Folge 2.5: Wandlungen

Sylvain Chartrand sitzt auf seiner Koje und starrt vor sich hin. Die „Tethys“ hat fast zweihundert Meter Wasser über dem Turm und läuft in Richtung Norden. Da das Boot eine günstige Schicht erwischt hat, kann der Kommandant sein Boot schnell fahren lassen. Doch die raffinierte Fahrt zwischen zwei schallschluckenden Temperaturschichten, die Aussicht, schneller wieder auf Ni’ihau anzukommen, auch die aufgeflammte Romantik mit Sally Marsh auf der Hinfahrt kann ihn nicht aufmuntern. Die „Aphrodite“ haben sie versenkt, sie haben das havarierte Schiff versenken müssen. Es hat Tote gegeben – auf dem japanischen Walfänger vielleicht, sicher jedoch beim Sinken der „Aphrodite“. Das Bild des Frauenkörpers in schwarzglänzendem Taucheranzug, in die Tiefe gleitend, kurz bevor das U-Boot versenkt wurde, es verfolgt Sylvain in seinem Träumen und jedes Mal, wenn er die Augen schließt. Keine Möglichkeit hat er, herauszufinden, ob Esther oder Anna von Marshall Wells auf die „Nereide“ getragen wurde. Schlimmer noch: Er muss sich im Dienste der Organisation wünschen, dass sie Esther gerettet haben und nicht Anna. Sein fast überfülltes Boot muss auch noch mit einer Koje weniger für sieben Leute mehr auskommen, denn der Maschinist der „Aphrodite“, der mit Esther und Anna die Lecks notdürftig abzudichten versuchte, belegt mit schweren Kopfverletzungen ein Bett und wird, so gut es eben geht, von Carmen Ochoa Sanchez und zwei weiteren Besatzungsmitgliedern mit medizinischen Kenntnissen behandelt. Ob alle Leute von der „Aphrodite“ evakuiert wurden oder weitere Leute mit dem Boot untergingen, kann er auch nicht beantworten, denn von der Implosion des Rumpfes angelockt, steuerte das U-Boot der Royal Australian Navy die Stelle der Versenkung an. „Tethys“ und „Nereide“ flohen auf den vorgezeichneten Fluchtwegen, so schnell es nur irgend ging, ohne Funksignale oder SONAR-Signale auszutauschen. Auf keinen Fall durfte bemerkt werden, dass weitere U-Boote im Spiel gewesen sind. Vielleicht, vielleicht würde man den Angriff auf den Walfänger einem chinesischen U-Boot zuschreiben, da die Animositäten zwischen Japan und China ja durchaus nicht immer offen ausgetragen wurden. Als es am offenen Schott der Kabine klopft, sieht er auf. Sally Marsh steht in der Tür. Ihr Gesicht ist grau und übernächtigt, und doch fragt Sylvain, auch wenn er es eigentlich gar nicht hören will, falls ihr Gesicht eine traurige Gewissheit ausdrückt: „Irgendwas von Marshall und der ‚Nereide‘?“ Doch sie schüttelt den Kopf. Nichts per Funk, nichts per SONAR. Beide U-Boote sind auf völlig verschiedenen Wegen unterwegs zurück nach Hawaii. Doch Sally sieht ihm an, dass er etwas mit sich herumschleppt: „Was ist, Sylvain? Es ist doch nur ein Boot…“ Er schüttelt den Kopf, schluckt hart und fasst sich dann ein Herz: „Nein, Sally. Es ist nicht nur ein Boot. Ich weiß nicht, ob es Anna oder Esther war. Aber Marshall hat nur eine von beiden an Bord genommen. Die andere war bewusstlos, oder tot. Ihre Hände lösten sich, als die beiden gegen den Bug der ‚Aphrodite‘ schlugen. Wir konnten sie nicht retten. Sie sank wie ein Stein. Ich weiß nicht, ob Anna oder Esther. Ich weiß es einfach nicht. Aber eine davon ist tot. Ertrunken und versunken in den Roaring Forties. Hoffentlich versunken, nicht, dass die Collins-Klasse sie noch birgt und… herausbekommt, was gespielt wurde. Unsere Chance ist, dass sie uns für Chinesen gehalten haben, die den Japanern übel mitgespielt haben und alle Beweise vernichtet haben, als sie aufflogen. Die einzige. Ich weiß auch nicht, ob Marshall alle, die nicht bei uns an Bord sind, evakuiert hat. Aber mindestens Anna oder Esther… mindestens die eine davon ist tot.“ Sally rutscht an der metallenen Wand hinunter und setzt sich mit dem Hintern auf den Boden. Sie schlägt die Hand vor den Mund und wird noch grauer im Gesicht, als sie ohnehin schon ist: „Und jetzt?“, fragt sie bestürzt.

