Folge 1.19: Nachwirkungen

Callaghan grinst: „Spätestens jetzt sollten die Leute anfangen, Fragen zu stellen!“ Doch Wells wiegt den Kopf hin und her. Er wirkt skeptisch. Esther zuckt die Schultern: „Wenigstens ist der Container intakt angespült worden. Bis auf die paar Teile, die vom Deck des Schiffs wieder ins Meer geprasselt sind, haben wir nichts ins Meer gebracht. Und niemand hat gesagt, dass wir mit zwei Anschlägen ins Gespräch kommen. Wir werden weiter machen.“ Chartrand nickt, kommentiert dann aber: „Nun wirst du dich aber erst einmal wieder brav als Charles‘ lustige Witwe präsentieren, damit niemand auf dumme Ideen kommt. Nebenbei halte ich es auch für sinnvoll, dass du beim nächsten Anschlag artig in Honolulu am Strand liegst und dich von Will Sanders eincremen lässt.“ Esther schluckt, dann nickt sie. Marsh nickt und wirft ein: „Vielleicht kommen sie nie auf die Idee. Aber wenn sie auf die Idee kommen, sollten wir nicht erst dann ein Alibi für dich haben. Für mich übrigens auch.“ Chartrand nickt ebenfalls, Wells grinst: „Ihr beginnt zu denken wie Terroristen. Gut so. Dann leben wir alle länger.“ Callaghan braucht sichtlich all seine Beherrschung, um nichts dazu zu sagen. Als auch niemand sonst noch etwas sagt, geht Chartrand zusammen mit einer Rudergängerin und dem Orter nach hinten zu den Kojen. Sally schiebt Esther ebenfalls dorthin: „Wir sollten noch eine Runde schlafen. Es sind noch mindestens zehn Stunden bis Hawaii.“ Wells übernimmt die Zentrale, während Callaghan nach vorne geht, wo das Gebläsekatapult und das Förderband stehen. Er streicht über das Band, dann murmelt er: „Das ist erst der Anfang. Sie werden Fragen stellen. Spätestens, wenn wir wirklich vitale Punkte treffen!“ Doch dann schreckt er auf. Erst nach einigen Atemzügen beruhigt er sich, die Schritte im Gang hat er sich wohl nur eingebildet. Ruhig gleitet „Aphrodite“ weiter in Richtung Nordosten – in Richtung Hawaii.

Senator Fielding lehnt sich in seinem Sessel zurück. „Was soll diese Frage?“, fragt er den Reporter der New York Times, der ihm gegenüber sitzt. Doch bevor der Journalist sich erklärt, fährt der Politiker fort: „Dorothy ist meine Frau, ja. Die Familie ist aber privat, und mein Amt hier ist politisch, Dorothys Engagement in der Firma ihres Vaters ist geschäftlich. Ich weiß nichts über die Umtriebe in der Firma und ich frage sie auch nicht. Sie erzählt es mir nicht. Wir haben eine tolle Ehe, weil das Geschäftliche und das Politische dort bleiben, wo sie zu bleiben haben – ersteres in Oakland, California in der Konzernzentrale, letzteres hier in Washington.“ Auch die nächste Frage bringt den Politiker nicht aus dem Konzept: „Sie sitzen im Wehrausschuss, Howard Industries hat für die Navy gearbeitet. Kann man das überhaupt trennen?“ Der Senator lächelt, schüttelt den Kopf und erwidert: „Ich könnte es sicher nicht trennen, wenn die Informationen so konkret wären. Wir erhalten Einschätzungen, die anonymisiert sind. Zumindest ich lege Wert darauf, nicht in einen Gewissenskonflikt zu geraten.“ Nach einigen weiteren Fragen zu anderen Themen ist Fielding wieder allein. Er erkundigt sich bei seiner Sekretärin, ob weitere Termine anstünden, doch das ist nicht der Fall. Fielding vertieft sich in ein Manuskript einer Rede, das er von seinem Kollegen aus Nevada erhalten hat. Doch die Zeilen verschwimmen ihm vor den Augen, schließlich hebt er den Hörer seines Telefons ab und ruft seine Frau an. Sie kommt gleich zur Sache: „Hallo Henry – solltest du nicht gerade von der New York Times interviewt werden?“ Umständlich erklärt der Senator seiner Frau, dass der Reporter schon wieder gegangen sei, dass ihm die Konzentration zum Lesen einer Rede fehle und dass er über mögliche Interessenkonflikte nachdenke. Dorothy klingt nachdenklich: „Erzähle ich dir zu viel oder zu wenig vom Geschäft, mein Schatz?“ Fielding zuckt die Schultern, was Dorothy zu erahnen scheint. „Darüber musst du dir klar werden, Henry. Dann kann ich danach handeln. Du kannst schlechte Presse über eine Verquickung von Politik und Geschäft nicht brauchen. Für mich und meine Arbeit wäre das fast noch schlimmer.“ Seufzend erklärt er, er werde darüber nachdenken. Dann fragt er: „Wann kommst du nach Washington? Oder sollen wir uns zuhause in Augusta ein schönes Wochenende machen?“ Doch zu beidem kann sie noch nichts sagen und vertröstet ihn. Resigniert legt er auf. Dass seine Karriere im Repräsentantenhaus, später im Senat, ihn ähnlich oft von gemeinsamer Zeit mit ihr abhielt, wie es nun bei ihr mit der Übernahme von Howard Industries der Fall ist, kommt ihm nicht in den Sinn.

