Folge 1.13: Bis zum Brechen

Das Telefon klingelt penetrant. Es hört nicht auf. Das Klingeln hallt in Elizabeth Ames‘ Kopf nach, schickt Wellen des Schmerzes und der Übelkeit durch ihren Geist und Körper. „Ach Scheiße!“, presst sie hervor, unterdrückt ein Würgen und braucht drei Versuche, bevor sie richtig über das Display wischt, um die Verbindung herzustellen. Sie meldet sich mit ihrem Nachnamen und kann nicht verhindern, dass es wie ein Vorwurf und eine Rüge zugleich klingt. Immerhin, so geht es ihr durch den Kopf, hat man ihr den Kater nicht angehört. „Liz, Dorothy Howard-Fielding ist hier, mit ihren Anwälten.“ Schlagartig wird Ames wacher, zugleich muss Cristina Benitez hören, wie sie würgt. Während sie in der Hoffnung, sich doch nicht übergeben zu müssen, in Richtung Badezimmer schlurft, bringt Benitez sie auf den neuesten Stand: Dorothy Howard-Fielding, Robert Landsman und drei weitere Partner der Kanzlei, von der sich Howard-Fielding vertreten lässt, standen bereits bei ihrem Arbeitsbeginn vor der Tür und forderten Akteneinsicht. Thomas Arden käme immer erst gegen neun, daher sei sie allein mit der Miteigentümerin und ihren Anwälten in den Büros der Entwicklungsabteilung für das Navy-Projekt. „Ich gehe kotzen und duschen. Ich bin in zwanzig Minuten da, Cris. Halte sie so lange hin“, erwidert Ames und beendet die Verbindung. Etwas derangiert sieht die Anwältin noch immer aus, als sie mit vier Mann vom Howard-Industries-Sicherheitsdienst kaum achtzehn Minuten später im Vorzimmer von Thomas Ardens Büro auftaucht. „Guten Morgen! Was soll das hier werden?“, fragt sie scharf. Dorothy Howard-Fielding führt ihr Recht als stimmberechtigte Miteigentümerin an, doch Ames wischt die Äußerung weg, bevor die ältere Frau ausgesprochen hat. „Bullshit, Mrs. Fielding. Die Akten zu diesem Projekt sehe auch ich nicht. Sicherheitsfreigabe durch die zuständige Navy-Behörde ist dafür erforderlich.“ Dorothys Gesicht läuft rot an. „Ich bin die Ehefrau von Senator Fielding…“ Wieder wird sie von Ames unterbrochen. „Das ist völlig gleichgültig. Sicherheitsfreigaben sind persönlich. Haben sie eine? Oder ihre netten Aff- Anwälte hier?“ Grinsend nimmt sie zur Kenntnis, das Landsman die Fäuste ballt und Dorothy Howard-Fieldings Augen hervorquellen. Die Sicherheitsleute des Konzerns machen die Schultern breit, doch Landsman stochert nur mit dem Zeigefinger in Ames‘ Richtung: „Das gefällt dir, du lackierte Kuh, aber irgendwann kniest du vor mir, und dann gefällt dir auch das!“ Dorothy Howard-Fielding fällt die Kinnlade herunter, Cristina Benitez schluckt, doch Elizabeth Ames grinst nur. „Träum weiter, Bob. Cris, ich hätte gerne einen schwarzen, starken Kaffee, während Mrs. Fielding nach ihren Papieren für die Sicherheitsfreigabe sucht und die Herren Anwälte wegschickt – die haben nämlich keine, das habe ich geprüft.“ Dorothy Howard-Fielding faucht noch, das habe ein Nachspiel und sie nehme das als Beweis, dass Ames etwas zu verbergen habe. Dann rauscht sie mit ihren Anwälten ab. Kaum ist sie aus der Tür heraus, krallt Elizabeth Ames sich an der Kante von Benitez‘ Schreibtisch fest, beugt sich vornüber und erbricht sich würgend auf den Fußboden. „A-alles in Ordnung, Miss Ames?“, stottert einer der Sicherheitsleute. Doch sie herrscht ihn nur an, er solle Putzzeug bringen. Zehn Minuten später sitzt sie, die Stirn in die Handflächen gestützt, über einer dampfenden Tasse Kaffee an Thomas Ardens Besprechungstisch. Nur Cristina Benitez ist anwesend, die Sicherheitsleute haben eine Reinigungskraft geschickt, aber die ist auch schon wieder weg. Benitez fragt mitfühlend: „Migräne?“ Ames schüttelt den Kopf. Ihrer Stimme ist ein selbstironisches Grinsen anzuhören, doch vor allem klingt sie elend. „Eine ganze Flasche Laphroaig – oder zumindest die zwei Drittel, die noch drin waren. Bob vor Gericht zu demütigen befriedigt mich zu sehr.“ Benitez seufzt und macht sich daran, eine Mineralstoff-Brausetablette in einem Glas Wasser aufzulösen, um Ames wiederherzustellen.

