Folge 1.38: Backfire

Liz Ames lehnt halb am Fenster des BART-Zuges von San Francisco nach Oakland. Langsam stellen sich Kopfschmerzen ein, der Tag war einfach zu lang. Zweimal blinzelt sie, als ihr bewusst wird, dass mindestens fünf Schiffe auf der Bay fahren, auf deren Seiten leuchtende Zeichen prangen. Es ist jedoch keine Schrift, wie die beiden Kapuzenpulli-Jungs sie auf die Fähre gesprayt haben, früher am Abend. Nein, es sind Symbole: Der Totenkopf für Gift, etwas schwerer zu erkennen das Gefahrensymbol für Säure… und schließlich noch ein Radioaktivitäts-Symbol. Reichlich übermotiviert sei die Gruppe, brummelt sie in sich hinein. Aber dass sie für Ablenkung sorgen, während sich Esther und Sally Marsh mit Corey Callaghan, Marshall Wells und Sylvain Chartrand im Antarktischen Ozean herumtreiben, schützt die Gruppe auf Hawaii – je mächtiger die Ablenkung ist, um so weniger wird die Aktion gegen die Walfänger mit den völlig anderen, früheren Aktionen der Gruppe in Verbindung gebracht. „Wenn alles gut geht“, murmelt sie zweifelnd und sich nur halb bewusst, dass sie nicht mehr nur lautlos gedacht hat. Sie nimmt sich vor, Mai Sakamoto anzurufen, aber nicht mehr an diesem Abend. Nach einem Blick auf die Uhr seufzt sie: Es ist bereits nach Mitternacht.

Bereits zwei Kreuzungen entfernt ist zu erkennen, dass vor der Zentrale von Howard Industries ein Polizeieinsatz stattfindet. Cristina Benitez schluckt hart und wägt kurz ab: ist es verdächtig, wenn sie umdreht und nicht zur Arbeit geht? Oder lenkt es mehr Verdacht auf sie, wenn sie eben doch hingeht und nicht überrascht auf Anschuldigungen reagiert? Erst nach einem Augenblick macht sie sich klar, dass man kaum eine riesige Razzia bei Howard Industries durchführen würde, nur weil zwei Mitarbeiter auf kryptischen Wegen eine Umweltschutz-Organisation zu ein paar Trittbrettfahrer-Aktionen anstiften. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass man mit vier Fahrzeugen anrückt, bereits zwei Straßenzüge entfernt sichtbar, wenn die Organisation auf Ni’ihau aufgeflogen wäre. Dann erkennt sie auch noch gelbe Blinklichter zwischen den blauen und roten. Zwei Feuerwehrfahrzeuge und ein Müllwagen stehen ebenfalls auf dem großzügigen Platz, der sich vor dem Haupteingang ausbreitet. Für einen ganz, ganz kurzen Moment droht ein Lachanfall sie zu schütteln, dann beherrscht sie sich. Was sie unter dem riesigen Schild „Howard Industries Ltd.“ sehen kann, hat durchaus auch mit ihr zu tun, auch wenn die Polizisten, Feuerwehrleute, Müllmänner und Reporter das sicher nicht sehen können. Cris geht langsam, vorsichtig und staunend weiter in Richtung des Eingangs, bis sie von einem Flatterband und einer Polizistin aufgehalten wird: „Halt! Es darf noch keiner auf den Platz. Wer sind sie?“ Benitez schluckt, zögert, dann erklärt sie: „Ich muss aber doch zur Arbeit! Ich bin Cristina Benitez, ich arbeite bei Howard Industries – für Mr. Arden. Wenn das – also wenn das hier bekannt wird, dann muss doch jemand ans Telefon gehen!“ So sehr Cris sich vorgenommen hat, die bestürzte Angestellte zu spielen, so wenig Schauspielkunst braucht sie nun. Die Verblüffung ist echt, auch wenn sie wusste, dass Aktionen geplant worden waren. Auch wenn sie selbst angerufen und den Startschuss gegeben hat. Die Polizistin grinst ironisch: „Sie sind gut. ‚Wenn das bekannt wird‘, sagen sie? Die Presse ist seit anderthalb Stunden vor Ort. Ich sage dem Captain Bescheid, dann können sie durch.“ Während über ihren Passierschein verhandelt wird, mustert Cris das gewaltige Kunststoff-Schleppnetz, das voller vom Wasser gezeichneter Kunststoffabfälle ist. Fast schon liebevoll haben die radikalen Umweltschützer Plastikspielzeuge arrangiert und zu Skulpturen von im Netz verendeten Delfinen angeordnet. Erst, als ein anderer Polizist Cris über den Platz zum Haupteingang führt, sieht sie das riesige Schild: „Verschmutzer! Mörder! Soldaten-Belieferer!“ Sie zuckt heftig zusammen. Der Polizist hält inne: „Alles Okay, Mrs. Benitez?“ Sie schluckt hart, dann flüstert sie: „Aber das Projekt von Mr. Arden und Dr. Callaghan, für die Navy, es war doch geheim?“ Doch das beeindruckt den Ordnungshüter wenig. Es sei allgemein bekannt, dass Howard Industries das US-Militär beliefere. Auf die Erwähnung eines konkreten Projekts geht er nicht ein. Als sie wie betäubt an ihrem Arbeitsplatz ankommt, sind bereits siebenundzwanzig Anrufe in Abwesenheit auf dem Telefon aufgelaufen. Doch bevor sie irgendeinen der Anrufer zurückruft, wählt sie erst einmal eine andere Nummer: „Tom?“, fragt sie in den Hörer, als abgenommen wird und bevor er zu Wort kommt. Es ist tatsächlich Thomas Arden, nicht seine Frau oder eines seiner Kinder: „Cris, ich komme doch IMMER erst um neun.“ Sie schluckt: „Diese Gewohnheit solltest du heute vielleicht einmal brechen. Hier ist die Hölle los. Ökoterroristen haben ein riesiges Schleppnetz vor unserer Tür abgeladen. Überall ist Presse, Polizei, Feuerwehr.“ Schlagartig ist Arden hellwach: „Ich komme. Rufst du…“ Sie fällt ihm ins Wort: „Ich klingele Liz sofort aus dem Bett. Wir brauchen sie hier. Nach dem Kalender ist Dorothy Howard nicht im Haus, und auch kein anderer der Howards. Soll ich auch bei denen anrufen?“ Arden zögert eine winzige Schrecksekunde, dann platzt er heraus: „Natürlich! Es ist DEREN Unternehmen!“ Als fünfundvierzig Minuten später Dorothy Howard aus Augusta/ME zurückruft, ist das Büro Arden/Benitez bereits zum Krisenmanagement-Zentrum für den PR-Notfall bei Howard Industries geworden. Kaum haben sie Dorothys Freigabe, treten Liz Ames und Thomas Arden gemeinsam vor die Presse und geißeln den Anschlag als eine unfaire Attacke auf ein Unternehmen, das sich seiner Verantwortung für die Umwelt bewusst ist.