„Ich will nach Hawaii!“ Anwältin Ames schüttelt den Kopf: „Warum, Mai? Um was genau zu tun?“ Die junge Japanerin starrt Ames entschlossen direkt in die Augen. Als Mai Sakamoto keine Antwort gibt, lächelt sie und drückt auf einen Knopf auf ihrem Telefon, ordert von ihrer Sekretärin eine Tasse Kaffee und eine Tasse Grüntee. „Sencha, wäre das in Ordnung, Mai?“ Höflich fragt Mai, ob sie stattdessen Bancha bekommen könne. Die Sekretärin erwidert in resigniertem Ton, sie werde sehen, was sich machen ließe. Liz steht auf, geht um ihren Schreibtisch herum und schaltet den Fernseher an. CNN bringt nur eine Kurznachricht zu dem angespülten Container auf Guam und dem Plastikteilregen auf dem Containerschiff. Als sie sich neben Mai auf der Klientenseite des Schreibtisches auf die Kante setzt, spricht sie deutlich leiser als zuvor: „Dein Vater will das nicht. Mrs. Howard hängt davon ab, dass alle, die Bescheid wissen, dichthalten. Das ist dir doch klar?“ Mai erwidert erstaunt: „Sie glauben, sogar hier in ihrem Büro abgehört zu werden?“ Liz zwinkert: „Man kann nie vorsichtig genug sein, junge Dame. Nicht, wenn es um so etwas geht. Also, bist du bereit, die Mission zu gefährden, um an ihr teilzunehmen?“ Mai schließt die Augen halb und lächelt ausdruckslos. Sie wartet ab, bis die Sekretärin den Tee und den Kaffee gebracht und das Büro wieder verlassen hat. Dann flüstert sie: „Ich werde meinen Vater überzeugen, dass er mich mitmachen lässt. Dann ist es nur meine Schuld, dass ich mitmache, und er wird nichts sagen, um mich nicht zu gefährden.“ Liz nippt an ihrem Kaffee, nach der dritten Wiederholung der Berichte aus dem Westpazifik schaltet sie den Fernseher wieder aus. Eine halbe Stunde lang unterhalten sich die Anwältin und die Musik-Studentin über belanglose Themen, Mai leert ihren Tee darüber, Liz ordert sich eine weitere Tasse Kaffee. Als Mai gegangen ist, schüttet sie einen Schluck Whisky in den Rest des Kaffees: „Wenn Corey nicht schon tot wäre, sollte man ihn erwürgen“, erklärt sie dem dunklen Fernsehbildschirm. Dann macht sie sich an die Durchsicht eines korrigierten Schriftsatzes. Als sie diesen gelesen hat, legt sie ihn in den Postausgang, setzt sich wieder an ihren Rechner und beginnt, einen Brief an den Notar Aldred zu verfassen, der Charles B. Howard über fast ein halbes Jahrhundert begleitet und seine Testamente verwaltet hat. „Wenn ich das öffentlich sagen könnte, was ich schon längst weiß, wäre es leichter – ganz ohne diesen Fight mit Bob. Andererseits… vielleicht ist es besser, dass man nicht alles öffentlich sagen kann, was man weiß.“ Bei dem zweiten Satz ihres Selbstgesprächs muss sie grinsen. Sie beschließt, beim nächsten Treffen mit Cristina Benitez zu erzählen, was eigentlich der Auslöser für Bob Landsmans Hass auf sie gewesen ist. Die Vorstellung von Cris Benitez‘ Miene über diese Offenbarung intensiviert das Grinsen.

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Folge 1.18: Kunststoffregen

In hohem Bogen fliegen Plastikteile durch die Luft, große Plastikteile, manche auch metallverstärkt. Wie langsame Granatsplitter schlagen sie auf den Containern ein, klappern auf die vierzig Fuß langen Quader. Splitter spröden Kunststoffs bilden einen Regen von Querschlägern, die sich über die Ladung des riesigen Schiffes verteilen. Corey Callaghan steht in einen enganliegenden Anzug aus ölig glänzendem Kunststoff gehüllt am Förderband, das auf dem Deck der „Aphrodite“ installiert und vertäut ist. Er ist zu beschäftigt, um den in einer ähnlichen Montur steckenden Körper Esther Goldstein-Howards zu begaffen, die gerade die Leistung des Gebläses erhöht, das den geförderten Müll durch die Luft wirbelt. Corey schaufelt aus Behältern weiteren Kunststoff auf das Band, das Gebläse schießt die Teile über das Frachtschiff, wie ein Düsentriebwerk sieht die Einrichtung aus. Das U-Boot liegt von der hohen Bordwand gedeckt direkt neben dem flugzeugträgergroßen Frachter. Erste Kunststoffteile zerplatzen an der Wand der Brücke des riesigen Containerschiffs, dann durchschlagen metallbewehrte Teile nach einer Flugbahn in hohem Bogen die Fenster des Kommandostands. Das Kreischen einer Frau am Heck ist bis zu dem fünfzig Meter entfernten U-Boot zu hören, dann stürmt sie im Bikini über das Deck. Sie hat keinen Blick für die Vorgänge auf See, kein Interesse an der Quelle des Regens von dreckigem, vermischtem Kunststoffabfall, sondern befasst sich vor allem mit dem Protest an den Kapitän des Frachters. „Runter!“, schnappt Esther in das Mikrofon, das in die Maske ihres Anzugs integriert ist. Callaghan will die Luke auf dem Deck des Bootes öffnen, doch Esther hält an ihrer Luke inne und eilt über das Deck. „Corey! Mach den verdammten Behälter zu, sonst kippen wir den Müll direkt in den Ozean!“ Gemeinsam schließen Callaghan und Esther die Klappe der Klein-Container, die vor dem Turm des Bootes vertäut sind. Dann lassen sie sich durch die Luke nach unten gleiten, während schon Wasser über das Deck schwappt. Als Esther die Maske in der Zentrale der „Aphrodite“ herunterreißt, befiehlt der Ex-Navy-Soldat Wells gerade, die Bilgenpumpen anzuwerfen. „Sind wir entdeckt worden?“, fragt die Millardärswitwe. Wells antwortet nicht, aber ein junger Mann am Ortungsterminal schüttelt den Kopf: „Ich glaub‘ nicht. Warum dauerte das so lange, vom Abbruchbefehl an?“ Callaghans Miene versteinert, als er ebenfalls in die Zentrale kommt. Esther erklärt, dass die Behälter mit dem aus einem geborgenen Container mit Müll darin noch wieder verschlossen werden mussten, bevor „Aphrodite“ tauchen konnte. Daher sei auch etwas Wasser durch die Luke geschwappt, weil das Boot schon tauchte. Für einen Moment scheint es, als wolle Callaghan Esther angreifen, dann will er etwas sagen, lässt es aber doch. Als er erkennt, dass Esther ihn gar nicht beschuldigt hat, nickt er: „Ging scheißschwer, die Dinger zuzumachen. Esther musste mir helfen.“ Wells lässt nicht erkennen, ob er die Lüge des promovierten Chemikers Callaghan durchschaut. Als drei Stunden später Chartrand das Kommando übernimmt, nachdem er den Einsatz verschlafen hat, beobachtet Callaghan merklich misstrauisch, dass Esther sich leise mit dem ehemaligen Fremdenlegionär unterhält. Doch statt ihn bei Chartrand anzuschwärzen, fragt Esther den Kommandanten, wie sie den Container voller Kunststoffmüll loswerden sollten, den sie vor Malaysia geborgen haben. Sally Marshs Vorschlag, den Container in die Strömung zu entlassen, so dass er recht sicher auf Guam angespült werde, gefällt Chartrand merklich besser als Esther. Als die Diskussion eine halbe Stunde später zwischen allen Mitgliedern der Besatzung weiter geführt wird, plädiert Chartrand für diesen Vorschlag. Es sei schließlich Abfall eines Rüstungskonzerns. Esther schluckt ihre Bedenken, ob der Container auch wirklich sicher angespült werde, da Chartrand betont, dass man sehr dringend das sperrige Teil loswerden müsse. Das Förderband und das Gebläse-Katapult für Müll könne man unter Deck unterbringen, aber der Container und die daraus entnommenen Behälter seien nicht nur für die Manövrierfähigkeit von „Aphrodite“ Gift, sondern machten sie auch über SONAR leichter zu orten.

