der einzige, der mit den Daten vertraut ist.“ Dorothys skeptischen Blick lässt er ihr recht rasch aus dem Gesicht fallen, denn er gibt zu, dass noch jemand mit dem Projekt vertraut sei und zudem in Chemie-Ingenieurwesen ausgebildet. Doch auch die erwartungsvolle Miene, die sie dann aufsetzt, wischt er recht schnell aus ihrem Gesicht. Denn ihre Frage, wer das sei, beantwortet er trocken: „Esther Goldstein.“

Folge 2.9: Stiefmuttergespräch

Sally Marsh lehnt sich zurück und hält das Gesicht in die Sonne. Sie lässt sich nicht anmerken, dass sie ebenso wie Sylvain Chartrand, Willard Sanders und Esther Goldstein-Howard um die Drohne weiß, die ein wenig außerhalb der Sichtweite über dem Meer schwebt und Kameras auf sie gerichtet hat. Der Wind und die Brandung machen wenigstens die Gespräche unabhörbar. „Ich bin so froh, dass…“, doch weiter lässt Esther sie nicht kommen: „Nicht, Sally, bitte. Es ist mehr als schlimm genug, dass Anna dort im kalten Meer ertrunken ist.“ Sally seufzt, dann erklärt sie mit hörbarer Gereiztheit: „Esther, es ist nicht deine verdammte Schuld, dass Anna ertrunken ist. Wir haben die Aktion nicht durchdacht, und du wolltest Coreys Drang nach härterer Gangart befriedigen, aber zugleich Pazifistin bleiben. Es ist Scheiße, dass wir es auf diese Weise gelernt haben – wir alle. Aber es ist so, und wir müssen nach vorne schauen. Ich wollte aber auf etwas ganz anderes hinaus…“ Esther blinzelt in die Sonne und zögert. Sie ist sich nicht sicher, ob sie Sally widersprechen muss, aber sie entschließt sich, die Worte so stehen zu lassen und nachzufragen, was Sally meinte. Sylvain registriert es ebenso wie Will Sanders, doch beide Männer hüten sich, eine Bemerkung dazu zu machen. Sally erklärt: „Auf der Rückfahrt waren wir zu sehr durch den Wind – aber auf der Hinfahrt, naja, Sylvain und ich…“ Für ein paar Augenblicke kommt Esther der Gedanke, dass sie eben nachgegeben hat, dann begreift sie schlagartig, was Sally sagt, und stößt hervor: „Ihr seid also ein Paar?“ Sylvain sieht zur Seite – er versucht zu vermeiden, dass Esther sein Erröten sieht. Sally lächelt und zwinkert ihr zu: „Man muss verdammt eng zusammenliegen, um sich eine Koje auf einem unserer Boote zu teilen. Man muss sich verdammt sicher sein, wenn man hinnimmt, dass der Rest der Besatzung es mitbekommt.“ Sylvain muss plötzlich lachen, was Sally skeptisch die Stirn runzeln lässt. Doch er fasst sich schnell und erklärt dann: „Ruhig Blut, Cherie. So sicher kam ich mir gar nicht vor. Du hast dich auch eher vorsichtig geäußert, bis Carmen uns überrascht hat. Aber im Rückblick betrachtet stand es lange genug im Raum.“ Sallys skeptischer Blick wandelt sich zu einem Lächeln. Sie nickt und will gerade noch etwas zum Thema beisteuern, doch Esther schneidet ein anderes Thema an: „Mir macht Sorgen, wie Marc und Corey nun agieren werden. Aber immerhin haben wir gute Gründe, Corey keines der Boote allein zu geben. Marshall und du sind einfach erfahrenere Kommandanten. Das reduziert das Risiko weiterer Hazardeurs-Aktionen. Die Kombination aus Corey und mir ohne einen von euch Soldaten ist – schlecht. Das hat uns diese Katastrophe eingebrockt.“ Sally und Sylvain wechseln vielsagende Blicke, doch Esther geht nicht darauf ein. Als Sally doch noch etwas sagen möchte, werden sie unterbrochen: John Hiller tritt an den Strand, ein Mobilteil des Telefons in der Hand: „Mrs. Goldstein-Howard, Miss Howard für sie.“ Will schüttelt sich, Sally und Sylvain machen große Augen – doch nach kurzem Zögern nimmt Esther das Telefon an: „Danke, John.“ Sie lehnt sich zurück und meldet sich: „Hallo?“

Claire bekommt zuerst keinen Ton heraus, als sie Esthers Stimme am Telefon hört. All die Gedanken über Dinge, die sie Esther sagen oder fragen möchte, sind ihr abrupt entglitten. Sie hasst sich sofort für ihr dünnes: „Äh, hallo.“ Doch Esther lässt sich nicht beirren, ein vorsichtiger, aber durchaus wohlwollender Unterton ist in ihrer Stimme, als sie die Pause in der Leitung unterbricht, bevor sie wirklich peinlich werden kann: „Ich habe von Liz Ames gehört, dass sie die Anfechtung des Erbes vor Gericht verhindert haben, weil ihr Vater sie hätte leer ausgehen lassen, bevor er das Testament auch zu meinen Gunsten geändert hat. Das war ein feiner Zug von ihnen. Ich war etwas erstaunt, dass sie zu Liz gegangen sind, statt Dorothy, Charles Junior und Nicolas einen Rückzieher ohne so viel Aufsehen zu ermöglichen.“ Diese Offenheit hilft Claire nicht so viel, wie Esther sich das vielleicht erhofft hat. Die Gedanken wirbeln durcheinander, aber nach vier, fünf, vielleicht sechs Sekunden beschließt sie, der Reihe nach zu sagen, was ihr einfällt: „Äh, naja. Ich wäre nicht leer ausgegangen. Meine Mutter wird von der Howard-Stiftung unterstützt, und die hätte die Hälfte bekommen… ich wäre sozusagen die einzige gewesen, die etwas bekommen hätte. Aber ich fand es nicht richtig, sie fertig machen zu wollen, nachdem ich gehört hatte, was sie gesagt haben.“ Nun ist es auf der anderen Seite der Leitung für einen Moment still. Claire kann Stimmen im Hintergrund hören, nach einer Schrecksekunde unterbricht Esther jedoch das Hintergrundgeräusch: „Seid doch mal still. Okay, Miss Howard – oder Miss Lagarde? Lunden?“ Dies ist nun eine Frage, bei der Claire eine eindeutige Antwort hat: „Claire Howard. Sie können mich gerne Claire nennen – ich bin es nicht gewöhnt, Miss Howard zu sein, oder auch Miss Lagarde oder Miss Lunden. Fühlt sich alles nach einem Menschen an, der… sich seiner Sache sicherer ist, als ich es bin.“ Esther lacht auf. Ihre Stimme zeugt davon, dass sie wohl gerade mit dem Telefon in der Hand ein paar Schritte geht: „Du gestehst Schwäche gegenüber mir ein, Claire? Du bist wirklich keine von den eigentlichen Howards. Nenne mich ruhig Esther. Ich bin ein wenig bestürzt, muss ich gestehen. Mr. Aldred hätte das Tonband vernichten sollen. Es war – wie ich glaube – auch nicht besonders schmeichelhaft für ihn.“ Claire beißt sich auf die Lippen, als sie an die Worte denkt, die Aldred in Esthers Gegenwart für deren Figur gefunden hatte, und erwidert betreten: „Besonders viel sympathischer ist er auch mit Mai und mir nicht umgegangen. Aber darum ging es eigentlich gar nicht. Diesen alten Mann werde ich nicht mehr ändern und mit ihm muss ich auch nicht mehr zu tun haben.“ Esthers Lächeln ist ihrer Stimme anzuhören: „Charles realisierte es zuerst gar nicht. Erst später wurde ihm klar, dass Aldred mich behandelte wie die hübsche Trophäe, als die mich das Testament eben genau nicht behandeln sollte. Es ist eine andere Generation, ich hoffe, die sterben bald aus. Aber was kann ich für dich tun, Claire? Du rufst doch nicht hier an, um meine Stimme zu hören und dich über den alten Sexisten Aldred zu beschweren, nicht wahr?“

