Folge 1.26: Hindernisse

„Nichts in der Post von Liz Ames?“, fragt Notar Aldred seine Sekretärin. Sie schüttelt nur den Kopf. Ergeben sieht sie zu, wie er noch einmal die Briefe durchblättert, aber weder von Ames selbst noch von ihrer Kanzlei einen Posteingang vorfindet. Dass der alte Notar selbst schaut, wenn es ihm wichtig erscheint, ist sie bereits gewohnt. „Das gefällt mir nicht. Sie schweigt. Seit Wochen.“ Der Notar murmelt diese Worte vor sich hin, die junge Frau zuckt die Schultern. Sie hat nicht jedes Wort verstanden, letztlich will sie aber auch nicht alles verstehen, was ihr Boss von sich gibt. Als er mit einem Stapel Post in sein Büro verschwindet und die Tür zunächst langsam, dann auf den letzten Zoll aber doch mit Schwung schließt, seufzt sie, ebenso erleichtert wie resigniert. Aldreds Junior-Partnerin schaut nun aus ihrem Büro heraus. Sie hat wieder einmal genau abgepasst, dass der Alte in sein Büro verschwand. „Na, was hat er übrig gelassen?“, fragt sie die Sekretärin. Diese zuckt die Schultern und schiebt den Postkorb in Richtung der Mittdreißigerin im grauen Kostüm. „Das hier. Und apokalyptische Visionen über das, was Liz Ames vorhat, aber nicht sagt.“ Schulterzuckend erwidert die jüngere Juristin, sie halte Ames für überschätzt. Dass die beiden Frauen einander ebenso missbilligen, wie sie Elizabeth Ames verachten, hängt unerklärt in der Luft. In seinem Büro tritt Aldred an die Wandvertäfelung aus hellbraunem, ausgebleichtem und abgewetztem Holz. Er benötigt drei Anläufe, um seine steifen Finger in einen Spalt zu bekommen, dann klappt ein Stück der Wandverkleidung weg und gibt ein etwa drei mal drei Fuß großes Regal frei, das in die Wand eingelassen ist. In den unteren beiden der vier Fächer sind zwei Dokumententresore eingelassen und mit der Wand verschraubt, in den oberen beiden stehen Spirituosen und Gläser. Bedächtig hebt Aldred eine Flasche an, zieht eine Karte darunter hervor und stellt die ungeöffnete Scotch-Flasche vorsichtig wieder ab: „Alter Freund! Wir hätten dieses Testament verbrennen sollen. Zeige es niemandem, so hart es ist. Nur wenn Claire fragt, eröffne es ihr. Charlie. P.S. Wenn Du den Scotch nicht magst, verkaufe ihn Liz Ames. Zehn Flaschen von dem Fusel, den Du trinkst, bekommst Du sicher dafür.“ Aldred grinst linkisch, er schiebt die Flasche dreißig Jahre alten Laphroaig Whisky etwas tiefer in das Regal, damit sie nicht herunterfällt, dann steckt er die Karte wieder darunter. „Fusel! Straight Bourbon, mein Alter. Ob irgendwer diesem raffinierten Miststück einen Tipp gibt, dass sie sich an Claire Lagarde … oder eher Howard heranmachen sollte?“ Doch eigentlich will Aldred der Anwältin keinen Tipp geben, wie sie an die vorherige Version des Testaments von Charles Benjamin Howard herankommen kann, so sehr er sich auch wünscht, dass Dorothy Howard der Erfolg bei der Anfechtung des aktuellen Testaments verwehrt bleibt.

