Folge 1.36: Um die Bucht

Als Mai Sakamoto am späten Vormittag Claire Howards Wohnung verlässt, haben die beiden Frauen volle Kontaktdaten ausgetauscht und vereinbart, sich wieder zu treffen. Trotz der Art, wie das Kennenlernen lief, verbinden sie genug gemeinsame Interessen, dass beide bereits jetzt eher von einer Freundschaft als von einer Bekanntschaft sprechen. Auf dem Weg zur Bahnstation zückt Mai ihr Handy und rechnet kurz, wie spät es gerade auf Hawaii ist. Sie zögert nur kurz, bevor sie eine Schnellwahltaste drückt. Dreimal hört sie das Freizeichen, dann nimmt ihr Vater ab: „Sakamoto desu.“ Irritiert fragt sie, ob er sich neuerdings immer auf Japanisch melde, was ihn lachen lässt. Er habe Teezeremonie-Schüler, daher telefoniere er wieder häufiger in seiner Muttersprache. Nachdem Mai zum Ausdruck gebracht hat, dass sie sich für ihn freue, kommt er recht schnell zum Thema: „Was ist los in Kalifornien?“ Mai berichtet ihm in knappen Worten, dass sie Claire Howard kennen gelernt habe und dass diese völlig anders sei als sie es erwartet habe. Ichigo Sakamoto erkundigt sich, wie sie das meine, und sie berichtet von den Gesprächen in der Bar und von der Empörung über Umweltverschmutzung, die sie und Claire eine. Der Kapitän der „Charlotte Howard“ verschweigt seiner Tochter, wie sehr ihn freut, dass sie mit ihm darüber redet, obwohl sie weiß, wie er dazu steht, dass sie sich Esther Goldstein-Howards Organisation anschließen möchte. „Und nun möchtest du versuchen, ob Claire die Seiten wechselt?“, fragt er. Sie lächelt ihr Telefon an und erwidert: „Es muss dir doch gefallen, dass ich dafür erst einmal in Kalifornien zu bleiben habe, oder nicht?“ Er wechselt abrupt ins Englische, um ihr zu erklären, sie sei zu amerikanisch-direkt für einen alten Japaner. Danach fragt sie ihn nur noch über seine Teeschüler aus, bevor sie das Gespräch beendet. Erst einige Minuten später überlegt er sich, dass der freundschaftliche Kontakt seiner Tochter mit Claire Howard sicherlich auch Liz Ames interessieren dürfte, aber Mais Telefon ist nun besetzt.

In Berkeley betrachtet Thomas Arden währenddessen die Blumen in seinem Garten, während ein Bursche von nebenan für ein paar Dollar seinen Pool reinigt. Er schüttelt den Kopf, spricht seine Gedanken aber nicht laut aus. Dass er nicht mit seiner Frau über seine Sorgen sprechen kann, nagt an ihm – und Liz Ames lässt sich schon den ganzen Vormittag über von ihrer Sekretärin abschirmen. „Vermutlich sehe ich Gespenster“, brummelt der Ingenieur in sich hinein. Seine Sorge, dass man ihm aus der Akte zum Navy-Projekt eine Verletzung der Aufsichtspflicht konstruiert und Dorothy Howard-Fieldings Anwälte ihm doch geschäftsschädigendes Verhalten nachweisen können, bekommt er einfach nicht aus seinem Kopf. Schließlich zuckt er die Schultern, bittet seine Frau, den jungen Poolreiniger noch eine Weile zu beaufsichtigen, und geht ins Haus, um zu telefonieren. Er wählt allerdings nicht die Nummer von Ames‘ Kanzlei, sondern die von Cristina Benitez. Diese nimmt ab: „Hallo Tom. Hast du heute nicht frei?“ Er bestätigt, lacht auf und erwidert, sie habe doch auch frei. Mit einem nervösen Vibrieren in der Stimme fragt sie: „Meinst du nicht, dass es komisch ist, wenn du an deinem freien Tag deine Sekretärin an ihrem freien Tag anrufst?“ Er erwidert fest: „Ja, ist es wahrscheinlich. Vermutlich ist mir nur langweilig, weil der Pool gereinigt wird. Ist schon okay. Bis Montag im Büro!“ Sie verabschiedet sich ebenfalls und legt auf, klaubt ihr Handy vom Küchenbord und dreht es um. Eine Post-It klebt darauf, sie atmet tief durch, schiebt das Festnetztelefon zur Seite und wählt auf dem Handy die Nummer, die auf dem Post-It steht. Nach sechs Freizeichen meldet sich eine junge, weibliche Stimme: „Hallo?“ Zögerlich leckt Cristina über seine Lippen, dann allerdings klingt sie fest: „Hallo. Mögen sie Donuts mit Gelee oder mit Streuseln?“ Für einen Atemzug herrscht Schweigen am anderen Ende, dann folgt die Gegenfrage, welche sie denn habe. Cris erklärt, sie habe nur Bagels. Schließlich nennt sie mehrere Orte und Zeiten, die Person am anderen Ende bedankt sich und legt auf. „Ist ja wie in einem Geheimagentenfilm“, murmelt Cris in sich hinein. Sie muss erst einmal ihren Sohn davon überzeugen, dass es jetzt gerade weder Bagels noch Donuts für ihn gebe, er aber gerne einen Moment fernsehen dürfe. Während der Siebenjährige begeistert die Fernbedienung schnappt, macht seine Mutter sich daran, die SIM-Karte aus dem Handy zu entfernen und durch eine andere zu ersetzen. Dann schickt sie ein „Daumen-hoch“-Emote über einen Messenger an Liz Ames und Tom Arden, bevor sie sich neben ihrem Sohn auf das Sofa setzt und sich mit dessen Lieblings-Zeichentrickserie ablenkt.

