Folge 2.15: Einzug

Willard Sanders hält sich dezent im Hintergrund, er trägt nur Claires Gepäck von der Tiefgarage hoch und dann weiter ins Gästezimmer.John Hiller deutet eine Verneigung an: „Miss Howard – willkommen auf dem Anwesen. Es ist eine Freude, sie hier begrüßen zu dürfen.“ Claire schluckt – sie hat nur wenig Worte, das Anwesen beeindruckt sie. Der subtropische Garten, teils in japanischem Design, teils klassisch europäischer Park, der den Großteil des weitläufigen Grundstücks einnimmt, hat sie schon staunen lassen. Aber das Haus, das durch die natürlich aussehenden Materialien, die Fusion aus westlich-klassizistischem, fernöstlichem und hawaiianischem Stil von außen weit kleiner wirkt, als es tatsächlich ist, macht aus dem Staunen fast schon ein Eingeschüchtertsein. Esther lächelt ihrer Stieftochter zu – sie denkt das Wort „Stieftochter“ und das Lächeln geht in ein Grinsen über, da die Medizinstudentin Claire tatsächlich ein Jahr älter ist als Esther selbst: „Wie gefällt es dir?“, fragt sie, nachdem die Führung im Erdgeschoss abgeschlossen ist. Claire schüttelt ungläubig den Kopf: „Wow. Ein Kinosaal, ein dekadentes Wohnzimmer, und doch hat alles etwas gemütlich-improvisiertes an sich. Der Pool ist herrlich… und das hat Charles B. Howard für meine Mutter entworfen?“ Esther konkretisiert, Charles habe es für Isabelle Lagarde entwerfen lassen, nicht selbst entworfen, Claire tut das aber als Spitzfindigkeit ab. Esther zwinkert ihr zu: „Dann will ich dir mal das Obergeschoss zeigen – dabei fällt mir ein: Wir haben nur zwei Gästezimmer im Haus. Sally, Mai und du sollten sich noch einigen, wer eines allein bekommt. Sonst müsste eine von euch im Gartenhaus Quartier beziehen.“ Während sie die Treppe hinauf gehen, erklärt Esther auf Claires Frage hin, es gäbe vier Schlafzimmer im Gartenhaus, der Eindruck, den der Begriff „Gartenhaus“ suggeriere, sei eigentlich falsch. Vor allem sei es gebaut worden, um den kompakten Eindruck des Haupthauses nicht mit zu vielen Gästezimmern zu verwässern. Tatsächlich seien die Gästezimmer mit den jeweiligen Badezimmern im Gartenhaus genauso groß wie die Zimmerfluchten für die Gäste im Haupthaus. Diese Räume bringen Claire wieder zum Staunen – Bodenbeläge aus weich wirkendem, angeraut geschliffenem Holz, helle Wände aus Holz, breite, vom Boden bis zur Decke reichende Fenster und großzügige, luxuriöse Betten und Sanitäranlagen. Sehr vieles besteht aus warmem Holz oder Bambus, im feuchten Milieu wasserfest lackiert, aber es steckt modernste Technik darin. Claire erklärt leise, als sie wieder auf dem Gang sind: „Das ist ja unglaublich schön. Vermutlich kann ich mir lässig so ein Zimmer mit Mai teilen – sie hat neulich schon wieder bei mir auf dem Sofa in San Francisco geschlafen. Die Aussicht ist vermutlich besser als im Gartenhaus, oder?“ Esther nickt und lächelt. Dann öffnet sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer – sie muss Claire nicht erklären, dass es Charles B. Howards Zimmer ist, das er für sich und Isabelle designen ließ und mit Esther gemeinsam bewohnte. Claire stockt der Atem, sie ist sprachlos. Vor ihr breitet sich ein großer, ovaler Raum aus. Der Boden ist aus hellem, angerautem Holz, er endet an einem Geländer aus Säulen, das die eine lange Hälfte des elliptischen Raumes einnimmt, über den Park hinweg sieht man direkt zum Meer. Die hölzerne Decke ist etwas dunkler als der Boden, changiert ganz leicht ins Blaue, als setze sich der Himmel in der Decke des Raumes fort. Die hausseitige Wand, die andere lange Seite der Ellipse, wird von getäfelten Türen eingenommen – wahrscheinlich Schränke. Zwei sind geöffnet, hinter einer sind Kleider aufgehängt, in der anderen ist eine kleine Theke eingebracht – auf der Rückseite der Türen sind Spiegel zu erkennen. Der einzige sichtbare, mitten im Raum befindliche Einrichtungsgegenstand ist ein großes, rundes Bett, schwarz bezogen, mit einem runden Baldachin darüber. Moskitonetzartige Vorhänge sind hochgerafft. „Riesig“, flüstert Claire, aber es schwingt weit mehr als nur Bewunderung für die schiere Größe des Raumes mit. Esther lächelt und erklärt, es fühle sich wie ein Nest direkt über der Steilküste an. Die offene Seite zum Park und zum Meer hin könne mit durchgängigen Glasscheiben geschlossen werden, meist verzichte sie aber darauf – und hinter den hölzernen Türen auf der Innenseite verbärgen sich der Zugang zum Badezimmer, Schränke, eine Bar und einige Möbel, die man in den Raum ziehen könne. Claire schluckt: „Das hätte Mama gefallen. Da bin ich sicher.“ Esther beschließt, sie nicht gleich noch mit dem dekadenten Höhlenbad unter dem Haus zu schocken, ermutigt sie, Bilder zu machen und ihrer Mutter zu schicken und fragt, was Hiller denn für sie zum Abendessen vorsehen solle. Claire braucht einige Momente, um sich zu fassen, dann bittet sie um ein vegetarisches Abendessen. Esther zieht sich zurück, um Hiller die Weisung zu überbringen, während Claire das Zimmer bewundert.

Als Ichigo Sakamoto und seine Tochter Mai auf dem Anwesen ankommen, ist die Spannung zwischen beiden deutlich zu spüren. Sanders beißt sich auf die Lippen, als er den beiden beim Transport von Mais Gepäck aus der Tiefgarage nach oben behilflich ist. Als Esther sich in der Halle zu Vater und Tochter gesellt, bemühen beide, sich die Spannungen nicht anmerken zu lassen – weitgehend erfolglos, trotz der japanischen Disziplin, die beiden zueigen ist. Esther lächelt plötzlich entwaffnend, nachdem sie Mai umarmt hat, und erklärt trocken: „Spart euch das auf, bis es akut wird. Erstmal sitzen wir alle hier – mit Claire. Solange sie hier ist, kann höchstens Sally sich loseisen. Mai, du weißt, wie ich dazu stehe, aber Corey hat dir nun einmal davon erzählt. Ich bitte dich, es dir zu überlegen – ich setze dir gelegentlich die Gründe auseinander. Aber nicht, wenn Claire jederzeit auftauchen kann.“ Ichigo wirft Esther einen erstaunten, im ersten Moment säuerlichen, dann aber dankbaren Blick zu. Mai blinzelt, dann nickt sie: „Hai.“ Sie denkt kurz nach, dann fragt sie: „Ist Sally denn schon wieder hier?“ Esther schüttelt den Kopf: „Vermutlich Santa-Barbara-Channel im Moment. Aber Sylvain würde vorziehen, dass sie nach der Mission erstmal hier bleibt. Wir werden gezwungen sein, erstmal alle gemeinsam hier Spaß zu haben.“ Mai nimmt das wenig begeistert hin, wechselt dann aber das Thema: „Was tut Claire?“ Esther schmunzelt und erklärt, ihre Stieftochter sende wohl gerade Fotos von Charles B. Howards Lusthöhle, eigentlich gebaut für Isabelle, an ebendiese. Doch irgendeine Erinnerung an den verstorbenen Charles kommt dadurch hoch – Esthers Blick verdüstert sich und sie verlässt die Halle durch das Wohnzimmer in Richtung Terrasse. Ichigo kümmert sich um das Gepäck seiner Tochter, während er ihr auseinandersetzt, dass Sally inzwischen mit Sylvain liiert sei. Erst, als Mai diese Entwicklung gebührend bestaunt hat, fällt ihr auf, dass ihr Vater einfach so den Teil ihres Gepäcks nach oben getragen habe, um den sich nicht Will Sanders gekümmert hat. „Da tut er sonst nie!“, sagt sie zu sich selbst, aber erst, als er das Zimmer verlassen hat. Dass das damit zusammenhängen könnte, dass er sich Sorgen um ihre Sicherheit macht und darüber, dass sie sich der Organisation anschließen könnte, kann sie nicht ganz aus ihren Gedanken heraushalten. Aber eigentlich will sie nicht an die Oberfläche ihrer Gedanken lassen, dass weder die eine noch die andere Sorge unberechtigt ist.