„Explosion auf hoher See! Kunststoffabfallcontainer voller Sprengstoff?“, titelt ein Nachrichtenportal. Über den Bericht von dem explodierten Container voller Kunststoffabfall in der Philippinensee geht sogar ein Schnappschuss von Esther Goldstein-Howard unter, der sie mit verschmiertem Make-up unter der Sonnenbrille beim Verlassen einer Tiefgarage in einem Mercedes SLK zeigt.

Tom Arden nippt an seinem Bier, Cris Benitez hat einen Gin Tonic vor sich stehen. Liz Ames hält es mit Whisky und Kaffee, sie schiebt ihr Tablet zu den beiden Angestellten von Howard Industries hinüber. „Himmel, was ist da nun wieder passiert?“ Benitez hebt die Brauen, sagt aber nichts dazu. Arden runzelt die Stirn, dann legt er los: „Quatsch. Das kann keine Sprengung gewesen sein. Das hätte die anderen Container zerfetzt, diese Aufnahme zeigt aber, dass alles in Ordnung ist. Die Ladung ist auch komplett…“ Ames lächelt. „Du bist der Experte, Tom. Ich habe keine Ahnung von dem ganzen Physik- und Chemie-Quatsch.“ Die Barfrau schaut interessiert auf das Gerät, dann fragt sie: „Ich habe gelesen, dass ein Container auf Guam angespült wurde. Ein intakter Container.“ Benitez wirft ein: „Aber wie sollten denn völlig intakte Container einen Regen von Kunststoffteilen, wie diese Frau ihn beschreibt, auf einem Schiff erzeugen? Das ist doch Unsinn – wenn ein Container über Bord fällt, fällt er über Bord und gut. Oder etwa nicht, Tom?“ Arden zuckt die Schultern: „Das ist sehr seltsam. Aber vielleicht hat diese Frau ja auch nur zu viel getrunken und die Seeleute auf dem Frachter haben ihr einen Streich gespielt. Ich wusste gar nicht, dass für den Kapitän und seine Frau Containerschiffe so komfortabel sind – ein 20-Yard-Pool, Mann! Ich hab‘ nur einen 15-Yard-Pool im Garten!“ Befriedigt registriert Liz, dass die Barfrau sich mit dem nächsten Kunden über den Vorfall und Toms Einschätzung unterhält, während sie ihm einen Tequila Sunrise mixt. Die Anwältin übernimmt die Rechnung, auch wenn Tom Arden protestiert. „Du hast keine Ahnung, wie teuer mein Whisky war, Tom. Das passt schon.“ – „Dafür, wie er roch, kann er eigentlich nicht so viel gekostet haben“, echauffiert sich Cristina Benitez, aber Liz lacht nur. Arden lässt es sich allerdings nicht nehmen, das Taxi zurück nach Oakland zu bezahlen. Nicht nur Benitez, die wieder einmal das Spiel der Abendsonne um den Tunneleingang auf Yerba-Buena-Island bewundert, sondern auch Tom Arden und Liz Ames sind still und in sich gekehrt, während sie die Bay Bridge überqueren.

Folge 1.17: Idylle

„Du hast ja gute Laune!“ Sally Marsh sieht Esther entgegen, die gerade mit einem hohen Glas voller Latte Macchiato auf die Terrasse des Anwesens tritt. Tatsächlich rundet ein Lächeln die Wangen der braun gebrannten Millardärswitwe. Im Gegensatz zu Marsh, die ein leichtes Sommerkleid trägt, hat Esther nur einen schwarz-goldenen Bikini mit passendem Wickelrock darüber an, unter ihrem Arm klemmen eine Zeitung und ein Brief. Nachdem sie den Kaffee abgestellt hat, legt sie die Zeitung und den Brief daneben und macht es sich in einem Korbsessel bequem. Sie nimmt die Sonnenbrille vom Tisch und setzt sie auf. „Wir bekommen Besuch. Außerdem hat irgendeiner der Seeleute von der ‚Arctic Star‘ gequatscht. Dorothys Anwälte wollen ihm den Mund verbieten, aber er hat erfolgreich gegen die einstweilige Verfügung geklagt.“ Marsh schaut besorgt in die Zeitung, dann lacht sie auf: „Kein Wort über ein U-Boot, aber viel über Gülle und Öl. Sehr gut. Wer besucht uns denn?“ Trocken erwidert die Hausherrin: „Die Details sind wichtig. Er hat geschrieben, dass es ihre eigenen öligen Abwässer waren. Ich hoffe, wir werden Greenpeace und die anderen nicht drauf bringen müssen, was der Matrose gesagt hat.“ Während Will Sanders ein Tablett mit Eistee und Cappucchino auf die Terrasse bringt, fragt Sally nach: „Der Besuch, Esther. Wer besucht uns?“ – „Mein Bruder Eli. Er ist mit dem Wehrdienst fertig und kommt in zwei Wochen hierher. Zwei Wochen will er bleiben, er hat noch etwas Zeit, bevor sein Studium losgeht.“ Marsh lächelt und nickt, sie freut sich mit ihrer Chefin. Gutgelaunt stimmt Esther zu, als Sanders fragt, ob er sich mit einem Kaffee zu den beiden Frauen setzen dürfe. Die Vormittagssonne bescheint die Terrasse und Esther vertieft sich in ein Heft mit Klebebindung, das bereits auf dem Tisch lag: Karten mit Kursen und Zielen sind darin zusammengefasst, Einsatzpläne der Gruppe auf Ni’ihau. Sanders öffnet sein kurzärmeliges Hemd und hält seine behaarte Brust in die Sonne, während Sally sich mit einem Kosmetik-Katalog beschäftigt. Eine halbe Stunde später zieht sie ihr Kleid aus, was Sanders‘ Aufmerksamkeit erregt – doch an ihrem sportlichen Badeanzug saugt sich der Blick des Fahrers nicht sonderlich fest, und als sie recht schnelle Bahnen im Pool zu schwimmen beginnt, hebt er bewundernd die Brauen. Dann unterbricht Hiller mit einem Tablett die Runde – er bringt Pfannkuchen, Ahornsirup und Teller auf die Terrasse, doch auch das Mobilteil des Telefons hat er dabei. Nach zwei leisen Worten zu Esther nimmt diese ihm das Gerät ab und verschwindet durch die Terrassentür ins Wohnzimmer des Hauses, um mit Tom Arden zu telefonieren.

