Folge 2.18: Gift

Ethan Cummings prüft ein weiteres Mal die Dichtheit des Kanisters – er dreht in herum, schüttelt. Corey und Marshall begutachten den Verschluss, während Ethan nach dem Schütteln das Gefäß mit dem Verschluss nach unten festhält. „Hält das auch unter hohem Druck?“, fragt Marshall, Ethan nickt und erklärt, dass die einzige Frage, die man sich stellen müsse, diejenige wäre, ob eine eingehende Untersuchung die zusätzlich eingebrachte Abdichtung im Gewinde der Deckel entdecken würde. Kommandant Marshall Wells zuckt die Schultern und bescheidet seinen beiden Besatzungsmitgliedern, dass dieses Thema nun einmal ein Risiko berge, aber das Zeug zersetze sich an der Luft quasi sofort in Monomere, schließlich habe Corey selbst diese Idee zur Absicherung gegen eine Umweltkatastrophe gehabt. „Deswegen sollten wir die Kanister auch unter Wasser lagern, bis wir sie den Fischern in die Netze spülen. Wir können ja das Wasser vor dem Aussetzen nochmal auf Gift- und Reststoffe untersuchen, in dem wir die Dinger aufbewahrt haben. Aber dieser Skandal muss ans Licht. Die waren nachlässig genug, dass wir das Zeug finden, wir heben das auf eine Stufe, auf der es nachlässig genug erscheint, dass die Fischer es mit Glück finden können.“ Sowohl Corey als auch Ethan stimmen zu, dann bringt Corey Callaghan den Kanister wieder in den Bottich im Frachtraum des Bootes. Ethan seufzt und erklärt, das sei ein ganz schön gefährlicher Stunt. Aber Marshall schüttelt den Kopf: „Ich will keine 688er jagen, ich will die US Navy nicht ärgern und auch sonst keine Marine. Aber an dieser Stelle hätte Corey recht, wenn er uns vorwürfe, dass wir es nicht tun. Das ist GENAU das, wegen dem Esther und Charles B. Howard diese Boote haben verschwinden lassen. Das ist unsere Mission – der zentrale Kern unserer Mission.“ Cummings seufzt und nickt, er gibt seinem langjährigen Kommandanten recht. Dass es ihm nicht gefällt, dem Glück von Fischern beim Herausfischen von versenkten Giftkanistern vor Los Angeles nachzuhelfen, ändert nichts an der Tatsache, dass er das, was sie damit bezwecken, uneingeschränkt unterstützt.

„Wir kommen jetzt arg nah an die Grenze des Sanctuary – Ruder hart steuerbord.“ Der Kapitän des kleinen Trawlers ist gelassen, aber missgestimmt, da sein neuer Steuermann all zu viel Zeit darauf verschwendet, die großen Pötte auf der anderen Seite der Channel Islands zu begaffen. Schließlich setzt er seine Lizenz auf’s Spiel, wenn sie in den Nationalpark Channel Islands eindringen. Das Boot dreht vom Ostkurs weg nach Süden, die drei Teilinseln von Anacapa wandern von backbord voraus nach achtern. Auf dem GPS berührt der Kurs des Schiffes die Grenze, jenseits derer sie nicht fischen dürfen, überschreitet sie aber gerade so nicht. Der Kapitän zerbeißt einen Fluch auf den Lippen – es ist zu knapp gewesen, um es einfach hinzunehmen, aber zu wenig sicher ein Verstoß, um den Steuermann ernsthaft zu tadeln. Dass ein Küstenwachboot auf der anderen Seite der Insel unterwegs ist, macht es nicht besser – denn wenn die Beamten nicht reagieren, er aber den Steuermann rügt… da wird sein Blick von etwas in den Wellen an steuerbord angezogen. Irgendetwas ist dort, schwarz, nass, glitschig, nur manchmal von den Wellentälern freigegeben…

„Bloody mess!“, entfährt es Ethan Cummings. „Warum dreht der so plötzlich!“ Corey Callaghan schluckt: „Wir sollten acht Fuß tiefer… wir werden sonst gesehen.“ Ärgerlich weist Ethan darauf hin, dass Marshall Wells „da draußen“ sei. Doch der faucht in das Mikrofon seines Anzuges, das über Kabel mit dem Boot verbunden ist: „Runter! Zwölf Fuß! Bewegt euch, verdammt!“ Das Boot senkt die Nase und sinkt etwas ab, es sind nicht nur die angeordneten knappen vier Meter, sondern fast acht. Corey fragt vorsichtig in den Funk: „Marshall?“ – „Alles in Ordnung. Ich sehe nun auch das Netz. Auf 167 gehen, aber nicht mit hart steuerbord, ganz sanft, als würdet ihr eure Freundin streicheln. Nicht so überkompensieren wie mit dem Tiefenruder, klar?“ Ethan und Corey wechseln schuldbewusste Blicke – die Rüge vom Kommandanten hält sie von gegenseitigen Schuldzuweisungen ab.“

„Das war’n kapitaler Wal, Skipper!“, staunt der Steuermann. Der Kapitän runzelt die Stirn, so ganz sicher ist er sich nicht, ob er einen Wal gesehen hat oder etwas anderes. In seinem Geist geht er verschiedene Wale durch, aber irgendwie will keine Beschreibung so recht auf das Objekt passen, das er in den Wellen gesehen hat – vor allem war es groß, sehr groß. Innerlich geht er gerade durch, wie oft er den vermeintlichen Wal gesehen hat und ob es vielleicht etwas anderes gewesen sein könnte, da hört er einen Alarm schrillen: „Netz sinkt ab – irgendwas stimmt nicht!“, ruft einer seiner Leute. Der Steuermann wirft ein, sie hätten vielleicht zu schnell gedreht, nimmt aber massiv Schub weg. Dass sie diesen kapitalen Wal aus Versehen gefangen haben könnten, und das fast unter den Augen der Küstenwache, hätte ihnen gerade noch gefehlt, nicht einmal eine Meile außerhalb des Channel Islands Sanctuary.

