Folge 1.15: Annäherungen

„Walpisse!“, erklärt Bob Landsman mit einer gewissen Endgültigkeit. Charles Howard junior wedelt mit seinem Kaffeebecher, Spritzer treffen die Zeitung: „Blödsinn! Die haben ihren Klo-Tank auf’s Deck ausgepumpt!“ Der Anwalt widerspricht: „Warum sollten die das machen? Das lässt man einfach ab, die Scheiße!“ Das Gespräch der beiden Männer wogt zwischen amüsiertem Kommentar für die Schlagzeile und ernsthafter Rechthaberei. Dann klatscht eine Aktenmappe mitten auf die Zeitung. Landsmans Senior-Partner erklärt: „Dieser Schriftsatz muss heute noch zum Gericht, Bob.“ Landsman zögert, Charles Juniors Grinsen ist nicht dazu angetan, seine Verärgerung über die Störung zu mildern. Aber er begehrt nicht auf, zieht die Mappe an sich und schlägt sie auf. Der ältere Anwalt nimmt die Zeitung, bleibt an dem Bild von Esther Goldstein-Howard in der unteren, rechten Ecke der Titelseite hängen und pfeift durch die Zähne. Er schickt seine Sekretärin nach einem Glas Bourbon und lehnt sich zurück. „Nun, Mr. Howard, was kann ich für sie tun?“ Charles Junior nippt an seinem Kaffee, dann holt er einen gefalteten Bogen unter dem Jackett hervor. Er glättet die Seite auf dem Tisch und schiebt sie dem älteren Anwalt hin: „Die Vollmacht von Claire.“ Der Chef der Kanzlei nickt und zieht das Papier zu sich heran. Claire Howards Unterschrift ist deutlich zu erkennen. Es ist einfaches, eher dünnes Druckerpapier, der gedruckte Text zeugt davon, dass der Toner am Ausgehen war. Er gibt das Dokument an seine Sekretärin, als diese seinen Whisky bringt. Sie solle Kopien und Fotos davon machen, weist er an. Die Angestellte wartet ein Nicken ihres Chefs ab, bevor sie auf Charles Juniors Bitte reagiert, auch einen Whisky zu bekommen. Landsman ist derweil in die Korrekturen der anderen Partner an seiner Vorlage zur Testamentseröffnung vertieft. Nach einem Schluck Whisky schaut auch der ältere Anwalt nun auf die eigentliche Schlagzeile und kommentiert: „Unsinn. Bestenfalls Seemannsgarn. Außerdem haben diese Idioten kein Recht, mit der Presse über Vorgänge auf dem Tanker zu reden. Wir haben eine einstweilige Verfügung beantragt.“ Bei Bourbon erklärt er Charles Junior, dass die Kanzlei auch die Reederei vertrete, für die der Tanker fahre. Landsman nimmt die Unterlagen und zieht sich in sein Büro zurück, da er sich neben dem Gespräch nicht konzentrieren kann. Seinen Kaffee nimmt er mit. Draußen strahlt die Morgensonne über der San Francisco Bay.