„Warum dauert das so lange?“ Dorothy Howard-Fielding stochert mit ihrem rechten Zeigefinger nach dem CIA-Agenten Bannister. Der Mann lächelt: „Nun, Abfragen müssen getätigt werden, Daten ausgewertet. So einfach ist das nicht, Mrs. Howard-Fielding. Sie können gerne ihren Ehemann fragen, er wird ihnen dasselbe sagen. Wenn wir ihnen die Sicherheitsfreigabe erteilen sollen, müssen wir uns an das Protokoll halten.“ Die Ehefrau des Senators tigert im Washingtoner Büro ihres Mannes auf und ab, Bannister bleibt der ruhige Herr der Lage, auch wenn Dorothy ihm vehement versagt hat, im Schreibtischsessel des Senators zu sitzen. „Wir müssen diese verdammten Akten einsehe, um ihnen beantworten zu können, was sie uns Fragen, Agent Bannister.“ – „Officer Bannister, Mrs. Howard-Fielding. Außerdem ist das ihr Problem, nicht das unsrige.“ Sie empört sich laut und vehement: „Warum schauen sie eigentlich nicht selbst nach? Es ist doch ein Projekt der Navy und SIE haben sicher die Freigabe…“ Bannisters Lächeln hat etwas Boshaftes, als er antwortet, es sei Dorothys Unternehmen, nicht seines. Er habe schließlich kein Recht, so ganz ohne Grund in die Privatsphäre der Bürger einzugreifen, und das sei ja auch im Geiste der Politik von Senator Fielding. Ob Dorothy sich in der Datenschutzinitiative von Senator Fielding und einiger seiner Mitsenatoren nicht wiederfinde, fragt er mit beißendem Spott. Für einen kurzen Moment scheint es, als wolle Dorothy explodieren, doch dann beherrscht sie sich mit Mühe. Schließlich erklärt sie: „Dann wissen sie ja, OFFICER Bannister, warum wir noch nicht die Informationen haben, nach denen sie dürsten, nicht wahr?“ Bannister schaut süßsäuerlich drein, als der das Büro verlässt. Seinen Ärger über die Retourkutsche Dorothy Howard-Fieldings hat er aber erst zugelassen, als er außerhalb ihrer Sichtweite war. „Ich würde ja, wenn ich könnte. Aber scheinbar will jemand ganz oben in Langley, dass Howard Industries das selbst regelt…“

 

Folge 1.16: Spekulationen

„Miss Ames, gestern ist dieser Schriftsatz vor Gericht eingegangen“, verkündet der Richter. Liz Ames steht auf und bestätigt, doch der Richter fährt fort: „Sie erläutern darin mittels des Terminkalenders die möglichen Termine, zu welchen die Änderung des Testaments von Mr. Charles Benjamin Howard zugunsten von Mrs. Esther Goldstein-Howard zustande gekommen sein kann. Möchten sie den Schriftsatz kommentieren, der in dieser Form auch Mr. Landsman und seinen Kollegen zugänglich gemacht wurde?“ Die Anwältin lässt sich nicht lange bitten. In kurzen, prägnanten Sätzen erläutert sie, wann und wie Änderungen am Testament von Charles Benjamin Howard beim Notar Mr. Aldred vorgenommen und in dessen Safe eingelagert wurden. Das Testament sei nach einer Änderung kurz nach der Scheidung Charles B. Howards von seiner zweiten Frau Isabelle Lagarde über viele Jahre hinweg nicht angetastet worden. Erst einige Wochen nach der Hochzeit von Charles und Esther sei die nächste und damit letzte Änderung am Testament vorgenommen worden. „Wir bitten zu beachten, dass Mr. Howard seinen letzten Willen vorletztmalig anpasste, nachdem er öffentlich mit seinem Bruder Nicolas Howard, seiner Tochter Dorothy Howard-Fielding und seinem Sohn Charles Howard Junior brach, in zeitlichem Zusammenhang mit der Scheidung von Mrs. Isabelle Lagarde – eine Anpassung zugunsten seiner Kinder und seines Bruders zu diesem Zeitpunkt kann als sehr unwahrscheinlich angesehen werden.“ Sie beruft sich auf den Inhalt des nun zu vollstreckenden Testaments und stellt in den Raum, dass es sehr viel wahrscheinlicher sei, dass die letzte Änderung nicht nur zugunsten Esthers, sondern auch zugunsten Claires, Dorothys, Nicks und Charles Juniors ausgefallen sei. Als sie nichts mehr anfügen will, weist Bob Landsman die Einlassung als rein spekulativ zurück. „Wenn Mr. Aldred uns eine glaubhafte frühere Version des Testaments vorlegen könnte, welche die Howard-Familie außen vor lässt, würde ihr Konstrukt vielleicht glaubhaft erscheinen können, Miss Ames. Dies wäre jedoch aufgrund der Verschwiegenheitsvereinbarung zwischen Mr. Howard und Mr. Aldred sogar dann unmöglich, wenn eine solche frühere Version noch existierte. Mit der Trennung von Mrs. Lagarde, so wird glaubhaft aus Mr. Howards Umfeld versichert, blieb Charles B. Howard kaum mehr als eine Familie, namentlich Mrs. Dorothy Howard-Fielding, Mr. Charles Howard Junior und Mr. Nicolas Jeremy Howard.“ Es entbrennt eine vom Richter moderierte Debatte, welche Rolle die Stiftungen „The Bay“ und „Charles B. Howard“ in einem hypothetischen zwischenzeitlichen Testament hätten spielen können. Beide waren zur vorletzten Testamentsänderung, vor der Scheidung Charles B. Howards von Isabelle Lagarde, gegründet worden. Als sich die Debatte zunehmend im Kreis dreht, vertagt der Richter die Verhandlung um die Zulassung der Anfechtung des Testaments. Ames fasst ihre Papiere zusammen und geht zum Mittelgang, wo Cristina Benitez auf sie wartet. Landsman räuspert sich. Als Ames zu ihm hin schaut, deutet er mit dem Finger an, durch einen Ring vor seinem Hals zu greifen – und mit der anderen Hand scheint er etwas zu greifen und daran zu ziehen. Ames funkelt ihn kalt an. Nachdem sie mit Benitez durch eine Meute von Journalisten zum Auto gegangen ist, explodiert sie auf dem Beifahrersitz: „Ich stoße Bob in den Staub, der wird vor mir knien, nicht ich vor ihm!“ Benitez beruhigt sie, soweit sie neben dem Fahren Aufmerksamkeit dafür aufbringen kann. Als sie jedoch fragt, was es mit diesem Willen, den anderen zu unterwerfen, auf sich habe, hüllt Ames sich in Schweigen. Instinktiv greift sie nach einer Whisky-Flasche auf dem Bord, als Benitez sie in die Kanzlei begleitet. Dann lässt sie die Schultern sinken und stellt die Flasche zurück. „Ich erzähl’s dir, Cris. Irgendwann. Aber heute nicht. Ich saufe heute aber auch nicht mehr. Ich habe viel zu viel zu tun!“

