Folge 2.2: Trinkgesellschaften

„Hast du was aus der Antarktis gehört“, fragt Cris Benitez, als endlich der Kellner weg ist. Liz Ames schüttelt den Kopf, Tom Arden ebenso. „Ganz allmählich bereitet mir das Ganze Sorgen“, bekennt die Anwältin. Auch sie beschäftigt nicht nur der Gedanke an das Ende des Projekts und die Gefahr für die Freunde auf den U-Booten, sondern auch die Frage, ob sie ihre Komplizen auf dem Festland nennen werden, wenn es zum Äußersten kommen sollte. Sie vermutet, dass Tom und Cris ihre Gedanken an ihrem Gesicht ablesen können müssen, aber beide beschäftigt derselbe Gedanke, sie lassen es sich aber fast ebensowenig anmerken wie die Anwältin mit ihrem Pokerface. Gerade will Liz etwas sagen, da schüttelt Tom vehement den Kopf. Irritiert bricht Liz ab, dann realisiert sie, dass Mai Sakamoto in die Tischnische tritt. Halbwegs beruhigt will Liz nun doch sagen, dass sie auf Hawaii anrufen möchte, da unterbricht sie sich abermals, denn Mai ist nicht allein – Claire Howard gesellt sich dazu, und Mai fragt, ob sie sich dazusetzen dürften. „Klar“, erwidert Liz offen, auch wenn sie eigentlich lieber unter Eingeweihten der Verschwörung geblieben wäre. Claire setzt sich und stellt sich vor: „Claire Howard – also das bin ich.“ Cristina übernimmt die Initiative und erklärt offen, dass Tom und sie bei Howard Industries arbeiteten, dann hebt sie ihren Mai Tai und prostet Claire zu: „Freut mich, sie kennenzulernen, Miss Howard.“ Doch Claire schüttelt den Kopf: „Ich bin Claire, von Chef-Ambitionen bei Vaters Firma bin ich weit entfernt. Eigentlich wollte ich auch gar nicht gegen das Testament klagen, ich habe eigentlich sogar… naja, das Ganze sabotiert.“ Cris lächelt, lehnt sich zurück und erwidert trocken, dass Liz davon erzählt habe. Die Art, wie das Testament nun wirklich abgefasst gewesen sei, klinge sehr nach Charles B. Howard. Liz beginnt, ihren Gedanken nachzuhängen, als Claire und Cris zunehmend das Gespräch alleine bestreiten. Tom bemerkt zwar, dass Mai wissen möchte, ob es Neuigkeiten von den drei U-Booten gäbe, aber da Claire dabei ist und zudem ohnehin keiner von ihnen etwas weiß, reagiert er nicht auf die Blicke der jungen Japanerin. Schließlich fragt er höflich, wie es um Mais Studium auf dem Konservatorium stehe, und sie berichtet vor allem Belangloses, während Cris nun bei der Frage angelangt ist, was Claire denn beruflich mache. „Ich studiere Medizin“, erläutert die Milliardärstochter, und das bringt Fragen von allen am Tisch auf. So findet Mai die Gelegenheit, die in Gedanken versunkene Liz kurz anzusprechen: „Und, was Neues aus…?“ Liz schüttelt den Kopf und fragt: „Was sagt denn dein Vater?“ Mai schüttelt nun selbst den Kopf: „Er weiß nichts. Ob die ganze Entscheidung Konsequenzen für das Howard-Anwesen auf Hawaii hat, ist ihm genauso unklar wie mir.“ Liz lächelt gequält. Die Ungewissheit macht ihnen allen Sorgen, aber in der Öffentlichkeit über die Sorge zu sprechen, dass etwas von Esthers großer Aktion schiefgegangen sein könnte, wäre auch ohne Claires Anwesenheit nicht möglich gewesen. Claire bringt nun ein anderes Thema auf: „Sagt mal, was haltet ihr eigentlich von all den Anschlägen von Ökoterroristen überall in der Bay Area? Ich finde das echt krass, aber es ist wichtig, dass endlich mal jemand etwas tut!“ Tom Arden beginnt, die hochspezialisierte Kunststoffproduktion von Howard Industries und die Wiederverwertungs-Einrichtungen des Konzerns zu verteidigen, um seine vehemente Geißelung der Aktion mit Schleppnetz und aus dem Meer gefischtem Kunststoff vor dem Haupteingang der Konzernzentrale von Howard Industries zu verteidigen. Liz übernimmt und referiert darüber, dass das leuchtende Graffiti auf den Schiffen in der Bay eventuell sogar strafrechtliche Relevanz habe, von den Angriffen mit Abwasser, das gegen die Fassaden von Firmen gespritzt wurde, sowie dem Sprengen von Dämmen an den Salzgewinnungen im Süden der Bay ganz zu schweigen. Mai kommentiert: „Eigentlich ist es gut, dass mal jemand was tut. Aber es ist schon sehr schwierig, die richtige Balance zu finden, was man tun kann und sollte. Ich frage mich, was aus den Seeleuten auf den Tankern geworden ist, die mit verklappten Fäkalien und öligem Abwasser bespritzt wurden. Das klingt irgendwie genau so, wie diese Angriffe, die jetzt in der Bay stattfinden.“ Liz zuckt die Schultern: „Muss keine Verbindung haben. Das können genauso Trittbrettfahrer sein. Aber ich bin eh keine Strafrechtlerin, der einzige Strafverteidiger bei uns in der Kanzlei ist Martin Whitman. Wenn er mir von Polizeiarbeit erzählt, bin ich verdammt froh, dass ich Gesellschafts-, Wirtschafts- und Erbrecht mache. Aber ist schon richtig, irgendwie müssen die Leute drauf gestoßen werden, dass wir etwas tun müssen. Aber das Gesetz ist das Gesetz…“ Dies Diskussion wogt hin und her, Claire schwingt sich in zunehmendem Maße zu Sympathie für die Terroristen auf, während vor allem Liz und Mai relativieren. Cris und Tom werfen in die Debatte, dass schließlich ihre Kinder auch noch Strände aus Sand und nicht aus Kunststoffmüll und Öl erleben sollten, aber eben auch keine verrohte Gesellschaft. Claire jedoch wischt das letztere Argument immer wieder mit dem Verweis auf die rabiaten Methoden der Verschmutzer weg, schließlich nutzten die Verteidiger des Planeten nun nur die Methoden, die auch auf der anderen Seite verbreitet seien.

