Folge 1.30: Medienechos

„Esther Goldstein-Howards neuer Lover?“, titelt die Los Angeles Times. Das Bild zeigt Eli Goldstein, der seiner Schwester den Arm um die Hüfte gelegt hat. Er trägt Badeshorts, sie einen schwarzen Bikini. „Das ist ihr verdammter Bruder! Dilettanten!“, echauffiert sich Bob Landsman. Claire Howard seufzt. Dass sie mit der Klägergemeinschaft gegen das Testament von Charles Benjamin Howard in die Kanzlei bestellt wurde, ist ihr schon unangenehm. Dass sie nun aber auch noch allein mit Bob Landsman auf Dorothy, Nick und Charles Junior zu warten hat, setzt der Zumutung die Krone auf. Sie schaut auf das Bild und kommentiert: „Vermutlich kann man immer eine Szene erwischen, die entlarvend aussieht, wenn man lange genug wartet. Das ist wirklich ihr Bruder?“ Eigentlich verfängt sich ihr Blick eher an den kleineren Schlagzeilen in der unteren Hälfte der Titelseite. Landsman nickt: „Eli Goldstein. Will wohl studieren, in Tel Aviv. Im Moment ist er arbeitslos nach dem Militärdienst in Israel. Wir haben ein Dossier über ihre Stiefmutter, Miss Howard.“ Anders als Dorothy stört sich Claire nicht daran, dass Landsman Esther als ihre Stiefmutter bezeichnet. Sie schüttelt den Kopf, dann liest sie vor: „Huntington Beach: Ein Schleppnetz voller Kunststoffteile aus dem Meer wurde vor den Toren eines namhaften Kunststoffherstellers in Huntington Beach/Los Angeles aufgefunden. Unbekannte haben zweitausend Tonnen Kunststoffteile aus dem Pazifik in einer Anordnung aus verlorenen Schleppnetzen verpackt vor einer Produktionsstätte für Kunststoff in Huntington Beach auf dem Strand deponiert. ZWEITAUSEND Tonnen!“ Landsman grinst. Ohne darauf zu achten, dass Claire noch liest, dreht er die Zeitung zu sich und erklärt: „Vielleicht ein Zahlendreher. Oh, und wieder fünf Meldungen über Seeleute, die mit öliger Kloake bespritzt wurden. Trifft also nicht nur unsere Klienten.“ Claire stutzt. Dann lässt sie sich von Landsman erklären, was in dem Artikel steht. Mit einem Grinsen schließt der Anwalt: „Allmählich gibt es ein Bild. Drecks-Ökoterroristen.“ Claire denkt sich ihren Teil, sie widerspricht nicht. Ganz allmählich setzt sie die Fernsehbilder von leuchtenden Parolen über Ölpest und mangelnde Sicherheitsmaßnahmen, mit Gülle, verklapptem Öl und Chemikalien bespritzte Seeleute und am Strand deponiertem Plastikmüll wie ein Puzzle zusammen. Doch ihr leiser Ausruf „Wow!“ geht völlig an den mittlerweile anwesenden Dorothy, Charles Junior und Nick Howard sowie den Anwälten vorbei. Sie bekommt gar nicht richtig mit, was eigentlich für das weitere Vorgehen beschlossen wird, vergisst sogar, dass sie den anderen drei Erben anbieten wollte, ihre Anteile an Howard Industries zu kaufen und sie auszuzahlen, entschuldigt sich mit einer Vorlesung und verlässt die Gruppe, die noch für einen Drink in eine Bar weiterzieht. Als sie auf den Bay Area Rapid Transit nach San Francisco wartet, schaut sie auf einem großen Fernsehschirm in der Station die Nachrichten über das riesige Schleppnetz voller Plastikmüll am Strand von Los Angeles an. „Das sind Helden!“, murmelt sie, als sie die daran gehängten Banner mit der Aufschrift „Humans Destroy the Seas“ erkennt. Lächelnd bestätigt eine junge Asiatin neben ihr: „Oh ja, das sind sie. Hoffentlich sind das dieselben Leute, die auch die Tanker vor Seattle beschriftet haben!“ Claire stimmt zu, doch dann hastet sie zu ihrem Zug. Mai Sakamoto lächelt, sie hat etwas mehr Zeit, da sie in die andere Richtung zu fahren beabsichtigt. Sie wendet den Blick erst von dem Bildschirm, als Claires Zug schon abgefahren ist, dann stutzt sie. Dann hebt sie das Mäppchen auf, das vor dem Bildschirm auf dem Boden liegt. Mehrere Notizzettel sind darin, dazu ein Schlüssel und ein USB-Stick. In einem plötzlichen Impuls nimmt sie das Mäppchen an sich, um es der Besitzerin zurückzugeben – schließlich hat die junge Frau sich positiv über die Ökoterroristen um Esther Goldstein-Howard geäußert. Dass es Claire Howard war, hat sie nicht erkannt. Als sie zum Bahnsteig in Richtung Silicon Valley wechselt, wird ihre Miene ernster: „Wie gerne wäre ich eine von denen!“

