Folge 2.12: Von Angesicht zu Angesicht

„Es fühlt sich komisch an, einfach so nach Hawaii zu fliegen“, bekennt Claire Howard. Isabelle Lagarde zuckt die Schultern. Sie hat wegen der nebligen Kühle ihre Strickjacke enger um die Schultern gezogen, die Kälte lässt die Krähenfüße deutlicher hervortreten, so dass sie tatsächlich wie eine Frau in ihren Sechzigern aussieht: „Du hast vorlesungsfreie Zeit und keine Praktika. Was hält dich hier in San Francisco?“ Steven Lunden merkt an, er sei immer noch etwas verwirrt, warum Claire unbedingt Esther Goldstein-Howard kennenlernen wolle, aber wenn es ihr wichtig sei, wolle er seine Tochter nicht aufhalten. Isabelle lächelt: „Wenn es dich wirklich interessiert, Steven, dann erkläre ich es dir nachher oder heute Abend.“ Lunden vertröstet seine Frau auf den Abend, er ist nicht ohne Grund bereits im Anzug angetan, das Büro erwartet ihn bereits – aber seine Stieftochter, die er allerdings stets nur als seine Tochter bezeichnet, will er auf jeden Fall verabschieden, bevor sie zum Flughafen abgeholt wird. Die drei stehen an der Auffahrt des Hauses in Brisbane südlich von San Francisco, Lunden sieht etwas ungeduldig auf die Uhr, das dritte Mal inzwischen. Doch genau in diesem Moment passiert eine schwarze Limousine das Grundstück, stoppt und fährt rückwärts ein Stück die abschüssige Auffahrt hinauf. Auf der Fahrerseite steigt Liz Ames in schwarzem Kostüm aus, sie trägt eine Sonnenbrille in die Stirn geschoben. Mai Sakamoto, die auf der Beifahrerseite aussteigt, ist mit Outdoor-Jacke und Jeans wesentlich nebelfester gekleidet, auch wenn sie wie Claire in die Sonne fliegen wird. „Guten Morgen, Mr. Lunden, Mrs. Lagarde – hallo Claire“, beginnt Liz, macht sich aber sogleich daran, den Kofferraum zu öffnen. Mai verneigt sich angedeutet: „Guten Morgen! Ich bin Sakamoto Mai – ich begleite Claire.“ Isabelle Lagarde lächelt und nickt: „Hallo Mai, du bist ganz schön groß geworden, seit ich das letzte Mal Bilder von dir gesehen habe. Sage deinem Vater schöne Grüße von mir. Wenn du noch Kontakt mit ihr hast, deiner Mutter bitte auch.“ Mai nickt, lächelt und deutet eine Verneigung an. „Das werde ich tun. Mit meiner Mutter telefoniere ich einmal im Monat.“ Lunden lässt es sich derweil nicht nehmen, das Gepäck seiner Tochter in Liz‘ Wagen zu laden. Claire umarmt zuerst ihre Mutter, dann ihren Vater, Mai verneigt sich noch einmal vor beiden und Liz schüttelt dem Ehepaar Lunden/Lagarde die Hände – dann steigen die drei jungen Frauen in den Wagen und fahren Richtung Highway 101 los. Claire winkt noch nach hinten hinaus, da fragt Liz schon an Mai auf dem Beifahrersitz gewandt: „Du betonst deine japanischen Manieren ganz schön. Übst du für deinen Vater?“ Mai zuckt die Schultern, schüttelt den Kopf und erklärt dann: „Wenn ich neue Leute kennenlerne, falle ich in Vaters Erziehung und die Gewohnheiten aus der Zeit bei meiner Mutter zurück.“ Liz wundert sich, Isabelle sei doch nicht neu für sie, doch Mai widerspricht: „Ich war noch nicht geboren, als Charles B. Howards zweite Ehe geschieden wurde. Ich wusste gar nicht, dass Vater noch mit ihr korrespondiert hat.“ Claire mischt sich ein, sie erklärt, Ichigo Sakamoto habe noch lange weiter mit ihrer Mutter geschrieben. Dann jedoch ist Liz sehr beschäftigt, die beiden am Terminal abzuliefern – und sie haben es eilig, ihren Flug zu erreichen. Erst als sie in der 777 sitzen, gibt es wieder Gelegenheit, sich zu unterhalten – aber sowohl Claire als auch Mai sind mit anderen Gedanken beschäftigt. Die eine fragt sich, wie Esther auf sie reagieren wird, und die andere beschäftigt sich mit der gerade erst gewonnenen Erkenntnis, dass sie als Aufpasserin für Claire ja gar keine Gelegenheit bekommen wird, sich Esthers und Coreys Organisation anzuschließen.