„Elizabeth Ames ist am Telefon für sie, Mrs. Howard!“ John Hiller hält Esther das kabellose Gerät entgegen, als sie aus der Tiefgarage des Anwesens in die Eingangshalle kommt. Seufzend nimmt sie an: „Liz?“ Ames beginnt grußlos, von Dorothy Howard-Fieldings Versuch zu berichten, die Akten des Navy-Projekts einzusehen. Esther hört zu und nickt dabei, unterbricht Ames aber weder mit Zustimmung noch mit Zwischenfragen. Als Ames mit dem Bericht fertig ist, beginnt sie mit ihrer Interpretation: „Wahrscheinlich ist das eine Retourkutsche, weil Bob Landsman sich bei der Anhörung zum Testament provozieren lassen hat.“ Esther erwidert, ihr sei durchaus klar, dass Dorothy Howard-Fielding auf Dauer auch versuchen werde, Arden und sie wegen geschäftsschädigenden Verhaltens an Howard Industries zu belangen. „Ich gehe davon aus, dass die Navy oder die CIA Druck auf die neuen Eigentümer ausüben. Hat sie denn Erfolg gehabt?“ Ames lacht: „Ich habe ihr die Sicherheitsfreigabe um die Ohren geschlagen. Sie hat keine vorweisen können. Ich habe ihr allerdings nicht auf die Nase gebunden, dass ich eine habe. Hast du das Büro in Hawaii angespitzt, dass sie nur Leuten mit Freigabe Einsicht gewähren?“ Esther erklärt, das habe sie getan, sie komme gerade aus Honolulu. Ames kichert: „Wenn denen klar wird, dass die Akten eine Niete sind, würde ich gerne deren Gesichter sehen. Vor allem von Charles Junior und Bob. Von Dorothy bekomme ich nicht mehr als den roten Kopf, den sie heute morgen bekommen hat.“ Esther nickt und lächelt, dann warnt sie Ames, die Sache nicht zu persönlich zu nehmen. Als sie das Gespräch beendet, fragt Hiller, was Esthers Plan für den Tag sei. Sie zuckt die Schultern. „Ich würde mich an den Strand legen, John. Morgen fahre ich nach Ni’ihau.“ Hiller nickt, dann schlägt er vor, ihr Coktails an den Strand zu bringen, außerdem sei ein Brief von Eli Goldstein, ihrem Bruder in der Post. Dann beschließt sie, den Brief mit an den Strand zu nehmen und sich von Will Sanders nach nach Waikiki-Beach fahren zu lassen. Schulterzuckend erwidert sie auf Hillers Bedenken: „Ein Paparazzi-Bild von Charles Howards lustiger Witwe im Bikini am Strand überdeckt, falls irgendein Journalist mitbekommen hat, dass Dorothy und ihre Anwälte heute morgen Tom Ardens Büro durchsuchen wollten.“ Hiller schlägt vor, Sally Marsh statt Will Sanders mitzunehmen, aber Esther lacht auf: „Sanders wird sich freuen, mir den Rücken einzucremen. Sally macht nicht mehr so einen Eindruck, viele haben begriffen, dass sie mir nur den Rücken eingecremt hat und da nicht mehr war.“

Die Navigatorin der „Aphrodite“ bringt Callaghan und Chartrand Kaffee an den Tisch in der Messe des Höhlenverstecks auf Ni’ihau, woraufhin Chartrand sich schlagartig unterbricht. Er spricht erst weiter, als die junge Frau wieder aus dem Raum gegangen ist. „Wir hängen von Sakamoto ab, Corey! Wir können uns nicht leisten, dass er unwillig wird, weil du seine Tochter auf unsere Mission anspitzt!“ Callaghans finstere Miene zeugt von noch mehr schlechter Laune als ohnehin schon. Er versucht ein Schweigen, doch dann bricht es aus ihm hervor: „Du bist also Esthers Bote, der mich disziplinieren soll! Verdammte Scheiße, ich bin für den Idealismus und dieses Projekt gestorben, und ich brauchte Hilfe beim Untertauchen. Ich brauchte Mais Hilfe und ich war am Arsch, Sylvain, am Arsch, sag‘ ich dir!“ Chartrand zuckt die Schultern: „Wir ALLE haben verdammte Opfer für diese Operation gebracht, nicht nur du. Captain Sakamoto will nicht, dass wir Mai hineinziehen, und doch ist es passiert. Wenn er redet, bist du wirklich tot. Und nicht nur du. Also, bau keinen weiteren Mist. Klar?“ Wieder schweigt Callaghan, fast eine Minute lang. Dann atmet er tief ein und aus, schließlich erwidert er: „Aye, Sir.“ Chartrand wirkt nicht überzeugt, aber er sieht ein, dass er für den Moment nicht mehr Einsicht bekommen wird. Nachdem Callaghan sich in sein Quartier zurückgezogen hat, nimmt Chartrand sich die Seekarte wieder vor. Drei Kurse sind eingezeichnet, einer vom persischen Golf, zwei weitere von Alaska an die US-Westküste. Mit einem Marker zieht er die Linien in neongelb nach, jeweils bis zu einem bestimmten Punkt. Dann rechnet er, schließlich nickt er. „D’accord“, sagt er mehr zu sich selbst. Mit einem grünen Marker zeichnet er Querstriche auf die Kurse, dann zeichnet er Linien von den Hawaii-Inseln in Richtung der Kurse ein, nickt und lehnt sich zurück. Wenn sein Stellvertreter, Mr. Wells, Esther Howard am nächsten Tag abgeholt hat, werden sie alle drei Schiffe noch auf hoher See erreichen können. Zufrieden lehnt er sich zurück – zumindest an dieser Front gibt es keine absehbaren Probleme. Dass der Ärger um Mai Sakamoto ebensowenig ausgestanden ist wie Corey Callaghans militante Phantasien über das Projekt, bereitet ihm mehr als genug Sorgen. Schulterzuckend leert er seinen Kaffee und öffnet dann eine Flasche Bier. Zumindest an diesem Abend wird sein klarer Kopf nicht mehr benötigt, sagt er sich.

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