Folge 1.40: Am Ende

Die Sonne steigt langsam über die Linie, an der sich Ozean und Himmel berühren. Es ist ein klarer Tag auf Hawaii, und die Sicht vom Howard-Anwesen im Osten von Oahu ist klar und frei. Die „Charlotte Howard“ dümpelt vor dem Strand vor Anker, Willard Sanders macht gerade Pause vom Joggen, da er Kapitän Ichigo Sakamoto am Geländer über dem Steilufer lehnen hat sehen. Der Japaner lächelt: „Sie halten sich in Form, Willard-kun. Für die Mädchen?“ Sanders lacht: „Die interessantesten Frauen nehmen mich weder wegen der Autos noch wegen der Muskeln oder der Ausdauer wahr.“ Sakamoto lächelt und tippt im Stillen auf Sally Marsh und Esther Goldstein-Howard. Dann kommt ihm in den Sinn, dass seine Tochter Mai sich gerne der Gruppe anschließen möchte und damit wohl auch einen Teil ihrer Zeit in Sichtweite von Sanders verbringen wird. Nach einem kurzen, reflexhaft finsteren Blick stellt er sich die Frage, ob Sanders ihn als Freund seiner Tochter stören würde, kann es aber nicht beantworten. Besser als Corey Callaghan wäre Sanders allemal, bodenständiger und weniger radikal. Sanders hat trotz Sakamotos Schweigen kein Problem, das Gespräch allein am Laufen zu halten: „John meint, es habe wohl einen Unfall eines japanischen Walfangschiffes irgendwo südlich von Australien oder Neuseeland gegeben. Er hört wieder irgendwelche Marine-Kanäle ab, vermutlich hat er irgendwo einen Freund bei der Royal Australian Navy. Manchmal ist es erschreckend, wie viel ‚Higgins‘ in ihm steckt.“ Der Japaner runzelt die Stirn. Dann fragt er vorsichtig: „Denken sie, es gibt Probleme dort?“ Sanders wiegt den Kopf hin und her, dann erwidert er, man werde es wohl erst erfahren, wenn die Boote zurückkehrten. Dann läuft er weiter. Als er ins Haupthaus kommt und zum Duschen in den Flügel der Angestellten geht, nimmt Hiller gerade die Post entgegen: „Ein Einschreiben für das Howard-Anwesen, annehmbar von Mr. John Hiller, Mr. Willard Sanders oder Mrs. Esther Goldstein-Howard. Da war aber jemand gründlich!“ Der Bote zuckt die Schultern. „Sie sind Mr. Hiller, das genügt mir.“ Trocken erwidert Hiller, ihm genüge es auch, Mr. Hiller zu sein. Dann besieht er sich den Umschlag und wiegt den Kopf hin und her. Er brütet noch immer darüber, als Sanders vom Duschen zurückkehrt. „Mach schon auf, John. Es ist ‚für das Howard-Anwesen‘. Wenn es für Esther persönlich wäre, stände das drauf, nicht wahr?“ Dass er das eigentlich für Hiller typische, britische Question-Tag verwendet, nimmt Hiller gar nicht wahr. Er nickt und öffnet den großen Umschlag – um mit sorgsam verhehlter Enttäuschung festzustellen, dass noch ein Umschlag drin ist. Auf dem steht: „Esther Goldstein-Howard. Persönlich.“ Sanders versteckt seine Enttäuschung unter einem ironischen Lachen und tritt in Shorts und Polohemd auf die Terrasse, wo Sakamoto gerade Zeitung liest. Hiller folgt den beiden etwas später mit dem Frühstück – Eier mit Speck, Toast, aber auch Baked Beans serviert er. Nervös sind alle drei, da sie nicht wissen, was im eisigen Süden des Pazifik und Indik gerade mit den drei U-Booten geschieht, aber das deftige Frühstück hilft zumindest zeitweise, die Sorgen zu überdecken.

Colette Williams lehnt sich in dem bequemen Sitz zurück und sieht hinüber zu Liz Ames: „Danke für’s Mitnehmen. Mit wem kreuzen sie die Klingen?“ Liz grinst: „Vermutlich abermals mit der Chefin. Für die habe ich aber eine Überraschung… wertet vielleicht ihre Position auf, Colette.“ Williams runzelt die Stirn und stellt dann ihre Frage: „Es schwebt eine Ankündigung auf ein Verfahren wegen Geschäftsschädigung gegen Esther Goldstein-Howard und Tom Arden im Raum, dazu steht in Frage, ob die Klage gegen das Howard-Testament zugelassen wird. Sonst noch was?“ Liz lacht: „Ob’s zu der Geschäftsschädigungs-Geschichte überhaupt kommt, keine Ahnung. Die Sache mit dem Testament ist ein Zombie – läuft noch, ist aber bereits tot. Die Gegenseite weiß es nur noch nicht. Ich verfolge auch mit Interesse, aber als Unbeteiligte die Anzeige gegen Unbekannt wegen des Brandes in Halle E17. Wenn nochwas kommt, trifft es mich ahnungslos.“ Die Justiziarin von Howard Industries lacht: „Da sind meine drei Anträge auf einstweilige Verfügungen ja todlangweilig.“ Liz kichert und erklärt, es sei überhaupt nicht langweilig, dass sie zu zweit heute das gesamte Bezirksgericht des Alameda County beschäftigen würden. Als sie ihren Wagen vor dem Gerichtsgebäude parkt, stutzt sie kurz: „Hmm… der Wagen kommt mir bekannt vor. Kennzeichen aus D.C., aber keine offiziellen Markierungen. Jetzt bin ich doch etwas gespannt.“ Doch Williams hat keine Zeit, ihren Gedanken zu folgen. Sie eilt kurz nach dem Portal eine Treppe hinauf, um die erste Antragsanhörung nicht zu verpassen. Liz schlendert in Richtung eines anderen Saals und stutzt abermals: FBI-Agentin Cynthia Crown und CIA-Agent Marc Bannister stehen bei Kaffee aus Styroporbechern an einem Stehtisch zusammen. Beide kennt sie flüchtig, da sie teils die Untersuchung zum Brand der Halle begeleitet hat. Sie beschließt, einen Kaffee zu brauchen und tritt an den Automaten. Bannister sieht sie: „Oh, Miss Ames! Guten Morgen.“ Als Liz mit ihrem Kaffee bei den beiden steht, fragt Bannister: „Was führt sie heute hierher, Miss Ames?“ Liz grinst: „Irgendwie alles. Wenn ich sehe, dass sie beide hier sind, hab‘ ich vermutlich sogar noch eine Verhandlung, bei der ich gerne zusehen würde, wenn sie öffentlich ist.“ Crown zuckt die Schultern. Sie verhehlt nur schlecht, dass sie Liz Ames nicht leiden kann, und ihre Antipathie wird von Bannisters Interesse für Liz‘ Ausschnitt nicht gelindert. Dennoch wirft sie ein: „Die Sache ist durch. Vermutlich muss sich Howard Industries irgendeinen anderen Schuldigen für die Inkompetenz in dem Projekt suchen, statt einen nicht existierenden Brandstifter.“ Liz zuckt die Schultern: „Ich vertrete Mrs. Goldstein-Howard und Mr. Arden. Ich hoffe nicht, dass Mrs. Howard-Fielding es darauf ankommen lässt, dass wir das Andenken von Dr. Callaghan besudeln. Es ändert ja eh nichts.“ Bannister zuckt die Schultern: „Ich habe da was ganz anderes gehört…“ Liz horcht auf, aber Bannister winkt ab: „Werden sie schon noch sehen. Ich glaube nicht, dass das ihr Kampf wird, Liz.“ Die Anwältin grinst: „Ich kämpfe in vielen Arenen. Nun muss ich aber los. Ich vermute, man sieht sich!“ Damit eilt sie davon. Crown mustert Bannister irritiert, doch sie sagt nichts dazu.

Nicolas Howard betritt die Firma seines älteren Bruders mit einem mulmigen Gefühl. Seit vielen Jahren hat er sich anderen Dingen gewidmet, und nun ist er doch wieder hier in Oakland. Am Empfang wird er gleich zur Chefetage gewiesen, aber er fragt sich erstmal zu Thomas Arden durch – schließlich seien weder Dorothy und Charles Junior noch Esther Goldstein-Howard anwesend. Er nickt Cris Benitez zu und drückt Arden dann kräftig die Hand. Schließlich fragt er: „Mr. Arden – die Firma hat ein Problem. Sie haben gerade in einer kritischen Situation schnell und beherzt eingegriffen, daher komme ich zu ihnen, außerdem wissen sie schon Bescheid.“ Er wirft einen Blick zu Cris Benitez, aber Arden schüttelt den Kopf: „Cris ist auf Zuverlässigkeit überprüft. Es geht um das Navy-Projekt, richtig?“ Nick Howard nickt und lächelt gequält: „Das gibt eine wirklich saftige Schadensersatzklage durch den den Bund, wenn wir nicht nachweisen können, dass sie – das WIR schon weiter waren, als es erscheint. Das FBI sagt, es war ein Unfall, dass die Halle brannte. Sie haben nichts gefunden, was auf einen weiten Fortschritt des Projekts hindeutet. Einen Unfall kann die Navy uns nicht ankreiden, wohl aber Lügen über den Projektfortschritt.“ Arden wird blass und stößt hervor: „Und da kommen sie zu MIR, Mr. Howard? Ich gehörte zu dem Projekt. Ich bin befangen. Außerdem haben wir dokumentiert…“ Nick Howard winkt ab. Er wisse, dass Dr. Callaghan ihn und Esther über den Fortschritt des Projekts getäuscht habe. Aber was wäre, wenn die Täuschung nicht so weitgehend gewesen wäre? Arden flüstert: „Dann müssten wir zeigen, dass wir doch solche Beschichtungen bauen und auf U-Booten auftragen können, Mr. Howard.“ Nick erklärt, dass er genau diesen Nachweis von Arden haben wolle. Zur Not solle er die Entwicklungsarbeit nachholen und sie Callaghan zuschreiben. Als Nick Howard in Richtung Chefetage weitergeht, sehen Cris und Tom sich an: „Mann, das ist ein dicker Hund“, stößt Cris hervor. Tom seufzt und gibt ihr völlig recht.