„Echt jetzt?“, fragt Corey ärgerlich. Doch Sylvain Chartrand lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: „Ich reiße die funktionierenden Crews von ‚Nereide‘ und ‚Tethys‘ nicht auseinander. Du machst Navigation und Aktionsplanung, Marc genauso. Wir verteilen die Expertenteams von ‚Aphrodite‘ auf die beiden anderen Boote.“ Säuerlich versetzt Callaghan: „Ja, und du nimmst dir Sally auf dein Boot…“ Wells kommentiert trocken: „Bei der Mission vor Huntington Beach war Sally unser Mission Specialist. Es war ihre Idee. Wir alle hatten uns darauf geeinigt, dass Carmen und Sally regulär auf ‚Tethys‘ agieren – auch, weil Ethan Sanitäter in meinem Regiment bei der Royal Navy war. ‚Aphrodite‘ hatte Anna und Marc als Sanitäter. Carmen macht das nur nebenbei – wir stellen ihr Marc zur Seite. Dein Platz ist dann in meiner Crew.“ Damit nippt der Brite abermals an seinem Tee, schüttet noch einen weiteren Schluck Milch hinein und wartet, ob Corey weiteren Protest anbringen will – doch Sylvain Chartrand kommt dem einzigen Nicht-Militär in der Bootskommandantenrunde zuvor: „Warum ist dir das eigentlich so wichtig, mit Marc zu fahren – oder geht es um ‚Tethys‘? Dass Esther eher mit mir fährt, wenn sie nicht ‚Aphrodite‘ kommandiert, ist mit dem Verlust des Bootes und der Umverteilung der Crew auch Geschichte. Du kannst also ruhig davon ausgehen, dass du ihr auch auf ‚Nereide‘ weiter hin und wieder chancenlos auf den Arsch gucken kannst.“ Der Zorn, der in Corey Callaghan aufsteigt, ist kaum zu übersehen, aber dann besinnt er sich eines Besseren. Eine sachlich fundierte Alternative zu der Neuzuordnung der ehemaligen Crew des Bootes ‚Aphrodite‘ fällt ihm nicht ein, und weder Wells noch Chartrand scheinen ihn wirklich dafür zu verurteilen, dass er auf Esther steht, auch wenn diese sehr deutlich gemacht hat, dass sie das nicht erwidert. „Wäre ja auch zu einfach gewesen“, murmelt er in sich hinein, als er Wells und Chartrand zurücklässt, um sich ein wenig an der unzugänglichen Stelle vor der Höhle am Strand in die Sonne zu legen. Über sein Aufgebrachtsein entfällt ihm völlig, dass er recht lange wenig Sonne auf der Haut gespürt hat.

Als die Bürotür sich öffnet, sieht Cris Benitez zunächst nur flüchtig auf – dann erkennt sie, wer eingetreten ist und saugt kräftig Luft ein. Doch Dorothy Howard-Fielding ignoriert die Sekretärin völlig, sie will gerade die Durchgangstür zur Thomas Ardens Arbeitsplatz öffnen, da besinnt sie sich eines Besseren: „Ist er da? Telefoniert er gerade?“ Innerlich schwankt sie zwischen Belustigung und Ärger, wie eine Bedienstete behandelt zu werden, aber sie lässt es nicht sehen: „Mr. Arden ist am Platz und frei, Mrs. Howard-Fielding.“ Dorothy bedankt sich flüchtig, während sie bereits die Tür öffnet – Cris schreibt rasch über den offenen Messenger an ihn: „Achtung! Dorothy an der Tür!“ Dass Arden erschrickt, kann sie jedoch nicht verhindern, denn die Erbin der Firma steht bereits im anderen Büro. Bevor die Tür zufällt, kann Cris noch hören, wie sie sagt: „Mr. Arden! Guten Tag – Abteilungsleiter Arden. Sind das da die Formeln, an der Tafel?“ Toms Antwort wird bereits von der geschlossenen Tür geschluckt. Mindestens einen wichtigen Teil hat sie aber dennoch mitbekommen – Dorothy kommt sich ganz offensichtlich sehr raffiniert vor, ihn mit der Wiedereinsetzung als Abteilungsleiter überraschen zu wollen.

