Folge 2.6: Heimkehr

Die „Charlotte Howard“ dümpelt südöstlich von Big Island auf den Wellen. Willard Sanders lehnt am Geländer seitlich der Brücke und beobachtet mit dem Fernglas die Küste, wo ein Lavastrom Dampffontänen verursacht, als er ins Wasser läuft. Kapitän Sakamoto behält seine Instrumente aufmerksam im Auge. Beide Männer erwecken den Eindruck, nur das Naturschauspiel zu beobachten, so gut sie es können. Ob sie beobachtet werden und somit diese Fassade bräuchten, ist beiden nicht klar, aber sicher ist sicher. So lässt sich der japanische Seemann auch nichts anmerken, als ein sanfter Ruck durch das Boot geht. Sanders wartet noch eine Minute, dann setzt er das Fernglas ab: „Ich geh‘ mal ein bisschen Sonne tanken, Ichigo-kun. Das Zeug fließt zwar wie Wasser, aber wo es herkommt, ist noch viel mehr. Diese Dampffontänen können wir noch tagelang genießen, wenn wir wollen.“ Mit einem „Hai!“ bestätigt der Kapitän, aber die Spannung ist ihm weiter anzusehen: Dass er trotz einiger Kilometer Distanz zu dem Naturschauspiel etwas nervös ist, ist ihm kaum zu verdenken. Ihm selbst ist es eine willkommene Ausrede, denn nervös ist er, jedoch nicht wegen des Vulkans.

Sanders sieht das schwarze, glänzende Deck des Bootes deutlich unter einer dünnen Schicht Wasser unterhalb des Sonnendecks auf dem Heck der Yacht. Als die Turmluke aufklappt, hält er den Atem an – und sieht in das erschöpfte Gesicht von Marshall Wells. „Mr. Sanders. Schön, ihr Gesicht zu sehen“, konstatiert der ehemalige Marineinfanterist. Jegliche gespielte Coolness fällt von dem sportlichen Autonarren ab, erleichtert kommentiert er: „Eines zurück, zwei auf dem Weg.“ Wells Lächeln gefriert auf dem Gesicht. Er klettert fertig hinauf und schüttelt den Kopf. Doch es ist Esther Goldstein-Howard, das Gesicht grau und die Haare wirr, die etwas dazu sagt, als sie nun auch auf die Yacht gestiegen kommt: „Eines auf dem Weg. ‚Aphrodite‘ ist nicht mehr. Und Anna Perkins auch nicht.“ Wells legt ihr die Hand auf den Oberarm. Wie tausendmal in den letzten acht Tagen erklärt er, inzwischen leise und resigniert, dass es nicht Esthers Schuld sei. Corey Callaghans Augen blitzen, als er, nun ebenfalls hochgeklettert, Wells‘ Blick begegnet. Eine Anschuldigung sieht jedoch nur er darin. Dass seine unbedingte Forderung, auch auf ein Schiff zu schießen, den Druck auf Esther, Marshall und Sylvain so erhöht hat, dass sie das Risiko eingehen mussten, sieht nur er als Grund der Katastrophe – zumindest bislang. Sanders fragt in besorgtem und mitfühlendem Ton: „Aber sonst sind alle…“ Esther schüttelt sich. Es bricht aus ihr hervor wie eine Explosion: „Das wissen wir nicht, Will! Wir hatten keinen Kontakt zur ‚Tethys‘! Wir haben ‚Aphrodite‘ versenkt, aber viel hatten wir dabei nicht mehr zu tun – es musste schnell gehen. Wen Sylvain gerettet oder nicht gerettet hat… Wir wissen es einfach nicht!“ Wells‘ Stimme wird härter: „Du wusstest, worauf du dich einlässt, Esther. Jetzt cremst du dich gut ein, weil du drei Wochen keine Sonne gesehen hast, und dann ziehst du einen Bikini an und posierst als Charles B. Howards lustige Witwe, sobald ihr wieder auf Oahu seid. Wir lecken auf Ni’ihau unsere Wunden und sobald Sylvain wieder da ist, planen wir, wie es weiter geht und was wir für Konsequenzen draus ziehen. Wir sind nicht am Ende. Es war leider die bitterste Art und Weise, aber wir haben etwas gelernt.“ Esther nickt. Sie realisiert erst jetzt, wie anders, wie stark Marshall, Corey und sie selbst riechen. Instinktiv will sie das Shirt abstreifen, lässt es mit Blick auf Corey dann aber doch. Will Sanders interveniert, als Wells und Callaghan schon wieder in das Boot hinuntersteigen wollen: „Eins noch… die Klage gegen des Howard-Testament ist abgeschmettert worden. Charles B. Howard hat verfügt, dass Claire das alte Testament sehen darf, wenn sie fragt – und sie hat gefragt. Danach hat sie es direkt zu Liz Ames getragen und ist dem Rest des Clans in den Rücken gefallen. Außerdem haben sie mit Anschlägen wie unseren die halbe Westküste überzogen… und es wiegt zwar kein Erfolg Verluste auf, aber die Walfänger sind auch in Aufruhr. Man schreibt den Anschlag China oder Russland zu. In der Sache… sorry. Ich weiß, das ändert nichts an dem Verlust.“ Doch Esther lächelt flüchtig: „Anna hätte gewollt, dass wir Erfolg haben. Sie hat mich gerettet. Ich konnte sie nicht retten, aber sie hätte gesagt: Rette nicht mich, rette den Planeten.“ Ganz leise schiebt sie einen Dank hinterher, umarmt Wells und Callaghan, bevor sie sich unter Deck der Yacht begibt. Sanders klopft den beiden Männern auf die Schultern, bevor diese sich in die „Nereide“ zurückziehen und das Boot wieder in die Tiefe verschwinden lassen.

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