Folge 2.8: Entdeckt

Als die „Charlotte Howard“ frühmorgens am Steg des Anwesens festmacht, bemüht Esther sich um eine gelangweilte Miene. Dass sie erleichtert ist, ihr Anwesen wieder zu sehen, und ganz langsam neuen Mut gefasst hat, lässt sie sich nicht anmerken. John Hiller steht auf den Brettern des Stegs und nickt ihr zu. Beiden ist bewusst, dass vor der Küste ein Boot liegt, von dem schon mehrfach Kameralinsen die Sonne in Richtung der Küste zurückgeworfen haben. Esther gibt die etwas genervte Hausherrin, Hiller den durchaus nicht unterwürfigen Hausangestellten, und nach einigem Geplänkel entziehen sie sich auf dem Weg durch den Garten den Kameras. „Ich habe bereits gehört, dass sie ein Boot verloren haben, Esther, und vor allem Miss Perkins. Das tut mir leid. Ich fürchte allerdings, dass wir recht schnell zum Tagesgeschäft zurückkehren müssen.“ Sie nickt, dann fragt sie: „Lohnt es sich, auf Willard und Sakamoto-san zu warten?“ Hiller erklärt trocken: „Ich vermute, die Post, um deren Öffnung ich sie bitten möchte, ist ohnehin nichts für deren Augen. Die ‚Jungs‘ haben bereits daran geschnuppert und nichts gefunden. Sie kam während ihrer Abwesenheit, am… zehnten.“ Esther hebt die Brauen, aber sie erwidert nicht, was ihr durch den Kopf geht: Drei Tage nach dem Verlust der „Aphrodite“. Als Hiller sie über die persönliche Übergabe und den Innenumschlag nur für die Augen von Esther informiert, wird sie noch unruhiger. Sie schließt die Tür des Arbeitszimmers hinter sich, als sie im Haus sind, und nimmt den Umschlag vom Schreibtisch. Nach kurzem Zögern reißt sie ihn auf. Eine Fotokopie und eine mit wenigen Sätzen in Blockschrift handbeschriebene Seite fallen heraus. Sie liest die Koordinaten der Kopie eines Satellitenbildes, dann die darauf geklebten und mit fotokopierten Post-Its: „Dieselelektrisches U-Boot, vermutlich Volksrepublik China.“ – „Torpedoangriff auf Walfänger oder Unfall?“ Eine Markierung auf dem Bild: „Unbekanntes U-Boot“ ist durchgestrichen. Heftig schluckend nimmt sie den Bogen in die Hand und liest: „Unvorsichtiges Vorgehen. Es gibt optische, radarsehende und wärmesuchende Satelliten. Schneller zuschlagen, nicht zusehen. Ein Freund.“ Für zwei, drei Minuten starrt sie auf das Bild und das dürre Schreiben. Dann zieht sie die Tür auf und bemüht sich, sich nichts anmerken zu lassen. Als Willard Sanders und Ichigo Sakamoto das Anwesen betreten, will sie gerade hinauf in ihr Schlafzimmer – doch dann besinnt sie sich eines Besseren. „Ich muss in Oakland anrufen“, erklärt sie den drei Männern. Hiller will ihr das Telefon reichen, doch da erklärt Sakamoto plötzlich: „Moment!“ Er eilt zu der Kommode, auf der neben der Ladeschale des Telefons auch ein Funkempfänger steht. Er dreht an einem Regler – kurz Impulse sind zu hören. „Morsezeichen?“, fragt Sanders. Hektische Handbewegungen von Hiller und ein konzentrierter Blick von Sakamoto bringen ihn zum Schweigen. Esther runzelt die Stirn, während die Männer Folgen von Punkten und Strichen auf Papier notieren. Hiller ist etwas schneller in der Übersetzung in Buchstaben, doch der Text erscheint keinen Sinn zu geben. Esther sieht darauf und beißt sich auf die Lippen: „Da fehlen ein paar Buchstaben am Anfang. ‚ave a tender moment alone.‘ Billy Joel. Der neunte Song aus ‚An Innocent Man‘. Ankerplatz neun aus dem dritten Set an vereinbarten Treffpunkten. Vermutlich die ‚Tethys‘. Wir müssen…“ Sakamoto lächelt, aber das Lächeln verbirgt die große Entschlossenheit nicht ganz: „Sie müssen sich ausruhen, Howard-san. Sanders-san wird ihnen etwas zu Essen bestellen. Hiller-san und ich fahren raus und holen ab, was abzuholen ist.“ Esther stellt das Telefon in die Ladeschale, sie will protestieren, aber dann lässt sie es doch. „In Ordnung. Ich rufe aber erst in Kalifornien an, wenn ich weiß, welche Neuigkeiten Sylvain bringt!“

