Folge 1.31: Feier

„Nichts! So richtig gar nichts“, echauffiert sich Dorothy Howard-Fielding. Einer der Senior-Partner aus Landsmans Kanzlei blättert in einer der Akten, über die ein breiter, roter Streifen mit dem Wort „Classified“ geklebt ist. Landsman ist nicht dabei, da er noch auf seine Sicherheitsfreigabe wartet und daher die Akten nicht einsehen darf. Langsam schüttelt der Anwalt den Kopf, schiebt die Gleitsicht-Brille etwas höher und erklärt etwas nasal: „Die Berichte wurden im Büro von R-NAV-02-B zurückgehalten. R-NAV-02-B, das ist Dr. Callaghan. Mr. Arden bekam falsche Berichte, die einen größeren Fortschritt vortäuschten. Angeblich waren schon U-Boot-Rümpfe gebaut und beschichtet, laut Callaghans offiziellen Berichten. Eigentlich war noch nichtmal die Mischung des komischen Zeugs fertig. Arden und Mrs. Howard-Goldstein wussten nicht, dass es Probleme mit der Kohäsion des Kunststoffs um die antisonischen Sphäroiden und der Adhäsion auf metallischer Oberfläche gab. Können sie mit diesem Tech-Sprech etwas anfangen, Mrs. Howard-Fielding?“ Dorothy explodiert regelrecht: „Das Dreckszeug fällt auseinander und klebt nicht auf dem Metall! Außerdem ist es nicht druck- und salzgehaltstabil! Zur Hölle, kann das eine verdammte Fälschung sein?“ Ungerührt fragt der Anwalt, ob sie nicht an die technischen Probleme glaube, doch Dorothy fegt diese Frage weg. Mühsam beherrscht erklärt sie, was sie meinte: Ob die Unkenntnis seitens Thomas Arden und Esther Goldstein-Howard vielleicht ein gefälschtes Alibi in der Akte sein könnte. Callaghan könne man schließlich nicht mehr belangen, der sei ja beim Surfen ertrunken. „Geschickt hat er das gemacht“, kommentiert der Anwalt, und fügt an: „Selbst wenn das eine gefälschte Akte ist, haben wir sonst nichts in der Hand. Wir könnten versuchen, eine Verletzung der Aufsichtspflicht zu konstruieren, aber sie haben die Berichte eingefordert, Aktennotizen geschrieben und regulär die Produktion und Forschung inspiziert. Wenn wir daraus Geschäftsschädigung konstruieren, kann man das JEDEM ankreiden. Das werden nur wenige Richter mitmachen, Mrs. Howard-Fielding. Ich werde mir mal Gedanken machen, was realistische Aussichten bringt, oder was hinreichend Probleme für Arden und Goldstein-Howard bedeutet, selbst wenn es vor Gericht nicht haltbar ist.“ Dorothy unterdrückt noch einige Flüche, dann hebt sie den Hörer ihres Telefons ab und wählt eine Nummer in Washington D.C., verlangt den Senator und erklärt schließlich entschlossen: „Du wolltest doch ein Wochenende in Augusta. Du bekommst es. Ich komme mit dem nächsten Flug. Wir treffen uns in LaGuardia.“ Ohne den Anwalt weiter zu beachten, weist sie ihre Sekretärin an, ihr den nächstmöglichen Flug nach Augusta/Maine über New York LaGuardia zu buchen. Als sie ihre Abflugzeit hört, bescheidet sie dem Anwalt trocken: „Fünfunddreißig Minuten haben sie, um Kopien zu machen. Die Originalakte bleibt hier. In vierzig Minuten muss ich zum Flughafen.“