Landsman gibt der Presse ausführliche Interviews über den Stand der Dinge vor Gericht, mit zwei Seniorpartnern der Kanzlei im Hintergrund. Claire Howard runzelt die Stirn, während sie das Interview in den Nachrichten verfolgt. Einige Augenblicke später klingelt ihr Handy, sie sieht die Nummer ihrer Mutter und nimmt ab. „Hallo Mom.“ Isabelle Lagarde fragt, ob Claire das Interview mit dem Anwalt gesehen habe, seufzend bestätigt sie. Bei Isabelles Vortrag, wie wütend und verletzt Charles Howard über die Hintertreibung seiner Ehe gewesen sei, hört Claire fast schon weg. Sie erwidert: „Ich weiß, Mom.“ Einen Moment lang schweigt Isabelle Lagarde, dann fügt sie an: „Es hat mich gewundert, dass Dorothy, Nick und Charles Junior im Testament standen. Aber vielleicht war er wirklich einsamer danach, als ich dachte.“ Claire seufzt, sie zuckt die Schultern, auch wenn ihre Mutter das nicht sehen kann. Als Claire fast eine Minute nichts gesagt hat, bricht ihre Mutter dieses Schweigen mit dem Vorschlag, Claire solle einfach abwarten, was passiere. Schließlich treffe es mit Esther keine arme Frau, wenn das Testament tatsächlich aufgehoben werde. Nach ein paar belanglosen weiteren Themen beenden Mutter und Tochter das Gespräch. Als Claire wieder ihr Anatomiebuch ergreift, springt ihre Katze auf ihren Schoß und rollt sich schnurrend zusammen. Mit Mühe wechselt sie so lange ihre Position, bis die Katze bequem liegt und sie trotzdem lernen kann. Eine halbe Stunde später döst sie weg, das Buch sinkt auf den Tisch und die Katze kuschelt sich noch enger an ihr Frauchen.

Folge 1.15: Annäherungen

„Walpisse!“, erklärt Bob Landsman mit einer gewissen Endgültigkeit. Charles Howard junior wedelt mit seinem Kaffeebecher, Spritzer treffen die Zeitung: „Blödsinn! Die haben ihren Klo-Tank auf’s Deck ausgepumpt!“ Der Anwalt widerspricht: „Warum sollten die das machen? Das lässt man einfach ab, die Scheiße!“ Das Gespräch der beiden Männer wogt zwischen amüsiertem Kommentar für die Schlagzeile und ernsthafter Rechthaberei. Dann klatscht eine Aktenmappe mitten auf die Zeitung. Landsmans Senior-Partner erklärt: „Dieser Schriftsatz muss heute noch zum Gericht, Bob.“ Landsman zögert, Charles Juniors Grinsen ist nicht dazu angetan, seine Verärgerung über die Störung zu mildern. Aber er begehrt nicht auf, zieht die Mappe an sich und schlägt sie auf. Der ältere Anwalt nimmt die Zeitung, bleibt an dem Bild von Esther Goldstein-Howard in der unteren, rechten Ecke der Titelseite hängen und pfeift durch die Zähne. Er schickt seine Sekretärin nach einem Glas Bourbon und lehnt sich zurück. „Nun, Mr. Howard, was kann ich für sie tun?“ Charles Junior nippt an seinem Kaffee, dann holt er einen gefalteten Bogen unter dem Jackett hervor. Er glättet die Seite auf dem Tisch und schiebt sie dem älteren Anwalt hin: „Die Vollmacht von Claire.“ Der Chef der Kanzlei nickt und zieht das Papier zu sich heran. Claire Howards Unterschrift ist deutlich zu erkennen. Es ist einfaches, eher dünnes Druckerpapier, der gedruckte Text zeugt davon, dass der Toner am Ausgehen war. Er gibt das Dokument an seine Sekretärin, als diese seinen Whisky bringt. Sie solle Kopien und Fotos davon machen, weist er an. Die Angestellte wartet ein Nicken ihres Chefs ab, bevor sie auf Charles Juniors Bitte reagiert, auch einen Whisky zu bekommen. Landsman ist derweil in die Korrekturen der anderen Partner an seiner Vorlage zur Testamentseröffnung vertieft. Nach einem Schluck Whisky schaut auch der ältere Anwalt nun auf die eigentliche Schlagzeile und kommentiert: „Unsinn. Bestenfalls Seemannsgarn. Außerdem haben diese Idioten kein Recht, mit der Presse über Vorgänge auf dem Tanker zu reden. Wir haben eine einstweilige Verfügung beantragt.“ Bei Bourbon erklärt er Charles Junior, dass die Kanzlei auch die Reederei vertrete, für die der Tanker fahre. Landsman nimmt die Unterlagen und zieht sich in sein Büro zurück, da er sich neben dem Gespräch nicht konzentrieren kann. Seinen Kaffee nimmt er mit. Draußen strahlt die Morgensonne über der San Francisco Bay.