Als Dorothy Howard-Fielding in den Gerichtssaal im Bezirksgericht von Alameda County kommt, sitzt Liz Ames bereits an ihrem Platz. Die älteste Tochter Charles Benjamin Howards sieht etwas zerzaust aus, da sie gerade vom Flughafen kommt. Dann realisiert sie, dass Claire Howard bereits da ist – als einzige der fünf Erben, von Dorothy abgesehen. Dorothy eilt nach vorne, lässt sich neben Claire in den Sitz fallen und flucht: „Verdammte Verspätung. Haben sie schon angefangen?“ Claire schafft es nicht, ihr schlechtes Gewissen zu verbergen. Sie zögert nur kurz, dann flüstert sie: „Ich fürchte, ich habe… euch sabotiert.“ Dorothy runzelt die Stirn, doch die Richterin gibt ihr keine Zeit für eine Rückfrage: „Wir BEGINNEN nun. Dem Gericht wurden neue Informationen zugänglich gemacht, die die Sache in einem neuen Licht erscheinen lassen. Miss Ames?“ Liz richtet sich auf, sie sieht entschuldigend hinüber zu Claire und Dorothy. Dann tritt sie drei Schritte vor: „Aufgrund neuer Informationen beantrage ich, die Klage gegen das Testament von Charles Benjamin Howard nicht zuzulassen. Uns wurde, aufgrund einer Verfügung von Mr. Charles Benjamin Howard selbst, durch Mr. Aldred die vorherige Version des Testaments zugänglich gemacht…“ Sie spricht fast zehn Minuten, in denen Landsman dreimal zu unterbrechen versucht. Die Richterin wiegelt ihn beim dritten Mal ab: „Mr. Landsman! Neben ihrem Platz liegt eine Mappe mit den neuen Dokumenten, und zwar seit sie hier im Saal sitzen.“ Landsman biegt sich wie unter einem Schlag. Er starrt auf die Mappe, die ihm bisher nicht aufgefallen ist. Dorothy blinzelt heftig und sieht fragend zu Claire, die unter ihrem Blick den Kopf einzieht. Die Richterin schüttelt den Kopf: „Miss Ames, kommen sie wohl bitte endlich zur Sache!“ Liz nickt: „Sehr wohl. Nun: Mr. Charles Benjamin Howard fasste nach seiner Scheidung ein neues Testament ab. Mr. Landsman und seine Kollegen haben seit Beginn dieser Verhandlung unterstellt, dass das verlesene, vor anderthalb Jahren abgefasste neue Testament von Mr. Howard zuungunsten der Howard-Familie ausfiel. Mr. Howard hinterließ allerdings eine Verfügung, dass dieses Testament einer Person ausgehändigt werden solle, wenn diese frage. Sie fragte und händigte uns eine von Mr. Aldred beglaubigte Kopie des vorheringen Testaments aus.“ Dann beginnt sie vorzulesen. Dorothys Gesicht wechselt von irritiert zu wütendrot und dann zu aschfahl. Landsman steht der Mund offen. Liz legt die Kopie zur Seite: „Und da die Anteile von Mr. Nicolas Howard, Mrs. Dorothy Howard-Fielding, Mr. Charles Benjamin Howard Junior und Miss Claire Howard exakt Null gewesen wäre, bevor Mr. Charles Benjamin Howard sein Testament unter anderem zugunsten von Mrs. Esther Goldstein-Howard änderte, beantrage ich, die Anfechtung abzuweisen. Dies soll auch die Ansprüche der Howard-Familie schützen, die bei einem Rollback auf die vorherige Version gänzlich leer ausginge. Vielen Dank!“ Als sie sich setzt, fragt die Richterin: „Möchten sie die Anfechtung zurückziehen, Mrs. Howard-Fielding?“ Dorothy konsultiert Landsman gar nicht erst. Sie nickt: „Ja. Wir haben keinen Fall.“ Die Richterin schlägt ihren Hammer auf den Tisch: „Dieses Gericht wird sich nicht mit der Anfechtung des Testaments von Mr. Charles Benjamin Howard befassen. Die Kosten des Verfahrens tragen Mr. Nicolas Howard, Mrs. Dorothy Howard-Fielding, Mr. Charles Benjamin Howard Junior und Miss Claire Howard. Das Verfahren ist hiermit geschlossen.“ Als Dorothy Claire zu Bob Landsman zieht, folgt diese nur widerstrebend. „Wer, Landsman? WER hat Liz Ames dieses verdammte Testament organisiert?“ Landsman schluckt betreten – so sehr ihn die krachende Niederlage schmerzt, die er eben erlitten hat, so deutlich steht ihm vor Augen, wie Dorothy auf das reagieren wird, was er eben in der Mappe gelesen hat. Doch Claire kommt ihm zuvor: „Ich war’s, Dorothy. Ich habe erfahren, dass mein leiblicher Vater das vorherige Testament zu meiner Einsicht bei Mr. Aldred hinterlegen ließ. Zu NUR meiner Einsicht. Ich fand, unter diesen Umständen…“ Dorothy blinzelt, ihre Hand zuckt, aber sie gibt Claire keine Ohrfeige. Nicht vor Gericht, unter den Augen der Presse. „Du hättest zu uns kommen können.“ Claire nickt und bekennt, nicht daran gedacht zu haben. Dass sie befürchtet hatte, Dorothy und Charles Junior hätten das Ganze einfach totschweigen können, sagt sie nicht. Dorothy schüttelt den Kopf, dann flüstert sie: „Geh‘. Geh‘ einfach. Charles hat dich dazu überredet. Ich weiß, dass du nicht hinter der Sache standest. Aber das – geh‘ einfach, Claire, und lass dich bei den Howards NIE mehr sehen.“

Colette Williams und Liz Ames stehen etwas später in der letzten Reihe eines anderen Saales. Drei einstweilige Verfügungen hat Williams mit Hilfe von Liz‘ Vorarbeit beantragt, drei hat sie bekommen. Die Presse darf diverse Spekulationen über Howard Industries nicht mehr verbreiten, da sie nicht erwiesenen Tatsachen entsprechen. Dorothy Howard-Fielding hat die beiden gelobt, auch wenn ihr das bei Ames merklich schwer fiel. Nun steht Bob Landsman im kleinen Saal und verkündet, nach einiger Vorrede: „…und aufgrund der genannten Verfahrensfehler in der Ausschreibung sehen wir es als erwiesen an, dass der Vertrag zwischen Howard Industries Ltd., vertreten durch Geschäftsführerin und Teilhaberin Dorothy Howard-Fielding und der United States Navy, nur aufgrund dieser Verfahrensfehler zustandekam. Da das Ausschreibungsverfahren nicht rechtmäßig durchgeführt wurde, wird durch diese Feststellung auch der Vertrag über die Erbringung von Leistungen, namentlich der Entwicklung eines Kunststoffes für spezielle Beschichtungsanwendungen, nichtig.“ Williams stößt Ames an, doch dieser steht der Mund offen. Dann flüstert sie begeistert: „Gut gespielt, Dorothy. Alle Achtung!“ Dass ein Gutteil ihrer Begeisterung daher rührt, dass sie damit wahrscheinlich keine Klage gegen Tom Arden und Esther fürchten muss, enthält sie Williams vor. Dann grinst sie: „Lassen sie uns mal gleich in den Archiven suchen – sie haben Meriten im Unternehmen zu verdienen, ich habe gutzumachen, dass ich Claires Verrat an ihr eingefädelt habe. Lassen wir Bob Landsman nicht den ganzen Ruhm, okay?“ Noch bevor die Verhandlung richtig in Schwung kommt, sitzen Williams und Ames wieder im Auto und fahren zurück zur Konzernzentrale.

Auf der „Aphrodite“ flüstert Esther mit Corey Callaghan: „Ein Leck haben wir nicht. Aber die Batterien in der oberen Hülle sind kaputt. Das ist ein irreparabler Schaden, Corey.“ Callaghan flüstert ebenso leise zurück: „Und wenn wir nicht davonkommen, macht uns dieses U-Boot den Garaus, wenn die nicht schon hinter uns her sind.“ Sie schüttelt den Kopf. Das U-Boot sei ein australisches, es helfe gerade bei der Evakuierung des Walfang-Schiffes. Das sei aus den Geräuschen eindeutig hervorgegangen. Erst, wenn diese Evakuierung abgeschlossen sei, werde das U-Boot sich auf die Suche machen, ob der seltsame, hinter der Schule zurückgebliebene Seiwal auch wirklich ein Seiwal sei. Doch beiden ist klar, dass das eine vage Hoffnung ist. Das Meer ist tief genug, um die „Aphrodite“ so zu versenken, dass niemand sie je finden wird. Aber ob die Besatzung davonkommen wird, weil rechtzeitig eines der beiden anderen Boote da sei, stehe auf einem anderen Blatt. Vorsichtig, wie eine Mutter, die ihre Kind badet, bringt die Rudergängerin das U-Boot immer wieder zwischen den Seiwalen hoch, taucht dann wieder eine Strecke. Von leisen Schraubengeräuschen abgesehen ist das U-Boot ein Teil der Seiwal-Schule geworden, auch wenn es etwas zu groß ist. Drei Stunden entfernen sie sich schon von der Stelle der Havarie, haben fast achtzig Seemeilen zwischen sich und die Rettungsaktion gebracht. Plötzlich merkt der Mann am SONAR auf: „Mrs. Howard, Mr. Callaghan… da kommt ein Hubschrauber von Südosten. Vermutlich groß, kommt uns entgegen. Er wird uns in ein paar Minuten überfliegen – ich glaube nicht, dass man bei dem Seegang und diesem Regen und Sturm irgendetwas sieht, aber…“ Nach kurzer Beratung beschließen Esther und Corey, dass die „Aphrodite“ auf fünfzig Meter Tiefe gehen soll. Man wolle nichts riskieren. Langsam sinkt das Boot etwas ab, wird dabei etwas schneller. „Bei dem Lärm durch Seegang und alles andere hört uns keine Sau, der nicht gerade direkt vor unserer Nase rumdümpelt…“, erklärt die Navigatorin. Dennoch lauschen alle wie gebannt den ausgefilterten Geräuschen des Hubschraubers, wie sie über der Oberfläche näher kommen, lauter werden, dann langsam wieder leiser werden. Gerade wollen alle aufatmen, da schrillt ein Alarm los. „Auftauchen, SOFORT!“, brüllt Esther. Der höhere Wasserdruck hat das Boot beschädigt, durch einen schmalen Riss dringt Wasser ein. Noch ist das Leck klein genug, dass die Pumpen die Trimmung schnell genug ins Positive drängen, schneller, als Wasser in den Rumpf läuft. Aber eines ist sicher: Die letzte Fahrt der „Aphrodite“ wird hier enden, im stürmischen Süden, irgendwo an der Grenze zwischen indischem Ozean, pazifischem Ozean und antarktischem Ozean. „Sendet Codefunk in Richtung der Operationsgebiete von Marshall und Sylvain. Wir brauchen deren Hilfe. ‚Aphrodite‘ wird hier absaufen. Wenn wir überleben wollen, müssen die uns retten.“ Esther lehnt sich nach diesem Befehl gegen eine Wand. Sie stöhnt. Corey versucht, einen Arm um sie zu legen, doch sie wehrt ihn ab: „Das ist nicht das Ende, Corey. Und wenn es das Ende wäre, würde ich trotzdem ‚Nein‘ sagen.“ Callaghan beißt sich auf die Lippen. Dann geht er Richtung Bug, klettert die Leiter hinauf und versucht verzweifelt, sich nützlich zu machen – oder wenigstens die Rettungsinseln, die eigentlich für einen ganz anderen Zweck auf dem U-Boot waren, bereit zu machen.

Noch immer über viel weiter südlich empfangen „Nereide“ und „Tethys“ den als Rauschen codierten Notruf ihres Schwesterschiffes. Weder Wells noch Chartrand zögern auch nur eine Sekunde. Selbst wenn der Walfänger, der gerade zur Rettung seiner Kameraden viel weiter nordöstlich braust, auf sie lauscht, ist es ihnen egal. Sie geben den Befehl aus, mit voller Kraft nach Nordosten zu fahren.