Folge 2.8: Entdeckt

Als die „Charlotte Howard“ frühmorgens am Steg des Anwesens festmacht, bemüht Esther sich um eine gelangweilte Miene. Dass sie erleichtert ist, ihr Anwesen wieder zu sehen, und ganz langsam neuen Mut gefasst hat, lässt sie sich nicht anmerken. John Hiller steht auf den Brettern des Stegs und nickt ihr zu. Beiden ist bewusst, dass vor der Küste ein Boot liegt, von dem schon mehrfach Kameralinsen die Sonne in Richtung der Küste zurückgeworfen haben. Esther gibt die etwas genervte Hausherrin, Hiller den durchaus nicht unterwürfigen Hausangestellten, und nach einigem Geplänkel entziehen sie sich auf dem Weg durch den Garten den Kameras. „Ich habe bereits gehört, dass sie ein Boot verloren haben, Esther, und vor allem Miss Perkins. Das tut mir leid. Ich fürchte allerdings, dass wir recht schnell zum Tagesgeschäft zurückkehren müssen.“ Sie nickt, dann fragt sie: „Lohnt es sich, auf Willard und Sakamoto-san zu warten?“ Hiller erklärt trocken: „Ich vermute, die Post, um deren Öffnung ich sie bitten möchte, ist ohnehin nichts für deren Augen. Die ‚Jungs‘ haben bereits daran geschnuppert und nichts gefunden. Sie kam während ihrer Abwesenheit, am… zehnten.“ Esther hebt die Brauen, aber sie erwidert nicht, was ihr durch den Kopf geht: Drei Tage nach dem Verlust der „Aphrodite“. Als Hiller sie über die persönliche Übergabe und den Innenumschlag nur für die Augen von Esther informiert, wird sie noch unruhiger. Sie schließt die Tür des Arbeitszimmers hinter sich, als sie im Haus sind, und nimmt den Umschlag vom Schreibtisch. Nach kurzem Zögern reißt sie ihn auf. Eine Fotokopie und eine mit wenigen Sätzen in Blockschrift handbeschriebene Seite fallen heraus. Sie liest die Koordinaten der Kopie eines Satellitenbildes, dann die darauf geklebten und mit fotokopierten Post-Its: „Dieselelektrisches U-Boot, vermutlich Volksrepublik China.“ – „Torpedoangriff auf Walfänger oder Unfall?“ Eine Markierung auf dem Bild: „Unbekanntes U-Boot“ ist durchgestrichen. Heftig schluckend nimmt sie den Bogen in die Hand und liest: „Unvorsichtiges Vorgehen. Es gibt optische, radarsehende und wärmesuchende Satelliten. Schneller zuschlagen, nicht zusehen. Ein Freund.“ Für zwei, drei Minuten starrt sie auf das Bild und das dürre Schreiben. Dann zieht sie die Tür auf und bemüht sich, sich nichts anmerken zu lassen. Als Willard Sanders und Ichigo Sakamoto das Anwesen betreten, will sie gerade hinauf in ihr Schlafzimmer – doch dann besinnt sie sich eines Besseren. „Ich muss in Oakland anrufen“, erklärt sie den drei Männern. Hiller will ihr das Telefon reichen, doch da erklärt Sakamoto plötzlich: „Moment!“ Er eilt zu der Kommode, auf der neben der Ladeschale des Telefons auch ein Funkempfänger steht. Er dreht an einem Regler – kurz Impulse sind zu hören. „Morsezeichen?“, fragt Sanders. Hektische Handbewegungen von Hiller und ein konzentrierter Blick von Sakamoto bringen ihn zum Schweigen. Esther runzelt die Stirn, während die Männer Folgen von Punkten und Strichen auf Papier notieren. Hiller ist etwas schneller in der Übersetzung in Buchstaben, doch der Text erscheint keinen Sinn zu geben. Esther sieht darauf und beißt sich auf die Lippen: „Da fehlen ein paar Buchstaben am Anfang. ‚ave a tender moment alone.‘ Billy Joel. Der neunte Song aus ‚An Innocent Man‘. Ankerplatz neun aus dem dritten Set an vereinbarten Treffpunkten. Vermutlich die ‚Tethys‘. Wir müssen…“ Sakamoto lächelt, aber das Lächeln verbirgt die große Entschlossenheit nicht ganz: „Sie müssen sich ausruhen, Howard-san. Sanders-san wird ihnen etwas zu Essen bestellen. Hiller-san und ich fahren raus und holen ab, was abzuholen ist.“ Esther stellt das Telefon in die Ladeschale, sie will protestieren, aber dann lässt sie es doch. „In Ordnung. Ich rufe aber erst in Kalifornien an, wenn ich weiß, welche Neuigkeiten Sylvain bringt!“

„Ames!“, meldet Liz sich barsch. In ihrem heimischen Arbeitszimmer sitzen neben ihr selbst auch noch Thomas Arden, Mai Sakamoto und Cristina Benitez. Als sie Esthers Stimme hört, wird ihr Ton sofort milder: „Endlich! Der dürre Anruf bei Tom, dass du wieder auf der ‚Charlotte‘ bist, scheint ewig her zu sein. Wir haben uns Sorgen gemacht!“ Tom gestikuliert, doch nicht Liz selbst, sondern Mai betätigt den Schalter für die Freisprechanlage. „…nicht ganz unberechtigt. Es ist einiges schief gegangen. Wir haben die ‚Aphrodite‘ verloren – und Anna Perkins. Aber wir sind nicht entdeckt worden, zumindest glauben wir das. Ich brauche aber dringend Informationen, Liz. Wirklich dringend. Drei Tage nach dem Gefecht zwischen uns und dem Walfänger, vielleicht fünfundfünfzig Stunden nach dem Sinken der ‚Aphrodite‘, kam hier per Kurier eine Fotokopie eines Überwachungsbilds eines Satelliten an. Es zeigt ein ‚unbekanntes dieselelektrisches Boot‘, den Walfänger und die Schiffe der Royal Australian Navy bereits in Reichweite. Per Post-It wurde es wohl als chinesisches Boot identifiziert.“ Arden beißt sich auf die Lippen: „Ist dieses Gespräch…“ Liz fährt ihn an: „Ja, zumindest, so gut es zivil geht. Halt die Klappe, Tom!“ Esther fragt nach, und Liz erklärt ihr, dass Mai, Cristina und Thomas ebenfalls da seien – und dass die Leitung sicher sei, Hiller und sie hätten eine end-to-end-Verschlüsselung des VoIP-Telefons arrangiert. „Okay“, fährt Esther fort, „dazu gab es ein Schreiben, das uns riet, schneller zuzuschlagen, auf die Satelliten zu achten und nicht aufgetaucht zuzuschauen, was passiert.“ Bevor Liz etwas sagen kann, schneidet Esthers Stimme erneut in die Stille, nun ist sie scharf: „Ich wollte die Japaner nicht elendig ersaufen lassen. Es sind mehr umgekommen, als ich das wollte. Wir waren da, sie eventuell zu retten.“ Keiner der vier sagt etwas, doch Esther selbst wird in diesem Moment erst richtig klar, dass eine Rettung der Seeleute des havarierten Walfängers gänzlich unmöglich gewesen wäre. Sie schluckt hart. „Egal, Leute. Habt ihr irgendwelche Kontakte, die vielleicht- dieser Freund sein könnten?“ Nachdem alle vier versprechen, sich umzuhören, kommt Liz auf das Thema Claire Howard zu sprechen. Esther nimmt sich eine Bedenkminute, dann hört man ihr Schulterzucken regelrecht: „Schick‘ sie auf meine Kosten nach Honolulu. Bessere Tarnung gibt’s nicht, als das Anbiedern mit der Verräterin am Clan.“ Die Runde um Liz‘ Schreibtisch blinzelt verwirrt über die Initiative. Liz fragt ungläubig: „Allein?“ – „Wen solltest du denn mitschicken? Liz, das Mädchen ist ein Jahr älter als ich, die kann allein fliegen.“ Tom Arden beginnt zu grinsen, doch das Grinsen fällt ihm sofort aus dem Gesicht, als Mai einwirft: „Ich könnte mitfliegen. Ich wollte eh meinen Vater besuchen.“ Dass sie Esther eben einen Bärendienst erwiesen hat, ist Liz Ames durchaus klar, aber beide Frauen machen gute Miene zum bösen Spiel. Mai näher an die Organisation zu bringen, hält keiner für eine gute Idee, erst recht nicht mit Claire Howard im Schlepptau. Aber nachdem Liz in sich und auch in Esther die Befürchtungen geweckt hat, was sich Claire allein auf dem Flug nach Hawaii alles zusammenreimen könnte, können sie nicht mehr zurück, selbst wenn sie riskieren würden, Mai vor den Kopf zu stoßen.