In Augusta runzelt Senator Fielding beim späten Mittagessen die Stirn und sieht seine Frau an, als er das Statement in den Nachrichten sieht: „Sagtest du nicht, dass du diesen Arden absägen wolltest und Ames dich vor Publikum gedemütigt hat?“ Dorothy stöhnt auf: „Verdammt, Henry! Arden ist ein Idiot, er hat zusammen mit dieser Goldstein-Schnepfe das Navy- … ein wichtiges Projekt verbockt. Ames ist eine arrogante Kuh. Aber sie sind DA, und zwar JETZT, wo das Unternehmen einen schnellen PR-Freischlag braucht. Bis ich Bob Landsman oder seine Senior-Partner vor Ort habe, hat die Presse aus dem Vorfall den Strick geknüpft, an dem sie uns an der höchsten Rah aufhängen.“ Henry Fielding hebt die Brauen, dann muss er lächeln: „Offenbar ist dir doch wichtiger, das Unternehmen deines Vaters zu schützen, als deiner Eitelkeit zu huldigen.“ Sie schnaubt: „DIESEN Eindruck hast du von mir?“ Seufzend bemüht er sich um Schadensbegrenzung und macht sich innerlich eine Liste, welche Geschenke und in welcher Reihenfolge er seiner Sekretärin aufgibt, an Dorothy zu schicken, während die wütenden Rechtfertigungen seiner Frau über ihn hinwegbranden.

