Folge 2.10: Herausstehende Nägel

Dass Claire bestätigt, dass sie angerufen habe, weil sie neugierig auf Esther sei und sie treffen wolle, lässt Esther erstaunt die Brauen heben. Als sie anfügt, dass sie ja mit Mai Sakamoto zusammen nach Hawaii fliegen können, weil diese ohnehin ihren Vater besuchen wolle, verdüstert sich Esthers Miene. Sie bemüht sich aber, ihrer Stimme die Sorge nicht anmerken zu lassen, dass Mai in die Aktionen der Gruppe hineingezogen wird. Sie lädt Claire auf das Anwesen ein und bittet sie, Badesachen mitzubringen. Dann legt sie auf und schlendert zurück zu Sally, Sylvain und Willard, bei denen auch John Hiller gewartet hat, bis Esther das Mobilteil des Telefons zurückbringt. Auf die neugierigen Blicke antwortet sie mit nur einem Wort: „Verdammt!“ Sie lässt sich die Informationen regelrecht aus der Nase ziehen, aber als sie endlich damit herausrückt, dass Mai und Claire auf das Anwesen kommen wollen, verstehen und teilen die vier anderen ihre Besorgnis. Sylvain Chartrand merkt allerdings an: „Nun, wenn sie auf Claire aufpassen muss, wird Mai zur Geheimhaltung gezwungen sein. Damit können wir sie fern halten. Ich fände, sie würde ein instabiles Element in die kritische Situation mit Marc und Corey bringen. Aber wenn wir ihre Verantwortung für Claire nutzen können, um einerseits Mai ein bisschen von der Organisation fernzuhalten und andererseits die beiden als Ausrede haben, warum die ungemütlichen Entscheidungen gegen eine erneute Verschärfung unserer Gangart von Marshall und mir verkündet und durchgesetzt werden, weil du auf dem Anwesen bleiben musst, ist das vielleicht auch nicht schlecht.“ Sally hebt die Brauen: „Und was ist mit mir?“ Sylvain zuckt die Schultern: „So gerne ich dich bei mir hätte, Cherie, du bist in der Gruppe hübscher junger Frauen, die sich hier auf dem Anwesen einen schönen Lenz macht, weit besser aufgehoben als drüben auf Ni’ihau, während Marshall und ich Corey und Marc die Hölle heiß machen.“ Dass Esther ihn einen Chauvinisten nennt, ficht den ehemaligen Fremdenlegionär nicht an. Er zwinkert: „Du siehst das idealistisch. Ich sehe das militärisch. Gegen idealistisch-militante Idioten ist – geschlechtsunabhängig – die harte Kommandeursnummer geeigneter. Dafür bist du nicht die Person, Chefin, und Sally genauso wenig. Lass uns die Wogen glätten und die überstehenden Nägel einschlagen oder absägen, danach können wir was Innovatives planen. Bis auf weiteres würde ich noch ein paar Schiffchen bemalen, ein bisschen Plastik an Küsten anlanden, Schleppnetze abschneiden und Tanker mit Gülle und Verklapptem bespritzen. Corey und Marc werden getrennt – einer fährt mit Marshall, der andere mit mir. Wir machen Schlagzeilen, ihr posiert für die Seite-Drei-Bildchen der Paparazzi und wenn sich Zorn der Zornigen und dein Schuldgefühl ein bisschen gelegt haben, machen wir mal die ‚drastische Aktionen‘-Schublade wieder auf.“ Esther wiegt den Kopf hin und her, Sally seufzt. Dann zuckt Esther die Schultern: „Nicht, dass es mir gefallen würde, Sylvain, aber unrecht hast du nicht. Wir machen hier ein bisschen Mädelssause und ihr trinkt Bier und schlagt den Scharfmachern die Flaschen über den Schädel. Was soll’s, Idealismus hin oder her, wir sind in der Durchführungsphase und da braucht’s Realismus.“ Mit einem „D’accord“ schließt Sylvain das Thema ab, und Hiller erklärt, er werde das Telefon zurückbringen und Cocktails mixen. Die Gruppe am Strand entspannt sich, und posiert nun wirklich für die Kameras als fröhlich-dekadente Strandsause.