Im Firmensitz von Howard Industries trifft Thomas Arden gerade in seinem Büro ein. Cristina Benitez sieht auf: „Guten Morgen, Mr. Arden.“ Sie hat ihm drei Zeitungen auf dem Konferenztisch arrangiert, die breite Schiebetür zwischen Sekretariat und seinem Büro ist weit offen. Er wirft einen Blick auf den Fächer aus bedrucktem Papier und muss grinsen. Auf allen Titelseiten ist der Anschlag mit dem Jauchestrahl, auf einigen mehr, auf anderen weniger reißerisch. Eines der seriöseren Blätter befasst sich mit der Infektion, die sich die beiden Seemänner durch die Exkremente zugezogen haben. Er runzelt die Stirn, verfolgt diese Entwicklung der Ereignisse jedoch nicht weiter. „Sagen sie mal, Miss Benitez – wär’s für sie okay, wenn sie mich Tom nennen?“ Sie lächelt. „Cris“, sagt sie nur, hebt den Hintern leicht vom Stuhl an und streckt ihm die Hand entgegen. Er nimmt die Hand und lächelt. „Cappucchino?“, fragt er, doch bevor sie aufstehen kann, ist er bereits an der Kaffeemaschine. Auf ihre irritierte Zustimmung hin bereitet er zuerst ihr einen Cappucchino und sich danach einen Espresso. Dann geht er die Anrufe durch, die sie für ihn notiert hat. „Hast du HI-HI schon zurückgerufen, Cris?“ Sie schüttelt den Kopf, doch bevor sie anbieten kann, für ihn die Verbindung herzustellen, beginnt er bereits zu wählen. Eine halbe Stunde später lehnt er sich zurück und legt den Hörer auf. Benitez telefoniert gerade, sie wimmelt Anrufer für ihn ab. Er seufzt, denn eigentlich würde er gerne mit jemandem darüber reden, dass Dorothy nun mit Macht danach strebt, Akteneinsicht in das Navy-Projekt zu erhalten. Auch auf Hawaii hat sie es nun versucht, über eine dort ansässige Anwaltskanzlei. Bisher hat sie jedoch keinen Erfolg gehabt. Auf ein Telefonat mit Liz Ames über das Thema hat er allerdings auch keine Lust, daher wendet er sich einer Reihe Berichte aus der Kunststoffentwicklungsabteilung zu, die man ihm zur Ansicht geschickt hat. Wirklich interessantes Material bekommt er allerdings nicht mehr zu Gesicht – dafür haben Dorothy und Nicolas Howard gesorgt.

In der beengten Messe der „Aphrodite“ geht die Sektflasche herum, Corey Callaghan kümmert sich um die Füllung der Gläser der Frauen, bevor er die Flasche an Chartrand weitergibt. Dann sind alle bedient – doch kein Toast wird ausgebracht. Chartrand bricht das Schweigen: „Auf einen Achtungserfolg!“ Die Runde echot das Wort „Achtungserfolg“, dann reden alle durcheinander. Esther lächelt still und zufrieden inmitten der feiernden Besatzung. Chartrand gesellt sich zu ihr und fragt, ob sie sich nicht der Euphorie hingeben wolle. Zwei Tage nach der Attacke hat sich immer noch kein Hinweis ergeben, dass irgendwer das U-Boot gesehen hat. Doch sie erwidert leise: „Wir haben einmal Erfolg gehabt. Man hat uns nicht gesehen, aber wir machen Schlagzeilen. Es wird nicht einfacher – und erst, wenn man ein Muster erkennt, wird klar, gegen was wir kämpfen. Ein Muster macht uns aber berechenbar.“ Er zwinkert, tätschelt ihr die Schulter: „Lass den Triumph zu. Das Für und Wider der Strategie hat dich viel zu schnell wieder.“ Esther nickt, dann bringt sie einen Toast auf viele weitere Erfolge aus. Das stille, melancholische Lächeln ist weggeblasen, ebenso hat sie ihre Skepsis über die strategischen Möglichkeiten der Gruppe unsichtbar gemacht. Schließlich hebt sie noch einmal das fast leere Glas: „Wir werden sie in einen Strudel reißen! In einen Strudel, wie sie einen beschworen haben!“ Corey Callaghan setzt zu einer Ergänzung an, entdeckt aber auf dem großen Bildschirm ein Satellitenbild, das den Müllstrudel im Nordpazifik zeigt. Sie steht viel zu weit von den Kontrollen entfernt – Chartrand nickt anerkennend, als er begreift, dass Esther und die an einer Konsole lehnende Marsh Callaghan geschickt den Wind aus den Segeln genommen haben. Zwei Stunden später steigen Sally und Esther auf die „Charlotte Howard“ um, etwa hundert Meilen nordöstlich von Big Island. Kapitän Sakamoto heißt sie willkommen, außer ihm ist niemand an Bord. Dem Logbuch entnimmt Esther den Kurs – eine lange Runde um die Inseln hat die Yacht gedreht, so dass Esthers Abwesenheit auf Oahu nicht auffiel. „Ist Mai wieder in Kalifornien, Kapitän?“, fragt Esther. Der Japaner nickt, doch glücklich wirkt er nicht. Es bleibt unausgesprochen, dass weder Esther noch er selbst möchten, dass Mai Sakamoto sich Esthers Gruppe anschließt.

Folge 1.14: Erstschlag

„Bin schon dran!“ Corey Callaghan lehnt sich zurück: „Siebenhundert Meter. Zwei Mann mit großen Säcken an Deck. Dem Geräusch nach lassen sie auch irgendwas ab.“ Chartrand bestätigt: „Siebenhundert. Zwei mit Säcken. Verklappung. Sollen wir, Esther?“ Die Angesprochene trägt den schwarzglänzenden Anzug. „Bereit.“ Chartrand gibt ruhig, aber in schneller Folge Befehle – das Klein-U-Boot „Aphrodite“ steigt einige Meter, dann wird die Luke zum Turm geöffnet. Esther steigt hinauf, nachdem sie eine Maske übergezogen hat. Bis auf sechzig Meter haben sie sich dem riesigen Tanker genähert, als Esther auf dem Turm erscheint und zwei Hebel greift. Ihre Stimme ist hörbar aufgebracht, als sie in ihr Mikrofon unter der Maske zischt: „Öl und Dreck verklappen die, und ihren Müll kippen sie über Bord! Feuer frei, Sylvain?“ Die Frage klingt eher wie eine Forderung, der Kapitän gibt zurück: „D’accord!“ Ein langes Rohr, ebenfalls mit dem schwarzglänzenden Kunststoff beschichtet, hat sie bereits auf die beiden Seemänner ausgerichtet, die ihre Säcke ins Meer entleeren. Es klickt, als Esther einen kleinen Hebel am Griff des Geschützes drückt.

Auf dem Tanker „Arctic Star“ hat niemand das kleine Boot bemerkt, das sich an Steuerbord von achtern her genähert hat. Die beiden Seemänner mit den Müllsäcken voller Chipstüten, Plastikbierflaschen und sonstigem Müll scherzen an der Reling, während sie die Säcke hochwuchten und nur noch am unteren Falz festhalten. Sie schütteln, erste Müllteile fallen heraus, trudeln die Bordwand hinunter in Richtung Wasseroberfläche. Keiner der beiden merkt, dass etwas nicht stimmt, bis es zu spät ist.