Folge 1.39: Breitseiten

„Wie weit entfernt sollte ‚Nereide‘ gerade sein?“, fragt Sylvain Chartrand dringlich. Ochoa Sanchez blinzelt zweimal, dann gibt sie ihm eine Position und schiebt nach, dass es bis dorthin nur ungefähr dreißig Seemeilen seien. Chartrand rechnet kurz, er zählt auf Französisch. Sally Marsh, Carmen Ochoa und auch alle anderen in der Zentrale schauen fragend zum Kommandanten, dann befiehlt er einen Kurs nach Nord-Nordwest, zwanzig Knoten und dreihundert Meter tief. Ochoa mustert den Kommandanten fragend, dann sieht sie zu Sally. Diese schluckt hart, dann fragt sie: „Was hast du vor? Und was denkst du, ist passiert?“ Chartrand widersteht mit Mühe dem Reflex, wie ein militärischer Kommandant zu agieren und sich in Schweigen über die Idee hinter dem Einsatz zu hüllen. Er zählt an den Fingern hinunter: „Cinq, quatre, trois, deux, un – d’accord.“ Dann erläutert er, dass der Notruf des Walfängers zwar geplant sei, aber das Aufsteigen des Hubschraubers und die Dringlichkeit des Funkrufes ihm Sorgen bereiteten. Außerdem, so fügt er an, seien ein wenig viele australische Kriegsschiffe in der Region unterwegs gewesen, für seinen Geschmack. Die Besatzung beginnt nun, Sylvains Unruhe zu teilen. Sally beißt sich auf die Lippen: „Sollen wir versuchen, Marshall zu erreichen?“ Chartrand nickt und befiehlt, mit den aufgenommenen Walgesängen, die einen Notruf anzeigen sollten, leise ins Wasser zu tasten, sobald sie in der Nähe der vermuteten Position der Nereide seien. „Geht mal davon aus, dass Marshall mit der ‚Nereide‘ genauso vorsichtig, aber bestimmt nach Nord-Nordwest dampft wie wir. Ich hab’s im Gefühl, dass Corey, Esther und die ‚Aphrodite‘ unsere Hilfe brauchen. Ich lege mich noch eine Runde auf’s Ohr – wir werden nachher alle unsere Kraft brauchen, wenn ich recht habe. Wenn irgendwas ist, weckst du mich, Carmen, klar?“ Ochoa bestätigt mit einem „Sí!“, dann schickt sie mit strengem Blick auch Sally in die Koje und beharrt darauf, dass sie auch schlafen solle. Die restliche Besatzung der Zentrale bemerkt die Anspielung gar nicht, an Sylvain prallt der leichte Tadel völlig ab – nur Sally läuft rot an und beeilt sich, in eine freie Kabine zu verschwinden.

„Aktivsonar. Ganz schwach, aber eindeutig“, erklärt der Orter der „Nereide“. Marshall Wells neigt den Kopf und fragt, wo das Geräusch herkomme. Der junge Mann flüstert betreten, es komme aus Richtung Nordwest. Wells schließt für einen Moment die Augen, eine steile Falte bildet sich auf seiner Stirn. Dann befiehlt er, sich hinter den Walfänger zu setzen, an dem sie das Wal-Vertreibe-Gerät angebracht haben, und in dessen Tempo in vierzig Metern Tiefe hinterherzufahren. „Abstand konstant auf zehntausend Meter halten, schön unten bleiben. Wenn die ein U-Boot in der Nähe von Coreys Beute haben, könnte es für die ‚Aphrodite‘ verdammt unangenehm werden.“

Corey Callaghans Hände krallen sich um das Geländer am Periskop, dass die Knöchel weiß hervortreten. Die Ratlosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Esther hat die Augen geschlossen, allerdings ist sie bereits dabei, die Panik niederzukämpfen. Sie wägt die Möglichkeiten ab, dann fasst sie einen Entschluss: „Langsame Fahrt voraus. Kurz das Vorderdeck sehen lassen, aber nur im Wellental, dann wieder runter – aber nicht tief. Haben wir ein Band mit Seiwal-Gesang?“ Verblüfft dreht Corey sich um, doch Esther lässt ihn nicht zu Wort kommen. Er solle das Periskop einfahren und an der Navigation unterstützen. Zu überrascht, um es richtig zu realisieren, versucht er gar nicht, Esthers Übernahme des Kommandos zu verhindern. Dass es ein gewagtes Manöver ist, sich als angeblicher Seiwal davonzumachen, ist ihr bewusst, aber die Walschule schwimmt rasch vom havarierten Walfänger weg und im Chaos der Rettung für das Walfangboot rechnet sie sich gewisse Chancen aus. Ohne auf Esthers Bestätigung zu warten, legt eines der drei Besatzungsmitglieder, die sich um die SONAR-Konsole versammelt haben, das Band mit den Gesängen ein und gibt es auf die Signalgeber. Langsam dreht sich das Boot nach Süden und lässt kurz das flache Deck des Turms sehen, bevor es tiefer geht. Als sie unter dem Walfangschiff hindurch tauchen, trifft eine weitere Monsterwelle auf havariertes Schiff und U-Boot. Es klingt wie ein weicher Zusammenstoß – auf der Hülle des U-Bootes ebenso wie draußen im Wasser. Aber Esther stöhnt auf: „Nein! Nicht auch noch…“ Corey Callaghan fasst sich ein Herz und fordert: „Inspiziert die Bordwand, schnell. Wir müssen wissen, ob etwas passiert ist!“ Doch die Schwankung in der Stromversorgung beantwortet die Frage bereits eindeutig. „Aphrodite“ ist nun auch noch beschädigt, und Corey sinkt mit den Händen fest um das Geländer am Periskop auf die Knie. Doch Esther bekräftigt seinen Befehl: „Wir müssen wissen, was passiert ist. Weiter den Seiwalen folgen, zum Glück tauchen die nicht tief, also müssen wir nicht riskieren, aus einer Delle ein Leck zu machen, wenn wir weiter Seiwal spielen.“ Als sie merkt, dass nicht nur Corey Callaghan Panik empfindet und die Angst um sich greift, erklärt sie entschlossen, die Beschädigung sei kein Todesurteil. Außerdem kämen Marshall Wells oder Sylvain Chartrand sicher, um ihnen zu helfen. Gehört hätten sie nämlich bestimmt, dass hier etwas gar nicht nach Plan gelaufen ist. Die Moral von Callaghans Besatzung, die nun plötzlich weit mehr ihre Crew ist, hebt das ein wenig – zumindest für den Moment.

Mai Sakamoto trägt ein schwarzes Kleid über einer kühl-violetten Bluse und einen Blazer darüber und wartet nervös in dem kleinen Café mit Blick auf die Hayward Japanese Gardens. Keinen Blick hat sie für die Anlage, die ihrem Vater sicher gefallen hätte. Sie beobachtet den Eingang und rührt in ihrem Grüntee. Dreimal hat sie schon gedacht, dass Claire endlich käme, doch jedes Mal waren es andere Frauen, die durch die Tür traten und zielsicher auf andere Tische zusteuerten. Kopfschüttelnd schließt sie die Augen und formuliert in Gedanken Worte: Ruhe, Schwere, Wärme… beim vierten Mal „Ruhe“ legt sich eine Hand auf ihre Schulter: „Träumst du“, fragt Claire Howard irritiert. Mai beißt sich auf die Lippen. „Ich war so nervös – Moment.“ Entschlossen vervollständigt sie das autogene Training durch die Rücknahme, dann sieht sie auf die Uhr und beginnt zu lächeln, als sie feststellt, dass Claire überhaupt nicht zu spät ist – im Gegenteil, sie haben noch fast vierzig Minuten bis zu Claires Termin bei Notar Aldred. Claire bedankt sich mehrfach, dass Mai sie begleiten wird – ihre Mutter hat sie doch nicht gefragt, und vor einer vielleicht triumphierenden Reaktion von Liz Ames hat sie sich gefürchtet. Ansonsten hat Claire kaum ein Thema und bleibt zumeist still, während Mai von den Aktionen der Umweltschützer erzählt. Nicht einmal die Aktion vor der Zentrale von Howard Industries kann Claire wirklich von dem anstehenden Termin ablenken. In ihrem Geist wird der alten Notar zu einer regelrechten Hexer-Figur aus einem Horror-Film. Sie bereut schon, eine verhältnismäßig leichte, zart-türkise Bluse unter dem grau-glänzenden Kostüm zu tragen, da sie antizipiert, sich unter den Blicken des Alten darin nackt und verletzlich zu fühlen. Vor lauter Nervosität verzettelt Claire sich so sehr beim Bezahlen, dass sie sich schon fast beeilen müssen, um die halbe Meile Fußweg bis zu Aldreds Büro bis um neun zu schaffen. Während Claire zur Sekretärin hintritt, die in Strickjacke und Jeans eher lässig aufgemacht ist, tippt Mai eine kurze Mitteilung an Liz Ames, dass sie jetzt reingehen. Notarin Button schaut neugierig aus ihrem Büro, als sie Stimmen im Vorraum hört, und hebt die Brauen, als sie Claire erkennt. Mai bemerkt es, die Sekretärin ebenso – aber Claire bekommt es zum Glück nicht mit. Dann öffnet sich, ohne dass die Sekretärin etwas getan zu haben scheint, Aldreds Bürotür. Der alte Mann ist noch hagerer, noch faltiger, als Claire ihn in Erinnerung hat. Sie muss alle ihre Beherrschung aufbringen, um der zerknittert-vertrockneten Gestalt in schwarzem Anzug, weißem Hemd und roter Fliege die Hand zu geben. Sie bemüht sich, nicht zu sehr auf die großen Altersflecken auf seiner Stirn zu starren, während sie sich von ihm hereinbitten lässt. Dann lenkt sie sich damit ab, ihre Freundin Mai Sakamoto vorzustellen. Aldred nickt: „Sie sind die Tochter von Kapitän Sakamoto, nicht wahr? Wie geht’s dem alten Seemann?“ Mai erklärt, ihr Vater lehre wieder mehr Teezeremonie und es ginge ihm ansonsten gut. Aldred nickt und bietet den beiden jungen Frauen die Plätze vor seinem Schreibtisch an. Eine Flasche Whisky steht auf dem Tisch, daneben eine Kanne Kaffee und eine Kanne Tee. Entschuldigend erklärt der Notar, er habe eine andere Begleitung erwartet, es handle sich beim Tee um Earl Grey und der Kaffee sei stark und tiefschwarz. Dann grinst er linkisch: „Den Scotch werde ich bei ihnen beiden vermutlich gar nicht los. Bin ja froh, dass ich nicht die ganz alte Flasche von ihrem Vater geöffnet habe, für die findet sich dann vielleicht noch eine Abnehmerin. Also, zum Geschäft, richtig?“

Liz sieht auf ihr Handy, als eine Message eingeht. Sie lächelt: „Okay, eine gute Nachricht hätten wir schonmal.“ Als Cris Benitez und Tom Arden fragen, erklärt sie, Claire und Mai seien nun beim Notar. Dann wendet sie sich wieder den Berichten zu, wird aber durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Arden sieht auf und lächelt: „Oh, hi Collette. Komm doch rein. Wir können alle Unterstützung brauchen.“ Collette Williams sieht zu Liz Ames, zuerst abschätzend, dann jedoch lächelt sie offen. Liz nimmt die Wandlung mit Irritation zur Kenntnis und fragt dann, ob sie Neuigkeiten aus der Chefetage bringe. Willimas nickt, schüttelt dann den Kopf und besschließt dann, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten ist: „Jain. Ich habe Dorothy Howard vorgeschlagen, dass wir mit einstweiligen Verfügungen gegen die Berichterstattungen über Umweltsünden von Howard Industries vorgehen könnten. Sie meinte, das solle ich mit ihnen besprechen. Also mit ihnen beiden – wörtlich sagte sie: Lassen sie das von Miss Ames und Mr. Arden mit prüfen. Keine Ahnung, was die reitet, noch vor Kurzem wollte sie ALLES, was sie beide tun, aus dem Konzern rausbekommen…“ Liz lacht ein gehässiges Lachen, Tom Arden erwidert trocken, in der Not fresse der Teufel eben Fliegen. Einige Sätze später können weder Tom noch Cris den beiden Juristinnen mehr folgen, da sie mit Fachbegriffen, Gesetzen und den Namen möglicher Richter an möglicherweise zuständigen Gerichten um sich werfen. Dass sich daraus eine Strategie entwickelt, wie man die momentane unangenehme Presse in den Griff bekommen könnte, beruhigt Arden aber immens. Dann nimmt Cris Benitez einen Anruf entgegen und legt nach kurzer Interaktion auf. Sie wirft ein: „Keine Ahnung, was das bedeutet – aber Nick Howard will morgen hier her kommen und uns helfen. Ich hätte mit Charles Junior gerechnet, auf jeden Fall mit Dorothy. Aber Nicolas?“