„Jetzt bin ich mal gespannt…“, bekennt Claire mit bangem Vibrieren in der Stimme. Mai lächelt und kommentiert: „Sie ist okay…“ Die beiden ziehen ihre Koffer bereits hinter sich her, beide haben ihre Jacken um die Griffe der Koffer geknotet. Trotz der Klimaanlage und des frischen Winds draußen ist die in San Francisco noch angebrachte Kleidung in Honolulu viel zu warm. Claire stellt sich auf eine längere Suche nach der Abholung ein, Mai rechnet mit Willard Sanders – doch am Gate stehen Ichigo Sakamoto und Esther Goldstein-Howard. Schilder halten sie nicht hoch, Ichigo geht selbstverständlich davon aus, dass seine Tochter ihn finden wird. Claire fällt einen Schritt hinter Mai zurück, als sie der schwarzen Lockenmähne neben dem Japaner gewahr wird – und verlangsamt nochmal, als sie Gewissheit erlangt und Esther in ihrem schwarzem Sommerkleid erkennt. Doch Esther gibt die Unbefangene, umarmt erst Mai, dann Claire – Ichigo umarmt seine Tochter, die sich über dessen legeres Hemd wundert, und verneigt sich dann vor Claire. Nach der Begrüßung erklärt Esther: „John und Willard brauchten die Limousine. Daher sind wir zu zweit gekommen – ich schlage vor, Ichigo und Mai nehmen gemeinsam den SLK. Ich bin die Corvette lange nicht mehr gefahren und hatte einen Heidenspaß auf dem Herweg.“ Dass sie gleich allein mit Esther im Auto sitzen soll, zerstreut Claires Beunruhigung nicht, im Gegenteil – aber eine Wahl hat sie nicht. Fünfzehn Minuten später biegt Esther, ein schwarzes Tuch um die Haare geschlungen und die Sonnenbrille über den Augen, auf den John A. Burns Freeway, während Sakamoto bereits am Flughafen in Richtung Osten gefahren ist. Vorsichtig fragt Claire: „Fahren wir woanders hin als Mai und ihr Vater?“ Esther schüttelt den Kopf. Sie bevorzuge nur den Highway H3, während Sakamoto lieber die Pali Tunnels nehme – vielleicht wolle er sogar mit Mai auf dem Nu’uanu Pali Lookout einen Zwischenstopp machen. Doch als Claire das Thema vertiefen will, schüttelt Esther den Kopf: „Ich möchte eigentlich lieber die Gelegenheit ergreifen, mit dir zu sprechen. Klar, ich zeige dir nachher das Haus. Aber es ist ja nicht so, dass du einfach deine Stiefmutter besuchst. Ich führe keinen Krieg, nicht gegen Dorothy, Charles Junior und Nick. Aber wenn ich es täte, hättest du die Seiten gewechselt – zuerst meine Gegnerin, nun meine Verbündete. Ich bin – wenn ich es richtig weiß – ein Jahr jünger als du, und ich wohne in dem Haus, das dein Vater als Lustschloss für deine Mutter und sich gebaut hat.“ Claire bekennt, dass sie gar nicht wusste, dass Charles B. Howard das Anwesen auf Hawaii für ihre Mutter Isabelle geschaffen habe. Esther kommentiert: „Er hat es für sie neugestaltet, aber sie hat es nie gesehen. Das ist unglaublich schade. Ich hoffe, du hast ein bisschen Zeit mitgebracht. Es gibt viel zu sehen auf Hawaii. Howard’sches und anderes.“ Claire zuckt die Schultern: „Öl, das aus dem Hafenbecken aufsteigt und als nationales Monument, als Tränen betrachtet wird, statt als Umweltverschmutzung… da kann ich gut drauf verzichten.“ Esther grinst: „Es gibt nicht nur das Memorial über dem Wrack der ‚Arizona‘. Und wir müssen auch nicht alles mit diesem übermotorisierten Spaß-Ungetüm hier erkunden auf der Insel. Du würdest dich wundern, wie sehr deinem Vater Umweltschutz und Frieden am Herzen lagen, in seinen späten Jahren.“ Claire nimmt fast mehr zur Kenntnis, wie sehr sich Esthers Miene in der Erinnerung zuerst erhellt und dann verdüstert, als dass sie die Worte hört. Doch als sie aus dem Tetsuo Harano Tunnel kommen, ist die jüngste Tochter von Charles B. Howard erst einmal zu sehr mit dem Blick von den Bergen herunter bis zur Kanoehe Bay eingenommen, um sich mit der der Wandlung ihres Vaters oder Trauer seiner dritten Frau beschäftigen.

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