John Hiller ist damit beschäftigt, Frühlingszwiebeln akribisch zu putzen und zu zerlegen, als sich Will Sanders mit einem Tumbler in der Hand an die Küchenzeile lehnt. Der ältere Mann trägt Hemd und lange Stoffhose, Sanders hat ein Hawaii-Hemd offen übergeworfen und trägt dazu Shorts. Hiller sieht kurz auf, schneidet dann weiter und fragt, ohne Will anzusehen: „Wo haben sie Miss Howard untergebracht?“ Will erklärt, dass das noch nicht ausgemacht sei, vorerst sei aber Claires Gepäck in Mais Zimmer im Haupthaus, oder Mais Gepäck in Claires Zimmer im Haupthaus, so genau könne man das nicht sagen. Dann fragt er, ob Hiller auch einen Gin Tonic wolle. Hiller lehnt ab, bittet aber um einen Scotch, während er weiter schneidet. Als Ichigo die Küche betritt, denkt Hiller zuerst, es sei Sanders, der mit dem Scotch zurückkehre: „Sie haben hoffentlich ein anständiges Glas genommen, Willard…“ Dann bemerkt er seinen Irrtum und entschuldigt sich. Sakamoto lächelt: „Das macht gar nichts, Hiller-san. Ich denke gerade darüber nach, ob ich es ungewöhnlich finde, dass ich im Dienstbotenflügel wohne, meine Tochter dagegen im Haupthaus.“ Hiller fragt, ob es denn ausgemacht sei, dass Sally – er spricht allerdings von „Miss Marsh“ – ein Zimmer allein behalte. Der Kapitän erklärt, er gehe fest davon aus. Als Will zurückkehrt, lächelt er: „Scotch, Ichigo-kun? Oder lieber Gin Tonic?“ Hiller kommentiert, sie hätten auch passablen Sake – und darauf geht Ichigo ein. Er kommentiert, wenn Hiller einen Sake „passabel“ nenne, sei das wohl ein großes Lob. Als Will Sanders abermals die Küche betritt, nun mit Sakamotos Drink, hat Ichigo die Regie bei der Miso-Suppe übernommen, Hiller schneidet Paprika mit militärischer Präzision. Dann stoßen die drei mit ihren Drinks an. „Kanpai“, kommt es von Hiller, Sakamoto wirft ihm ein „Cheers!“ entgegen – und Sanders steuert ironisch ein „Santé!“ bei. Hiller erklärt zunächst, dass es eigentlich „A votre Santé!“ heißen müsse, dann schickt er Sanders den Grill anheizen und für Teppan-Grill-Gerichte vorbereiten. Dann lässt Hiller sich darüber aus, dass sich Will scheinbar nur die Trinksprüche verschiedener Sprachen aneigne. Er habe ihm bereits auf Hebräisch, Kantonesisch, Spanisch und sogar Ungarisch zugeprostet, an Konversationswortschatz jedoch sei er ganz offenkundig nicht interessiert. Sakamoto zuckt die Schultern, während er Tofu kunstvoll zerbröselt.

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