Folge 1.10: Klagen

„Warum soll ich als Nebenklägerin auftreten, wenn ihr alles bezahlt, Charles?“ Claire Howard schüttelt den Kopf. Charles Junior trinkt den letzten Schluck seines Biers, Claires Wasser ist fast unberührt. Sie sitzen in einer Bar in Oakland, Claire trägt Pullover und Hosen, Charles einen Anzug, zu dem seine lässige Haltung nicht recht passen will. Als er geschluckt hat, erwidert er, sie habe doch auch ein Interesse, dass Esther nicht ihren Anteil beschneide. Claire schüttelt den Kopf, angewidert und ein bisschen bestürzt registriert sie, dass er noch ein Bier bestellt. Eigentlich hatte sie gehofft, sie sei ihren fünfzehn Jahre älteren Halbbruder nun bald los. „Das Geld spielt für mich keine Rolle. Ich hätte gerne mehr Zeit mit meinem leiblichen Vater verbracht. Ich habe mein Studium selbst finanziert, mit Mutters Hilfe.“ Dass nichts, aber auch gar nichts sie mit Charles und Dorothy verbinde, die Charles Benjamin Howards Ehe mit Claires Mutter hintertrieben haben, bis sie geschieden wurde, sagt sie nicht. Charles Junior bemerkt das Zögern nicht, als sie kurz überlegt, dieses Thema doch anzuschneiden. Mehr Geld sei doch immer gut, kommentiert er. Claire wird immer einsilbiger, verspricht dann aber, am nächsten Morgen in Dorothys Büro bei Howard Industries vorbeizukommen, um Dorothy eine Vollmacht zu erteilen, auch in ihrem Namen das Testament Charles Howards anzufechten. Sie entspannt sich erst, als Charles Junior sein Bier getrunken hat, bezahlt und geht. Die Kellnerin kommt zum Tisch: „Möchten sie noch etwas trinken? Ein Gentleman war er ja nicht, sonst hätte er für sie bezahlt.“ Claire zuckt die Schultern. Sie erklärt nicht, dass es bei dem Treffen nicht um eine romantische Angelegenheit ging. Als sie in den Abend hinausgeht, ohne noch einen weiteren Drink genommen zu haben, seufzt sie. Dorothys und Charles Juniors Absicht, das Erbe anzufechten, ist ihr zuwider, aber auch die junge Esther, mit der Charles Benjamin Howard ihre Mutter ersetzt hat, ist ihr mehr als nur suspekt. Sie nimmt ab, als ihr Telefon klingelt. „Hallo Mama“, begrüßt sie ihre Mutter. Dann beantwortet sie die Frage, was Charles Junior von ihr gewollt habe. Die Mutter erklärt, als sie damit fertig ist: „Charles Senior hat uns versorgt, auch wenn er sich getrennt hat. Er hat dem Druck nachgegeben. Ich war verletzt, dass er nicht mehr gekämpft habe, aber ich bin es nicht mehr. Es war weniger seine Schuld, als ich immer dachte.“ Claire erwidert: „Ich weiß aber vor allem eh nicht, was ich mit den ganzen Firmenanteilen, dem Geld und den Häusern machen soll.“ Die Mutter macht viele Vorschläge, doch Claire wirkt weiterhin nicht glücklich mit dem bestehenden Geldsegen, geschweige denn mit dem noch ein Fünftel höheren Anteil, wenn Esthers Anteil tatsächlich auf die anderen Erben verteilt würde. Nachdenklich schließt sie ihre kleine Wohnung auf, nur zögerlich verbindet sich der neue Reichtum in ihren Gedanken mit dem Unmut über die alte, vom Renovierungsstau geprägte Wohnung, in der sie zum Studium wohnt. „Eigentlich war ich ganz froh, dass mein Stiefvater seinen Reichtum nicht zeigt und ich auf meinen eigenen Beinen stehen muss“, erklärt sie ihrer Katze. Das grau-schwarz getigerte Tier maunzt und interessiert sich nicht für den Unternehmer Lunden, den Claires Mutter nach der Scheidung von Charles Howard geheiratet hat, auch nicht für die anderen Probleme ihres Frauchens. Claire gibt dem simpleren Bedürfnis nach und füllt etwas Nassfutter in den Fressnapf des Tiers, bevor sie sich ein Glas Cola eingießt. An Schlaf will sie ohnehin noch nicht denken.