Folge 2.7: Folgen

„Sie lässt sich immer entschuldigen, mal von einem Mr. Sanders, dann von einem Mr. Hiller. Ich hab’s auch im Büro von Howard Industries in Honolulu probiert, aber da sagen sie mir, dass sie völlig aus dem Geschäft heraus ist, seit Dorothy die Geschäfte übernommen hat!“ Liz Ames und Mai Sakamoto hören Claire geduldig zu, wie sie sich über die Unerreichbarkeit ihrer Stiefmutter empört. Im Gegensatz zu Dorothy macht sie sich inzwischen keine Gedanken mehr, dass Esther gemeinhin als ihre Stiefmutter bezeichnet wird, sie hat merklich akzeptiert, dass die ein Jahr jüngere Esther die dritte Frau ihres Vaters war und somit de facto ihre Stiefmutter ist. Claires Tee ist unberührt, während Liz bereits den zweiten Espresso zu ihrem Tonic Water bestellt und Mai mittlerweile von einem verhältnismäßig teuren Grüntee auf Cola umgestiegen ist. Liz lächelt beschwichtigend: „Sie ist wahrscheinlich mit der ‚Charlotte‘ unterwegs. Du hast auch nichts von deinem Vater gehört, oder Mai?“ Mai zuckt die Schultern: „Ich habe eine Weile nicht mit ihm telefoniert, das ist wahr. Prinzipiell wäre es möglich, meinen Vater und auch Esther Goldstein-Howard auf der Yacht zu erreichen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie all die Anrufe leid ist.“ Claire runzelt verwirrt die Stirn: „All die Anrufe?“ Liz lächelt und ignoriert – ein wenig bemüht – das Vibrieren ihres Telefons in der Handtasche: „Weißt du, Claire – wo du ziemlich im Fokus standest, seit du mit dem Testament bei mir aufgelaufen bist, steht sie seit dem Tod deines leiblichen Vaters im Fokus. Sie kann machen was sie will, auf Trauerfeier, Beerdigung und Testamentseröffnung völlig rotgeheult ihre Augen hinter einer Riesen-Sonnenbrille verstecken, sich am Strand sonnen, was trinken gehen, mit ihrem Bruder ihre Trauer besprechen. Alles beobachten die Paparazzi, alles landet in der Zeitung oder auf Klatschportalen. Es gab auch schon drei Montagen, die gar nicht auf echten Bildern basierten – drei, die uns auffielen. Sie wird gehetzt. Da spielt natürlich auch rein, dass sie eine tolle Figur und wallend-schwarze Haare hat, verstehst du?“ Claire beißt sich auf die Lippen. Sie nickt betreten und lehnt sich in dem Stuhl zurück, lässt ihren Blick in Richtung der Bay schweifen. Das Café in Berkeley hat Liz ausgesucht, weil es nicht zum üblichen Revier gehört – weder zu ihrem noch zu Claires – aber nahe genug an ihrer Kanzlei ist. Mai wirft Liz einen fragenden Blick zu, während Claire über die Verfolgung durch die Medien nachsinnt. Liz dreht ihr Handgelenk und sieht auf ihre Uhr, dann drückt sie zweimal auf eine Taste an der Seite der Smartwatch. Sie schluckt und nickt. Doch sie kann nicht genau nachschauen, was sie da als Textmitteilung bekommen hat, nur die ersten paar Worte liest sie. Dass Hawaii sich gemeldet hat, kann sie aber auch der Nummer des Anrufes in Abwesenheit ansehen. Claire nun sitzen zu lassen, würde aber Verdacht erregen. „Wisst ihr, mein Vater… also mein Stiefvater und meine Mutter, die wollten immer, dass ich normal lebe. Dass ich ohne den Medienrummel um Charles B. Howard, ohne all das Tam-Tam aufwachse. Mein Stiefvater ist auch nicht arm…“ Mai runzelt die Stirn, Liz fügt ein: „Steven Lunden, Mai. Isabelle Lagarde hat ein paar Jahre nach der Scheidung Steven Lunden geheiratet.“ Mai blinzelt: „Lunden Electronics fördert das Konservatorium, auf das ich gehe, mit sehr großzügigen Spenden.“ Claire schüttelt vehement den Kopf: „Daddy hängt das nicht raus. Klar hat er dafür gesorgt, dass ich nicht pleite gehe, als ich einen Kellnerjob zum Finanzieren des Studiums verloren habe. Aber ich habe nur ein bisschen mehr finanzielles Netz als die anderen. Ich fahre keinen Sportwagen – ich habe gar kein Auto. Ich lebe wie eine normale Studentin. Mom wollte das so, und ich will es auch so. Als ich begriffen hatte, wie reich Daddy ist- da war’s schwer. Aber inzwischen…“ Liz zwinkert ihr zu. „Ich sage Esther Bescheid, dass du sie gerne treffen möchtest, wenn ich das nächste Mal mit ihr spreche.“ Mai nickt: „Ich werde meinen Vater bitten, es auszurichten.“ Claire nickt, sie bestätigt nicht. Dann wechselt sie zu anderen Themen über – sie befragt Liz über ihre Leidenschaft für Scotch, die sie mittlerweile bemerkt hat. Mai hört zu und mokiert sich darüber, dass Liz wie ihr Vater klänge, wenn er über Matcha spräche. Fast eine Stunde halten die beiden die Farce durch, denn schützt Liz einen Anruf ihrer Kanzlei vor, obwohl sie nur eine Mitteilung eines Nachrichtenportals bekommen hat. Mai bemerkt es, Claire jedoch nicht. Da es doch ein ganzes Stück bis zur nächsten BART-Station ist, zahlen alle drei ihre Getränke und Liz chauffiert die beiden Studentinnen zur Bahn, bevor sie um eine Ecke herum fährt und die Nummer des Howard-Anwesens auf Oahu wählt.

Nicht nur Marshall Wells und Corey Callaghan stehen an der Pier in den alten Lavahöhlen auf Ni’ihau, als die „Tethys“ sich aus dem dunklen Wasser zu schälen scheint und dann anlegt. Fast die ganze Gruppe sieht zu, wie das Schwesterschiff der „Nereide“ einläuft. Als die Luke vor dem Turm geöffnet wird, kann Corey nicht umhin, die Nase zu rümpfen. Carmen Ochoa Sanchez streckt als erstes ihren Kopf aus der Luke, dann folgen schnell Sally Marsh und Sylvain Chartrand: „Mach‘ die Nase wieder auf, Corey. Als ihr angekommen seid, habt ihr sicher auch nicht viel besser gerochen. Bringt lieber eine Trage.“ Marshall scheint der Geruch nichts auszumachen. Während Carmen und drei weitere sich darum kümmern, den am Kopf verletzten Maschinisten aus dem Boot zu bugsieren, fragt Sylvain leise: „Anna oder Esther?“ Sally ist anzumerken, dass sie nicht sicher ist, ob sie es wissen will. Corey beißt sich auf die Lippen, als Marshall ihn streng ansieht: „Anna ist tot. Esther ist auf der ‚Charlotte‘ und hält die mit Bräunungscreme auf Linie gebrachten Ti- … Entschuldigung, ihre Brüste in die Sonne, für die Kameras. Wen habt ihr an Bord genommen?“ Chartrand beginnt aufzuzählen. Mit jedem genannten Namen hellt sich Marshalls Gesicht ein wenig auf. Dann nickt er: „Wir haben Aufsehen erregt. In den Medien überschlagen sie sich vor Verdächtigungen gegen Russland und China. Die Walfangsaison ist – für alle Nationen, die das Abkommen brechen oder nicht ratifiziert haben – ausgesetzt. Nur die Naturvölker, denen man das als Kulturgut erlaubt hat, fangen noch von den Tieren. Ein Boot und eine Person haben wir verloren. In der Navy hätten wir von einer erfolgreichen Mission unter annehmbaren Verlusten gesprochen.“ Sally schluckt hart, Sylvain kommentiert trocken: „Du siehst weder glücklich noch ‚annehmbar‘ damit aus, Marshall.“ Corey beißt sich auf die Lippen, die strategische Formulierung hat ihn wohl noch mehr gestört als die drei anderen. Sally flüstert: „Wir sind zu forsch vorgegangen. Wir hätten sie nicht manövrierunfähig schießen sollen. Gab es Verluste bei denen?“ Corey explodiert regelrecht: „Ja, verdammt! Drei Mann durch Kopfverletzungen durch den Ruck, vier sind ertrunken. Wahrscheinlich ist auch ein Matrose von der Royal Australian Navy bei der Rettungsaktion draufgegangen. Ihr braucht gar nicht so zu gucken! Ohne Verluste kapieren sie es nicht!“ Am Ende seiner Rede ist seine Stimme schrill geworden. Betroffen mustern die drei anderen den Chemiker und Mitverschwörer. Marshall fasst sich als erster: „Corey, keiner hat dir und deinem Drängen die Schuld gegeben. Nicht einmal Esther, und die hätte wirklich jemanden gebraucht, auf den sie die Schuld abwälzen kann.“ Doch der angeblich bei einem Surfunfall umgekommene, forsche Wissenschaftler versteht eher das, was er in die Gesichter hineininterpretiert als die Worte: „Ihr braucht gar nicht so zu gucken! Wenn wir etwas bewirken wollen, müsst ihr auf mich hören! Wir haben gelernt, dass wir sie lieber ersaufen lassen und uns davon machen! Dann passiert uns wenigstens nichts!“ Bestürzt schauen Sylvain, Sally und Marshall dem Mitverschwörer hinterher, als er sich in Richtung seines Zimmers in den Höhlen davonmacht. Sally erklärt Marshall leise: „Drei Leute von der ‚Aphrodite‘ sagten, dass Esther abwarten wollte, bis Rettung kommt, als der Trawler so schwer getroffen war. Corey wollte sie ertrinken lassen.“ Sylvain schüttelt den Kopf und seufzt: „Annas Freund ist verständlicherweise nicht unbedingt weniger radikal geworden. Wir müssen aufpassen. Corey wird sich nicht so leicht abspeisen lassen.“ Doch der Ex-Marine Marshall Wells schüttelt den Kopf: „Ich kümmere mich darum. Ihr kommt hier mal an, dann schnappt ihr euch einen Haufen Bräunungscreme und überbringt Esther die Nachricht, dass es keine weiteren Verluste außer Anna und dem Boot gegeben hat. Bereitet sie darauf vor, dass es mit Corey und Marc Schwierigkeiten geben könnte, und zeigt euch ein bisschen an der Sonne.“ Carmen Ochoa Sanchez tritt an die drei heran, als Sylvain und Sally gerade in Richtung ihrer Quartiere weiter wollen: „Wir haben ihn stabil. Es ist lange nicht so schlimm, wie wir dachten.“ Erst nach einer kurzen Erklärung begreifen die drei anderen, dass es um den Maschinisten geht, nicht um Corey Callaghan oder Anna Perkins‘ Freund. Erst als Sylvain und Sally außer Hörweite sind, erzählt Carmen Marshall davon, dass der Ex-Fremdenlegionär und die Kosmetikerin inzwischen wohl ein Paar seien. Marshall grinst: „Wenigstens eine gute Sache. Gut gemacht, Carmen. Jetzt müssen wir nur wieder Ruhe reinbringen, dann machen wir weiter. Vorsichtig, hoffentlich.“