„Ruder steuerbord, Jungs. Aber noch nicht tiefer. Ich muss erst noch in die Schleuse.“ Marshall Wells zieht sich an der Leiter hinunter, klappt die noch offene Turmschleuse auf und zieht sich durch das Wasser in den schmalen, kleinen Raum. Dann dreht er sich umständlich herum, während das Boot schon beschleunigt – leichter macht es ihm das nicht, das Schott zuzuziehen. Aber er protestiert nicht, gibt auch keine anderen Anweisungen. Wenn das Boot der Küstenwache von der anderen Seite von Anacapa rechtzeitig auf einen Ruf des Trawlers reagiert und sein SONAR einschaltet, ist außerhalb des Bootes bleiben und vielleicht in die Schrauben treiben immerhin noch die schnellere Variante, statt sich den Befragungen zu stellen. Doch er schiebt die trüben Gedanken beiseite, zieht das massive Stück Metall herunter und dreht am Dichtungsrad, obwohl er nun gar nichts mehr sieht. Dann fordert er, dass die anderen ihm Licht machen. Die Innenbeleuchtung der Schleuse geht an – er checkt als erstes, ob er das Kabel für den „Funk“ eingeklemmt hat, aber es hat sich sauber wieder auf die Rolle gezogen, die in der Schleuse beginnt. Mit einem Knopfdruck aktiviert er die Pumpen und beobachtet kritisch den Dichtring oben an der Schleuse. Nach kurzem Pumpen ist der Raum halb mit Luft gefüllt, von oben tropft nur Restwasser vom Dichtrad herunter.

Als das Küstenwachboot mit dem Trawler längsseits geht, ist der Besatzung schon klar, dass sie nicht aus Versehen einen Wal aus dem Channel Islands Sanctuary herausgefischt haben – das wäre, realistisch betrachtet, auch nicht drin gewesen. Aber es IST etwas in den Netzen, die sie gerade einholen, und obwohl sie so nahe an den Inseln waren, scheint die Küstenwache eher interessiert an dem „Fang“ als an einer Rüge oder gar Strafe für die Fischer. Als sie das Netz hochziehen, stockt allen der Atem – den Leuten von der Küstenwache ebenso wie der Besatzung des Fischerbootes. Der Kapitän zerbeißt einen Fluch auf den Lippen, dann sagt er es doch: „Scheiße – Gefahrgut. Gift. In DIESEM Meer. Als würden Ölbohrplattformen und natürliche Ölquellen im Channel nicht reichen…“ Es dauert noch fast drei Stunden, bis die Giftbehälter sicher aus dem Netz entfernt wurden und bis klar ist, dass sie nicht ausgelaufen sind. Der Steuermann flüstert neben dem Kapitän, als das Küstenwachboot in Richtung Los Angeles abdreht: „Da waren noch Markierungen drauf. Vielleicht Absender, Empfänger oder Reederei. Da bekommt jemand RICHTIG Ärger.“ Der Kapitän nickt und starrt auf das langsam dunkler werdende Meer. „Mit Recht. Mit Recht… hoffentlich treibt da nicht noch mehr, wo wir das aufgegabelt haben. Ökonomisch war die Fahrt ein Fehlschlag. Langfristig ökonomisch und generell ökologisch war’s vermutlich die einträglichste Fahrt, die dieser Kutter je gemacht haben wird. Wenn das Zeug ausgelaufen wäre…“ Der Steuermann nickt. Dass sie vermutlich diese Tankcontainer nicht aufgegabelt hätten, wenn er nicht von großen Containerschiffen geträumt hätte, führt er wohlweislich nicht an.

Wie erstarrt verfolgt Liz Ames die Nachrichten. „Kubikmeterweise Insektenvertilgungsmittel, bereits in geringen Dosen und auch langfristig tödlich für alle Krustentiere. Bei den Channel Islands. Mein Gott!“, stöhnt Sato Senior. Liz flüstert geschockt, dass wohl wenigstens nichts ausgelaufen sei und dass die Küstenwache nach weiteren verlorenen Containern suche. Dann sieht sie auf ihr Telefon – entsetzte Textmitteilungen von Tom Arden, Cris Benitez und auch von ihren Klienten, den Schiffs-Sprayern, erscheinen auf dem Sperrbildschirm. Sie denkt gar nicht darüber nach, als Sato ihr ein Glas in die Hand drückt: „Auf rechtzeitige Funde.“ Abwesend erwidert Liz den Trinkspruch mit einem „Kanpai“ und muss dann mit Macht verhindern, sich zu schütteln – Sake hatte sie nicht erwartet. Dass ihr auch durch den Kopf geht, dass Aktionen der beiden U-Boote es nun schwer haben werden, in die Schlagzeilen zu schaffen, versucht sie sich nicht anmerken zu lassen. Dass Sato ein guter Beobachter ist, weiß sie, aber er lässt ihr Zeit, sich eine Ausrede für ihren nachdenklichen Blick einfallen zu lassen. Erst eine halbe Stunde später beugen sie sich wieder über die Fallakten.

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