Folge 1.6: Abgetaucht

Als Kaptiän Sakamoto den Motor abstellt, muss Esther niemandem mehr vorspielen, sie gehe baden. Reporter sind nicht in der Nähe, in allen Richtungen ist nur leerer, blauer Pazifik zu sehen. An Steuerbord wird das Wasser einige hundert Meter vom Schiff entfernt etwas dunkler. Nur bei näherer Betrachtung ist schwimmender Müll auf der Strömung zu sehen, weit und breit ist der Himmel frei: Die „Charlotte Howard“ wird nicht von Drohnen beobachtet. Als ein leichter Ruck durch das Schiff geht, hebt Mai die Brauen. „Du bleibst hier!“, erklärt Kapitän Sakamoto mit Nachdruck an seine Tochter gewandt, diese nickt und bestätigt – für dieses Mal. Corey Callaghan klettert die Leiter unter der weit über das Heck des Rumpfes hinausragenden Plattform hinunter, dann ist ein gedämpftes, metallisches Geräusch zu hören. Callaghan und eine Frau unterhalten sich, dann ruft Callaghan nach oben: „Alles klar, Esther. ‚Aphrodite‘ ist angedockt. Wir können wechseln!“ Mai Sakamoto sieht durch die Öffnung hinunter, während Esther, Sally Marsh, Corey Callaghan und ein weiterer Mann in das nass-schwarz glänzende U-Boot steigen, dessen flacher Turm unter der Plattform am Heck der Yacht verborgen liegt. In Griechischen Lettern steht der Name „Aphrodite“ in weiß umrahmtem Blau auf dem Aufbau, zwei weitere, größere Luken im flachen Deck sind zu erkennen. Doch die junge Frau bekommt nicht viel Zeit, sich das U-Boot anzusehen. Kaum sind die vier Gestalten die Leiter in den spärlich beleuchteten Schacht hinuntergestiegen, wird die Luke zugeklappt. Nur Augenblicke später zischt Luft, dann sinkt der von schwarzem, gummiartig aussehendem Kunststoff beschichtete Rumpf in die Fluten des Pazifik. Mai läuft nach hinten an die Reling, aber sie sieht das Boot nur noch kurz, bevor die schwarze Masse nicht mehr vom umgebenden, dunkelblauen Meer zu unterscheiden ist. Äußerlich lächelt sie, aber in ihrem Inneren tobt es. Zu gerne wäre sie mitgefahren, erst recht, da in der Verwirbelung, die das schnell Abtauchen hinterlassen hat, einige Kunststoffteile, ein Dosen-Netz aus durchsichtigem Plastik und zwei Folien Spiralen auf dem Wasser drehen. Als sie sich umdreht, steht ihr Vater hinter ihr. Es braucht keine Worte zwischen ihnen, beide wissen: Mai wird sich Esther irgendwann anschließen und nichts, das Ichigo Sakamoto tun könnte, kann sie davon abhalten. Seufzend geht der Japaner wieder nach vorne und löst den einzigen verbliebenen weiteren Mann am Steuer ab, um wieder Richtung Howard-Anwesen zu steuern.

