Folge 2.7: Folgen

„Sie lässt sich immer entschuldigen, mal von einem Mr. Sanders, dann von einem Mr. Hiller. Ich hab’s auch im Büro von Howard Industries in Honolulu probiert, aber da sagen sie mir, dass sie völlig aus dem Geschäft heraus ist, seit Dorothy die Geschäfte übernommen hat!“ Liz Ames und Mai Sakamoto hören Claire geduldig zu, wie sie sich über die Unerreichbarkeit ihrer Stiefmutter empört. Im Gegensatz zu Dorothy macht sie sich inzwischen keine Gedanken mehr, dass Esther gemeinhin als ihre Stiefmutter bezeichnet wird, sie hat merklich akzeptiert, dass die ein Jahr jüngere Esther die dritte Frau ihres Vaters war und somit de facto ihre Stiefmutter ist. Claires Tee ist unberührt, während Liz bereits den zweiten Espresso zu ihrem Tonic Water bestellt und Mai mittlerweile von einem verhältnismäßig teuren Grüntee auf Cola umgestiegen ist. Liz lächelt beschwichtigend: „Sie ist wahrscheinlich mit der ‚Charlotte‘ unterwegs. Du hast auch nichts von deinem Vater gehört, oder Mai?“ Mai zuckt die Schultern: „Ich habe eine Weile nicht mit ihm telefoniert, das ist wahr. Prinzipiell wäre es möglich, meinen Vater und auch Esther Goldstein-Howard auf der Yacht zu erreichen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie all die Anrufe leid ist.“ Claire runzelt verwirrt die Stirn: „All die Anrufe?“ Liz lächelt und ignoriert – ein wenig bemüht – das Vibrieren ihres Telefons in der Handtasche: „Weißt du, Claire – wo du ziemlich im Fokus standest, seit du mit dem Testament bei mir aufgelaufen bist, steht sie seit dem Tod deines leiblichen Vaters im Fokus. Sie kann machen was sie will, auf Trauerfeier, Beerdigung und Testamentseröffnung völlig rotgeheult ihre Augen hinter einer Riesen-Sonnenbrille verstecken, sich am Strand sonnen, was trinken gehen, mit ihrem Bruder ihre Trauer besprechen. Alles beobachten die Paparazzi, alles landet in der Zeitung oder auf Klatschportalen. Es gab auch schon drei Montagen, die gar nicht auf echten Bildern basierten – drei, die uns auffielen. Sie wird gehetzt. Da spielt natürlich auch rein, dass sie eine tolle Figur und wallend-schwarze Haare hat, verstehst du?“ Claire beißt sich auf die Lippen. Sie nickt betreten und lehnt sich in dem Stuhl zurück, lässt ihren Blick in Richtung der Bay schweifen. Das Café in Berkeley hat Liz ausgesucht, weil es nicht zum üblichen Revier gehört – weder zu ihrem noch zu Claires – aber nahe genug an ihrer Kanzlei ist. Mai wirft Liz einen fragenden Blick zu, während Claire über die Verfolgung durch die Medien nachsinnt. Liz dreht ihr Handgelenk und sieht auf ihre Uhr, dann drückt sie zweimal auf eine Taste an der Seite der Smartwatch. Sie schluckt und nickt. Doch sie kann nicht genau nachschauen, was sie da als Textmitteilung bekommen hat, nur die ersten paar Worte liest sie. Dass Hawaii sich gemeldet hat, kann sie aber auch der Nummer des Anrufes in Abwesenheit ansehen. Claire nun sitzen zu lassen, würde aber Verdacht erregen. „Wisst ihr, mein Vater… also mein Stiefvater und meine Mutter, die wollten immer, dass ich normal lebe. Dass ich ohne den Medienrummel um Charles B. Howard, ohne all das Tam-Tam aufwachse. Mein Stiefvater ist auch nicht arm…“ Mai runzelt die Stirn, Liz fügt ein: „Steven Lunden, Mai. Isabelle Lagarde hat ein paar Jahre nach der Scheidung Steven Lunden geheiratet.“ Mai blinzelt: „Lunden Electronics fördert das Konservatorium, auf das ich gehe, mit sehr großzügigen Spenden.“ Claire schüttelt vehement den Kopf: „Daddy hängt das nicht raus. Klar hat er dafür gesorgt, dass ich nicht pleite gehe, als ich einen Kellnerjob zum Finanzieren des Studiums verloren habe. Aber ich habe nur ein bisschen mehr finanzielles Netz als die anderen. Ich fahre keinen Sportwagen – ich habe gar kein Auto. Ich lebe wie eine normale Studentin. Mom wollte das so, und ich will es auch so. Als ich begriffen hatte, wie reich Daddy ist- da war’s schwer. Aber inzwischen…“ Liz zwinkert ihr zu. „Ich sage Esther Bescheid, dass du sie gerne treffen möchtest, wenn ich das nächste Mal mit ihr spreche.“ Mai nickt: „Ich werde meinen Vater bitten, es auszurichten.“ Claire nickt, sie bestätigt nicht. Dann wechselt sie zu anderen Themen über – sie befragt Liz über ihre Leidenschaft für Scotch, die sie mittlerweile bemerkt hat. Mai hört zu und mokiert sich darüber, dass Liz wie ihr Vater klänge, wenn er über Matcha spräche. Fast eine Stunde halten die beiden die Farce durch, denn schützt Liz einen Anruf ihrer Kanzlei vor, obwohl sie nur eine Mitteilung eines Nachrichtenportals bekommen hat. Mai bemerkt es, Claire jedoch nicht. Da es doch ein ganzes Stück bis zur nächsten BART-Station ist, zahlen alle drei ihre Getränke und Liz chauffiert die beiden Studentinnen zur Bahn, bevor sie um eine Ecke herum fährt und die Nummer des Howard-Anwesens auf Oahu wählt.