Am Abend desselben Tages lehnt Liz Ames sich in ihrem Bürostuhl zurück. Sie kommt erst jetzt dazu, all die entgangenen Mitteilungen auf ihrem Handy anzusehen: Tom Arden hat zweimal versucht, sie anzurufen, aber keine Mitteilung geschickt. Von Cris Benitez hat sie ein paar Emotes gesendet bekommen, Mai Sakamoto hat sie anzurufen versucht, Ichigo Sakamoto ebenso. Sie wiegt den Kopf hin und her, bemerkt dann aber zu sich selbst: „So dringend kann nichts sein, wenn Cris sendet, dass die Aktion läuft. Also gut.“ Nach einem kurzen Blick in das inzwischen leere Vorzimmer schließt sie ihre Bürotür und wechselt vom Business-Kostüm in ein rückenfreies Kleid mit Wasserfallausschnitt, steckt sich die Haare auf und verlässt kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Kanzlei. Dass eine der Sekretärinnen der anderen Partner sie sieht, bemerkt sie durchaus, lässt sich aber nicht davon drausbringen. Einen dünnen Mantel übergeworfen, steigt sie in die BART-Bahn nach San Francisco und lehnt sich zurück. Was sie tun wird, wenn Claire Howard nicht in der Bar auftaucht, will sie gerade überlegen, doch dann ruft sie sich zur Ordnung. Leise genug, um von anderen im Zug nicht verstanden zu werden, erklärt sie sich selbst nachdrücklich: „Sie WIRD kommen. Sie ist neugierig und Dorothy wie auch Charles junior behandeln sie wie eine Howard zweiter Klasse.“ Sie widmet sich nun dem Blick über die Bay und auf die Bay Bridge, statt ihren Gedanken und Zweifeln nachzuhängen. Auch die Messages auf ihrem Telefon wie auch die Nachrichten im Internet ignoriert sie für den Moment. Sie fokussiert sich, als stünde sie in ein paar Minuten in einem schwierigen Fall vor Gericht. Dann verlässt sie in San Francisco den Zug und macht sich auf den Weg zur Bar.

Zwei junge Männer in Kapuzenpullis bemerken die hübsch aufgemachte Blondine und wechseln ein paar knappe Worte, dann folgen sie ihr. Die Kapuzen haben sie übergezogen, sie sind regelrecht maskiert. Der Pullover des einen wölbt sich über etwas, das er mit der an den Bauch gepressten Rechten festhält. Entschlossen knallen die hohen Absätze der Frau in schwarzem Kleid und leichtem Mantel auf den Boden, im Dunkel zwischen zwei Straßenlaternen späht sie kurz über die Schulter in den orangen Lichtkreis. Die beiden Männer fallen ihr auf, und sie beschleunigt ihre Schritte. Dann überquert sie abrupt die Straße und verschwindet in einem nobel aussehenden Hauseingang, über dem ein Schild eine Bar bewirbt. Zwei Polizisten werfen zuerst der Dame, dann den beiden Männern neugierige Blicke hinterher, doch als die beiden Männer in Richtung der Piers an der Bay verschwinden, verlieren auch die Polizisten das Interesse.

