Folge 2.1: Gegen die Zeit

Das Telefon auf Elizabeth Ames‘ Schreibtisch klingelt bereits das zehnte Mal, als sie sich dazu aufrafft, den Hörer abzunehmen: „Ellison, Wilshire, White, Whitman, Sato, Sato and Ames, Elizabeth Ames spricht.“ Die Person am anderen Ende der Leitung räuspert sich erst einmal, dann kommt es leise: „Ich, ähm, bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber ich würde gerne mit Esther Goldstein-Howard Kontakt aufnehmen.“ Es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis Liz Ames erfasst hat, dass sie Claire Howard am Apparat hat, die „Verräterin am Howard-Clan“, wie sie nach dem Durchstich von Charles B. Howards Testament an Anwältin Ames in der Presse genannt wurde. Sie verzögert die Antwort nicht weiter, überlegt während des Sprechens, wie sie am besten vorgeht: „Nun, ich werde sehen, ob sie mit dir sprechen möchte, Claire. Darf ich fragen, warum du nicht Mai Sakamoto gefragt hast?“ Claires kurzes Zögern, in dem diese sich tatsächlich fragt, warum sie die spröde Anwältin und nicht die junge Japanerin gefragt hat, lässt Liz grinsen. Sie tippt bereits während sie weiter mit Claire telefoniert eine kurze Warnung an Mai, dass Claire sie um Kontakt zu Esther bitten wird. Nach den etwa zehn Minuten des Telefonats weiß Liz sehr genau, dass Claire ein schlechtes Gewissen wegen ihres Verrats hat, aber auch zögert, sich all zu sehr in den Kontakt mit der anderen Seite des Konflikts zu stürzen. Neugierig auf Esther ist sie dennoch.

Doch Esther hat gerade ganz andere Sorgen als den Kontaktwunsch der Tochter ihres verstorbenen Mannes. Das U-Boot „Aphrodite“ wird von den hohen Wellen im südlichen indischen Ozean durchgeschüttelt, irgendwo zwischen Australien, Neuseeland und der Antarktis. Jedes Mal, wenn das Deck überspült wird, dringt Wasser in den Rumpf ein. Die Bilgenpumpen werden mit dem eindringenden Wasser nicht mehr gänzlich fertig, auch wenn das Boot aufgetaucht ist – langsam, ganz langsam steigt das Wasser, und im gleichen Maße liegt das kleine, von schwarzem, ölig-glänzendem Kunststoff überzogene Boot tiefer im unruhigen Wasser. Corey Callaghans Hände krampfen sich so fest um die Haltegriffe, dass die Knöchel weiß hervortreten. Zwei weitere Besatzungsmitglieder versuchen, die Technik des Bootes am Laufen zu halten. Esthers schwarze Locken sind vor kaltem Schweiß und aus dem oberen Deck tropfendem Meerwasser nass, ihr Shirt klebt am Leib. „Wir müssen versuchen, irgendwie den Wassereinbruch zu verringern. Dann können wir lange genug überleben, bis Marshall und Sylvain…“ Doch Callaghan will das nicht hören: „Nein! NEIN! Wir sterben, Esther! Wir müssen um Hilfe funken!“ Doch Esther packt ihn so fest an der Schulter, dass er aufschreit: „Verdammt, nein! Corey, du hast deinen Tod vorgetäuscht, ich habe mit dem allem hier nichts zu tun! Was meinst du, was die mit uns machen, wenn sie uns hier aufgreifen?“ Callaghan bäumt sich auf, doch dann schluckt er. Auf seinen Gesichtszügen zeigt sich deutlich Entsetzen, als er sich vorstellt, was geschehen würde, wenn die australische Marine das Boot und seine Besatzung findet. „Mach keinen Unsinn!“, weist Esther Corey an, während sie sich aus Shirt und Hose schält, um einen Taucheranzug aus glattem, glänzendem, schwarzen Kunststoff anzuziehen. Sie erklärt Corey nicht, dass sie mit zwei weiteren Leuten der Besatzung verzweifelt versuchen wird, die „Aphrodite“ noch ein bisschen länger in einem Stück zu halten.

Der geräuscharme Antrieb der „Tethys“, Schwesterschiff der havarierten „Aphrodite“, treibt es wie einen schwarzen Schatten in fünfzig Metern Tiefe in Richtung Nordwesten. Mit versteinertem Gesicht beherrscht Sylvain Chartrand den Kommandoraum. Der ehemalige französische Marine-Offizier und Fremdenlegionär sagt nichts. Er fragt nicht, wie weit es noch bis zum Treffen mit der „Aphrodite“ ist, denn die geschätzte Position des Bootes und die seines eigenen Bootes kennt er genau. Sally Marsh und Carmen Ochoa Sanchez lauschen gemeinsam auf Geräusche im Meer, doch der knapp hinter ihnen liegenden „Nereide“ unter Marshall Wells schenken sie keinerlei Aufmerksamkeit. Ihnen geht es um die Geräusche des havarierten Walfängers, viele Seemeilen voraus, um den sich mehrere Hilfsschiffe der Royal Australian Navy kümmern, um das zweite japanische Walfangschiff, das mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung der Havarie dampft – und vor allem um ihr Schwesterschiff „Aphrodite“, von dessen Notlage sie kaum genaue Informationen haben. Nur dass Corey und Esther mit Boot und Besatzung Hilfe brauchen, das ist ihnen völlig klar. Sally malt sich furchtbare Dinge aus, einen Wassereinbruch im Boot, oder gar ein Feuer an Bord. Nur der dürre, standardisierte und in natürlichen Meeresgeräuschen verborgene Notruf ist bis zu den beiden anderen Booten durchgekommen, mehr hätte das Inkognito des Bootes gefährdet. „Verdammter Mist“, flüstert sie, was Carmen den Blick wenden lässt. Die Hispanic dreht sich zu ihr: „Hast du was gehört?“ Sally schüttelt den Kopf und beißt sich auf die Lippen. Sie stellt die Frage nicht, doch Carmen ahnt, was sie fragen möchte. Sie bestätigt bedauernd, dass sie auch nichts gehört hat. Sylvain hat zwar bemerkt, dass Carmen und Sally die eiserne Disziplin fallengelassen haben, aber er kann es ihnen nicht verdenken – nicht nur, weil sie Zivilistinnen sind, sondern auch, weil auch ihn die Sorge um Esther, Corey und deren Besatzung mehr als nur nervös macht. Er memoriert einige Tabellen über den Antrieb und beschließt dann, die Fahrt erhöhen zu lassen. Der Gedanke, zur Rettung der Kameraden aus zu vorsichtiger Auslegung ihrer Geheimhaltung zu spät zu kommen, lässt ihn schaudern. Ein wenig bleibt die „Nereide“ unter Marshall Wells zurück, bevor die Besatzung reagiert und ebenfalls die Fahrt erhöht. Keiner spricht es aus, aber alle denken nicht nur an die Rettung ihrer Leute auf der „Aphrodite“, sondern auch an die Konsequenzen, wenn das Boot oder seine Besatzung in die Hände der offiziellen Stellen gelangen. Ob Esther offenbaren würde, wer noch alles an dem Projekt beteiligt ist, wenn die Behörden sie durch die Mangel drehen würden? Sylvain bezweifelt es, aber bei Corey Callaghan und den anderen ist er sich nicht so sicher. Um sich selbst macht er sich weniger Sorgen, aber sich Sally und Carmen in der Gefangenschaft wegen Terrorismus und Diebstahl von Regierungseigentum vorzustellen, lässt ihn frösteln.

Ein Gedanke zu “Folge 2.1: Gegen die Zeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s