Folge 2.6: Heimkehr

Die „Charlotte Howard“ dümpelt südöstlich von Big Island auf den Wellen. Willard Sanders lehnt am Geländer seitlich der Brücke und beobachtet mit dem Fernglas die Küste, wo ein Lavastrom Dampffontänen verursacht, als er ins Wasser läuft. Kapitän Sakamoto behält seine Instrumente aufmerksam im Auge. Beide Männer erwecken den Eindruck, nur das Naturschauspiel zu beobachten, so gut sie es können. Ob sie beobachtet werden und somit diese Fassade bräuchten, ist beiden nicht klar, aber sicher ist sicher. So lässt sich der japanische Seemann auch nichts anmerken, als ein sanfter Ruck durch das Boot geht. Sanders wartet noch eine Minute, dann setzt er das Fernglas ab: „Ich geh‘ mal ein bisschen Sonne tanken, Ichigo-kun. Das Zeug fließt zwar wie Wasser, aber wo es herkommt, ist noch viel mehr. Diese Dampffontänen können wir noch tagelang genießen, wenn wir wollen.“ Mit einem „Hai!“ bestätigt der Kapitän, aber die Spannung ist ihm weiter anzusehen: Dass er trotz einiger Kilometer Distanz zu dem Naturschauspiel etwas nervös ist, ist ihm kaum zu verdenken. Ihm selbst ist es eine willkommene Ausrede, denn nervös ist er, jedoch nicht wegen des Vulkans.

Sanders sieht das schwarze, glänzende Deck des Bootes deutlich unter einer dünnen Schicht Wasser unterhalb des Sonnendecks auf dem Heck der Yacht. Als die Turmluke aufklappt, hält er den Atem an – und sieht in das erschöpfte Gesicht von Marshall Wells. „Mr. Sanders. Schön, ihr Gesicht zu sehen“, konstatiert der ehemalige Marineinfanterist. Jegliche gespielte Coolness fällt von dem sportlichen Autonarren ab, erleichtert kommentiert er: „Eines zurück, zwei auf dem Weg.“ Wells Lächeln gefriert auf dem Gesicht. Er klettert fertig hinauf und schüttelt den Kopf. Doch es ist Esther Goldstein-Howard, das Gesicht grau und die Haare wirr, die etwas dazu sagt, als sie nun auch auf die Yacht gestiegen kommt: „Eines auf dem Weg. ‚Aphrodite‘ ist nicht mehr. Und Anna Perkins auch nicht.“ Wells legt ihr die Hand auf den Oberarm. Wie tausendmal in den letzten acht Tagen erklärt er, inzwischen leise und resigniert, dass es nicht Esthers Schuld sei. Corey Callaghans Augen blitzen, als er, nun ebenfalls hochgeklettert, Wells‘ Blick begegnet. Eine Anschuldigung sieht jedoch nur er darin. Dass seine unbedingte Forderung, auch auf ein Schiff zu schießen, den Druck auf Esther, Marshall und Sylvain so erhöht hat, dass sie das Risiko eingehen mussten, sieht nur er als Grund der Katastrophe – zumindest bislang. Sanders fragt in besorgtem und mitfühlendem Ton: „Aber sonst sind alle…“ Esther schüttelt sich. Es bricht aus ihr hervor wie eine Explosion: „Das wissen wir nicht, Will! Wir hatten keinen Kontakt zur ‚Tethys‘! Wir haben ‚Aphrodite‘ versenkt, aber viel hatten wir dabei nicht mehr zu tun – es musste schnell gehen. Wen Sylvain gerettet oder nicht gerettet hat… Wir wissen es einfach nicht!“ Wells‘ Stimme wird härter: „Du wusstest, worauf du dich einlässt, Esther. Jetzt cremst du dich gut ein, weil du drei Wochen keine Sonne gesehen hast, und dann ziehst du einen Bikini an und posierst als Charles B. Howards lustige Witwe, sobald ihr wieder auf Oahu seid. Wir lecken auf Ni’ihau unsere Wunden und sobald Sylvain wieder da ist, planen wir, wie es weiter geht und was wir für Konsequenzen draus ziehen. Wir sind nicht am Ende. Es war leider die bitterste Art und Weise, aber wir haben etwas gelernt.“ Esther nickt. Sie realisiert erst jetzt, wie anders, wie stark Marshall, Corey und sie selbst riechen. Instinktiv will sie das Shirt abstreifen, lässt es mit Blick auf Corey dann aber doch. Will Sanders interveniert, als Wells und Callaghan schon wieder in das Boot hinuntersteigen wollen: „Eins noch… die Klage gegen des Howard-Testament ist abgeschmettert worden. Charles B. Howard hat verfügt, dass Claire das alte Testament sehen darf, wenn sie fragt – und sie hat gefragt. Danach hat sie es direkt zu Liz Ames getragen und ist dem Rest des Clans in den Rücken gefallen. Außerdem haben sie mit Anschlägen wie unseren die halbe Westküste überzogen… und es wiegt zwar kein Erfolg Verluste auf, aber die Walfänger sind auch in Aufruhr. Man schreibt den Anschlag China oder Russland zu. In der Sache… sorry. Ich weiß, das ändert nichts an dem Verlust.“ Doch Esther lächelt flüchtig: „Anna hätte gewollt, dass wir Erfolg haben. Sie hat mich gerettet. Ich konnte sie nicht retten, aber sie hätte gesagt: Rette nicht mich, rette den Planeten.“ Ganz leise schiebt sie einen Dank hinterher, umarmt Wells und Callaghan, bevor sie sich unter Deck der Yacht begibt. Sanders klopft den beiden Männern auf die Schultern, bevor diese sich in die „Nereide“ zurückziehen und das Boot wieder in die Tiefe verschwinden lassen.