In hohem Bogen baut sich der Strahl auf, platscht anfangs einen halben Meter neben den Matrosen auf das Deck, bevor er sie trifft. Grünbraun ist die brockige Flüssigkeit, die zuerst eine Lache auf dem Tanker bildet und dann die beiden Männer durchnässt. „Was…?!?“, bricht es aus dem einen hervor, dann trifft ihn der Fäkalienstrahl gegen die Brust und wirft ihn zurück. Der Gestank erreicht sein Bewusstsein erst, als er schon unter dem Strahl rücklings auf dem Deck liegt, inmitten des zurück auf das Deck gespülten Mülls, den er eben ins Meer kippen wollte. „Lanze raus, pumpen!“, befiehlt Chartrand. Doch nicht Seewasser will er ansaugen, sondern den Strom des öligen Abwassers, den das Schiff hinter sich herzieht. Drei Minuten hält Esther den Beschuss aufrecht, dann lässt sie den Abzug der Pumpe los, rutscht mit Griff an das Gestänge der Leiter ins Boot zurück. Es bildet sich nicht einmal ein Strudel, als das U-Boot rasch abtaucht, kaum dass die Luke verschlossen ist.

„Dann spritzte Gülle aus dem Meer!“, titelt eine Klatschzeitung in der San Francisco Bay Area. Das Bild darunter zeigt einen widerlich aussehenden Strahl von Exkrementen, einen halben Meter durchmessend, der einen Seemann trifft. Dass sie ein Bild stellen mussten, scheint die Reporter nicht gestört zu haben. Gegen diesen Vorfall verblasst sogar das neueste Strand-Bild aus dem Teleobjektiv, das Will Sanders über Esthers nur von einem Bikini bekleidete Brust gebeugt auf dem Gelände eines Clubs in Honolulu zeigt.

Folge 1.13: Bis zum Brechen

Das Telefon klingelt penetrant. Es hört nicht auf. Das Klingeln hallt in Elizabeth Ames‘ Kopf nach, schickt Wellen des Schmerzes und der Übelkeit durch ihren Geist und Körper. „Ach Scheiße!“, presst sie hervor, unterdrückt ein Würgen und braucht drei Versuche, bevor sie richtig über das Display wischt, um die Verbindung herzustellen. Sie meldet sich mit ihrem Nachnamen und kann nicht verhindern, dass es wie ein Vorwurf und eine Rüge zugleich klingt. Immerhin, so geht es ihr durch den Kopf, hat man ihr den Kater nicht angehört. „Liz, Dorothy Howard-Fielding ist hier, mit ihren Anwälten.“ Schlagartig wird Ames wacher, zugleich muss Cristina Benitez hören, wie sie würgt. Während sie in der Hoffnung, sich doch nicht übergeben zu müssen, in Richtung Badezimmer schlurft, bringt Benitez sie auf den neuesten Stand: Dorothy Howard-Fielding, Robert Landsman und drei weitere Partner der Kanzlei, von der sich Howard-Fielding vertreten lässt, standen bereits bei ihrem Arbeitsbeginn vor der Tür und forderten Akteneinsicht. Thomas Arden käme immer erst gegen neun, daher sei sie allein mit der Miteigentümerin und ihren Anwälten in den Büros der Entwicklungsabteilung für das Navy-Projekt. „Ich gehe kotzen und duschen. Ich bin in zwanzig Minuten da, Cris. Halte sie so lange hin“, erwidert Ames und beendet die Verbindung. Etwas derangiert sieht die Anwältin noch immer aus, als sie mit vier Mann vom Howard-Industries-Sicherheitsdienst kaum achtzehn Minuten später im Vorzimmer von Thomas Ardens Büro auftaucht. „Guten Morgen! Was soll das hier werden?“, fragt sie scharf. Dorothy Howard-Fielding führt ihr Recht als stimmberechtigte Miteigentümerin an, doch Ames wischt die Äußerung weg, bevor die ältere Frau ausgesprochen hat. „Bullshit, Mrs. Fielding. Die Akten zu diesem Projekt sehe auch ich nicht. Sicherheitsfreigabe durch die zuständige Navy-Behörde ist dafür erforderlich.“ Dorothys Gesicht läuft rot an. „Ich bin die Ehefrau von Senator Fielding…“ Wieder wird sie von Ames unterbrochen. „Das ist völlig gleichgültig. Sicherheitsfreigaben sind persönlich. Haben sie eine? Oder ihre netten Aff- Anwälte hier?“ Grinsend nimmt sie zur Kenntnis, das Landsman die Fäuste ballt und Dorothy Howard-Fieldings Augen hervorquellen. Die Sicherheitsleute des Konzerns machen die Schultern breit, doch Landsman stochert nur mit dem Zeigefinger in Ames‘ Richtung: „Das gefällt dir, du lackierte Kuh, aber irgendwann kniest du vor mir, und dann gefällt dir auch das!“ Dorothy Howard-Fielding fällt die Kinnlade herunter, Cristina Benitez schluckt, doch Elizabeth Ames grinst nur. „Träum weiter, Bob. Cris, ich hätte gerne einen schwarzen, starken Kaffee, während Mrs. Fielding nach ihren Papieren für die Sicherheitsfreigabe sucht und die Herren Anwälte wegschickt – die haben nämlich keine, das habe ich geprüft.“ Dorothy Howard-Fielding faucht noch, das habe ein Nachspiel und sie nehme das als Beweis, dass Ames etwas zu verbergen habe. Dann rauscht sie mit ihren Anwälten ab. Kaum ist sie aus der Tür heraus, krallt Elizabeth Ames sich an der Kante von Benitez‘ Schreibtisch fest, beugt sich vornüber und erbricht sich würgend auf den Fußboden. „A-alles in Ordnung, Miss Ames?“, stottert einer der Sicherheitsleute. Doch sie herrscht ihn nur an, er solle Putzzeug bringen. Zehn Minuten später sitzt sie, die Stirn in die Handflächen gestützt, über einer dampfenden Tasse Kaffee an Thomas Ardens Besprechungstisch. Nur Cristina Benitez ist anwesend, die Sicherheitsleute haben eine Reinigungskraft geschickt, aber die ist auch schon wieder weg. Benitez fragt mitfühlend: „Migräne?“ Ames schüttelt den Kopf. Ihrer Stimme ist ein selbstironisches Grinsen anzuhören, doch vor allem klingt sie elend. „Eine ganze Flasche Laphroaig – oder zumindest die zwei Drittel, die noch drin waren. Bob vor Gericht zu demütigen befriedigt mich zu sehr.“ Benitez seufzt und macht sich daran, eine Mineralstoff-Brausetablette in einem Glas Wasser aufzulösen, um Ames wiederherzustellen.