Auf der anderen Seite von San Francisco sitzen Bob Landsman und Charles Howard junior in einer Sitzgruppe aus schweren Sesseln, die mit einer Balustrade aus dunklem Holz eingefasst sind. Auf dem Tisch vor ihnen stehen Drinks – Bourbon mit Eis und Budweiser vor Landsman, Scotch und Guinness vor Charles. Eine Asiatin in schwarzer Spitzenwäsche tanzt vor den beiden an der Stange, Tisch und Tanzfläche sind eine einzige große Platte. Dass Landsman sich trotz seiner jüngst geschehenen Beförderung zum Partner in der Kanzlei den exklusiven Club nicht leisten könnte, tut seinem breitbeinig-selbstbewussten Ego, das aus jeder Pore seiner Haltung spricht, keinen Abbruch. Er hat die Krawatte gelockert, während Charles junior sogar das Jackett angelassen hat. „Wieder eine Sache, in der Ames knapp die Nase vorn hatte“, merkt Charles nicht ohne ätzende Gehässigkeit an. Dass er weglässt, dass Liz Ames sogar als Senior-Partnerin geführt wird, während Landsman sich mit einer Namensnennung unter den „weiteren Partnern“ begnügen muss, lässt die Spitze noch tiefer in Robert Landsmans Nervenkostüm bohren. Doch er macht gute Miene zum bösen Spiel: „Wenn ich mit ihr fertig bin, tanzt sie auf dem Tisch für mich, Senior-Partnerin oder nicht.“ Charles unterdrückt ein sarkastisches Auflachen, schließlich braucht er Landsman noch. Dorothys Angriff auf die Formfehler des Vertrags im Navy-Projekt von Howard Industries halten beide Männer für lange nicht so aussichtsreich wie Dorothy selbst, und wenn sie scheitert, gedenkt Charles die geschwächte Position seiner älteren Schwester zu nutzen. Landsman verschweigt, dass er selbst seine Zweifel daran hat, ob Charles‘ Format genügt, den Chefsessel von Howard Industries zu füllen, doch wenn es ihm reicht, um Karriere zu machen und Liz Ames zu demütigen, darf der Konzern der Howards von ihm aus gerne zum Teufel gehen. Grinsend richtet er sich auf, zieht einen Schein aus seiner Brieftasche und schiebt ihn unter das Haftband der halterlosen Strümpfe der Stripperin, um ihr dann grinsend das kalte Bourbon-Glas gegen den Schenkel zu drücken. Doch die Frau reagiert nicht – zumindest nicht sichtbar. In Gedanken begleiten unflätige Titulierungen für die beiden Herren das unterdrückte Zucken über die Gemeinheit des Anwalts. Aber sie beherrscht sich nicht nur, weil es ein einträglicher Job ist. Charles zuckt die Schultern: „Lass den Unfug, Bob. Schau zu und genieße. Wenn man hier mal rausgeflogen ist, reicht auch das Geld meines verstorbenen Vaters nicht, um sich hier wieder reinzukaufen – und ein Zehntel des Vermögens reicht schon gar nicht.“ Trocken erwidert Landsman, dass er dann warten müsse, bis er im Chefsessel von Howard Industries sitze, dann könne er das Etablissement kaufen und als Chef könne er tun, was er wolle. Mit dem Scotch in der Hand lässt Charles sich erläutern, wie Landsman die Chancen für Dorothys Vorstoß sehe, und dieser zeichnet die Aussichten in recht düsteren Farben. Der Howard-Erbe selbst hört nur mit einem Ohr zu. Dass Landsmans ruppiges Verhalten ihn daran erinnert, was sein Vater ihm über Respekt und Anständigkeit beizubringen versuchte, beschäftigt ihn ebenso wie die Frage, wieso Claire Howard Dorothy und ihn vor Gericht mit der Offenbarung des ursprünglichen Testaments seines Vaters an Liz Ames verraten hat. Im Gegensatz zu Dorothy ist ihm partout nicht klar, was zwischen Claire und den anderen Howards schief gelaufen sein könnte. Schließlich ist Claire Nutznießerin der Erbschaft, außerdem hat Esther Goldstein-Howard Claires Mutter im Bett von Charles B. Howard ersetzt. Landsman endet mit der Bemerkung, das Ausschreibungsverfahren habe aus seiner Sicht eigentlich keine Formfehler gehabt, denn eigentlich sei ein anderes Ausschreibungsverfahren verwendet worden als das, auf das Dorothy sich bezieht. Nach diesem hätte alles seine Richtigkeit gehabt. „Kannst du gegen deine eigene Kanzlei agieren, Bob“, will Charles junior wissen. Dieser lacht auf und betont, das solle nicht Charles‘ Sorge sein.

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