Folge 2.5: Wandlungen

Sylvain Chartrand sitzt auf seiner Koje und starrt vor sich hin. Die „Tethys“ hat fast zweihundert Meter Wasser über dem Turm und läuft in Richtung Norden. Da das Boot eine günstige Schicht erwischt hat, kann der Kommandant sein Boot schnell fahren lassen. Doch die raffinierte Fahrt zwischen zwei schallschluckenden Temperaturschichten, die Aussicht, schneller wieder auf Ni’ihau anzukommen, auch die aufgeflammte Romantik mit Sally Marsh auf der Hinfahrt kann ihn nicht aufmuntern. Die „Aphrodite“ haben sie versenkt, sie haben das havarierte Schiff versenken müssen. Es hat Tote gegeben – auf dem japanischen Walfänger vielleicht, sicher jedoch beim Sinken der „Aphrodite“. Das Bild des Frauenkörpers in schwarzglänzendem Taucheranzug, in die Tiefe gleitend, kurz bevor das U-Boot versenkt wurde, es verfolgt Sylvain in seinem Träumen und jedes Mal, wenn er die Augen schließt. Keine Möglichkeit hat er, herauszufinden, ob Esther oder Anna von Marshall Wells auf die „Nereide“ getragen wurde. Schlimmer noch: Er muss sich im Dienste der Organisation wünschen, dass sie Esther gerettet haben und nicht Anna. Sein fast überfülltes Boot muss auch noch mit einer Koje weniger für sieben Leute mehr auskommen, denn der Maschinist der „Aphrodite“, der mit Esther und Anna die Lecks notdürftig abzudichten versuchte, belegt mit schweren Kopfverletzungen ein Bett und wird, so gut es eben geht, von Carmen Ochoa Sanchez und zwei weiteren Besatzungsmitgliedern mit medizinischen Kenntnissen behandelt. Ob alle Leute von der „Aphrodite“ evakuiert wurden oder weitere Leute mit dem Boot untergingen, kann er auch nicht beantworten, denn von der Implosion des Rumpfes angelockt, steuerte das U-Boot der Royal Australian Navy die Stelle der Versenkung an. „Tethys“ und „Nereide“ flohen auf den vorgezeichneten Fluchtwegen, so schnell es nur irgend ging, ohne Funksignale oder SONAR-Signale auszutauschen. Auf keinen Fall durfte bemerkt werden, dass weitere U-Boote im Spiel gewesen sind. Vielleicht, vielleicht würde man den Angriff auf den Walfänger einem chinesischen U-Boot zuschreiben, da die Animositäten zwischen Japan und China ja durchaus nicht immer offen ausgetragen wurden. Als es am offenen Schott der Kabine klopft, sieht er auf. Sally Marsh steht in der Tür. Ihr Gesicht ist grau und übernächtigt, und doch fragt Sylvain, auch wenn er es eigentlich gar nicht hören will, falls ihr Gesicht eine traurige Gewissheit ausdrückt: „Irgendwas von Marshall und der ‚Nereide‘?“ Doch sie schüttelt den Kopf. Nichts per Funk, nichts per SONAR. Beide U-Boote sind auf völlig verschiedenen Wegen unterwegs zurück nach Hawaii. Doch Sally sieht ihm an, dass er etwas mit sich herumschleppt: „Was ist, Sylvain? Es ist doch nur ein Boot…“ Er schüttelt den Kopf, schluckt hart und fasst sich dann ein Herz: „Nein, Sally. Es ist nicht nur ein Boot. Ich weiß nicht, ob es Anna oder Esther war. Aber Marshall hat nur eine von beiden an Bord genommen. Die andere war bewusstlos, oder tot. Ihre Hände lösten sich, als die beiden gegen den Bug der ‚Aphrodite‘ schlugen. Wir konnten sie nicht retten. Sie sank wie ein Stein. Ich weiß nicht, ob Anna oder Esther. Ich weiß es einfach nicht. Aber eine davon ist tot. Ertrunken und versunken in den Roaring Forties. Hoffentlich versunken, nicht, dass die Collins-Klasse sie noch birgt und… herausbekommt, was gespielt wurde. Unsere Chance ist, dass sie uns für Chinesen gehalten haben, die den Japanern übel mitgespielt haben und alle Beweise vernichtet haben, als sie aufflogen. Die einzige. Ich weiß auch nicht, ob Marshall alle, die nicht bei uns an Bord sind, evakuiert hat. Aber mindestens Anna oder Esther… mindestens die eine davon ist tot.“ Sally rutscht an der metallenen Wand hinunter und setzt sich mit dem Hintern auf den Boden. Sie schlägt die Hand vor den Mund und wird noch grauer im Gesicht, als sie ohnehin schon ist: „Und jetzt?“, fragt sie bestürzt.

Dorothy Howard-Fielding wirkt gelöst – der verkniffene Zug um den Mund, ohne den kaum jemand die Milliardärstochter seit langem gesehen hat, ist nicht da. Ein wenig hängen die Wangen, aber dennoch wirkt sie jünger, fast wie ein anderer Mensch, als sie Collette Williams und Simon Albright im ehemaligen Büro ihres Vaters begrüßt. Die Wandlung nach dem ruhigen Wochenende in Maine ist so bemerkenswert, dass Collette Williams beim Blick in das Gesicht der Chefin zuckt. Diese bemerkt es, lächelt aber nur zufrieden in sich hinein. Anwalt Albright lächelt: „Mrs. Howard-Fielding, guten Morgen. Sind sie gestern schon hergeflogen? Sie sehen sehr frisch aus.“ Dorothy schüttelt den Kopf: „Nein, ich bin um sechs Uhr Eastern Standard in Bangor abgeflogen. Die Gulfstream meines Vaters zu nutzen, ist noch immer ungewohnt. Guten Morgen, Mrs. Williams. Wie steht unser Fall?“ Albright lächelt: „Mrs. Williams und Miss Ames haben großartige Vorarbeit geleistet. Wie sie gewünscht haben, habe ich als Senior-Partner den Fall an mich gezogen. Bob Landsman steht aber weiterhin zu ihrer Verfügung.“ Dorothy lehnt sich zurück und macht eine wegwerfende Geste. Mehr Erwähnung ist ihr Landsman nicht wert. Albright versteht den Wink und erklärt: „Es ist korrekt, dass noch Diskussion über das eigentlich angewandte Vergabeverfahren besteht. Die Richtlinien eines Verfahrens wurden eingehalten, dieses kann hier auch angewendet werden, aber die Dokumente besagen, dass ein anderes angewandt worden wäre. Wir haben also wahlweise massive Verstöße gegen die Vorgaben des Verfahrens, das erklärterweise angewandt wurde – oder einen kleinen Fehler bei der Nennung des festgelegten Verfahrens…“ Dorothy nickt und wirft ein, dass die Navy sich sicher darüber herausreden wolle, dass man aufgrund irgendwelcher Kopien oder dergleichen die falsche Überschrift gewählt habe und aus den restlichen Papieren doch eindeutig hervorgehe, dass lediglich die Überschrift falsch gewesen sei. Williams nickt: „Wir vermuten, dass genau das die Argumentationslinie der Navy sein wird. Wir sind derzeit dabei, die Korrespondenz und den Ausschreibungstext auszuwerten. Wir haben bereits Hinweise gefunden, dass zwei Dienststellen von verschiedenen Verfahren ausgingen und somit verschiedene Teile der Ausschreibung von verschiedenen Arten des Verfahrens ausgehen.“ Anwalt Albright grinst, als Dorothy das Ganze mit dem Jahwisten und dem Elohisten als Quellen der Bücher Mose vergleicht. Für Williams muss sie die Vier-Quellen-Theorie der Bücher Mose erklären, dem Anwalt erzählt sie aber nichts Neues. Dieser ergänzt am Schluss: „Und wir müssen jetzt anhand dessen das Werk diskreditieren, weil es nicht aus einer Feder stammt, statt zu argumentieren, dass der Geist richtig ist und nur manchmal ‚Jahwe‘ für Gott und manchmal ‚Elohim‘ drinsteht.“ Williams lacht und erklärt, zum Glück sei Albright Anwalt und kein Theologe. Mit der Weisung, sie auf dem Laufenden zu halten, beendet Dorothy den Termin, da sie gleich eine Telefonkonferenz mit dem Werk in Seattle hat. Vor der Bürotür lächelt Albright: „Darf ich sie zu einem Kaffee einladen, Collette? So gut die Laune ihrer Chefin war, eine gute Gastgeberin war sie nicht.“ Ohne Zögern nimmt sie das Angebot an.