Der alte Aldred schiebt, nachdem Claire und Mai mit Kaffee versorgt sind, eine Mappe über den Tisch: „Ich werde das nur auf ihre Nachfrage kommentieren, Miss Howard. Lesen sie erstmal.“ Mai blinzelt und fühlt sich fehl am Platze, Aldred widmet sich ungeniert einem Glas Bourbon und seinem Kaffee, während Claire die Mappe aufschlägt. Das Datum sagt ihr schon einiges: Das Testament ist vier Wochen nach Rechtskraft der Scheidung zwischen Isabelle Lagarde und Charles Benjamin Howard abgefasst. Ein Vermerk kennzeichnet es als seit anderthalb Jahren ungültig – der letzte Wille galt also noch lange fort, nachdem Charles Howard Esther Goldstein geheiratet hatte. Dann werden Claires Augen immer größer. Alles, wirklich ALLES vermachte ihr Vater danach den Stiftungen „Charles B. Howard“ und „The Bay“. Das Geld, das Charles seiner Ex-Frau Isabelle Lagarde und ihrer Tochter Claire regelmäßig zukommen ließ, kam von der Howard-Stiftung. Ansonsten wären alle Howards – Dorothy, Charles Junior, sie selbst, auch Nicolas Howard, völlig leer ausgegangen. Bestürzt fragt Claire: „Und das galt seit den Neunzigern unverändert?“ Aldred nickt. Dann beginnt er zu erzählen: „Ja. Charlie war schrecklich wütend und verletzt darüber, was Dorothy, Charles Junior und Nicolas im angeblichen Dienste am Andenken von Charlotte Howard angerichtet hatten. Er wollte sogar den Namen Howard ablegen, aber er fürchtete sich vor der Presse – und wollte außerdem nicht klein beigeben. Er hätte… aber das tut eigentlich nichts zur Sache.“ Mai Sakamoto erkennt deutlich, dass Aldred möchte, dass Claire nachfragt, und diese lässt sich nicht lange bitten. Bei ihr überwiegt aber die Neugierde, die Absicht des Notars hat sie, aufgewühlt wie sie ist, nicht durchschaut. Aldred lehnt sich zurück: „Ich erinnere mich, wie sie gemeinsam hier waren. Ihre Stiefmutter und Charlie. Vergeben sie bitte einem alten Mann, aber sie ist eine unglaublich erotische Frau, diese Esther Goldstein-Howard. Ich sehe es genau vor mir…

Esther ließ sich nicht drausbringen von Aldreds Blicken auf ihre sportlich-schlanke Figur und die wallenden, schwarzen Locken. Charles hob nur die Brauen und Aldred lehnte sich zurück, nickte. „Entschuldigung. Charles, du möchtest also dein Testament ändern. Der Anteil von ‚The Bay‘ und ‚Charles B. Howard‘ soll künftig nur noch 75 Prozent betragen, verteilt in gleichen Teilen, richtig? Alles andere soll Esther bekommen.“ Der alte Howard nickte und seufzte: „Es ist ja sonst keiner mehr da.“ Esther zögerte, während die Männer über genaue Formulierungen sprachen. Doch dann räusperte sie sich: „Charles… da sind noch deine Kinder. Deine Familie.“ Für einen Moment herrschte gespenstische Ruhe im Büro in Hayward. Die Schärfe in Charles‘ Stimme ließ Esther und auch Aldred zucken: „Ich habe sie nicht ohne Grund enterbt.“ Esther lächelte warm und entschuldigend: „Möchtest du deinen Groll auf sie mit ins Grab nehmen? Möchtest du, dass sie mich bis auf’s Blut juristisch bekämpfen, weil sie glauben, dass ich sie um ihr Erbe gebracht habe?“ Es dauerte Minuten, viele Minuten, bis Charles Benjamin Howard aufhörte, vor sich hin zu grollen. Dann jedoch nickte er: „Okay. Halb-halb. Die eine Hälfte paritätisch für die Stiftungen. Die andere Hälfte geht durch fünf – je ein Teil an meine drei Kinder, einer an meinen Bruder und einer an dich. Die Immobilien verteilen wir willkürlich – nur die Stadtwohnung in Oakland, die kleinere im Honolulu und das Anwesen auf Ost-Oahu MÜSSEN an Dich gehen. Ich will nicht, dass meine Familie sich dort einnistet, wo wir…“ Esther wurde leicht rot, Aldred grinste anzüglich, dann begann er, für Charles vorzuformulieren…

„Wirklich? Esther Goldstein-Howard hat zu unseren Gunsten interveniert?“, fragt Claire völlig perplex. Auch Mai ist überrascht, aber zum Beweis lässt Aldred eine Tonbandaufnahme von jenem Nachmittag ablaufen, die er mit seinem Diktiergerät gemacht hat. Claire schüttelt sich, da die Aldred noch expliziter auf die Vorzüge von Esther einging, als er das in seiner Erzählung hinbeschönigt hatte. Dann beißt sie sich auf die Lippen: „Unter diesen Bedingungen kann ich doch nicht verantworten, dass ich mit unterschreibe, dass wir Vaters Testament anfechten!“ Aldred grinst: „Ganz davon abgesehen, dass die Argumentation ihrer älteren Stiefschwester darauf basiert, dass die Testamentsänderung zu Ungunsten der Howards ausgefallen sei…“ Claire blinzelt, dann fragt sie, ob sie eine Kopie der Tonbandaufzeichnung bekommen könne. Aldred grinst und verneint. Als er das Tonband auf den Schreibtisch fallen lässt, will Claire danach greifen und realisiert dann, dass er es auf einen großen Magneten hat fallen lassen, an dem seine Bürklammern kleben. „Das hätte ich eigentlich gar nicht aufnehmen dürfen, junge Dame. Aber seit ich weiß, dass es für sie bestimmt ist, habe ich beschlossen, es zumindest so lange aufzuheben. Aber eine Kopie vom alten Testament können sie haben. Nehmen sie auch die Flasche mit, wenn sie es Liz Ames bringen. Sie soll sich gelegentlich dafür revanchieren, können sie ihr sagen.“ Damit drückt er Claire die Holzkiste mit der Flasche Laphroaig Thirty Years Old in die Hand, erhebt sich und schüttelt Mai Sakamoto die Hand, gibt ihr Grüße an ihren Vater auf. Claire schwindelt, so dass sie gar nicht richtig realisiert, wie unhöflich Mai und sie eigentlich hinausgeworfen werden.

Folge 1.38: Backfire

Liz Ames lehnt halb am Fenster des BART-Zuges von San Francisco nach Oakland. Langsam stellen sich Kopfschmerzen ein, der Tag war einfach zu lang. Zweimal blinzelt sie, als ihr bewusst wird, dass mindestens fünf Schiffe auf der Bay fahren, auf deren Seiten leuchtende Zeichen prangen. Es ist jedoch keine Schrift, wie die beiden Kapuzenpulli-Jungs sie auf die Fähre gesprayt haben, früher am Abend. Nein, es sind Symbole: Der Totenkopf für Gift, etwas schwerer zu erkennen das Gefahrensymbol für Säure… und schließlich noch ein Radioaktivitäts-Symbol. Reichlich übermotiviert sei die Gruppe, brummelt sie in sich hinein. Aber dass sie für Ablenkung sorgen, während sich Esther und Sally Marsh mit Corey Callaghan, Marshall Wells und Sylvain Chartrand im Antarktischen Ozean herumtreiben, schützt die Gruppe auf Hawaii – je mächtiger die Ablenkung ist, um so weniger wird die Aktion gegen die Walfänger mit den völlig anderen, früheren Aktionen der Gruppe in Verbindung gebracht. „Wenn alles gut geht“, murmelt sie zweifelnd und sich nur halb bewusst, dass sie nicht mehr nur lautlos gedacht hat. Sie nimmt sich vor, Mai Sakamoto anzurufen, aber nicht mehr an diesem Abend. Nach einem Blick auf die Uhr seufzt sie: Es ist bereits nach Mitternacht.

Bereits zwei Kreuzungen entfernt ist zu erkennen, dass vor der Zentrale von Howard Industries ein Polizeieinsatz stattfindet. Cristina Benitez schluckt hart und wägt kurz ab: ist es verdächtig, wenn sie umdreht und nicht zur Arbeit geht? Oder lenkt es mehr Verdacht auf sie, wenn sie eben doch hingeht und nicht überrascht auf Anschuldigungen reagiert? Erst nach einem Augenblick macht sie sich klar, dass man kaum eine riesige Razzia bei Howard Industries durchführen würde, nur weil zwei Mitarbeiter auf kryptischen Wegen eine Umweltschutz-Organisation zu ein paar Trittbrettfahrer-Aktionen anstiften. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass man mit vier Fahrzeugen anrückt, bereits zwei Straßenzüge entfernt sichtbar, wenn die Organisation auf Ni’ihau aufgeflogen wäre. Dann erkennt sie auch noch gelbe Blinklichter zwischen den blauen und roten. Zwei Feuerwehrfahrzeuge und ein Müllwagen stehen ebenfalls auf dem großzügigen Platz, der sich vor dem Haupteingang ausbreitet. Für einen ganz, ganz kurzen Moment droht ein Lachanfall sie zu schütteln, dann beherrscht sie sich. Was sie unter dem riesigen Schild „Howard Industries Ltd.“ sehen kann, hat durchaus auch mit ihr zu tun, auch wenn die Polizisten, Feuerwehrleute, Müllmänner und Reporter das sicher nicht sehen können. Cris geht langsam, vorsichtig und staunend weiter in Richtung des Eingangs, bis sie von einem Flatterband und einer Polizistin aufgehalten wird: „Halt! Es darf noch keiner auf den Platz. Wer sind sie?“ Benitez schluckt, zögert, dann erklärt sie: „Ich muss aber doch zur Arbeit! Ich bin Cristina Benitez, ich arbeite bei Howard Industries – für Mr. Arden. Wenn das – also wenn das hier bekannt wird, dann muss doch jemand ans Telefon gehen!“ So sehr Cris sich vorgenommen hat, die bestürzte Angestellte zu spielen, so wenig Schauspielkunst braucht sie nun. Die Verblüffung ist echt, auch wenn sie wusste, dass Aktionen geplant worden waren. Auch wenn sie selbst angerufen und den Startschuss gegeben hat. Die Polizistin grinst ironisch: „Sie sind gut. ‚Wenn das bekannt wird‘, sagen sie? Die Presse ist seit anderthalb Stunden vor Ort. Ich sage dem Captain Bescheid, dann können sie durch.“ Während über ihren Passierschein verhandelt wird, mustert Cris das gewaltige Kunststoff-Schleppnetz, das voller vom Wasser gezeichneter Kunststoffabfälle ist. Fast schon liebevoll haben die radikalen Umweltschützer Plastikspielzeuge arrangiert und zu Skulpturen von im Netz verendeten Delfinen angeordnet. Erst, als ein anderer Polizist Cris über den Platz zum Haupteingang führt, sieht sie das riesige Schild: „Verschmutzer! Mörder! Soldaten-Belieferer!“ Sie zuckt heftig zusammen. Der Polizist hält inne: „Alles Okay, Mrs. Benitez?“ Sie schluckt hart, dann flüstert sie: „Aber das Projekt von Mr. Arden und Dr. Callaghan, für die Navy, es war doch geheim?“ Doch das beeindruckt den Ordnungshüter wenig. Es sei allgemein bekannt, dass Howard Industries das US-Militär beliefere. Auf die Erwähnung eines konkreten Projekts geht er nicht ein. Als sie wie betäubt an ihrem Arbeitsplatz ankommt, sind bereits siebenundzwanzig Anrufe in Abwesenheit auf dem Telefon aufgelaufen. Doch bevor sie irgendeinen der Anrufer zurückruft, wählt sie erst einmal eine andere Nummer: „Tom?“, fragt sie in den Hörer, als abgenommen wird und bevor er zu Wort kommt. Es ist tatsächlich Thomas Arden, nicht seine Frau oder eines seiner Kinder: „Cris, ich komme doch IMMER erst um neun.“ Sie schluckt: „Diese Gewohnheit solltest du heute vielleicht einmal brechen. Hier ist die Hölle los. Ökoterroristen haben ein riesiges Schleppnetz vor unserer Tür abgeladen. Überall ist Presse, Polizei, Feuerwehr.“ Schlagartig ist Arden hellwach: „Ich komme. Rufst du…“ Sie fällt ihm ins Wort: „Ich klingele Liz sofort aus dem Bett. Wir brauchen sie hier. Nach dem Kalender ist Dorothy Howard nicht im Haus, und auch kein anderer der Howards. Soll ich auch bei denen anrufen?“ Arden zögert eine winzige Schrecksekunde, dann platzt er heraus: „Natürlich! Es ist DEREN Unternehmen!“ Als fünfundvierzig Minuten später Dorothy Howard aus Augusta/ME zurückruft, ist das Büro Arden/Benitez bereits zum Krisenmanagement-Zentrum für den PR-Notfall bei Howard Industries geworden. Kaum haben sie Dorothys Freigabe, treten Liz Ames und Thomas Arden gemeinsam vor die Presse und geißeln den Anschlag als eine unfaire Attacke auf ein Unternehmen, das sich seiner Verantwortung für die Umwelt bewusst ist.