„Das hast du dich aber etwas kosten lassen, Esther“, lässt sich Chartrand vernehmen. Zehn Flaschen hervorragenden Champagners laden zwei Matrosen der Organisation gerade aus. Esther zuckt die Schultern und verweist auf den Weinkeller des Howard-Anwesens auf Oahu. John Hiller habe ein paar Tränen vergossen, als er die Flaschen ausgebucht habe. „Vor allem dürfte ihm wehgetan haben, dass er nicht dabei ist bei der Feier“, grinst Wells. Er fügt an, dass Hiller den Champagner sicher eher zu schätzen gewusst habe als er selbst. Esther lächelt: „Es waren hervorragende Aktionen, die ein breites Medienecho erzeugt haben. Alle haben es mittlerweile verstanden, dass es eine militante Organisation gibt, die den Pazifik rächt. Das muss gefeiert werden. Außerdem sind von diesen Schätzchen noch zwanzig Flaschen im Keller. Wir haben auch Häppchen, die liegen auf Eis, damit sie die Überfahrt überstehen. Wir haben eine Feier verdient – es gibt noch mehr als genug zu tun.“ Corey Callaghan macht Anstalten, etwas zu sagen, lässt es dann aber doch. Die Feier über die erfolgreichen Aktionen mit seiner Forderung nach noch mehr Druck und noch spektakuläreren Aktionen zu verderben, erscheint ihm nicht zielführend. Wells grinst: „Häppchen und Schampus. Ist eher deins, Sylvain, als meins.“ Chartrand lacht auf: „Ich bin sicher, Esther hat auch an Bier, Steak und Würstchen gedacht. Aber vielleicht zivilisiertes Bier, nicht euer unsägliches Bud.“ Sally reicht Marshall Wells eine Flasche, dieser kommentiert: „Miller High Life. Damit kann ich leben. Keines von daheim, aber immerhin. Und Sylvain: Ich bin sowas von kein Amerikaner!“ Sally erklärt ihm, es gäbe auch noch Kirin. Grinsend erklärt Wells, Miller sei schon eher seine Kragenweite. Chartrand baut derweil einen Gasgrill unter dem Überhang am Strand auf, um nicht bei einem Überflug eines Satelliten ertappt zu werden. Eine Kühlbox voller Fleisch und Wurst wird aus der Höhle herangeschafft, während Sally sich mit Salat und Häppchen befasst. Seit langem einmal wieder sind wirklich alle anwesend, auch Esther. Nur Will Sanders und John Hiller halten zusammen mit Kapitän Sakamoto und Eli Goldstein auf dem Anwesen die Stellung. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten kommt die Feier recht schnell in Gang – nach der ersten Runde vom Grill zeigen Esther und Sylvain gemeinsam eine Präsentation auf der Leinwand – Videos, Zeitungsausschnitte, Screenshots von der Presseresonanz auf die Aktionen der Gruppe. Begeistert wird vor allem das Echo in großen Zeitungen und auf CNN aufgenommen. Allein die Beschriftungsaktion an den Tankern im Nordwesten der USA hat auf sieben verschiedenen Sendern Sonderreportagen ergeben und die Schlagzeilen einiger überregionaler Zeitungen drei Tage lang beschäftigt. Sogar aus Europa und Japan gab es Berichte über die Aktion. Auch der jüngste Streich, die Schleppnetze voller eingefangenem Plastikmüll am kalifornischen Strand, hat es nicht nur in die L.A. Times und L.A. Post, sondern auch auf CNN, Fox News und in die New York Times geschafft. Zwei philippinische Fernsehsendungen berichten über Müllschiffe, mit ihrem eigenen, über Bord geworfenen Müll in unbemerkt am Rumpf befestigten Schleppnetzen wieder in die Häfen einliefen, und über Schiffe, deren Besatzungen mit ihrem eigenen, verklappten Abwasser bespritzt wurden. Schließlich hebt Wells sein Bierglas: „Acht Monate – acht Monate und so eine riesige Menge von Ideen, Aktionen und Medienecho. Bisher scheint uns niemand auf der Spur zu sein. Wir haben das geschafft, wofür wir angetreten sind. Die Idee von Charles Benjamin Howard lebt weiter – durch uns. Vor allem aber lebt sie weiter durch die Opfer, die einige von uns gebracht haben, und durch das unermüdliche Engagement von Esther Goldstein-Howard!“ Sally echot: „Auf Esther!“ Da fallen sie alle mit ein, und Esther kann nicht umhin, ein paar Worte zu sagen. Sie räuspert sich, und dann erklärt sie: „Wir sind wenige. Keiner von uns ist entbehrlich. Viele haben ihre Karrieren aufgegeben, um sich diesem Projekt, dieser Organisation zu widmen. Sogar ihr früheres Leben haben einige von uns aufgegeben. Es erfüllt mich mit Stolz, mit euch zusammen den Menschen zu sagen, dass der Planet sich wehrt! Auf euch und vor allem auf unsere Bootskommandanten Corey, Marshall und Sylvain!“ Noch einmal donnert die Antwort durch die Höhlen, und schließlich richtet Sylvain Chartrand sich auf und verkündet: „Auf die, die nicht hier sind, aber für uns kämpfen – Thomas Arden, Liz Ames, Cris Benitez, John Hiller, Ichigo Sakamoto, Willard Sanders und wie sie alle heißen! Ein Hoch auf all die, die dies möglich machen!“

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