„Büro von Thomas Arden“, sagt Cristina Benitez in den Hörer, nachdem sie abgenommen hat. Sie hört einen Moment zu, dann dreht sie sich um und schaltet das Telefon stumm. „Tom! Eine Colette Williams…“ – „Durchstellen, Cris, bitte!“ Ardens Stimme ist dringlich, fast befehlend. Cris hebt die Brauen, sagt aber nichts, fragt nichts, sondern stellt das Gespräch an Toms Apparat durch, steht auf und schließt die Durchgangstür zu seinem Büro. „Colette, was gibt’s?“ Die Angestellte aus der Rechtsabteilung erklärt hastig, dass die Anfrage von Dorothy Howard-Fielding, die Akten zum Navy-Projekt einzusehen, erneut eingereicht worden sei, nun mit einer Kopie der Sicherheitsfreigabe. Arden erkundigt sich, ob die Anfrage per Mail oder schriftlich eingegangen sei, Colette Williams erklärt, sie habe das Ganze schriftlich vorliegen. „Es kam eben per Kurier. Ich könnte fordern, dass ich eine beglaubigte Kopie der Sicherheitsfreigabe bekomme, zumindest wäre das dann richtig korrekt. Aber eigentlich ist das albern. Was meinst du?“ Arden zögert. Williams‘ Tochter geht mit einem seiner Kinder auf die Schule, der Kontakt ist eher inoffiziell. Doch das Telefonat läuft über die Firma, und Colette muss wissen, dass das Projekt ihn betroffen hat. Als er sie Luft holen hört, um wegen seines Zögerns nachzuhaken, sagt er bedächtig: „Tu‘, was du für richtig hältst. Das Ganze ist höchst ärgerlich. Sich mit der Chefin und Frau eines Senators anzulegen, kann blöd für deine Karriere im Konzern sein. Wenn du dir nur eine vielleicht gefälschte Kopie vorlegen lässt, wo du qua Gesetz eigentlich die Pflicht hast, eine beglaubigte Kopie oder ein Original zu bekommen, ist das aber genauso blöd.“ Williams‘ Seufzen könnte auch ein Schnauben sein, dann bescheidet sie ihm, das wisse sie selbst. Arden muss plötzlich grinsen, er hat einen Geistesblitz, wie er Colette seinen Rat so verkaufen kann, dass sie seine Motive nicht erkennt: „Wenn du wirklich mich fragst: Die blöde Schnepfe hat mich auf’s Abstellgleis geschickt, dabei war es ein verdammter Brand. Mach’s ihr so schwer es geht, Colette.“ Sie lacht verächtlich auf, dann hört er aber ein Lächeln: „Danke, Tom. Wir haben nichts zu verbergen, aber korrekte Vorgänge haben wir doch einzuhalten. Meinst du, Esther Howard holt dich wieder zurück an die Front, wenn sie hier wieder was zu sagen hat?“ Tom ist froh, dass sie seine Mundwinkel nicht schlagartig fallen sehen kann. Er bemüht sich um einen neutralen Ton: „Keine Ahnung, ob sie das tun würde. Aber ich mache mir keine Illusionen. Unter Charles‘ Kindern werde ich nichts mehr Spannendes zu tun bekommen. Und Esther ist raus, egal, was in irgendwelchen Akten steht und auch egal, was die Gerichte zum Testament sagen.“ Williams schluckt hörbar. „Sorry, Tom. Ich wollte kein Salz in Wunden streuen. Sehen wir uns auf dem Elternabend?“ Er bestätigt, dann legt er auf. Fünf Minuten lang fragt er sich zunehmend ungehalten, wann Cris Benitez endlich hereinkommt und fragt, was die Rechtsabteilung wollte. Weitere fünf Minuten dauert es, bis er sich halbwegs belustigt vorstellt, wie sie auf der anderen Seite der Tür genauso auf glühenden Kohlen sitzt und wartet, dass er ihr erzählt, was die Rechtsabteilung wollte. Als er die Tür schließlich öffnet, steht Benitez mit der Hand an der Klinke direkt vor ihm, so nahe, dass er fast die Wärme ihrer Wangen spüren kann. Er überspielt die Peinlichkeit rasch mit einem „Du wirst nicht glauben…“ Cris Benitez macht der Gedanke merklich Spaß, dass Dorothy Howard-Fielding wegen eines Formfehlers noch länger auf Akteneinsicht warten muss, als Arden ihr erzählt, was Colette Williams genau von ihm wollte.

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