In Augusta runzelt Senator Fielding beim späten Mittagessen die Stirn und sieht seine Frau an, als er das Statement in den Nachrichten sieht: „Sagtest du nicht, dass du diesen Arden absägen wolltest und Ames dich vor Publikum gedemütigt hat?“ Dorothy stöhnt auf: „Verdammt, Henry! Arden ist ein Idiot, er hat zusammen mit dieser Goldstein-Schnepfe das Navy- … ein wichtiges Projekt verbockt. Ames ist eine arrogante Kuh. Aber sie sind DA, und zwar JETZT, wo das Unternehmen einen schnellen PR-Freischlag braucht. Bis ich Bob Landsman oder seine Senior-Partner vor Ort habe, hat die Presse aus dem Vorfall den Strick geknüpft, an dem sie uns an der höchsten Rah aufhängen.“ Henry Fielding hebt die Brauen, dann muss er lächeln: „Offenbar ist dir doch wichtiger, das Unternehmen deines Vaters zu schützen, als deiner Eitelkeit zu huldigen.“ Sie schnaubt: „DIESEN Eindruck hast du von mir?“ Seufzend bemüht er sich um Schadensbegrenzung und macht sich innerlich eine Liste, welche Geschenke und in welcher Reihenfolge er seiner Sekretärin aufgibt, an Dorothy zu schicken, während die wütenden Rechtfertigungen seiner Frau über ihn hinwegbranden.

„Onkel Nick!“, meldet Charles Howard Junior sich am Telefon. Nicolas Howards Grimasse kann er zum Glück nicht sehen. Die Begeisterung des Bruders von Charles B. Howard für seinen Neffen hält sich in engen Grenzen. Er gibt seiner Stimme einen ruhigen Klang, als er fragt, was es denn gäbe. Charles Junior fordert, er solle seinen Fernseher anschalten, und als Nick fragt, auf welchen Sender, erwidert der Neffe barsch, das sei egal. Achselzuckend schaltet Nick Howard das Gerät an, verkneift sich eine Frage und wechselt den Kanal von C-SPAN zu CNN. Zwei Minuten hört Charles Junior nur undeutlich den Fernseher durch das Telefon, dann hält er es nicht mehr aus: „Und?“ Nicolas Howard beißt sich auf die Lippen, zögert noch fünf, zehn Sekunden, bevor er einer weiteren Aufforderung zuvorkommt: „Ungünstig, dass es nun auch Howard Industries getroffen hat. Trotz aller Militanz genießt diese Bewegung bemerkenswert viel Rückhalt, insbesondere an der Westküste.“ Der Jüngere explodiert regelrecht in das Telefon hinein: „Das ist eine Katastrophe! Arden klüngelt mit Vaters Mätresse, und Ames ist unsere Gegnerin vor Gericht, sowohl beim Testament als auch bei der Geschäftsschädigungs-Sache gegen Arden und die Goldstein!“ Doch Nick Howard lässt sich davon nicht aufbringen. Trocken erklärt er, primär gehe es um das Abwenden von Schaden vom Unternehmen. Das Gefecht um die Erbschaft betreffe ausschließlich interne Angelegenheiten, ebenso wie das „andere Projekt“, wie er es ausdrückt. Beide Vorgänge hätten ohnehin viel zu viel Presse bekommen. Er verspricht, am nächsten Tag nach Kalifornien zu fliegen. Für den Moment habe er noch mehr als genug zu tun, zumal Arden und Ames wohl mit Dorothys Segen die Lage in Oakland unter Kontrolle hätten. Bevor Charles Junior nochmals aufbrausen kann, legt er auf. Der Stapel von Akten auf seinem Schreibtisch ist in der Tat beeindruckend – und das Telefon klingelt schon wieder. Nach den ersten paar Sätzen des nächsten Anrufers ist es allerdings vorbei mit der resignierten Ruhe des jüngeren Bruders von Charles B. Howard: Er flüstert einige sehr vulgäre Flüche und beginnt dann, sich Notizen zu machen.

„Aldred und Button, Notare“, meldet sich eine melodische Alt-Stimme. Claire schluckt, dann fasst sie sich ein Herz: „Hallo, Claire… Claire Lagarde hier. Ich hätte gerne einen Termin bei Mr. Aldred.“ Die Stimme am anderen Ende klingt weiterhin melodisch und tief, gibt Claire nun aber noch mehr Aufschluss darüber, dass sie mit einer älteren Frau telefoniert. Sie verspricht, im Kalender nachzusehen, ob ein Termin möglich sei, bedauert dann aber, dass Claire mindestens eine Woche warten müsse – bei Miss Button sei schneller ein Termin zu bekommen. „Nein, ich MUSS mit Mr. Aldred selbst sprechen. Könnten sie nicht nachfragen… oder mich durchstellen?“ Die Sekretärin bittet um einen Moment und Claire erwartet eine Warteschleife, doch sie hört nur, wie der Hörer mäßig vorsichtig weggelegt wird, dann ist ein Klopfen zu hören, schließlich das Klappen einer Tür, dann unverständliche Stimmen im Hintergrund. Dann ist eine Männerstimme deutlich zu vernehmen: „Nun MACHEN sie schon!“ Recht schnell wird der Hörer wieder aufgenommen. „Miss Lagarde? Sind sie noch dran?“ Claire bestätigt – und wird gebeten, am folgenden Morgen gegen neun in der Kanzlei zu sein. Sie dürfe gerne jemanden mitbringen, wenn sie wolle. Nachdem sie sich bedankt und aufgelegt hat, beginnt sie sich zu fragen, ob sie denn jemanden mitbringen SOLLE und vor allem, wen Aldred denn erwarte. Den Notar ihres leiblichen Vaters hat sie stets nur als alten Mann mit angsteinflössenden Stimmungswechseln erlebt: Mal spöttisch, mal jähzornig, aber nie auch nur vage sympathisch zu der jüngsten Tochter seines Mandanten. Mit bangem Gefühl in der Magengegend geht sie ihr Telefonverzeichnis durch. Am Ende landet sie bei vier Personen, die sie vielleicht bitten könnte, mitzukommen: Ihre Mutter, ihr Stiefvater, Elizabeth Ames und Mai Sakamoto. Eine fünfte ist noch dabei, aber deren Telefonnummer hat sie nicht und eigentlich hat sie den Namen nur aufgeschrieben, weil sie neugierig auf deren Reaktion gewesen wäre: Esther Goldstein-Howard.

Folge 1.37: Um den Pol

Sieben Meter hohe Wellen schütteln das über einhundert Meter lange Schiff durch, während der heftige Sturm der Furious Fifties über das Deck pfeift. Die Mannschaft agiert nur angeleint, die meisten Besatzungsmitglieder halten sich in den Aufbauten fest oder bleiben unter Deck. Zielstrebig dreht der Rumpf nach Süden, die Wellen schlagen nun schräg gegen den Rumpf, wodurch sich das Schlingern intensiviert. Aber niemand denkt daran, das Schiff wieder anders zu drehen; wie ein wildes Tier auf der Jagd haben Sensoren und Besatzung die Witterung von Walen aufgenommen, die Harpunenschleudern auf der Bordwand werden gedreht und bereit gemacht. Noch ist nichts zu sehen, die Wellenberge laufen von schräg hinten auf den Walfänger auf, schütteln ihn durch und setzen ihren Weg in Richtung Osten fort. Hektisch krallt sich ein Seemann an einer Stange fest, als das Schiff durch eine besonders hohe Welle heftiger schlingert. Trotz aller Erfahrung und obwohl sie sehr beschäftigt sind, fragen sich einige Besatzungsmitglieder, ob das Schiff wirklich nicht kentern wird in diesem brutalen, sturmgepeitschten Seegang an der Grenze zwischen Indischem und Antarktischem Ozean. Doch jeder Gedanke daran ist vergessen, als sich vier Wellenberge voraus etwas Dunkles, Glattes aus dem Wasser hebt, dann bläst der Wal. Ein zweiter erscheint, dann ein dritter, während der erste schon seine Fluke zeigt und wieder taucht. Es wird schwierig zu zählen, denn immer wieder tauchen die Tiere, bevor sie nochmals blasen, zehn sind es jedoch ganz sicher. Die halbe Besatzung wird von einer fast fünfzehn Meter hohen Welle überrascht, die von hinten anläuft und das Deck mehr als 45 Grad anstellt, bevor das Schiff zurück in die Waagerechte kippt. Mehr als ein Matrose hat sich Prellungen zugezogen, aber alle sind fest genug an Deck verankert, um nicht heruntergespült zu werden. Die Wale überstehen den Kaventsmann besser, lassen sich treiben. Mechanische Steuerungen richten die Harpunenschleudern am Bug aus, während das Schiff langsam fünf Wellenberge hinter der Walschule wieder in den Wind dreht und somit ruhiger fährt. Mittels Videoaufzeichnungen auf den Bildschirmen der Brücke prüft ein Wissenschaftler in Ölzeug, ob Jungtiere dabei sind und dass es sich um Seiwale handelt. Dreizehn ausgewachsene Tiere identifiziert er, noch schwimmen sie langsam. „Wir müssen schnell handeln, Kapitän. Seiwale schwimmen schnell!“, erklärt er an den Kommandanten gewandt. Die Harpuniere zielen bereits, da geht plötzlich ein Ruck durch das Schiff. Heftig an seine Konsole festgeklammert stößt der Wissenschaftler hervor: „Noch ein Kaventsmann?“ Der zweite Ruck lässt ihn an einen anderen Monsterwellentyp, die drei Schwestern denken. Ein Maschinenalarm jedoch lässt den Verdacht in ihm keimen, dass die Wellen nichts damit zu tun haben, dass das Schiff durchgeschüttelt wird.

