Folge 2.4: Heimatfront

Tom Arden ist anzusehen, dass er schlecht geschlafen hat. Fast noch deutlicher wird seine Nervosität für Cris Benitez dadurch, dass er bereits im Büro sitzt, als sie um halb acht ankommt. Sie seufzt: „Immer noch nichts Neues?“ Er schüttelt heftig den Kopf. Immer noch herrscht Funkstille von den drei Booten der Organisation. Dann realisiert sie drei Bücher auf seinem Schreibtisch, dazu zwei Aktenordner: „Nick Howards Projekt?“ Wieder bekommt sie nur eine Geste zurück, dieses Mal ein Nicken. Dass er schweigsam und unhöflich ist, sieht sie ihm nach, legt ihre Tasche ab und geht erst einmal Kaffee kochen. Als sie ihm seinen schwarzen Kaffee hinstellt, malt er gerade Reaktionsgleichungen, Strukturformeln und Reaktionskinetik auf sein Whiteboard. Sie lehnt sich gegen seinen Schreibtisch und schaut mit der Cappuccino-Tasse in der Hand zu. Plötzlich bricht es aus Arden hervor: „Herrgottnochmal! Wie ich es auch anstelle, ich komme auf Coreys Formel, aber alle Berichte sagen, die funktioniert nicht. Und wenn ich jetzt nicht mit einer anderen aufwarten kann, die doch funktioniert, was soll ich denn dann Nick Howard sagen, verdammt?“ Cris schluckt heftig, denn er hat sich während seiner Schimpfkanonade herumgedreht und somit schien ein Teil des Vortrags direkt in ihre Richtung zu zielen. Sie schluckt: „Und jetzt? Wie können wir das erklären…?“ Bevor sie detaillierter fragen kann, verzieht er das Gesicht. „Entschuldige, ich bin so in diesem Mist drin, dass ich nicht einmal ‚Guten Morgen‘ gesagt habe. Danke für den Kaffee.“ Sie runzelt die Stirn, will gerade ihr Verständnis zum Ausdruck bringen, dass er unter den gegebenen Umständen so reagiere, da unterbricht eine tiefe, knarzende Stimme die Unterhaltung: „Guten Morgen, Mrs. Benitez, Mr. Arden. Wie viele Tage Überstunden sind inzwischen auf ihrem Konto, Arden?“ Von Cristinas Tasse schwebt eine Milchschaumwolke auf ihre lila Bluse, als sie herumfährt. Beschwichtigend will Nick Howard der Sekretärin die Hand auf den Oberarm legen, lässt es dann aber doch. Dann bittet er höflich um eine Tasse Kaffee. Cappuccino, präzisiert er, als er des Inhalts ihrer Tasse gewahr wird. Anschließend tritt er zu Arden an die Tafel und schaut sich an, was dieser aufgeschrieben hat. Grinsend kommentiert er: „Dasselbe Kauderwelsch, das Charles stets auf irgendwelche Tafeln gekritzelt hat. Chemie ist ein Spiel, dessen Regeln ich nicht verstanden habe. Es lag mir fern zu lauschen, doch sie sagten, sie kämen immer wieder bei den Formeln von Dr. Callaghan heraus. Wie wäre es, wenn wir einfach mal probieren, ob’s nicht an der Formel, sondern an der Ausführung mit den Maschinen lag?“ Cris‘ Hand krampft sich um das Dampfrohr, als sie Milch für Nick Howards Cappuccino aufschäumt, sie unterdrückt mit Mühe einen Aufschrei, als sie das heiße Metall fester anfasst, als sie das eigentlich beabsichtigt hatte. Das ist es! So könnte man klar machen, dass der Navy-Auftrag doch nicht verbockt wurde, nur durch einen Brand aufgehalten! Schließlich sind die Maschinen alle zerstört- zumindest sagt das der Brandbericht. Dass die Geräte in Wirklichkeit in einer Höhle auf Ni’ihau stehen, weiß schließlich niemand. Arden schaltet ebenso schnell, lässt sich aber nichts anmerken: „So ein Unsinn. Mit diesen Maschinen kann man doch nichts falsch machen!“, widerspricht er schnell. Nick Howard wiegt den Kopf hin und her, dann wirft er ein: „Dann dürfte es auch keine verdammten Fumbles im American Football geben, Mr. Arden.“ Cris beherrscht sich mit Mühe, als sie dem Bruder des langjährigen Chefs des Unternehmens die Tasse übergibt. Dann wirft sie ein: „Corey war manchmal ein ganz schöner Hektiker, wenn die Theorie erledigt war, oder?“ Nick Howard lächelt in ihre Richtung: „Gute Sekretärinnen sind manchmal das, was zu weniger emanzipierten Zeiten die Ehefrauen waren. Sie sorgt sich um sie, Arden, sie sehen wirklich übernächtigt aus.“ Arden zuckt die Schultern: „Sie waren recht eindeutig, Chef. Wir müssen das hinbekommen. Sie trauen der Klage ihrer Nichte gegen das Vergabeverfahren wohl nicht sehr weit?“ Nick Howard grinst: „Mein Bruder fuhr immer mehrgleisig. Dass Dorothy das nicht tut, kann ich gut oder schlecht finden, aber ich muss mich ja auch nicht damit abfinden, nicht?“ Arden begreift den Gedankengang nicht und Cris sieht keine Möglichkeit, ihm auf die Sprünge zu helfen. Doch Nick Howard stört das nicht. „Machen sie heute früher Schluss, Arden. Morgen prüfen wir, ob Dr. Callaghan vielleicht besser daran getan hätte, sie seine Formel in die Maschinen eingeben zu lassen.“ Tom blinzelt, dann erwidert er schleppend: „So einfach ist das nicht. Es geht nicht um das Eingeben von Temperatur und Druck und dieser und jener Konzentration einer Chemikalie. Das ist eine Frage von vielen, vielen Parametern.“ Doch der alte Howard macht eine wegwerfende Handbewegung, die eigentlich jeder von seinem Bruder kannte: „Kleinkram. Ich werde es nicht kapieren, selbst wenn sie es mir dreimal erklären. Schätzen sie ab, wie lang es dauert, es richtig zu machen, und sagen sie mir das. Dann schlagen wir 20% drauf und dann machen sie’s. Wenn sie ‚immer wieder‘ auf Callaghans Formel kommen, hilft’s nichts, wenn sie’s noch wochenlang anders versuchen. Dann liegt der Fehler woanders, und das finden wir nur heraus, wenn wir es ausprobieren.“ Cris schmunzelt, als ihr klar wird, dass Tom fast vor Nick Howard salutiert hätte. Der alte Mann nippt an seinem Kaffee und erklärt: „Ich bring‘ ihnen die Tasse später wieder. Sie haben übrigens Milchschaum auf der Bluse, Mrs. Benitez. Entschuldigen sie bitte, dass ich sie erschreckt habe.“ Damit verlässt er das Büro. Tom Arden und Cris Benitez sind noch minutenlang wie erstarrt – erst das Klingeln des Telefons reißt sie aus der Betäubung.

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