Folge 2.4: Heimatfront

Tom Arden ist anzusehen, dass er schlecht geschlafen hat. Fast noch deutlicher wird seine Nervosität für Cris Benitez dadurch, dass er bereits im Büro sitzt, als sie um halb acht ankommt. Sie seufzt: „Immer noch nichts Neues?“ Er schüttelt heftig den Kopf. Immer noch herrscht Funkstille von den drei Booten der Organisation. Dann realisiert sie drei Bücher auf seinem Schreibtisch, dazu zwei Aktenordner: „Nick Howards Projekt?“ Wieder bekommt sie nur eine Geste zurück, dieses Mal ein Nicken. Dass er schweigsam und unhöflich ist, sieht sie ihm nach, legt ihre Tasche ab und geht erst einmal Kaffee kochen. Als sie ihm seinen schwarzen Kaffee hinstellt, malt er gerade Reaktionsgleichungen, Strukturformeln und Reaktionskinetik auf sein Whiteboard. Sie lehnt sich gegen seinen Schreibtisch und schaut mit der Cappuccino-Tasse in der Hand zu. Plötzlich bricht es aus Arden hervor: „Herrgottnochmal! Wie ich es auch anstelle, ich komme auf Coreys Formel, aber alle Berichte sagen, die funktioniert nicht. Und wenn ich jetzt nicht mit einer anderen aufwarten kann, die doch funktioniert, was soll ich denn dann Nick Howard sagen, verdammt?“ Cris schluckt heftig, denn er hat sich während seiner Schimpfkanonade herumgedreht und somit schien ein Teil des Vortrags direkt in ihre Richtung zu zielen. Sie schluckt: „Und jetzt? Wie können wir das erklären…?“ Bevor sie detaillierter fragen kann, verzieht er das Gesicht. „Entschuldige, ich bin so in diesem Mist drin, dass ich nicht einmal ‚Guten Morgen‘ gesagt habe. Danke für den Kaffee.“ Sie runzelt die Stirn, will gerade ihr Verständnis zum Ausdruck bringen, dass er unter den gegebenen Umständen so reagiere, da unterbricht eine tiefe, knarzende Stimme die Unterhaltung: „Guten Morgen, Mrs. Benitez, Mr. Arden. Wie viele Tage Überstunden sind inzwischen auf ihrem Konto, Arden?“ Von Cristinas Tasse schwebt eine Milchschaumwolke auf ihre lila Bluse, als sie herumfährt. Beschwichtigend will Nick Howard der Sekretärin die Hand auf den Oberarm legen, lässt es dann aber doch. Dann bittet er höflich um eine Tasse Kaffee. Cappuccino, präzisiert er, als er des Inhalts ihrer Tasse gewahr wird. Anschließend tritt er zu Arden an die Tafel und schaut sich an, was dieser aufgeschrieben hat. Grinsend kommentiert er: „Dasselbe Kauderwelsch, das Charles stets auf irgendwelche Tafeln gekritzelt hat. Chemie ist ein Spiel, dessen Regeln ich nicht verstanden habe. Es lag mir fern zu lauschen, doch sie sagten, sie kämen immer wieder bei den Formeln von Dr. Callaghan heraus. Wie wäre es, wenn wir einfach mal probieren, ob’s nicht an der Formel, sondern an der Ausführung mit den Maschinen lag?“ Cris‘ Hand krampft sich um das Dampfrohr, als sie Milch für Nick Howards Cappuccino aufschäumt, sie unterdrückt mit Mühe einen Aufschrei, als sie das heiße Metall fester anfasst, als sie das eigentlich beabsichtigt hatte. Das ist es! So könnte man klar machen, dass der Navy-Auftrag doch nicht verbockt wurde, nur durch einen Brand aufgehalten! Schließlich sind die Maschinen alle zerstört- zumindest sagt das der Brandbericht. Dass die Geräte in Wirklichkeit in einer Höhle auf Ni’ihau stehen, weiß schließlich niemand. Arden schaltet ebenso schnell, lässt sich aber nichts anmerken: „So ein Unsinn. Mit diesen Maschinen kann man doch nichts falsch machen!“, widerspricht er schnell. Nick Howard wiegt den Kopf hin und her, dann wirft er ein: „Dann dürfte es auch keine verdammten Fumbles im American Football geben, Mr. Arden.“ Cris beherrscht sich mit Mühe, als sie dem Bruder des langjährigen Chefs des Unternehmens die Tasse übergibt. Dann wirft sie ein: „Corey war manchmal ein ganz schöner Hektiker, wenn die Theorie erledigt war, oder?“ Nick Howard lächelt in ihre Richtung: „Gute Sekretärinnen sind manchmal das, was zu weniger emanzipierten Zeiten die Ehefrauen waren. Sie sorgt sich um sie, Arden, sie sehen wirklich übernächtigt aus.“ Arden zuckt die Schultern: „Sie waren recht eindeutig, Chef. Wir müssen das hinbekommen. Sie trauen der Klage ihrer Nichte gegen das Vergabeverfahren wohl nicht sehr weit?“ Nick Howard grinst: „Mein Bruder fuhr immer mehrgleisig. Dass Dorothy das nicht tut, kann ich gut oder schlecht finden, aber ich muss mich ja auch nicht damit abfinden, nicht?“ Arden begreift den Gedankengang nicht und Cris sieht keine Möglichkeit, ihm auf die Sprünge zu helfen. Doch Nick Howard stört das nicht. „Machen sie heute früher Schluss, Arden. Morgen prüfen wir, ob Dr. Callaghan vielleicht besser daran getan hätte, sie seine Formel in die Maschinen eingeben zu lassen.“ Tom blinzelt, dann erwidert er schleppend: „So einfach ist das nicht. Es geht nicht um das Eingeben von Temperatur und Druck und dieser und jener Konzentration einer Chemikalie. Das ist eine Frage von vielen, vielen Parametern.“ Doch der alte Howard macht eine wegwerfende Handbewegung, die eigentlich jeder von seinem Bruder kannte: „Kleinkram. Ich werde es nicht kapieren, selbst wenn sie es mir dreimal erklären. Schätzen sie ab, wie lang es dauert, es richtig zu machen, und sagen sie mir das. Dann schlagen wir 20% drauf und dann machen sie’s. Wenn sie ‚immer wieder‘ auf Callaghans Formel kommen, hilft’s nichts, wenn sie’s noch wochenlang anders versuchen. Dann liegt der Fehler woanders, und das finden wir nur heraus, wenn wir es ausprobieren.“ Cris schmunzelt, als ihr klar wird, dass Tom fast vor Nick Howard salutiert hätte. Der alte Mann nippt an seinem Kaffee und erklärt: „Ich bring‘ ihnen die Tasse später wieder. Sie haben übrigens Milchschaum auf der Bluse, Mrs. Benitez. Entschuldigen sie bitte, dass ich sie erschreckt habe.“ Damit verlässt er das Büro. Tom Arden und Cris Benitez sind noch minutenlang wie erstarrt – erst das Klingeln des Telefons reißt sie aus der Betäubung.

Folge 2.3: Seenot

Auf dem Deck der „Aphrodite“ arbeiten drei Gestalten in engen, schwarzglänzenden Anzügen, so dass sie kaum vom ebenfalls schwarzglänzenden Rumpf des Bootes zu unterscheiden sind. Wellen überspülen das Deck, und so gleicht es einem kombinierten Glücks- und Geschicklichkeitsspiel, mit Hilfe eines speziellen Kunststoffschweißgeräts die Risse in der Hülle flicken zu wollen. Langfristig ist an eine Reparatur ohnehin nicht zu denken, das Boot ist irreparabel beschädigt. Lediglich, um noch etwas länger durchzuhalten, bis hoffentlich „Nereide“ und „Tethys“ zur Rettung eintreffen, unternehmen sie die Versuche, das Boot notdürftig mit speziellem Howard-Industries-Kunststoff abzudichten. „Brecher!“, brüllt der Matrose auf dem Deck, der eigentlich als Maschinist auf dem Boot dient. Dass die Bezeichnung nicht korrekt ist, wird schnell irrelevant, als eine riesige Welle das Heck des U-Boots mächtig anhebt, so dass sich alle drei festzukrallen versuchen, ausgleiten und dann von einer acht Meter hohen Wasserwand mitgerissen werden. Hektisch greifen sie nach den Seilen, als der Schmerz durch den rabiaten Kampf zwischen der mächtigen Woge und den Halteseilen abflaut. Erst dann schauen sie sich um, doch es liegen nur zwei Gestalten verzweifelt auf das Deck gedrückt. Ein Halteseil baumelt frei, es ist das von Esther Goldstein Howard. „Esther“, kreischt die Frau in die Funkmaske des Anzugs, und bekommt und einen wüsten Fluch und ein Wimmern von der Milliardärswitwe zurück. Corey Callaghan fragt panisch: „Was? Was ist? Antwortet, verdammt!“ Doch keiner der drei, die auf dem Deck des Bootes arbeiteten, gibt dem Mann in der Zentrale eine Antwort. Dass auch das Kunststoff-Schweißgerät über Bord gespült wurde, beachten sie nicht, haben es noch nicht einmal gemerkt. Esther stößt nach zehn angestrengten Atemzügen hervor: „Torpedo-Klappe. Daran halte ich mich.“ An ihren Halteseilen kämpfen sich die SONAR-Frau und der Maschinist in ihren Anzügen bis auf den Bug, dann können sie Esther sehen, die jeden Moment abzurutschen droht. Jedes Schlingern, jede Welle macht die Hilfe für Esther etwas unmöglicher, Coreys verzweifelte Anrufe bemerkt keiner der drei. Mit den Saugnäpfen auf den Stiefeln klettert schließlich die Frau am Bug herunter, um das Seil an Esthers Gürtel zu befestigen. Oben auf dem Deck bemüht der Maschinist sich verzweifelt, die Seile so festzuhalten, dass die Rettungsaktion nicht noch schwerer wird. Dann drückt sich die junge Frau fest an Esther, greift an ihren Gürtel und versucht, den Karabiner auch an den Gürtel der Chefin zu haken… doch in diesem Moment wird das Heck des Bootes von einer weiteren Welle angehoben. Krampfhaft umschlingen Esther und die Frau sich, um nicht weggespült zu werden. Für einen Augenblick scheint es, als habe sich der Karabiner von beider Gürtel gelöst, doch dann werden sie heftig zurückgerissen und schlagen hart gegen die Rundung des Bugs. Noch fester umklammern sich die beiden Frauen, während der Maschinist panisch und unartikuliert in den Funk brüllt. Für Callaghan scheinen es Stunden zu sein, doch es dauert nur etwa eine halbe Minute, bis er sich beruhigt. „Esther und Anna hängen am Seil vor dem Bug. Sie kommen nicht hoch. Der Schweißer ist weg. Scheiße!“