„Volltreffer“, vermeldet der Seemann an der Waffenkonsole der Aphrodite. Callaghan hebt die Brauen: „Genauer! Marshall oder Sylvain würdest du’s auch exakter melden!“ Der Kanonier des Bootes grinst und erklärt, er habe die Schraube des Schiffes getroffen. Erste Schäden habe bereits die Kollision erzeugt, aber die kleine Sprengladung sei verheerend gewesen und habe beide Schrauben des Schiffes schwer beschädigt. „Gerade zerschlägt die Unwucht ihnen die Lager. Die müssen froh sein, wenn sie sich nicht quer zum Seegang drehen, bevor sie jemand evakuiert. Ohne Steuer und Antrieb braucht’s kaum mehr als eine größere Welle, dann kentert das Ding. Den Kaventsmann von vorhin würden sie jetzt nicht mehr überleben.“ Callaghan nickt zufrieden, ein Grinsen macht sich auf seinen Zügen breit. „Ich bin angeblich beim Surfen ersoffen. Ihr ersauft, statt dass ihr Wale tötet!“

Der Lärm der kleinen Explosion und des heftigen Schlagens der Antriebswellen des japanischen Walfangschiffes hat die Seiwale aufgeschreckt. Instinktiv beschleunigen sie, während der Walfänger an Tempo verliert. Mehr und mehr macht sich bemerkbar, wie die Wellenberge anschieben und die Wellentäler bremsen. Noch bringen die beschädigten Schrauben an den schlagenden Wellen genug Vortrieb, um ein Drehen zu verhindern, aber bereits jetzt ist klar, dass dies nur eine kurze Verzögerung des weiteren Verlaufs der Katastrophe sein wird. Aller erlernten Beherrschtheit zum Trotz brüllt der Kapitän eine Reihe wüster Flüche, dann lässt er „SOS“ funken. „War das ein Torpedo?“, fragt der Steuermann, doch der Kapitän widerspricht dieser Vermutung: „Ein Stück Holz, ein Trümmer, irgendwas. Hier ist weit und breit keiner, der uns beschießen würde.“ Die Spekulation, ein U-Boot könnte sie beschossen haben, weist er vehement zurück.

Esther Goldstein-Howard beobachtet durch das immer wieder überspülte Periskop, wie sich die Katastrophe auf dem Walfänger entwickelt. Callaghan ist sehr beschäftigt, das nahe der Oberfläche schlingernde Boot unter Kontrolle und stets von genug Wasser bedeckt zu halten, um nicht von den Seeleuten auf dem Walfänger entdeckt zu werden. Sie wiegt den Kopf hin und her: „SOS haben sie gefunkt. Wenn die Australier schnell reagieren, sind sie in drei Stunden hier. Die Rettungsinseln des Fängers pumpen sich schon auf.“ Callaghan nimmt die Erleichterung in ihrer Stimme deutlich wahr. Er lässt sich nicht anmerken, dass er es auf einen Streit hätte ankommen lassen, wenn Esther die im Boot bereitstehenden Rettungsinseln hätte aufpumpen und aussetzen lassen. Anders als ihr ging es ihm allerdings nicht nur um die Entdeckungsgefahr, sondern auch darum, ein Exempel an den Walfängern zu statuieren.

Sechshundert Seemeilen weiter südöstlich verfolgt die Nereide vorsichtig ein anderes Schiff. Der auch hier recht heftige Seegang lässt das geplante Manöver anspruchsvoll werden, auch wenn die Walfänger alle Hände voll zu tun haben, nach Walen zu suchen und nicht über Bord zu fallen oder gegen die Wände des Schiffes zu stürzen. „Verdammt!“, flucht der ehemalige Marinesoldat Wells, als das Boot von einer heftigen Welle rasant auf den Kutter zu gespült wird. Der Ruf, sich festzuhalten, kommt gerade noch rechtzeitig, dann sinkt Nereide wie ein Stein, als die Ballasttanks geflutet werden, um eine Kollision zu vermeiden. „Also nochmal von vorn“, lässt sich Wells vernehmen, „und dieses Mal bringen wir sie ganz langsam hinter ihnen hoch, schießen das magnetische Teil auf deren Rumpf ab, aktivieren’s und hauen wieder ab. Keine Bälle auf der Nase balancieren, nicht durch Ringe springen, ja?“ Die Besatzung der Zentrale goutiert den Humor nicht – einige sind nach fast drei Stunden auf und ab in den Wellenberge seekrank, und die Nerven liegen blank. Doch Wells lächelt: „Bald haben wir es geschafft. Dann lauschen wir mal, ob die anderen Hilfe brauchen, oder ob wir diese ungemütlichen Breiten verlassen können. Auf geht’s!“

Noch ein bisschen weiter im Süden schleicht die Tethys um einen Eisberg herum, der von der Ostantarktis abgebrochen ist, und sucht den Kutter, der hier erwartet wird. Doch von dem Schiff ist nichts zu sehen oder zu hören. Sally beobachtet mit auf minimaler Leistung arbeitendem SONAR, das mit aufgenommenen Walgesängen statt Pinggeräuschen arbeitet, die Kante der gewaltigen Eisplatte, damit das Boot nicht damit kollidiert. Chartrand beißt sich auf die Lippen: „Keine Beute. Haben die umgeplant oder narren sie uns? Je ne sais pas…“ In diesem Moment reißt Sally die Kopfhörer von ihren Ohren: „Scheiße!“ Sylvain starrt zu ihr: „Was?“ Es rauscht und brummt heftig aus den Muscheln, die eben noch über den Ohren der jungen Frau gelegen haben. Sylvain dreht die Lautstärke herunter, orientiert sich kurz und schluckt dann: „Wir haben das Schiff übersehen. Das ist der verdammte Kutter.“ Der andere Orter hat schneller reagiert und bereits bei ersten Geräuschen eines Motors das Geräusch leiser gedreht. Er spricht lauter als nötig, wohl wegen des Geräuschs auf seinen Kopfhörern: „Überwasserkontakt, verdammt nah. Zweitausend Meter, höchstens. Dreht nach Norden – Kurs jetzt 290… 305… 315… der fährt in Richtung Corey und Esther!“ Chartrand warnt, voreilige Schlüsse zu ziehen, aber eine Viertelstunde später ist deutlich klar, dass der Walfänger mit voller Kraft nach Nord-Nordwest dampft, während der Funker des U-Boots den dringlichen Notruf auf Japanisch empfängt. Die Schrauben seien beschädigt, bei starkem Seegang, ein Kentern sei immanent und unvermeidlich. Dann hören die Ökoterroristen auf der Tethys deutlich die Geräusche eines startenden Hubschraubers, der wohl von dem Kutter aufbricht, um die Kameraden zu retten.

Callaghan steht inzwischen selbst am Periskop und schaut zu, wie sich der japanische Walfänger in den nochmals größer gewordenen Wellen fast waagerecht legt. Esther steht neben ihrem Funker und flucht: „Wann kommen die endlich? Wir wollen ihr Schiff unbrauchbar machen, sie aber nicht umbringen, verdammt!“ Und dann erschüttert ein Geräusch die gesamte Aphrodite. Es ist jedoch nicht das Bersten von Aufbauten auf dem Walfänger, nein. Es ist ein deutlich hörbares „Ping“ eines Aktivsonars. „Oh Kacke“, bringt Callaghan hervor.

Folge 1.36: Um die Bucht

Als Mai Sakamoto am späten Vormittag Claire Howards Wohnung verlässt, haben die beiden Frauen volle Kontaktdaten ausgetauscht und vereinbart, sich wieder zu treffen. Trotz der Art, wie das Kennenlernen lief, verbinden sie genug gemeinsame Interessen, dass beide bereits jetzt eher von einer Freundschaft als von einer Bekanntschaft sprechen. Auf dem Weg zur Bahnstation zückt Mai ihr Handy und rechnet kurz, wie spät es gerade auf Hawaii ist. Sie zögert nur kurz, bevor sie eine Schnellwahltaste drückt. Dreimal hört sie das Freizeichen, dann nimmt ihr Vater ab: „Sakamoto desu.“ Irritiert fragt sie, ob er sich neuerdings immer auf Japanisch melde, was ihn lachen lässt. Er habe Teezeremonie-Schüler, daher telefoniere er wieder häufiger in seiner Muttersprache. Nachdem Mai zum Ausdruck gebracht hat, dass sie sich für ihn freue, kommt er recht schnell zum Thema: „Was ist los in Kalifornien?“ Mai berichtet ihm in knappen Worten, dass sie Claire Howard kennen gelernt habe und dass diese völlig anders sei als sie es erwartet habe. Ichigo Sakamoto erkundigt sich, wie sie das meine, und sie berichtet von den Gesprächen in der Bar und von der Empörung über Umweltverschmutzung, die sie und Claire eine. Der Kapitän der „Charlotte Howard“ verschweigt seiner Tochter, wie sehr ihn freut, dass sie mit ihm darüber redet, obwohl sie weiß, wie er dazu steht, dass sie sich Esther Goldstein-Howards Organisation anschließen möchte. „Und nun möchtest du versuchen, ob Claire die Seiten wechselt?“, fragt er. Sie lächelt ihr Telefon an und erwidert: „Es muss dir doch gefallen, dass ich dafür erst einmal in Kalifornien zu bleiben habe, oder nicht?“ Er wechselt abrupt ins Englische, um ihr zu erklären, sie sei zu amerikanisch-direkt für einen alten Japaner. Danach fragt sie ihn nur noch über seine Teeschüler aus, bevor sie das Gespräch beendet. Erst einige Minuten später überlegt er sich, dass der freundschaftliche Kontakt seiner Tochter mit Claire Howard sicherlich auch Liz Ames interessieren dürfte, aber Mais Telefon ist nun besetzt.