Eli Goldstein fragt hörbar aufgebracht in den Hörer: „Und was kann man dagegen tun, dass die so einen Dreck schreiben?“ Liz Ames am anderen Ende, etliche tausend Meilen weiter östlich, lacht auf: „Nichts, das die Sache nicht noch mehr aufbauschen würde. Mr. Goldstein, sie wissen, dass sie keine inzestuöse Verbindung zu ihrer Schwester haben, ich weiß das, und Esther weiß es auch. Wollen sie wirklich eine längst verbreitete Schlagzeile mit einer einstweiligen Verfügung verbieten lassen? Glauben sie, irgendwer liest den Widerruf der ‚Times‘?“ Eli stößt hörbar Luft aus. Auch wenn er sich von der Anwältin keine Antwort erhofft, fragt er, was er nun tun solle. Liz rät ihm, seinen Urlaub auf Hawaii zu genießen, Esther völlig harmlos und ohne erotische Gedanken den Rücken einzucremen, Hillers hervorragendes Essen so lange zu konsumieren, wie er könne, und sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Seufzend erwidert er, er sei vermutlich voreilig gewesen, es tue ihm leid, die Zeit der Anwältin beansprucht zu haben. Liz kichert: „Ich war eh noch im Büro. Ich hatte heute morgen Besuch von der Tochter des Kapitäns der ‚Charlotte Howard‘ zum Tee. Irgendwann muss ich meine Akten ja aufarbeiten.“ Als Eli klar wird, dass es in Kalifornien bereits nach zehn ist, entschuldigt er sich nochmal, aber Liz will davon nichts wissen: „Ich hatte gute Nachrichten heute. Sagen sie ihrer Schwester, das Spiel ‚Seniors gegen Elite Girls Varsity‘ steht inzwischen fünf zu eins.“ Er fragt nicht nach, verabschiedet sich und legt auf. Esther sieht zu ihm hinüber: „Und, was sagt Liz?“ Er schüttelt den Kopf. Die Schlagzeile, er sei Esthers neuer Liebhaber, könne sie auch nicht mehr rückgängig machen. Aber irgendein Fußballspiel stehe fünf zu eins, solle er ausrichten. Esther runzelt die Stirn, sie versteht die Anspielung nicht, fragt dann aber nach dem genauen Wortlaut. Eli wiederholt nun, was Liz gesagt hat, und Esther beginnt zu lachen: „Seniors gegen Elite Girls Varsity? DAS hätte sie mir auch direkt sagen können. Offenbar hat sich nur noch einer der Senior-Partner nicht entschieden, ob sie Liz als volle Senior-Partnerin in die Kanzlei aufnehmen. Vor einer Woche stand’s noch vier zu zwei.“ Später, beim Sundowner auf der Terrasse, erwähnt er, dass Liz Ames noch im Büro gewesen sei, weil sie morgens mit der Tochter von Kapitän Sakamoto Tee getrunken habe. Esther versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass Mais Ambitionen auf Mitgliedschaft in der Organisation sie beunruhigen. Dennoch stürzt sie ihren Tequila Sunrise deutlich schneller hinunter, als sie das vorhatte, und lässt sich von Hiller noch einen Pina Colada mixen. Sanders gesellt sich mit einem Bier zu den beiden Goldsteins, Hiller lässt sich ebenfalls auf der Terrasse nieder, ein Glas Rotwein vor sich. Während die Männer sich über das Essen, die Landschaft und das Wetter unterhalten, tröstet sich Esther mit dem Gedanken, dass die Aktionen in Los Angeles und bei den Frachtern und Tankern einigen Staub aufgewirbelt haben – nachhaltiger jedenfalls als das Foto von Elis Hand auf ihrer Hüfte.

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