„Onkel Nick!“, meldet Charles Howard Junior sich am Telefon. Nicolas Howards Grimasse kann er zum Glück nicht sehen. Die Begeisterung des Bruders von Charles B. Howard für seinen Neffen hält sich in engen Grenzen. Er gibt seiner Stimme einen ruhigen Klang, als er fragt, was es denn gäbe. Charles Junior fordert, er solle seinen Fernseher anschalten, und als Nick fragt, auf welchen Sender, erwidert der Neffe barsch, das sei egal. Achselzuckend schaltet Nick Howard das Gerät an, verkneift sich eine Frage und wechselt den Kanal von C-SPAN zu CNN. Zwei Minuten hört Charles Junior nur undeutlich den Fernseher durch das Telefon, dann hält er es nicht mehr aus: „Und?“ Nicolas Howard beißt sich auf die Lippen, zögert noch fünf, zehn Sekunden, bevor er einer weiteren Aufforderung zuvorkommt: „Ungünstig, dass es nun auch Howard Industries getroffen hat. Trotz aller Militanz genießt diese Bewegung bemerkenswert viel Rückhalt, insbesondere an der Westküste.“ Der Jüngere explodiert regelrecht in das Telefon hinein: „Das ist eine Katastrophe! Arden klüngelt mit Vaters Mätresse, und Ames ist unsere Gegnerin vor Gericht, sowohl beim Testament als auch bei der Geschäftsschädigungs-Sache gegen Arden und die Goldstein!“ Doch Nick Howard lässt sich davon nicht aufbringen. Trocken erklärt er, primär gehe es um das Abwenden von Schaden vom Unternehmen. Das Gefecht um die Erbschaft betreffe ausschließlich interne Angelegenheiten, ebenso wie das „andere Projekt“, wie er es ausdrückt. Beide Vorgänge hätten ohnehin viel zu viel Presse bekommen. Er verspricht, am nächsten Tag nach Kalifornien zu fliegen. Für den Moment habe er noch mehr als genug zu tun, zumal Arden und Ames wohl mit Dorothys Segen die Lage in Oakland unter Kontrolle hätten. Bevor Charles Junior nochmals aufbrausen kann, legt er auf. Der Stapel von Akten auf seinem Schreibtisch ist in der Tat beeindruckend – und das Telefon klingelt schon wieder. Nach den ersten paar Sätzen des nächsten Anrufers ist es allerdings vorbei mit der resignierten Ruhe des jüngeren Bruders von Charles B. Howard: Er flüstert einige sehr vulgäre Flüche und beginnt dann, sich Notizen zu machen.

„Aldred und Button, Notare“, meldet sich eine melodische Alt-Stimme. Claire schluckt, dann fasst sie sich ein Herz: „Hallo, Claire… Claire Lagarde hier. Ich hätte gerne einen Termin bei Mr. Aldred.“ Die Stimme am anderen Ende klingt weiterhin melodisch und tief, gibt Claire nun aber noch mehr Aufschluss darüber, dass sie mit einer älteren Frau telefoniert. Sie verspricht, im Kalender nachzusehen, ob ein Termin möglich sei, bedauert dann aber, dass Claire mindestens eine Woche warten müsse – bei Miss Button sei schneller ein Termin zu bekommen. „Nein, ich MUSS mit Mr. Aldred selbst sprechen. Könnten sie nicht nachfragen… oder mich durchstellen?“ Die Sekretärin bittet um einen Moment und Claire erwartet eine Warteschleife, doch sie hört nur, wie der Hörer mäßig vorsichtig weggelegt wird, dann ist ein Klopfen zu hören, schließlich das Klappen einer Tür, dann unverständliche Stimmen im Hintergrund. Dann ist eine Männerstimme deutlich zu vernehmen: „Nun MACHEN sie schon!“ Recht schnell wird der Hörer wieder aufgenommen. „Miss Lagarde? Sind sie noch dran?“ Claire bestätigt – und wird gebeten, am folgenden Morgen gegen neun in der Kanzlei zu sein. Sie dürfe gerne jemanden mitbringen, wenn sie wolle. Nachdem sie sich bedankt und aufgelegt hat, beginnt sie sich zu fragen, ob sie denn jemanden mitbringen SOLLE und vor allem, wen Aldred denn erwarte. Den Notar ihres leiblichen Vaters hat sie stets nur als alten Mann mit angsteinflössenden Stimmungswechseln erlebt: Mal spöttisch, mal jähzornig, aber nie auch nur vage sympathisch zu der jüngsten Tochter seines Mandanten. Mit bangem Gefühl in der Magengegend geht sie ihr Telefonverzeichnis durch. Am Ende landet sie bei vier Personen, die sie vielleicht bitten könnte, mitzukommen: Ihre Mutter, ihr Stiefvater, Elizabeth Ames und Mai Sakamoto. Eine fünfte ist noch dabei, aber deren Telefonnummer hat sie nicht und eigentlich hat sie den Namen nur aufgeschrieben, weil sie neugierig auf deren Reaktion gewesen wäre: Esther Goldstein-Howard.

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