Marc Walters starrt mit stumpf wirkenden Augen gegen die grob behauene Wand der uralten Lava-Höhle, in der die Gruppe ihr Hauptquartier auf Ni’ihau hat. Vor ihm steht ein leerer Becher, der wohl einmal Kaffee enthalten hat, daneben liegt seine halboffene Geldbörse. Kein Ausweis ist darin zu sehen, auch kein Führerschein – nur ein Bild von einer jungen Frau, die in die Kamera lächelt: Anna Perkins. Tränen hat er nicht vergossen, aber die Leere, die der Tod seiner Freundin in ihm hinterlassen hat, ist ihm deutlich anzusehen. Aber da ist noch mehr, und Corey Callaghan scheint das regelrecht zu riechen, als er mit zwei Flaschen Bier an den Tisch in dem kleinen Gemeinschaftsraum tritt. „Hey, darf ich mich zu dir setzen?“ Walters bemerkt ihn nur mit reichlich Verzögerung, dann macht er eine vage einladende Geste. Corey setzt sich und stellt die zweite Bierflasch vor Marc hin. Er hält es einige Minuten aus, in denen er nur gelegentlich an seinem Bier nippt und Marc seinen Gedanken nachhängen lässt, doch dann fragt er recht unvermittelt: „Was denkst du? Sollten wir es ihnen nicht heimzahlen, dass Anna…“ Marc runzelt die Stirn, dann erklärt er ärgerlich: „Anna ist für ihre Überzeugung gestorben. Das heißt nicht, dass es weniger weh tut. Aber es war ein Fehler, ihnen beim Kentern zuzugucken.“ Corey bemüht sich, dass Marc ihm nicht anmerkt, dass er angestrengt nachdenkt. Dann schießt er ins Blaue: „Aber sie abzuschießen war richtig.“ Marc nickt, zögert, dann schränkt er ein: „Ich finde das schon. Anna war… anderer Ansicht. Anna wollte weiter Schiffe bemalen, sie mit Gülle bespritzen und so etwas. Sie war der Ansicht, dass wir sie erziehen sollten, statt ihnen substanziell zu schaden.“ Corey hakt nach: „Aber du bist anderer Ansicht?“ Marc nickt vehement. Dann erklärt er betont, dass man eine Situation der Überlegenheit über die Umweltsünder hergestellt habe. Auch Marshall Wells und Sylvain Chartrand betonten immer wieder, wenn es fair zuginge, habe man etwas falsch gemacht. Er schließt mit den fest geäußerten Worten: „Wir haben die Ausrüstung, ihnen wehzutun. Was sie tun, gibt uns das Recht, ihnen wehzutun. Marshall und Sylvain müssen das einsehen. Die Mädchen sind wahrscheinlich zu weich dafür.“ Corey nickt, dann drückt er sanft Marcs Schulter: „Am Ende werden sie es richtig finden. Sylvain und Marshall sind Soldaten, die wissen, dass man drastisch vorgehen muss. Sie müssen nur einsehen, dass Esther uns in der Sache bremst, weil sie zu weich ist.“ Marc nickt und nippt aus der Flasche. Corey bietet ihm seine Flasche zum Anstoßen an, zögerlich schlägt Marc ein. Als Carmen Ochoa Sanchez dazustößt, haben die beiden bereits das Thema gewechselt. Sie holt sich ebenfalls eine Bierflasche und gesellt sich zu den beiden Männern. Dass die beiden recht vertraut wirken, fällt ihr auf – aber weder Corey noch Marc lassen sich davon ködern, dass sie das Gespräch auf die vergangene Mission zu lenken versucht. Zu schmerzlich sei das, meint Marc, und Corey erklärt, man müsse nach vorne sehen.

„Was planst du, Onkel Nick?“ Dorothy Howard-Fielding lehnt in ihrem Sessel hinter dem Schreibtisch im ehemaligen Büro ihres Vaters in der Zentrale in Oakland. Nicolas Howard hat es sich in einem der Ledersessel vor dem Schreibtisch bequem gemacht und lächelt gequält: „Charlie ist immer mehrgleisig gefahren, Dorothy. Ich finde es fahrlässig, nur auf die Formfehler bei der Ausschreibung zu setzen.“ Dorothy schüttelt den Kopf: „Hast du das Dossier von Collette Williams überhaupt gelesen? Das wird funktionieren…“ Nick zwinkert ihr zu: „Und wenn nicht? Was wird dein Senator sagen, wenn du Howard Industries in eine rechtliche Fehde mit der Navy steuerst?“ Es fällt ihr sichtlich schwer, ihn direkt zu fragen, aber sie ist zu neugierig auf seine Alternative, um es bei den indirekten Herausforderungen zu belassen: „Gut. Also, was hast du vor? Was ist dein Plan B?“ Für einen Moment lässt er sie noch zappeln, lange genug, um sie zu einem ärgerlichen Schnarren zu animieren: „Ist das nicht UNSER Unternehmen, Nicolas?“ Er nickt und bestätigt. Dann erklärt er umständlich, dass er auf eine andere Argumentation setzen wolle – nämlich die Tatsache, dass das Problem eigentlich gelöst gewesen sei und die Akten, die den schlechten Projektfortschritt bezeugen würden, eigentlich fehlleitend seien. „Mr. Arden ist der Ansicht, dass die Formel von Dr. Callaghan ganz in Ordnung ist, dieser wohl nur zu unfähig war, das ganze den Maschinen richtig beizubringen. Das hätte er wohl Arden überlassen sollen. Er hat stundenlang Tafeln mit demselben chemischen Kauderwelsch vollgeschrieben, den dein Vater auch immer an Tafeln kritzelte. Ich denke, wir sollten es versuchen, den Kram mal in die Maschinen eingeben zu lassen – und zwar durch einen, der das kann, nicht durch einen Theoretiker wie Callaghan. Dann würden wir nur im Verzug sein – und zwar durch eine Verkettung ungünstiger Umstände: Ein eitler Chemiker und ein Brand. Wenn wir dann noch mal ein paar zehntausend Dollar investieren, könnten wir zeigen, DASS wir das Projekt können. Dann können wir deinen Angriff auf das Verfahren und unseren Beweis, dass wir das hinbekommen, zu einem Vergleich mit der Navy gießen lassen. Die kriegen ihre Beschichtung und wir das Geld.“ Dorothy neigt den Kopf zur Seite, dann nickt sie langsam: „Immer vorausgesetzt, es funktioniert.“ Er grinst: „Gibst du mir ein Budget und ein paar Leute, um Arden zu unterstützen? Setzt du ihn wieder ein, als Abteilungsleiter? Er ist der einzige, der mit den Daten vertraut ist.“ Dorothys skeptischen Blick lässt er ihr recht rasch aus dem Gesicht fallen, denn er gibt zu, dass noch jemand mit dem Projekt vertraut sei und zudem in Chemie-Ingenieurwesen ausgebildet. Doch auch die erwartungsvolle Miene, die sie dann aufsetzt, wischt er recht schnell aus ihrem Gesicht. Denn ihre Frage, wer das sei, beantwortet er trocken: „Esther Goldstein.“

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