Nicht nur Marshall Wells und Corey Callaghan stehen an der Pier in den alten Lavahöhlen auf Ni’ihau, als die „Tethys“ sich aus dem dunklen Wasser zu schälen scheint und dann anlegt. Fast die ganze Gruppe sieht zu, wie das Schwesterschiff der „Nereide“ einläuft. Als die Luke vor dem Turm geöffnet wird, kann Corey nicht umhin, die Nase zu rümpfen. Carmen Ochoa Sanchez streckt als erstes ihren Kopf aus der Luke, dann folgen schnell Sally Marsh und Sylvain Chartrand: „Mach‘ die Nase wieder auf, Corey. Als ihr angekommen seid, habt ihr sicher auch nicht viel besser gerochen. Bringt lieber eine Trage.“ Marshall scheint der Geruch nichts auszumachen. Während Carmen und drei weitere sich darum kümmern, den am Kopf verletzten Maschinisten aus dem Boot zu bugsieren, fragt Sylvain leise: „Anna oder Esther?“ Sally ist anzumerken, dass sie nicht sicher ist, ob sie es wissen will. Corey beißt sich auf die Lippen, als Marshall ihn streng ansieht: „Anna ist tot. Esther ist auf der ‚Charlotte‘ und hält die mit Bräunungscreme auf Linie gebrachten Ti- … Entschuldigung, ihre Brüste in die Sonne, für die Kameras. Wen habt ihr an Bord genommen?“ Chartrand beginnt aufzuzählen. Mit jedem genannten Namen hellt sich Marshalls Gesicht ein wenig auf. Dann nickt er: „Wir haben Aufsehen erregt. In den Medien überschlagen sie sich vor Verdächtigungen gegen Russland und China. Die Walfangsaison ist – für alle Nationen, die das Abkommen brechen oder nicht ratifiziert haben – ausgesetzt. Nur die Naturvölker, denen man das als Kulturgut erlaubt hat, fangen noch von den Tieren. Ein Boot und eine Person haben wir verloren. In der Navy hätten wir von einer erfolgreichen Mission unter annehmbaren Verlusten gesprochen.“ Sally schluckt hart, Sylvain kommentiert trocken: „Du siehst weder glücklich noch ‚annehmbar‘ damit aus, Marshall.“ Corey beißt sich auf die Lippen, die strategische Formulierung hat ihn wohl noch mehr gestört als die drei anderen. Sally flüstert: „Wir sind zu forsch vorgegangen. Wir hätten sie nicht manövrierunfähig schießen sollen. Gab es Verluste bei denen?“ Corey explodiert regelrecht: „Ja, verdammt! Drei Mann durch Kopfverletzungen durch den Ruck, vier sind ertrunken. Wahrscheinlich ist auch ein Matrose von der Royal Australian Navy bei der Rettungsaktion draufgegangen. Ihr braucht gar nicht so zu gucken! Ohne Verluste kapieren sie es nicht!“ Am Ende seiner Rede ist seine Stimme schrill geworden. Betroffen mustern die drei anderen den Chemiker und Mitverschwörer. Marshall fasst sich als erster: „Corey, keiner hat dir und deinem Drängen die Schuld gegeben. Nicht einmal Esther, und die hätte wirklich jemanden gebraucht, auf den sie die Schuld abwälzen kann.“ Doch der angeblich bei einem Surfunfall umgekommene, forsche Wissenschaftler versteht eher das, was er in die Gesichter hineininterpretiert als die Worte: „Ihr braucht gar nicht so zu gucken! Wenn wir etwas bewirken wollen, müsst ihr auf mich hören! Wir haben gelernt, dass wir sie lieber ersaufen lassen und uns davon machen! Dann passiert uns wenigstens nichts!“ Bestürzt schauen Sylvain, Sally und Marshall dem Mitverschwörer hinterher, als er sich in Richtung seines Zimmers in den Höhlen davonmacht. Sally erklärt Marshall leise: „Drei Leute von der ‚Aphrodite‘ sagten, dass Esther abwarten wollte, bis Rettung kommt, als der Trawler so schwer getroffen war. Corey wollte sie ertrinken lassen.“ Sylvain schüttelt den Kopf und seufzt: „Annas Freund ist verständlicherweise nicht unbedingt weniger radikal geworden. Wir müssen aufpassen. Corey wird sich nicht so leicht abspeisen lassen.“ Doch der Ex-Marine Marshall Wells schüttelt den Kopf: „Ich kümmere mich darum. Ihr kommt hier mal an, dann schnappt ihr euch einen Haufen Bräunungscreme und überbringt Esther die Nachricht, dass es keine weiteren Verluste außer Anna und dem Boot gegeben hat. Bereitet sie darauf vor, dass es mit Corey und Marc Schwierigkeiten geben könnte, und zeigt euch ein bisschen an der Sonne.“ Carmen Ochoa Sanchez tritt an die drei heran, als Sylvain und Sally gerade in Richtung ihrer Quartiere weiter wollen: „Wir haben ihn stabil. Es ist lange nicht so schlimm, wie wir dachten.“ Erst nach einer kurzen Erklärung begreifen die drei anderen, dass es um den Maschinisten geht, nicht um Corey Callaghan oder Anna Perkins‘ Freund. Erst als Sylvain und Sally außer Hörweite sind, erzählt Carmen Marshall davon, dass der Ex-Fremdenlegionär und die Kosmetikerin inzwischen wohl ein Paar seien. Marshall grinst: „Wenigstens eine gute Sache. Gut gemacht, Carmen. Jetzt müssen wir nur wieder Ruhe reinbringen, dann machen wir weiter. Vorsichtig, hoffentlich.“

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