„Funkkontakt“, meldet Carmen Ochoa Sanchez in Brüll-Lautstärke. Sally fügt an: „Zweitausend Meter, vielleicht dreitausend. Es ist ‚Aphrodite‘. Bis jetzt keine Kontakte innerhalb vierzig Kilometern.“ Chartrand reagiert quasi ohne Zeitverzögerung. Er befiehlt, den Antrieb mit halber Kraft zurücklaufen zu lassen und aufzutauchen. Sanchez berichtet, was sie im Funkverkehr gehört hat, dann fragt sie bei Callaghan nach dem Status der „Aphrodite“. Endlose Sekunden vergehen, in denen alle auf dem Boot sich die furchtbarsten Szenarien überlegen, was auf der „Aphrodite“ passiert sein könnte. Doch dann hören sie Callaghans stockende Stimme: „Ich- ich wollte gerade einen allgemeinen Notruf senden. Das Boot… es ist kaputt. Irreparabel. Wir müssen es versenken. Esther und die anderen sind draußen. Sie wollten zumindest mit Kunststoff die Lecks flicken. Jetzt hängen Esther und Anna am Seil. Ihr müsst uns helfen! Schnell!“ Das Flehen Callaghans wird immer verzweifelter, während Chartrand das Boot neben der „Aphrodite“ längsseits bringt und seine Leute anleinen lässt. Die Evakuierung der Besatzung in das andere Boot läuft an, während sich Carmen und Sylvain selbst auf das vordere Deck des havarierten Bootes tasten. Zuerst finden sie den starr am Seil hängenden, leblosen Maschinisten. Hektisch befiehlt Chartrand, den Mann an seiner Halteleine zurück zum Turm zu ziehen und an Bord der „Tethys“ zu nehmen. Die „Nereide“ taucht derweil auf der anderen Seite des havarierten Schwesterboots auf. Kurzentschlossen befiehlt Wells, den Rest der Besatzung der „Aphrodite“ auf sein Boot zu evakuieren. Er selbst leint sich an, um Sylvain und Carmen zu helfen. Als sie an dem Seil ziehen, tut sich zunächst nichts. Dann geht es plötzlich ganz leicht, das Seil einzuholen. Marshall und Sylvain stoßen zugleich Flüche hervor, sie fürchten, beide verloren zu haben- doch Carmen kreischt auf. Zwei Körper hängen am Seil, eng umschlungen. Fast werden sie alle von einer neuen Monsterwelle weggespült, dann ist ein häßliches Knirschen im Funk zu hören. Wie in Zeitlupe lösen sich die umeinander gekrampften Arme – eine der beiden Frauen hält sich noch etwas länger fest. „Sie sind am Seil“, brüllt Carmen triumphierend in den Funk, doch dann gleitet einer der beiden Körper über die Rundung des Bugs davon, wie ein nasser Sack, plötzlich sehr schnell. Rasch, nun wie im Zeitraffer versinkt, ja stürzt der in schwarzglänzendem Howard-Industries-Superrubber gekleidete Frauenkörper in die Tiefe des aufgewühlten Meeres. Wie erstarrt sind die anderen, für endlos wirkende Sekundenbruchteile. Dann reißen sie heftig am Seil und zerren die andere Frau hinauf. Wells schleppt den Körper auf seinen Rücken geworfen zur „Nereide“, während Ochoa Sanchez zurück zur „Tethys“ hetzt. Nur Sylvain Chartrand verbleibt noch auf dem Wrack der „Aphrodite“, kämpft sich zum Turmluk und will hinein steigen. Da ist plötzlich Sallys Stimme im Funk: „Corey hat die Ventile aufgedreht. Komm zurück, Sylvain, schnell! Eh sie uns mit runterreißt!“ Der Franzose polynesischer Abkunft zieht etwas vom Gürtel, reißt einen Splint heraus und lässt die Granate in das Turmluk fallen. Dann springt er an Bord seines Bootes und schlägt die Luke hinter sich zu. „Weg hier, so schnell es geht! Das gilt auch für ‚Nereide‘! Allons-y!“

Marc Bannister runzelt die Stirn, als eine Mappe auf seinem Tisch landet. Die Notizen auf der Mappe legen nahe, dass der Inhalt hochsensibel sei, außerdem haben mehrere Analysten, deren Zeichen er nicht richtig deuten kann, das Material begutachtet. „Satellitenbilder… hmm…“, brummelt der CIA-Agent. Er erkennt die Wärmesignaturen zweier U-Boote und mehrerer Schiffe. Der Satellit stand schon recht tief über dem Horizont, als die Aufnahmen gemacht wurden. Dann liest er den Begleittext und schluckt: ein havariertes Walfangschiff mit beschädigtem Antrieb, zwei Schiffe und ein U-Boot der Royal Australian Navy. Bannister runzelt die Stirn, da über das zweite U-Boot keine Angaben notiert sind. Nur ein Post-It klebt auf dem Hochglanz-Ausdruck: „Vermutlich dieselelektrisches Boot, Volksrepublik China.“ Bannister verwirft einen Gedanken, der in seinem Kopf aufflammte, gleich wieder. Ein nie gebauter U-Boot-Prototyp aus Kalifornien, der sich im südlichen Indik herumtreibt, erscheint ihm sehr abwegig, auch wenn er verinnerlicht hat, dass berufstypische Paranoia nicht bedeuten muss, dass die paranoiden Gedanken falsch seien. Oder vielleicht doch nicht? Der CIA-Analyst zögert, dann beschließt er, seine Bewertung des Bildes noch einen Moment sacken zu lassen, bevor er es abzeichnet und weitergibt. Besteht doch die vage Möglichkeit, dass Corey Callaghans gefälschte Mitteilungen an Esther Goldstein-Howard und Thomas Arden nur eine weitere Schicht der Täuschung verbergen sollten? Doch wer könnte ein Interesse haben, den tatsächlichen Bau solcher U-Boote zu verschleiern und dem Hersteller solche Probleme mit der Navy einzubrocken, wenn die technischen Probleme eigentlich gelöst waren? Seufzend legt er sich die Akte auf Wiedervorlage am nächsten Morgen und nimmt sein Telefon in die Hand: „Jack? Ich würde jetzt Mittagessen gehen. Ich glaube, ich bin völlig paranoid. Ja, der Howard-Fall lässt mich Gespenster sehen.“ Der Kollege am anderen Ende will nicht wissen, was für Geister Bannister zu sehen glaubt, er bestätigt nur die Verabredung zum Mittagessen und kommentiert vor dem Auflegen: „Wir sind doch alle paranoid hier, Marc. Ich habe genug eigene Paranoia, ich brauche deine nicht auch noch. Bis gleich in der Kantine!“