Dorothy Howard-Fielding wirkt gelöst – der verkniffene Zug um den Mund, ohne den kaum jemand die Milliardärstochter seit langem gesehen hat, ist nicht da. Ein wenig hängen die Wangen, aber dennoch wirkt sie jünger, fast wie ein anderer Mensch, als sie Collette Williams und Simon Albright im ehemaligen Büro ihres Vaters begrüßt. Die Wandlung nach dem ruhigen Wochenende in Maine ist so bemerkenswert, dass Collette Williams beim Blick in das Gesicht der Chefin zuckt. Diese bemerkt es, lächelt aber nur zufrieden in sich hinein. Anwalt Albright lächelt: „Mrs. Howard-Fielding, guten Morgen. Sind sie gestern schon hergeflogen? Sie sehen sehr frisch aus.“ Dorothy schüttelt den Kopf: „Nein, ich bin um sechs Uhr Eastern Standard in Bangor abgeflogen. Die Gulfstream meines Vaters zu nutzen, ist noch immer ungewohnt. Guten Morgen, Mrs. Williams. Wie steht unser Fall?“ Albright lächelt: „Mrs. Williams und Miss Ames haben großartige Vorarbeit geleistet. Wie sie gewünscht haben, habe ich als Senior-Partner den Fall an mich gezogen. Bob Landsman steht aber weiterhin zu ihrer Verfügung.“ Dorothy lehnt sich zurück und macht eine wegwerfende Geste. Mehr Erwähnung ist ihr Landsman nicht wert. Albright versteht den Wink und erklärt: „Es ist korrekt, dass noch Diskussion über das eigentlich angewandte Vergabeverfahren besteht. Die Richtlinien eines Verfahrens wurden eingehalten, dieses kann hier auch angewendet werden, aber die Dokumente besagen, dass ein anderes angewandt worden wäre. Wir haben also wahlweise massive Verstöße gegen die Vorgaben des Verfahrens, das erklärterweise angewandt wurde – oder einen kleinen Fehler bei der Nennung des festgelegten Verfahrens…“ Dorothy nickt und wirft ein, dass die Navy sich sicher darüber herausreden wolle, dass man aufgrund irgendwelcher Kopien oder dergleichen die falsche Überschrift gewählt habe und aus den restlichen Papieren doch eindeutig hervorgehe, dass lediglich die Überschrift falsch gewesen sei. Williams nickt: „Wir vermuten, dass genau das die Argumentationslinie der Navy sein wird. Wir sind derzeit dabei, die Korrespondenz und den Ausschreibungstext auszuwerten. Wir haben bereits Hinweise gefunden, dass zwei Dienststellen von verschiedenen Verfahren ausgingen und somit verschiedene Teile der Ausschreibung von verschiedenen Arten des Verfahrens ausgehen.“ Anwalt Albright grinst, als Dorothy das Ganze mit dem Jahwisten und dem Elohisten als Quellen der Bücher Mose vergleicht. Für Williams muss sie die Vier-Quellen-Theorie der Bücher Mose erklären, dem Anwalt erzählt sie aber nichts Neues. Dieser ergänzt am Schluss: „Und wir müssen jetzt anhand dessen das Werk diskreditieren, weil es nicht aus einer Feder stammt, statt zu argumentieren, dass der Geist richtig ist und nur manchmal ‚Jahwe‘ für Gott und manchmal ‚Elohim‘ drinsteht.“ Williams lacht und erklärt, zum Glück sei Albright Anwalt und kein Theologe. Mit der Weisung, sie auf dem Laufenden zu halten, beendet Dorothy den Termin, da sie gleich eine Telefonkonferenz mit dem Werk in Seattle hat. Vor der Bürotür lächelt Albright: „Darf ich sie zu einem Kaffee einladen, Collette? So gut die Laune ihrer Chefin war, eine gute Gastgeberin war sie nicht.“ Ohne Zögern nimmt sie das Angebot an.

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