Folge 1.21: Graffiti

Die „Nereide“ läuft langsam in östlicher Richtung neben einem viel größeren Schiff her. Chartrand steht auf dem Turm und schaut nach hinten, wo die Brücke des Tankers über die Bordwand ragt. Doch dort ist es hell, unten auf den Wellen ist es dunkel. Die glatte, ölig glänzende Oberfläche des U-Bootes ist kaum von der ruhigen Wasseroberfläche zu unterscheiden, dazu ist es leicht neblig, was die Sicht zusätzlich erschwert. Chartrands Leute arbeiten mit Infrarot-Scheinwerfern und Nachtsichtgeräten. „Ich hätte nicht gedacht, dass Airbrushen an einem Teleskoparm so schwierig ist“, grollt ein Mann in das in seinen Anzug integrierte Mikrofon. Nur Sally Marsh fühlt sich zu einer Antwort genötigt: „Leise!“ Riesige Flächen auf der Bordwand besprühen sie, doch es ist nichts zu sehen. „Okay. Durch die Luken, Zerstäuber an und nichts wie weg!“ Chartrand bleibt noch auf dem Turm, als seine Leute ihre Ausrüstung schon eingepackt haben und alle anderen Luken dicht sind. „Los!“ Es zischt, als Chartrand zwei Chemikalien miteinander mischt und dann mit der großen Spritze mit Zerstäuberaufsatz den Nebel intensiviert. Als der Behälter leer ist, schraubt er ihn zu, sichert die Pumpe und lässt sich die Leiter hinunterfallen. Die Luke schließt sich automatisch hinter ihm. „Klar zum tauchen?“, fragt er scharf. „Aye, Sir!“ – „15 Grad vorlastig, Ballasttanks fluten, runter mit uns.“ Durch den Tanker geht ein Ruck, als das viel kürzere, viel kleinere Boot so plötzlich neben ihm abtaucht, aber aufgrund der Größe des Schiffes ist der Ruck auf der Brücke fast nicht zu spüren. Schnell wendet die „Nereide“ unter Wasser und läuft einen weiteren Tanker an. Dort wiederholt sich das Schauspiel: eine Art unsichtbarer Lack wird auf dem Rumpf eines Tankers angebracht, dann sprüht der Kommandant eine Chemikalie als Nebel darauf, gefolgt von hektischem Abtauchen. Noch ein drittes Mal führen sie diese anstrengende Tätigkeit aus, dann schleichen sie nach Norden. „Wie lange wird es halten?“, fragt die Navigatorin, die sich mit den Tauch- und Ruderkontrollen der „Nereide“ merklich wohler fühlt als mit der Airbrush an einer langen Stange. Sally lächelt: „Lange genug. Es sollte in der Höhe von Victoria anfangen. Bis Seattle und Vancouver hält’s sicher. Danach ist es halt nur noch hell-violett, aber dann geht auch die Sonne auf. Irgendwann läuft’s runter, aber dann sind die Bilder schon gemacht.“

„Jeder wird denken, es seien Wale. Wir tauchen auch nur mit den Türmen auf, nicht mit den Decks. Nachts ist kein Schwein auf Whale-Watching draußen.“ Wells grinst, während sein Navigator das Mini-U-Boot „Tethys“ an die Oberfläche bringt. Die Lichter von Tofino auf Vancouver Island sind im Osten blass zu erkennen, ein erster Schein des kommenden Tages hängt auch schon über der Küste. Ein weiterer, ölig-schwarzer Turm ragt über die Wasseroberfläche, nicht einmal vierzig Meter entfernt, als Wells durch das Periskop schaut. „Unnötiges Risiko“, bescheidet ihm die massige Dame an der Orterkonsole. Wells grinst: „Ja, ich weiß. Ich guck‘ mir die ‚Aphrodite‘ aber gerne an. Ist ‚Nereide‘ auch schon da?“ Zehn Minuten später trifft auch Chartrands U-Boot ein. Callaghan hat sich von Bord der „Aphrodite“ schon erkundigt, ob die Aktion auch für die „Tethys“-Besatzung glatt lief. Als der ehemalige französiche Marine-Offizier nachfragt, melden beide Boote Vollzug: „Je drei Tanker bemalt und benebelt. Alles bestens.“ Trocken erwidert er: „Die Heimwege sind gesetzt. Wir sehen uns in einer Woche. Schön leise bleiben.“

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