Folge 2.2: Trinkgesellschaften

„Hast du was aus der Antarktis gehört“, fragt Cris Benitez, als endlich der Kellner weg ist. Liz Ames schüttelt den Kopf, Tom Arden ebenso. „Ganz allmählich bereitet mir das Ganze Sorgen“, bekennt die Anwältin. Auch sie beschäftigt nicht nur der Gedanke an das Ende des Projekts und die Gefahr für die Freunde auf den U-Booten, sondern auch die Frage, ob sie ihre Komplizen auf dem Festland nennen werden, wenn es zum Äußersten kommen sollte. Sie vermutet, dass Tom und Cris ihre Gedanken an ihrem Gesicht ablesen können müssen, aber beide beschäftigt derselbe Gedanke, sie lassen es sich aber fast ebensowenig anmerken wie die Anwältin mit ihrem Pokerface. Gerade will Liz etwas sagen, da schüttelt Tom vehement den Kopf. Irritiert bricht Liz ab, dann realisiert sie, dass Mai Sakamoto in die Tischnische tritt. Halbwegs beruhigt will Liz nun doch sagen, dass sie auf Hawaii anrufen möchte, da unterbricht sie sich abermals, denn Mai ist nicht allein – Claire Howard gesellt sich dazu, und Mai fragt, ob sie sich dazusetzen dürften. „Klar“, erwidert Liz offen, auch wenn sie eigentlich lieber unter Eingeweihten der Verschwörung geblieben wäre. Claire setzt sich und stellt sich vor: „Claire Howard – also das bin ich.“ Cristina übernimmt die Initiative und erklärt offen, dass Tom und sie bei Howard Industries arbeiteten, dann hebt sie ihren Mai Tai und prostet Claire zu: „Freut mich, sie kennenzulernen, Miss Howard.“ Doch Claire schüttelt den Kopf: „Ich bin Claire, von Chef-Ambitionen bei Vaters Firma bin ich weit entfernt. Eigentlich wollte ich auch gar nicht gegen das Testament klagen, ich habe eigentlich sogar… naja, das Ganze sabotiert.“ Cris lächelt, lehnt sich zurück und erwidert trocken, dass Liz davon erzählt habe. Die Art, wie das Testament nun wirklich abgefasst gewesen sei, klinge sehr nach Charles B. Howard. Liz beginnt, ihren Gedanken nachzuhängen, als Claire und Cris zunehmend das Gespräch alleine bestreiten. Tom bemerkt zwar, dass Mai wissen möchte, ob es Neuigkeiten von den drei U-Booten gäbe, aber da Claire dabei ist und zudem ohnehin keiner von ihnen etwas weiß, reagiert er nicht auf die Blicke der jungen Japanerin. Schließlich fragt er höflich, wie es um Mais Studium auf dem Konservatorium stehe, und sie berichtet vor allem Belangloses, während Cris nun bei der Frage angelangt ist, was Claire denn beruflich mache. „Ich studiere Medizin“, erläutert die Milliardärstochter, und das bringt Fragen von allen am Tisch auf. So findet Mai die Gelegenheit, die in Gedanken versunkene Liz kurz anzusprechen: „Und, was Neues aus…?“ Liz schüttelt den Kopf und fragt: „Was sagt denn dein Vater?“ Mai schüttelt nun selbst den Kopf: „Er weiß nichts. Ob die ganze Entscheidung Konsequenzen für das Howard-Anwesen auf Hawaii hat, ist ihm genauso unklar wie mir.“ Liz lächelt gequält. Die Ungewissheit macht ihnen allen Sorgen, aber in der Öffentlichkeit über die Sorge zu sprechen, dass etwas von Esthers großer Aktion schiefgegangen sein könnte, wäre auch ohne Claires Anwesenheit nicht möglich gewesen. Claire bringt nun ein anderes Thema auf: „Sagt mal, was haltet ihr eigentlich von all den Anschlägen von Ökoterroristen überall in der Bay Area? Ich finde das echt krass, aber es ist wichtig, dass endlich mal jemand etwas tut!“ Tom Arden beginnt, die hochspezialisierte Kunststoffproduktion von Howard Industries und die Wiederverwertungs-Einrichtungen des Konzerns zu verteidigen, um seine vehemente Geißelung der Aktion mit Schleppnetz und aus dem Meer gefischtem Kunststoff vor dem Haupteingang der Konzernzentrale von Howard Industries zu verteidigen. Liz übernimmt und referiert darüber, dass das leuchtende Graffiti auf den Schiffen in der Bay eventuell sogar strafrechtliche Relevanz habe, von den Angriffen mit Abwasser, das gegen die Fassaden von Firmen gespritzt wurde, sowie dem Sprengen von Dämmen an den Salzgewinnungen im Süden der Bay ganz zu schweigen. Mai kommentiert: „Eigentlich ist es gut, dass mal jemand was tut. Aber es ist schon sehr schwierig, die richtige Balance zu finden, was man tun kann und sollte. Ich frage mich, was aus den Seeleuten auf den Tankern geworden ist, die mit verklappten Fäkalien und öligem Abwasser bespritzt wurden. Das klingt irgendwie genau so, wie diese Angriffe, die jetzt in der Bay stattfinden.“ Liz zuckt die Schultern: „Muss keine Verbindung haben. Das können genauso Trittbrettfahrer sein. Aber ich bin eh keine Strafrechtlerin, der einzige Strafverteidiger bei uns in der Kanzlei ist Martin Whitman. Wenn er mir von Polizeiarbeit erzählt, bin ich verdammt froh, dass ich Gesellschafts-, Wirtschafts- und Erbrecht mache. Aber ist schon richtig, irgendwie müssen die Leute drauf gestoßen werden, dass wir etwas tun müssen. Aber das Gesetz ist das Gesetz…“ Dies Diskussion wogt hin und her, Claire schwingt sich in zunehmendem Maße zu Sympathie für die Terroristen auf, während vor allem Liz und Mai relativieren. Cris und Tom werfen in die Debatte, dass schließlich ihre Kinder auch noch Strände aus Sand und nicht aus Kunststoffmüll und Öl erleben sollten, aber eben auch keine verrohte Gesellschaft. Claire jedoch wischt das letztere Argument immer wieder mit dem Verweis auf die rabiaten Methoden der Verschmutzer weg, schließlich nutzten die Verteidiger des Planeten nun nur die Methoden, die auch auf der anderen Seite verbreitet seien.

Auf der anderen Seite von San Francisco sitzen Bob Landsman und Charles Howard junior in einer Sitzgruppe aus schweren Sesseln, die mit einer Balustrade aus dunklem Holz eingefasst sind. Auf dem Tisch vor ihnen stehen Drinks – Bourbon mit Eis und Budweiser vor Landsman, Scotch und Guinness vor Charles. Eine Asiatin in schwarzer Spitzenwäsche tanzt vor den beiden an der Stange, Tisch und Tanzfläche sind eine einzige große Platte. Dass Landsman sich trotz seiner jüngst geschehenen Beförderung zum Partner in der Kanzlei den exklusiven Club nicht leisten könnte, tut seinem breitbeinig-selbstbewussten Ego, das aus jeder Pore seiner Haltung spricht, keinen Abbruch. Er hat die Krawatte gelockert, während Charles junior sogar das Jackett angelassen hat. „Wieder eine Sache, in der Ames knapp die Nase vorn hatte“, merkt Charles nicht ohne ätzende Gehässigkeit an. Dass er weglässt, dass Liz Ames sogar als Senior-Partnerin geführt wird, während Landsman sich mit einer Namensnennung unter den „weiteren Partnern“ begnügen muss, lässt die Spitze noch tiefer in Robert Landsmans Nervenkostüm bohren. Doch er macht gute Miene zum bösen Spiel: „Wenn ich mit ihr fertig bin, tanzt sie auf dem Tisch für mich, Senior-Partnerin oder nicht.“ Charles unterdrückt ein sarkastisches Auflachen, schließlich braucht er Landsman noch. Dorothys Angriff auf die Formfehler des Vertrags im Navy-Projekt von Howard Industries halten beide Männer für lange nicht so aussichtsreich wie Dorothy selbst, und wenn sie scheitert, gedenkt Charles die geschwächte Position seiner älteren Schwester zu nutzen. Landsman verschweigt, dass er selbst seine Zweifel daran hat, ob Charles‘ Format genügt, den Chefsessel von Howard Industries zu füllen, doch wenn es ihm reicht, um Karriere zu machen und Liz Ames zu demütigen, darf der Konzern der Howards von ihm aus gerne zum Teufel gehen. Grinsend richtet er sich auf, zieht einen Schein aus seiner Brieftasche und schiebt ihn unter das Haftband der halterlosen Strümpfe der Stripperin, um ihr dann grinsend das kalte Bourbon-Glas gegen den Schenkel zu drücken. Doch die Frau reagiert nicht – zumindest nicht sichtbar. In Gedanken begleiten unflätige Titulierungen für die beiden Herren das unterdrückte Zucken über die Gemeinheit des Anwalts. Aber sie beherrscht sich nicht nur, weil es ein einträglicher Job ist. Charles zuckt die Schultern: „Lass den Unfug, Bob. Schau zu und genieße. Wenn man hier mal rausgeflogen ist, reicht auch das Geld meines verstorbenen Vaters nicht, um sich hier wieder reinzukaufen – und ein Zehntel des Vermögens reicht schon gar nicht.“ Trocken erwidert Landsman, dass er dann warten müsse, bis er im Chefsessel von Howard Industries sitze, dann könne er das Etablissement kaufen und als Chef könne er tun, was er wolle. Mit dem Scotch in der Hand lässt Charles sich erläutern, wie Landsman die Chancen für Dorothys Vorstoß sehe, und dieser zeichnet die Aussichten in recht düsteren Farben. Der Howard-Erbe selbst hört nur mit einem Ohr zu. Dass Landsmans ruppiges Verhalten ihn daran erinnert, was sein Vater ihm über Respekt und Anständigkeit beizubringen versuchte, beschäftigt ihn ebenso wie die Frage, wieso Claire Howard Dorothy und ihn vor Gericht mit der Offenbarung des ursprünglichen Testaments seines Vaters an Liz Ames verraten hat. Im Gegensatz zu Dorothy ist ihm partout nicht klar, was zwischen Claire und den anderen Howards schief gelaufen sein könnte. Schließlich ist Claire Nutznießerin der Erbschaft, außerdem hat Esther Goldstein-Howard Claires Mutter im Bett von Charles B. Howard ersetzt. Landsman endet mit der Bemerkung, das Ausschreibungsverfahren habe aus seiner Sicht eigentlich keine Formfehler gehabt, denn eigentlich sei ein anderes Ausschreibungsverfahren verwendet worden als das, auf das Dorothy sich bezieht. Nach diesem hätte alles seine Richtigkeit gehabt. „Kannst du gegen deine eigene Kanzlei agieren, Bob“, will Charles junior wissen. Dieser lacht auf und betont, das solle nicht Charles‘ Sorge sein.