„Elizabeth Ames ist am Telefon für sie, Mrs. Howard!“ John Hiller hält Esther das kabellose Gerät entgegen, als sie aus der Tiefgarage des Anwesens in die Eingangshalle kommt. Seufzend nimmt sie an: „Liz?“ Ames beginnt grußlos, von Dorothy Howard-Fieldings Versuch zu berichten, die Akten des Navy-Projekts einzusehen. Esther hört zu und nickt dabei, unterbricht Ames aber weder mit Zustimmung noch mit Zwischenfragen. Als Ames mit dem Bericht fertig ist, beginnt sie mit ihrer Interpretation: „Wahrscheinlich ist das eine Retourkutsche, weil Bob Landsman sich bei der Anhörung zum Testament provozieren lassen hat.“ Esther erwidert, ihr sei durchaus klar, dass Dorothy Howard-Fielding auf Dauer auch versuchen werde, Arden und sie wegen geschäftsschädigenden Verhaltens an Howard Industries zu belangen. „Ich gehe davon aus, dass die Navy oder die CIA Druck auf die neuen Eigentümer ausüben. Hat sie denn Erfolg gehabt?“ Ames lacht: „Ich habe ihr die Sicherheitsfreigabe um die Ohren geschlagen. Sie hat keine vorweisen können. Ich habe ihr allerdings nicht auf die Nase gebunden, dass ich eine habe. Hast du das Büro in Hawaii angespitzt, dass sie nur Leuten mit Freigabe Einsicht gewähren?“ Esther erklärt, das habe sie getan, sie komme gerade aus Honolulu. Ames kichert: „Wenn denen klar wird, dass die Akten eine Niete sind, würde ich gerne deren Gesichter sehen. Vor allem von Charles Junior und Bob. Von Dorothy bekomme ich nicht mehr als den roten Kopf, den sie heute morgen bekommen hat.“ Esther nickt und lächelt, dann warnt sie Ames, die Sache nicht zu persönlich zu nehmen. Als sie das Gespräch beendet, fragt Hiller, was Esthers Plan für den Tag sei. Sie zuckt die Schultern. „Ich würde mich an den Strand legen, John. Morgen fahre ich nach Ni’ihau.“ Hiller nickt, dann schlägt er vor, ihr Coktails an den Strand zu bringen, außerdem sei ein Brief von Eli Goldstein, ihrem Bruder in der Post. Dann beschließt sie, den Brief mit an den Strand zu nehmen und sich von Will Sanders nach nach Waikiki-Beach fahren zu lassen. Schulterzuckend erwidert sie auf Hillers Bedenken: „Ein Paparazzi-Bild von Charles Howards lustiger Witwe im Bikini am Strand überdeckt, falls irgendein Journalist mitbekommen hat, dass Dorothy und ihre Anwälte heute morgen Tom Ardens Büro durchsuchen wollten.“ Hiller schlägt vor, Sally Marsh statt Will Sanders mitzunehmen, aber Esther lacht auf: „Sanders wird sich freuen, mir den Rücken einzucremen. Sally macht nicht mehr so einen Eindruck, viele haben begriffen, dass sie mir nur den Rücken eingecremt hat und da nicht mehr war.“

Die Navigatorin der „Aphrodite“ bringt Callaghan und Chartrand Kaffee an den Tisch in der Messe des Höhlenverstecks auf Ni’ihau, woraufhin Chartrand sich schlagartig unterbricht. Er spricht erst weiter, als die junge Frau wieder aus dem Raum gegangen ist. „Wir hängen von Sakamoto ab, Corey! Wir können uns nicht leisten, dass er unwillig wird, weil du seine Tochter auf unsere Mission anspitzt!“ Callaghans finstere Miene zeugt von noch mehr schlechter Laune als ohnehin schon. Er versucht ein Schweigen, doch dann bricht es aus ihm hervor: „Du bist also Esthers Bote, der mich disziplinieren soll! Verdammte Scheiße, ich bin für den Idealismus und dieses Projekt gestorben, und ich brauchte Hilfe beim Untertauchen. Ich brauchte Mais Hilfe und ich war am Arsch, Sylvain, am Arsch, sag‘ ich dir!“ Chartrand zuckt die Schultern: „Wir ALLE haben verdammte Opfer für diese Operation gebracht, nicht nur du. Captain Sakamoto will nicht, dass wir Mai hineinziehen, und doch ist es passiert. Wenn er redet, bist du wirklich tot. Und nicht nur du. Also, bau keinen weiteren Mist. Klar?“ Wieder schweigt Callaghan, fast eine Minute lang. Dann atmet er tief ein und aus, schließlich erwidert er: „Aye, Sir.“ Chartrand wirkt nicht überzeugt, aber er sieht ein, dass er für den Moment nicht mehr Einsicht bekommen wird. Nachdem Callaghan sich in sein Quartier zurückgezogen hat, nimmt Chartrand sich die Seekarte wieder vor. Drei Kurse sind eingezeichnet, einer vom persischen Golf, zwei weitere von Alaska an die US-Westküste. Mit einem Marker zieht er die Linien in neongelb nach, jeweils bis zu einem bestimmten Punkt. Dann rechnet er, schließlich nickt er. „D’accord“, sagt er mehr zu sich selbst. Mit einem grünen Marker zeichnet er Querstriche auf die Kurse, dann zeichnet er Linien von den Hawaii-Inseln in Richtung der Kurse ein, nickt und lehnt sich zurück. Wenn sein Stellvertreter, Mr. Wells, Esther Howard am nächsten Tag abgeholt hat, werden sie alle drei Schiffe noch auf hoher See erreichen können. Zufrieden lehnt er sich zurück – zumindest an dieser Front gibt es keine absehbaren Probleme. Dass der Ärger um Mai Sakamoto ebensowenig ausgestanden ist wie Corey Callaghans militante Phantasien über das Projekt, bereitet ihm mehr als genug Sorgen. Schulterzuckend leert er seinen Kaffee und öffnet dann eine Flasche Bier. Zumindest an diesem Abend wird sein klarer Kopf nicht mehr benötigt, sagt er sich.