In Berkeley betrachtet Thomas Arden währenddessen die Blumen in seinem Garten, während ein Bursche von nebenan für ein paar Dollar seinen Pool reinigt. Er schüttelt den Kopf, spricht seine Gedanken aber nicht laut aus. Dass er nicht mit seiner Frau über seine Sorgen sprechen kann, nagt an ihm – und Liz Ames lässt sich schon den ganzen Vormittag über von ihrer Sekretärin abschirmen. „Vermutlich sehe ich Gespenster“, brummelt der Ingenieur in sich hinein. Seine Sorge, dass man ihm aus der Akte zum Navy-Projekt eine Verletzung der Aufsichtspflicht konstruiert und Dorothy Howard-Fieldings Anwälte ihm doch geschäftsschädigendes Verhalten nachweisen können, bekommt er einfach nicht aus seinem Kopf. Schließlich zuckt er die Schultern, bittet seine Frau, den jungen Poolreiniger noch eine Weile zu beaufsichtigen, und geht ins Haus, um zu telefonieren. Er wählt allerdings nicht die Nummer von Ames‘ Kanzlei, sondern die von Cristina Benitez. Diese nimmt ab: „Hallo Tom. Hast du heute nicht frei?“ Er bestätigt, lacht auf und erwidert, sie habe doch auch frei. Mit einem nervösen Vibrieren in der Stimme fragt sie: „Meinst du nicht, dass es komisch ist, wenn du an deinem freien Tag deine Sekretärin an ihrem freien Tag anrufst?“ Er erwidert fest: „Ja, ist es wahrscheinlich. Vermutlich ist mir nur langweilig, weil der Pool gereinigt wird. Ist schon okay. Bis Montag im Büro!“ Sie verabschiedet sich ebenfalls und legt auf, klaubt ihr Handy vom Küchenbord und dreht es um. Eine Post-It klebt darauf, sie atmet tief durch, schiebt das Festnetztelefon zur Seite und wählt auf dem Handy die Nummer, die auf dem Post-It steht. Nach sechs Freizeichen meldet sich eine junge, weibliche Stimme: „Hallo?“ Zögerlich leckt Cristina über seine Lippen, dann allerdings klingt sie fest: „Hallo. Mögen sie Donuts mit Gelee oder mit Streuseln?“ Für einen Atemzug herrscht Schweigen am anderen Ende, dann folgt die Gegenfrage, welche sie denn habe. Cris erklärt, sie habe nur Bagels. Schließlich nennt sie mehrere Orte und Zeiten, die Person am anderen Ende bedankt sich und legt auf. „Ist ja wie in einem Geheimagentenfilm“, murmelt Cris in sich hinein. Sie muss erst einmal ihren Sohn davon überzeugen, dass es jetzt gerade weder Bagels noch Donuts für ihn gebe, er aber gerne einen Moment fernsehen dürfe. Während der Siebenjährige begeistert die Fernbedienung schnappt, macht seine Mutter sich daran, die SIM-Karte aus dem Handy zu entfernen und durch eine andere zu ersetzen. Dann schickt sie ein „Daumen-hoch“-Emote über einen Messenger an Liz Ames und Tom Arden, bevor sie sich neben ihrem Sohn auf das Sofa setzt und sich mit dessen Lieblings-Zeichentrickserie ablenkt.

Am Abend desselben Tages lehnt Liz Ames sich in ihrem Bürostuhl zurück. Sie kommt erst jetzt dazu, all die entgangenen Mitteilungen auf ihrem Handy anzusehen: Tom Arden hat zweimal versucht, sie anzurufen, aber keine Mitteilung geschickt. Von Cris Benitez hat sie ein paar Emotes gesendet bekommen, Mai Sakamoto hat sie anzurufen versucht, Ichigo Sakamoto ebenso. Sie wiegt den Kopf hin und her, bemerkt dann aber zu sich selbst: „So dringend kann nichts sein, wenn Cris sendet, dass die Aktion läuft. Also gut.“ Nach einem kurzen Blick in das inzwischen leere Vorzimmer schließt sie ihre Bürotür und wechselt vom Business-Kostüm in ein rückenfreies Kleid mit Wasserfallausschnitt, steckt sich die Haare auf und verlässt kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Kanzlei. Dass eine der Sekretärinnen der anderen Partner sie sieht, bemerkt sie durchaus, lässt sich aber nicht davon drausbringen. Einen dünnen Mantel übergeworfen, steigt sie in die BART-Bahn nach San Francisco und lehnt sich zurück. Was sie tun wird, wenn Claire Howard nicht in der Bar auftaucht, will sie gerade überlegen, doch dann ruft sie sich zur Ordnung. Leise genug, um von anderen im Zug nicht verstanden zu werden, erklärt sie sich selbst nachdrücklich: „Sie WIRD kommen. Sie ist neugierig und Dorothy wie auch Charles junior behandeln sie wie eine Howard zweiter Klasse.“ Sie widmet sich nun dem Blick über die Bay und auf die Bay Bridge, statt ihren Gedanken und Zweifeln nachzuhängen. Auch die Messages auf ihrem Telefon wie auch die Nachrichten im Internet ignoriert sie für den Moment. Sie fokussiert sich, als stünde sie in ein paar Minuten in einem schwierigen Fall vor Gericht. Dann verlässt sie in San Francisco den Zug und macht sich auf den Weg zur Bar.

Zwei junge Männer in Kapuzenpullis bemerken die hübsch aufgemachte Blondine und wechseln ein paar knappe Worte, dann folgen sie ihr. Die Kapuzen haben sie übergezogen, sie sind regelrecht maskiert. Der Pullover des einen wölbt sich über etwas, das er mit der an den Bauch gepressten Rechten festhält. Entschlossen knallen die hohen Absätze der Frau in schwarzem Kleid und leichtem Mantel auf den Boden, im Dunkel zwischen zwei Straßenlaternen späht sie kurz über die Schulter in den orangen Lichtkreis. Die beiden Männer fallen ihr auf, und sie beschleunigt ihre Schritte. Dann überquert sie abrupt die Straße und verschwindet in einem nobel aussehenden Hauseingang, über dem ein Schild eine Bar bewirbt. Zwei Polizisten werfen zuerst der Dame, dann den beiden Männern neugierige Blicke hinterher, doch als die beiden Männer in Richtung der Piers an der Bay verschwinden, verlieren auch die Polizisten das Interesse.

Die Aufregung über die beiden Verfolger rötet Liz‘ Wangen, als sie die Bar betritt. Noch ist nicht viel los, die meisten Leute sind businessmäßig gekleidet und nicht so aufgedonnert wie die junge Anwältin. Sie zieht Blicke auf sich, hier fühlt sie sich damit aber wesentlich wohler als unten auf der Straße. Entschlossen wandert sie zur Theke, wirft ihren Mantel regelrecht ab und fängt ihn gerade noch so auf. Dann setzt sie sich auf einen Barhocker, über den sie den Mantel gebreitet hat und sieht hinunter in Richtung der Bay. „Nachts ist das viel aufregender als bei Sonnenuntergang. Cris muss etwas anderes sehen als ich… aber hallo!“ Zuerst hat sie geflüstert, dann haucht sie nur noch, nachdem sie sich selbst unterbrochen hat. Zwei dunkle Gestalten scheinen an einem Schiff herum zu sprühen, das an einem der Piers liegt. Von oben ist ganz gut zu erkennen, was dort passiert – und das eine Ende der gesprayten Schrift beginnt bereits zu phosphoreszieren. Liz ist viel zu fasziniert davon, wie langsam die Schrift „Pollutor!“ auf der Flanke einer alten Dieselfähre zu leuchten beginnt, um die Flucht der beiden Sprayer weiter zu verfolgen – oder Claire zu bemerken, die sich neben sie setzt und dann zurückzuckt: „Liz? Elizabeth AMES?“ Nun ist es an Liz, zu erschrecken. Sie beißt sich auf die Lippen, als ihr klar wird, dass ihr Erschrecken Aufmerksamkeit erregt. Dann jedoch lächelt sie gewinnend: „Ja. Elizabeth Ames. Mich erreichte eine Botschaft ihres Vaters. Er hatte sie an einem Geschenk an mich angebracht. Ich habe die Karte erst vorgestern geöffnet. Deswegen hatte ich sie angerufen…“ Sie ignoriert, dass Claire eher auf den bläulich leuchtenden Schriftzug auf der Fähre starrt, während sie Liz‘ Erläuterungen eher halbherzig lauscht. Doch dann hat Liz plötzlich Claires volle Aufmerksamkeit: „Wie jetzt? Vater… der alte Howard wollte, dass ICH das Testament einsehen darf und NIEMAND sonst?“ Die Anwältin bestätigt lächelnd und erklärt, für sie sei das ebenso überraschend gewesen wie für Claire. Sie fügt an, Claire könne ja das Testament einfach mal ansehen, bei Notar Aldred, und dann darüber nachdenken, was sie tun wolle. „Darüber muss ich wirklich nachdenken“, seufzt Claire, um dann zu fragen: „Sind sie denn überhaupt nicht verblüfft über diesen Leuchtschriftzug auf der Fähre, verdammt?“ Liz lacht hell auf, sie nippt an dem Whisky, den sie von Claire unbemerkt geordert hat. Über die Dreistigkeit sei sie sehr wohl erstaunt, bestätigt sie, aber über die Aktion selbst überhaupt nicht. Schließlich sei ja bekannt, dass eine neue Organisation von Ökoterroristen überall im und um den Pazifik aktiv sei. „Ist wie die Geschichte in Vancouver, nur eben in San Francisco.“ Liz gibt Claire noch ihre Karte und die von Notar Aldred, bevor die sichtlich nachdenkliche Howard-Tochter sich verabschiedet. Schließlich lehnt sie sich zurück und schaut auf die Bay hinaus, das Glitzern der Lichter von San Francisco und Oakland auf den Wellen: „Das nenne ich Timing.“ Dann klingelt ihr Telefon, sie nimmt ab: „Hallo?“ Ichigo Sakamoto spricht am anderen Ende, um Liz Neuigkeiten zu berichten. Sie wirft beinahe das Whiskyglas um, als er geendet hat, trinkt es in einem Zug aus und ordert ein neues: „Das ist ja ein Ding!“ Mehr Worte hat sie in diesem Moment nicht.

Folge 1.35: Anbahnungen

Das Telefon klingelt penetrant. Mai Sakamoto seufzt, dann richtet sie sich auf und schaut sich um, mechanisch stellt sie die Verbindung her, nachdem sie zweimal danebengegriffen hat. Dann dämmert ihr, dass es nicht ihr Telefon ist. „Äh…“, stottert sie in das Mikrofon, um sich dann zu fassen: „Bei Claire Howard. Es tut mir leid, ich bin nur zu Besuch bei ihr.“ Mai erkennt Liz‘ Stimme am anderen Ende nicht, da sie Claires Telefon nicht gewohnt ist. Auch Liz Ames schaltet nicht: „Ist Miss Howard nicht da? Ich müsste sie persönlich sprechen.“ Mai verspricht, sich darum zu kümmern. Als sie an Claires Schlafzimmertür klopft, wird sie hineingerufen. Claire sitzt angezogen auf ihrem Bett und wirkt recht frisch: „Guten Morgen!“ Mai erklärt mit merklich schlechtem Gewissen, dass sie reflexhaft ans Telefon gegangen sei und jemand sie sprechen wolle. Doch Claire lächelt nur, bedankt sich und nimmt das Telefon entgegen. Liz Ames bringt all den Charme auf, den sie vor acht Uhr nach einer recht alkoholreichen Nacht zusammenkratzen kann: „Miss Howard, ich hätte ein etwas – delikates Anliegen. Es geht dabei um das Erbe ihres Vaters.“ Claire stöhnt auf: „Sind sie von der Kanzlei, die meine älteren Halbgeschwister vertritt? Ich dachte, Charles Junior und Dorothy machen das – und Onkel Nick.“ Liz entgeht zunächst der Unmut, der aus Claire spricht. Sie erwidert zögernd: „Ähm – nicht so ganz. Vielleicht sollten wir uns wirklich treffen. Kennen sie die Dachterrassenbar in der Mission Street, oberhalb von Pier 14? Sie wohnen doch in San Francisco?“ Es dauert einen Moment, bis Claire klar wird, dass es sich um genau die Bar handelt, in der sie am Vorabend mit Mai gewesen ist. „Hören sie, ich kenne nicht einmal ihren Namen. Ich kann auch heute Abend nicht. Ich treffe mich mit meiner Mutter.“ Noch im selben Moment bereut Claire, so viel offenbart zu haben. Es geht die Fremde nun wirklich nichts an, warum sie an diesem Abend nicht kann – oder ob sie sich einfach nicht auf eine solch zwielichtige Geschichte einlassen will. Doch Liz lässt nicht locker: „Ich bin Liz. Eigentlich ist es mir eilig, aber morgen Abend kann ich nicht. Übermorgen? Acht Uhr abends in der Dachterrassenbar? Denken sie darüber nach – ich werde da sein. Äh – schwarzes Kleid mit tiefem Rückenausschnitt. Ich werde an der Bar sitzen und die Haare aufgesteckt haben – blonde Haare.“ Claire zögert noch immer, aber sie wird neugierig, was die Fremde zu sagen hat. „Wie heißen sie denn mit Nachnamen?“ Liz lacht: „Das sage ich ihnen übermorgen. Ich stecke mir eine schwarze Stoffrose auf die aufgesteckten Haare. Das ist hinreichend auffällig, gerade in dem Laden. Wenn sie nicht kommen, versuche ich mir zu verkneifen, sie wieder zu belästigen.“ Dann drückt Liz einfach auf den Knopf und beendet die Verbindung. Triumphierend grinst sie ihre Tür an – und schrickt heftig zusammen, weil die Tür offen ist und ihre Sekretärin dort steht. „Ich wollte nur…“ Liz unterbricht sie: „Guten Morgen sagen, nicht? Ich war so in das Telefonat vertieft. Es war nicht das, was sie vermutlich glauben. Ich betätige mich als… Jane Bond, könnte man sagen. Wären sie so nett und brächten mir eine Tasse Kaffee? Bringen sie sich gleich noch einen Kaffee mit – oder einen Tee, wenn sie das lieber mögen. Ich war in letzter Zeit ein wenig aufgekratzt und möchte mich entschuldigen.“ Bis die Tür hinter ihr zufällt, hat die Sekretärin sich noch im Griff, doch dann schaut sie, als habe sie gerade einen Geist gesehen. Nicht, dass Liz Ames keinen Grund hätte, sich zu entschuldigen. Allzuoft geht sie schroff mit ihr um, behandelt sie wie eine Bedienstete. Dass die Anwältin im Moment eines Triumphes allerdings nicht überheblich, sondern mit einer Entschuldigung reagiert, verblüfft sie maßlos.