Die Aufregung über die beiden Verfolger rötet Liz‘ Wangen, als sie die Bar betritt. Noch ist nicht viel los, die meisten Leute sind businessmäßig gekleidet und nicht so aufgedonnert wie die junge Anwältin. Sie zieht Blicke auf sich, hier fühlt sie sich damit aber wesentlich wohler als unten auf der Straße. Entschlossen wandert sie zur Theke, wirft ihren Mantel regelrecht ab und fängt ihn gerade noch so auf. Dann setzt sie sich auf einen Barhocker, über den sie den Mantel gebreitet hat und sieht hinunter in Richtung der Bay. „Nachts ist das viel aufregender als bei Sonnenuntergang. Cris muss etwas anderes sehen als ich… aber hallo!“ Zuerst hat sie geflüstert, dann haucht sie nur noch, nachdem sie sich selbst unterbrochen hat. Zwei dunkle Gestalten scheinen an einem Schiff herum zu sprühen, das an einem der Piers liegt. Von oben ist ganz gut zu erkennen, was dort passiert – und das eine Ende der gesprayten Schrift beginnt bereits zu phosphoreszieren. Liz ist viel zu fasziniert davon, wie langsam die Schrift „Pollutor!“ auf der Flanke einer alten Dieselfähre zu leuchten beginnt, um die Flucht der beiden Sprayer weiter zu verfolgen – oder Claire zu bemerken, die sich neben sie setzt und dann zurückzuckt: „Liz? Elizabeth AMES?“ Nun ist es an Liz, zu erschrecken. Sie beißt sich auf die Lippen, als ihr klar wird, dass ihr Erschrecken Aufmerksamkeit erregt. Dann jedoch lächelt sie gewinnend: „Ja. Elizabeth Ames. Mich erreichte eine Botschaft ihres Vaters. Er hatte sie an einem Geschenk an mich angebracht. Ich habe die Karte erst vorgestern geöffnet. Deswegen hatte ich sie angerufen…“ Sie ignoriert, dass Claire eher auf den bläulich leuchtenden Schriftzug auf der Fähre starrt, während sie Liz‘ Erläuterungen eher halbherzig lauscht. Doch dann hat Liz plötzlich Claires volle Aufmerksamkeit: „Wie jetzt? Vater… der alte Howard wollte, dass ICH das Testament einsehen darf und NIEMAND sonst?“ Die Anwältin bestätigt lächelnd und erklärt, für sie sei das ebenso überraschend gewesen wie für Claire. Sie fügt an, Claire könne ja das Testament einfach mal ansehen, bei Notar Aldred, und dann darüber nachdenken, was sie tun wolle. „Darüber muss ich wirklich nachdenken“, seufzt Claire, um dann zu fragen: „Sind sie denn überhaupt nicht verblüfft über diesen Leuchtschriftzug auf der Fähre, verdammt?“ Liz lacht hell auf, sie nippt an dem Whisky, den sie von Claire unbemerkt geordert hat. Über die Dreistigkeit sei sie sehr wohl erstaunt, bestätigt sie, aber über die Aktion selbst überhaupt nicht. Schließlich sei ja bekannt, dass eine neue Organisation von Ökoterroristen überall im und um den Pazifik aktiv sei. „Ist wie die Geschichte in Vancouver, nur eben in San Francisco.“ Liz gibt Claire noch ihre Karte und die von Notar Aldred, bevor die sichtlich nachdenkliche Howard-Tochter sich verabschiedet. Schließlich lehnt sie sich zurück und schaut auf die Bay hinaus, das Glitzern der Lichter von San Francisco und Oakland auf den Wellen: „Das nenne ich Timing.“ Dann klingelt ihr Telefon, sie nimmt ab: „Hallo?“ Ichigo Sakamoto spricht am anderen Ende, um Liz Neuigkeiten zu berichten. Sie wirft beinahe das Whiskyglas um, als er geendet hat, trinkt es in einem Zug aus und ordert ein neues: „Das ist ja ein Ding!“ Mehr Worte hat sie in diesem Moment nicht.

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