Im Firmensitz von Howard Industries trifft Thomas Arden gerade in seinem Büro ein. Cristina Benitez sieht auf: „Guten Morgen, Mr. Arden.“ Sie hat ihm drei Zeitungen auf dem Konferenztisch arrangiert, die breite Schiebetür zwischen Sekretariat und seinem Büro ist weit offen. Er wirft einen Blick auf den Fächer aus bedrucktem Papier und muss grinsen. Auf allen Titelseiten ist der Anschlag mit dem Jauchestrahl, auf einigen mehr, auf anderen weniger reißerisch. Eines der seriöseren Blätter befasst sich mit der Infektion, die sich die beiden Seemänner durch die Exkremente zugezogen haben. Er runzelt die Stirn, verfolgt diese Entwicklung der Ereignisse jedoch nicht weiter. „Sagen sie mal, Miss Benitez – wär’s für sie okay, wenn sie mich Tom nennen?“ Sie lächelt. „Cris“, sagt sie nur, hebt den Hintern leicht vom Stuhl an und streckt ihm die Hand entgegen. Er nimmt die Hand und lächelt. „Cappucchino?“, fragt er, doch bevor sie aufstehen kann, ist er bereits an der Kaffeemaschine. Auf ihre irritierte Zustimmung hin bereitet er zuerst ihr einen Cappucchino und sich danach einen Espresso. Dann geht er die Anrufe durch, die sie für ihn notiert hat. „Hast du HI-HI schon zurückgerufen, Cris?“ Sie schüttelt den Kopf, doch bevor sie anbieten kann, für ihn die Verbindung herzustellen, beginnt er bereits zu wählen. Eine halbe Stunde später lehnt er sich zurück und legt den Hörer auf. Benitez telefoniert gerade, sie wimmelt Anrufer für ihn ab. Er seufzt, denn eigentlich würde er gerne mit jemandem darüber reden, dass Dorothy nun mit Macht danach strebt, Akteneinsicht in das Navy-Projekt zu erhalten. Auch auf Hawaii hat sie es nun versucht, über eine dort ansässige Anwaltskanzlei. Bisher hat sie jedoch keinen Erfolg gehabt. Auf ein Telefonat mit Liz Ames über das Thema hat er allerdings auch keine Lust, daher wendet er sich einer Reihe Berichte aus der Kunststoffentwicklungsabteilung zu, die man ihm zur Ansicht geschickt hat. Wirklich interessantes Material bekommt er allerdings nicht mehr zu Gesicht – dafür haben Dorothy und Nicolas Howard gesorgt.

In der beengten Messe der „Aphrodite“ geht die Sektflasche herum, Corey Callaghan kümmert sich um die Füllung der Gläser der Frauen, bevor er die Flasche an Chartrand weitergibt. Dann sind alle bedient – doch kein Toast wird ausgebracht. Chartrand bricht das Schweigen: „Auf einen Achtungserfolg!“ Die Runde echot das Wort „Achtungserfolg“, dann reden alle durcheinander. Esther lächelt still und zufrieden inmitten der feiernden Besatzung. Chartrand gesellt sich zu ihr und fragt, ob sie sich nicht der Euphorie hingeben wolle. Zwei Tage nach der Attacke hat sich immer noch kein Hinweis ergeben, dass irgendwer das U-Boot gesehen hat. Doch sie erwidert leise: „Wir haben einmal Erfolg gehabt. Man hat uns nicht gesehen, aber wir machen Schlagzeilen. Es wird nicht einfacher – und erst, wenn man ein Muster erkennt, wird klar, gegen was wir kämpfen. Ein Muster macht uns aber berechenbar.“ Er zwinkert, tätschelt ihr die Schulter: „Lass den Triumph zu. Das Für und Wider der Strategie hat dich viel zu schnell wieder.“ Esther nickt, dann bringt sie einen Toast auf viele weitere Erfolge aus. Das stille, melancholische Lächeln ist weggeblasen, ebenso hat sie ihre Skepsis über die strategischen Möglichkeiten der Gruppe unsichtbar gemacht. Schließlich hebt sie noch einmal das fast leere Glas: „Wir werden sie in einen Strudel reißen! In einen Strudel, wie sie einen beschworen haben!“ Corey Callaghan setzt zu einer Ergänzung an, entdeckt aber auf dem großen Bildschirm ein Satellitenbild, das den Müllstrudel im Nordpazifik zeigt. Sie steht viel zu weit von den Kontrollen entfernt – Chartrand nickt anerkennend, als er begreift, dass Esther und die an einer Konsole lehnende Marsh Callaghan geschickt den Wind aus den Segeln genommen haben. Zwei Stunden später steigen Sally und Esther auf die „Charlotte Howard“ um, etwa hundert Meilen nordöstlich von Big Island. Kapitän Sakamoto heißt sie willkommen, außer ihm ist niemand an Bord. Dem Logbuch entnimmt Esther den Kurs – eine lange Runde um die Inseln hat die Yacht gedreht, so dass Esthers Abwesenheit auf Oahu nicht auffiel. „Ist Mai wieder in Kalifornien, Kapitän?“, fragt Esther. Der Japaner nickt, doch glücklich wirkt er nicht. Es bleibt unausgesprochen, dass weder Esther noch er selbst möchten, dass Mai Sakamoto sich Esthers Gruppe anschließt.

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