„Ich wüsste wirklich gerne, wo die anderen gerade sind“, bringt Sally Marsh hervor. Chartrand lächelt und streicht ihr eine Strähne ihres Haares aus der Stirn. Vorsichtig, um sie nicht zu verschrecken, streicht er danach über ihren Nacken. „Das ist das Schwierige an solchen Missionen. Du musst Dich darauf verlassen, dass die anderen das Richtige tun.“ Sie muss grinsen: „Tun WIR denn das Richtige, Sylvain?“ In der schmalen Koje haben sie kaum eine Wahl, als engsten Körperkontakt zu haben, obwohl es schon die etwas komfortablere Kabine des Kommandanten ist, in der Sally Sylvain Gesellschaft leistet. Der Kommandant lächelt: „Was das Boot angeht: Ja, definitiv. Wir sind immer tief genug, dass wir von Satelliten nicht anhand unseres Wärme-Signals geortet werden konnten. SONAR-Netze gibt’s hier nur wenige, allerdings haben wir auch die, die ich kenne, sicher umgangen. Was uns beide angeht: Das musst du mir sagen. Von meiner Warte tun wir das Richtige, aber zu diesem Spiel gehören stets zwei, ma chère.“ Für einige Momente zögert sie, dann kuschelt sie sich noch etwas enger an ihn. „Marshall und Esther sagten mir beide, dass du – mich magst. Ich war etwas blind.“ Er hebt einen Zeigefinger und bewegt ihn hin und her: „Das ist keine Antwort auf meine Frage.“ Sie grinst und vertröstet ihn: „Frag‘ mich nochmal, wenn wir wieder auf Ni’ihau sind. Das hier ist ziemlich außerhalb von Raum und Zeit.“ Es klopft leise an der Tür der Kabine. Chartrand sieht Sally fragend an, sie nickt, also ruft er: „Herein!“ Es ist die Kommandantin der dritten Schicht, eine Mittdreißigerin namens Carmen Ochoa Sanchez. Sie hebt die Brauen, fasst sich dann aber schnell: „Sir, wir umgehen gerade ein Kriegsschiff. Vermutlich ist es ein australisches, ANZAC-Klassen-Fregatte, wenn wir nicht falsch liegen. Wir sind gegen deren Fahrtrichtung ausgewichen und haben auf halbe Fahrt verlangsamt, um leiser zu sein.“ Chartrand nickt und erwidert: „Gut gemacht, Carmen. Wir sollten vorsichtig sein, wenn eine ANZAC hier herumkurvt, könnten auch eine Collins-Klasse oder ein Hobart-Klassen-Zerstörer in der Nähe sein. Oder beides, dann würde ich mit noch mehr Fregatten rechnen.“ Ochoa nickt, sie denkt sich ihren Teil: Vor den Überwasser-Schiffen hat sie wenig Angst, aber ein Collins-Klassen-U-Boot der Royal Australian Navy würde ihr Sorgen bereiten: „Ich hänge mich an den zweiten SONAR-Platz, damit wir keine Überraschungen erleben, Sir.“ Sie schließt die Luke wieder hinter sich. „Da geht sie hin, die Geheimhaltung“, schmunzelt Sylvain. Sally brummt etwas, das wie „Ist mir egal“ klingt, und legt sich etwas bequemer hin, als er aufsteht und hinüber in die Zentrale geht.

Folge 1.34: Verwicklungen

Zwei Gläser Champagner hat Liz im Verlauf des Abends getrunken, dazu ein Glas Bourbon aus dem Vorrat von Kanzleigründer Ellison. Als sie nach der Feier allein in ihr Büro zurückkehrt, macht sie sich an der Vitrine zu schaffen: „Scheiß auf das Testament“, sagt sie sich recht undamenhaft und nicht gerade leise. „Seniorpartnerin wird man nicht alle Tage, erst recht nicht die erste Frau in der Kanzlei. Das Zeug lacht mich an!“ Dann holt sie die in Folie verpackte Holzkiste aus dem Geheimfach und schließt es sorgfältig wieder. Ein Gedanke überfällt sie unvermittelt: was, wenn etwas zum Navy-Projekt oder der geplanten Aktion auf der Karte von Charles Howard steht? Zwar hatte Charles eigentlich etwas anderes geplant, nämlich die Schenkung der Boote an Ökoterroristen, nicht die Gründung einer eigenen Organisation, aber auch das wäre kompromittierend genug. Sie steht auf und schließt die Bürotür ab. Mit zitternden Fingern will sie die Folie abreißen, aber dann entscheidet sie sich um. Zuerst geht sie an die Vitrine und holt ein Scotch-Glas heraus, stellt es auf den Schreibtisch, schaltet die Schreibtischlampe aus und die Deckenbeleuchtung an. Dann nestelt sie an der Folie herum, versucht sich an der Schleife der Verpackung und bekommt sie einfach nicht auf. Mit einer Schere schneidet sie die von schwarzem Lackband zusammengeraffte Folie ab und zieht die Verpackung herunter. Nachdem sie die Holzkiste, in der die teure Whiskyflasche liegt, in die Mitte des Tischs gelegt hat, wirft sie die Folie in ihren Abfallkorb, besinnt sich eines Besseren und fischt den Briefumschlag mit der Karte darin wieder heraus. Es kostet sie wenig Abwägen, zuerst die Flasche herauszuholen, behutsam und bedächtig zu öffnen und daran zu schnuppern. Genießerisch brummt sie vor sich hin, hält die Nase über den Flaschenhals und schließt kurz die Augen. Schließlich gießt sie ungefähr vier Zentiliter in das Glas, schnuppert nochmal am Korken und steckt ihn dann wieder auf die Flasche. Dann öffnet sie den Umschlag und holt die Karte heraus – handgeschöpftes Papier in einem teuren, zarten Umschlag. Das Glas in der einen, die aufgeschlagene Karte in der anderen Hand lehnt sie sich zurück, genießt das Aroma des dreißig Jahre alten Whiskys, nippt einen ersten Schluck und beginnt zu lesen. Plötzlich weiten sich ihre Augen, für einen Moment löst sich ihre Hand am Glas, so dass es einige Millimeter durch ihre Finger rutscht. Fast prustet sie die winzige Menge alten Laphroaig-Whisky auf den Schreibtisch, doch dann fängt sie sich wieder. „Ich werd‘ verrückt! Du alter Fuchs, das muss dir ein Heidenvergnügen bereitet haben!“ Sie verteilt die Flüssigkeit in ihrem Mund über ihre Zunge, bewegt die Zungenspitze hindurch und liest den Text noch einmal: „Liebe Elizabeth, so vieles von dem, was du für mich und meinen Sinneswandel getan hast, könnte ich dir nicht einmal vergelten, wenn ich dir dafür Geld geben könnte. Diesen Whisky weißt du wohl zu schätzen. Charles. P.S. Schicke Claire zu Danny. Er wird wissen, was zu tun ist.“ Langsam lässt sich Liz den Whisky auf der Zunge zergehen, schluckt und erschmeckt den Nachgeschmack. Schließlich flüstert sie in den Duft des noch immer zu drei Vierteln gefüllten Glases in ihrer Hand hinein: „Wahnsinn. Dieses Aroma! Und wenn das bedeutet, was ich denke, dann muss ich irgendwie Claire Howard für mich gewinnen! Das wird ein Stunt… und ausgerechnet jetzt ist Esther unter dem Pazifik unterwegs und ich kann sie nicht fragen, ob sie davon weiß.“

Charles Howard Junior sitzt an Dorothys Schreibtisch, Bob Landsman lehnt lässig in der Tür: „Die Akten sagen also, die Schlampe und dieser Schnauzbart haben nichts gewusst?“ Charles nickt und erklärt, Dorothy sei völlig außer sich. Sie sei so wütend gewesen, dass sie ihm von einem Teil des Inhalts der Akten erzählt habe. Landsman grinst breit und erwidert, in der Kanzlei sei man nicht minder enttäuscht, allerdings sei dieser Teil der Akten wohl nicht geheim. Ihn hätte man sonst wohl kaum informiert. „Aber du bearbeitest doch den verdammten Fall, Bob!“ Landsman lacht: „Freigabe oder nicht Freigabe, das ist hier die Frage. Meine hängt wohl noch irgendwo in Washington. Bei uns wird das richtig und rechtlich korrekt gemacht. Wir sind schließlich Anwälte.“ Charles zuckt die Schultern und fragt, ob Landsmans Kleinkrieg mit Liz Ames auch rechtlich korrekt und richtig sei. Der Anwalt zuckt die Schultern, doch der Howard-Erbe setzt nach: „Die Schnepfe ist ja hübsch, aber mit den glatt nach hinten gesprayten Haaren macht sie einen auf Domina. Ich hätt‘ sie gerne mit offenen Haaren auf meinem Bett.“ Nun fühlt Landsman sich herausgefordert, allerdings kündigt er nur an, etwas zu offenbaren. Zuerst solle Charles schauen, ob Dorothy anständigen Whiskey habe. Nach kurzer Inspektion des Schranks kommentiert Charles Junior: „Dorothy trinkt keinen Schluck. Das Zeug muss noch von meinem Vater sein. Talisker Port Ruighe?“ Landsman assistiert mit zwei Tumblern, sucht nach Eis, findet aber keines. Charles schenkt ein verbirgt seine Erleichterung über das Fehlen von Eis in der Bar seines Vaters. Beide Männer riechen an den Gläsern, stoßen an und nippen an der goldbraunen Flüssigkeit. Dann fragt er: „Also?“ Landsman schließt genießerisch die Augen, trinkt noch einen Schluck und beginnt dann zu erzählen, wie er Liz und eine ihrer Freundinnen auf einer Verbindungsparty anging. Der Howard-Erbe reißt die Augen auf: „Schwarzes Latex? Corsage? Mann, das ist ja geil. Ob sie sowas unter ihrem Kostümchen vor Gericht trägt?“