Im U-Boot „Aphrodite“ ist es eng und warm. Esther betritt die Zentrale des Test-Gefährts durch einen schmalen Gang, sieht sich um und nickt zufrieden. An den Wänden sind Kontrollinstrumente, Bildschirme, Tastaturen und Trackbälle montiert, davor stehen mehrere Menschen. Die Erinnerung zaubert Esther dieses Mal ein Lächeln ins Gesicht. Warum keine Klappsitze vor den Kontrollen angebracht seien und warum die Kontrollen selbst so hoch an der Wand installiert seien, hatte Charles Howard gefragt. Sie schreckt aus ihren Gedanken hoch, bemerkt erst jetzt, dass sie ihre Antwort laut ausgesprochen hat: „Es gibt Notsitze, unter den Panels. Aber im Stehen nimmt man weniger Platz weg. Raum ist knapp auf einem U-Boot.“ Sylvain Chartrand, der in der Mitte der Zentrale steht, zwinkert ihr zu: „Erst recht auf einem verkleinerten Prototypen wie diesem.“ Esther fühlt sich ertappt und überdeckt das mit dem Kommentar: „Ja, Sylvain. Aber das war auf ‚Nereide‘, nicht auf ‚Aphrodite‘.“ Der französisch-polynesische Ex-Soldat nickt und streicht sein beiges Hemd glatt. Auf der Brust prangt ein aufgestickter Schriftzug: „CO, Aphrodite“. Nur kurz fragt Esther sich, ob er das Hemd selbst bestickt hat oder ob er das Inkognito der Gruppe und ihrer U-Boote verletzt habe, indem er die Stickerei in Auftrag gegeben hat. Sie weiß, dass Chartrand die Geheimhaltung ernster nimmt als die meisten anderen. Sie fragt: „Sind alle Boote und alles Equipment gut auf Ni’ihau angekommen?“ Chartrand nickt, dann berichtet er, dass das Höhlenversteck an einer von den Dorfbewohnern gemiedenen Küstenecke mittlerweile fast unsichtbar sei, selbst wenn man direkt davor stehe. Die Stellen, an denen man die Höhlen erweitert habe, seien wieder überwachsen. Sogar ein kleiner Strand, der von Land aus nicht eingesehen werden könne, stehe zur Verfügung. Esther behält ihre Zweifel für sich, ob baden vor dem Höhlenversteck auf der verbotenen Insel so eine gute Idee sei. Zu lange schon sind Chartrand und seine Leute isoliert dort, als dass sie ihnen diese Abwechslung vergällen würde. Drei Männer und eine Frau betreiben das U-Boot, Esther und ihre Begleitung haben nichts zu tun. Sally Marsh folgt, als Corey Callaghan und der zweite Mann nach hinten in die Messe gehen, Esther bleibt und verfolgt die Fahrt durch den Kauai-Channel. Nach einer Stunde dreht Sylvain Chartrand sich um: „Hast du etwas an meiner Bootsführung auszusetzen, Esther? Du schaust wie ein Admiral auf Inspektion.“ Sie schüttelt den Kopf und lächelt dann. Nach einem Zögern erklärt sie, sie stelle sich gerade vor, was sie mit den Booten tun werden. Chartrand bringt es ebenfalls zum lächeln, er fragt, ob sie eine Weile das Kommando übernehmen wolle. Als sie nickt, bietet er ihr seinen Platz in der Mitte an und schickt sich an, in die Messe zu gehen. Sie hält ihn kurz auf: „Corey hat sich bei Mai Sakamoto verplappert.“ Chartrand hebt die Brauen, verzieht missbilligend den Mund und nickt dann, im stummen Einverständnis, dass er die Rüge erteilen wird und nicht Esther selbst.

In den Kartentisch am Platz des Kommandanten sind Touchscreens und ein großer Kartenbildschirm eingelassen. Eine transparente Übersichtskarte wird gerade auf den großen, stehenden Glasbildschirm zwischen ihr und der Navigationskonsole projiziert. Auf ihren Befehl hin taucht das Boot etwas tiefer: Dreihundert Meter Wasser über Deck lassen Esther sicherer werden, nicht entdeckt zu werden. Sie spielt ein wenig mit den Kontrollen herum, verschafft sich einen Überblick. Die Systeme sind vertraut, sie hat oft in der Halle damit herumprobiert. Dann setzt sie Kopfhörer auf und lauscht dem Wasser. Von den Geräuschen von ‚Aphrodite‘ ist in dem Schleppmikrofon tatsächlich nichts zu hören. Esther verliert sich in den Geräuschen des Meeres und erschrickt heftig, als die junge Afroamerikanerin vom Ruderstand zu ihr sagt: „Wir nähern uns Ni’ihau. Sollen wir in dieser Tiefe durch den Kanal anfahren oder schleichen wir uns entlang der Steilküste?“ Sie wiederholt die Frage noch einmal, bevor Esther begreift, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Dann erklärt sie, das Boot solle möglichst nah am Grund aus dem Kanal heraus die Höhlen anfahren.

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