Zehn Meilen weiter südlich, auf dem Flughafen San Francisco, lehnt Elizabeth Ames in einem Durchgang an der Wand und fällt dann abrupt in den schnellen Schritt Thomas Ardens ein. „Willkommen in Kalifornien, Tom“, spricht sie ihn an. Er hat sie schon bemerkt, als sie neben ihm aus ihrer Erstarrung fiel und lächelt nun. Rasch wird er ernst und fragt: „Gibt’s Neuigkeiten vom Gericht?“ Ames bemerkt sarkastisch, er verliere keine Zeit mit Höflichkeiten, wehrt aber ab, als er sich entschuldigen will. Geschäftig erklärt sie, dass die Klage noch nicht eingereicht sei, laut der Esther und er Howard Industries durch ihr schlampiges Verhalten in Sachen Navy-Auftrag/Halle E17 geschädigt hätten. Aber durch den Durchstich an die Medien seien sie eventuell in Zugzwang. „Ich dachte, die brennen darauf, diese Klage einzureichen? In Zugzwang klingt nicht danach.“ Ames kichert. Sie wartet, bis Arden neben ihr im Auto sitzt und niemand sie einfach belauschen kann. „Cris Benitez hat mitbekommen, dass Dorothy und Charles Junior noch auf eine Bestätigung warten, die sie aber nicht bekommen. Das können eigentlich nur Claire oder Nicolas sein.“ Arden erwidert trocken, ihm solle es recht sein. Ames nickt und erwidert, die Chancen, Esther und Arden zu verklagen seien gar nicht so schlecht. Sie konzentriert sich auf den Feierabendverkehr der Stadt, schweigend erreichen sie San Francisco. Als er ungehalten das Schweigen bricht und fragt, ob sie aufgeben wolle, lächelt sie wölfisch, lässt den Motor aufheulen, um gerade noch bei Gelb über die Ampel zur Bay Bridge zu kommen, und erwidert: „Ich brenne darauf, mit diesem Arsch Bob Landsman vor Gericht die Klingen zu kreuzen. Ich bin nur Realistin. Die Wirklichkeit ließ sich nur am besten hinter einem Verhalten verbergen, das eben auch als fahrlässig geschäftsschädigend interpretiert werden kann.“ Arden zuckt die Schultern. Ändern könne er es eh nicht. Ames zwinkert und führt neben ihrer persönlichen Fehde mit Landsman auch den Haufen Geld an, den Esther ihr für ihre Verteidigung gegen eine solche Klage zahle. Als sie Arden an dessen Wohnung in Concord absetzt, wartet seine Frau bereits in der Tür. Ames lenkt ihren Wagen in Richtung der Kanzlei und fragt per Freisprechanlage im Büro an, ob die Klage nun eingegangen sei. Bisher sei allerdings nur die Testamentsanfechtung offiziell, sonst sei nichts Neues zu vermelden. „Reicht ja auch“, erwidert Ames und legt auf.

Chartrand lehnt sich zurück. Der Sessel im Wohnzimmer des Howard-Anwesens ist ihm nach mehreren Wochen in dem kargen Quartier des Verstecks auf Ni’ihau fast ein wenig suspekt. „Wann startet die erste Aktion? Für welche haben wir uns nun entschieden?“, fragt er. Esther zuckt die Schultern. „Nächste Woche. Wir haben drei problematische Tanker identifiziert und ihre Routen nachvollzogen. Die Kurse habe ich hier.“ Sie reicht ihm einen USB-Stick über den Tisch. Er nickt, birgt den Stick in seiner Hand. Dann betrachtet er die Einrichtung und wechselt das Thema, lobt das stilvolle Anwesen und fragt, wann Charles Howard dieses Haus gekauft habe. Esther erklärt, er habe es nicht gekauft, sondern für seine zweite Frau gebaut – diese habe den protzig-pseudoklassizistischen Stil der anderen Howard-Anwesen kritisiert. Chartrand lässt unausgesprochen, dass er es für schwierig hält, in einem so auf eine andere Frau zugeschnittenen Haus mit einem Mann zu leben. Doch Esther antizipiert seine Gedanken. „Isabelle Howard – pardon, Isabelle Lagarde hat das Haus nie gesehen. Als es fertig war, war die Scheidung schon eingereicht. Ich war mir Charles‘ Liebe sehr sicher. Dass er das Haus für Belle gebaut hatte, hat mich nie gestört. Ich finde es eher schade, dass sie es nie gesehen hat.“

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