„Ames!“, meldet Liz sich barsch. In ihrem heimischen Arbeitszimmer sitzen neben ihr selbst auch noch Thomas Arden, Mai Sakamoto und Cristina Benitez. Als sie Esthers Stimme hört, wird ihr Ton sofort milder: „Endlich! Der dürre Anruf bei Tom, dass du wieder auf der ‚Charlotte‘ bist, scheint ewig her zu sein. Wir haben uns Sorgen gemacht!“ Tom gestikuliert, doch nicht Liz selbst, sondern Mai betätigt den Schalter für die Freisprechanlage. „…nicht ganz unberechtigt. Es ist einiges schief gegangen. Wir haben die ‚Aphrodite‘ verloren – und Anna Perkins. Aber wir sind nicht entdeckt worden, zumindest glauben wir das. Ich brauche aber dringend Informationen, Liz. Wirklich dringend. Drei Tage nach dem Gefecht zwischen uns und dem Walfänger, vielleicht fünfundfünfzig Stunden nach dem Sinken der ‚Aphrodite‘, kam hier per Kurier eine Fotokopie eines Überwachungsbilds eines Satelliten an. Es zeigt ein ‚unbekanntes dieselelektrisches Boot‘, den Walfänger und die Schiffe der Royal Australian Navy bereits in Reichweite. Per Post-It wurde es wohl als chinesisches Boot identifiziert.“ Arden beißt sich auf die Lippen: „Ist dieses Gespräch…“ Liz fährt ihn an: „Ja, zumindest, so gut es zivil geht. Halt die Klappe, Tom!“ Esther fragt nach, und Liz erklärt ihr, dass Mai, Cristina und Thomas ebenfalls da seien – und dass die Leitung sicher sei, Hiller und sie hätten eine end-to-end-Verschlüsselung des VoIP-Telefons arrangiert. „Okay“, fährt Esther fort, „dazu gab es ein Schreiben, das uns riet, schneller zuzuschlagen, auf die Satelliten zu achten und nicht aufgetaucht zuzuschauen, was passiert.“ Bevor Liz etwas sagen kann, schneidet Esthers Stimme erneut in die Stille, nun ist sie scharf: „Ich wollte die Japaner nicht elendig ersaufen lassen. Es sind mehr umgekommen, als ich das wollte. Wir waren da, sie eventuell zu retten.“ Keiner der vier sagt etwas, doch Esther selbst wird in diesem Moment erst richtig klar, dass eine Rettung der Seeleute des havarierten Walfängers gänzlich unmöglich gewesen wäre. Sie schluckt hart. „Egal, Leute. Habt ihr irgendwelche Kontakte, die vielleicht- dieser Freund sein könnten?“ Nachdem alle vier versprechen, sich umzuhören, kommt Liz auf das Thema Claire Howard zu sprechen. Esther nimmt sich eine Bedenkminute, dann hört man ihr Schulterzucken regelrecht: „Schick‘ sie auf meine Kosten nach Honolulu. Bessere Tarnung gibt’s nicht, als das Anbiedern mit der Verräterin am Clan.“ Die Runde um Liz‘ Schreibtisch blinzelt verwirrt über die Initiative. Liz fragt ungläubig: „Allein?“ – „Wen solltest du denn mitschicken? Liz, das Mädchen ist ein Jahr älter als ich, die kann allein fliegen.“ Tom Arden beginnt zu grinsen, doch das Grinsen fällt ihm sofort aus dem Gesicht, als Mai einwirft: „Ich könnte mitfliegen. Ich wollte eh meinen Vater besuchen.“ Dass sie Esther eben einen Bärendienst erwiesen hat, ist Liz Ames durchaus klar, aber beide Frauen machen gute Miene zum bösen Spiel. Mai näher an die Organisation zu bringen, hält keiner für eine gute Idee, erst recht nicht mit Claire Howard im Schlepptau. Aber nachdem Liz in sich und auch in Esther die Befürchtungen geweckt hat, was sich Claire allein auf dem Flug nach Hawaii alles zusammenreimen könnte, können sie nicht mehr zurück, selbst wenn sie riskieren würden, Mai vor den Kopf zu stoßen.

Folge 2.7: Folgen

„Sie lässt sich immer entschuldigen, mal von einem Mr. Sanders, dann von einem Mr. Hiller. Ich hab’s auch im Büro von Howard Industries in Honolulu probiert, aber da sagen sie mir, dass sie völlig aus dem Geschäft heraus ist, seit Dorothy die Geschäfte übernommen hat!“ Liz Ames und Mai Sakamoto hören Claire geduldig zu, wie sie sich über die Unerreichbarkeit ihrer Stiefmutter empört. Im Gegensatz zu Dorothy macht sie sich inzwischen keine Gedanken mehr, dass Esther gemeinhin als ihre Stiefmutter bezeichnet wird, sie hat merklich akzeptiert, dass die ein Jahr jüngere Esther die dritte Frau ihres Vaters war und somit de facto ihre Stiefmutter ist. Claires Tee ist unberührt, während Liz bereits den zweiten Espresso zu ihrem Tonic Water bestellt und Mai mittlerweile von einem verhältnismäßig teuren Grüntee auf Cola umgestiegen ist. Liz lächelt beschwichtigend: „Sie ist wahrscheinlich mit der ‚Charlotte‘ unterwegs. Du hast auch nichts von deinem Vater gehört, oder Mai?“ Mai zuckt die Schultern: „Ich habe eine Weile nicht mit ihm telefoniert, das ist wahr. Prinzipiell wäre es möglich, meinen Vater und auch Esther Goldstein-Howard auf der Yacht zu erreichen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie all die Anrufe leid ist.“ Claire runzelt verwirrt die Stirn: „All die Anrufe?“ Liz lächelt und ignoriert – ein wenig bemüht – das Vibrieren ihres Telefons in der Handtasche: „Weißt du, Claire – wo du ziemlich im Fokus standest, seit du mit dem Testament bei mir aufgelaufen bist, steht sie seit dem Tod deines leiblichen Vaters im Fokus. Sie kann machen was sie will, auf Trauerfeier, Beerdigung und Testamentseröffnung völlig rotgeheult ihre Augen hinter einer Riesen-Sonnenbrille verstecken, sich am Strand sonnen, was trinken gehen, mit ihrem Bruder ihre Trauer besprechen. Alles beobachten die Paparazzi, alles landet in der Zeitung oder auf Klatschportalen. Es gab auch schon drei Montagen, die gar nicht auf echten Bildern basierten – drei, die uns auffielen. Sie wird gehetzt. Da spielt natürlich auch rein, dass sie eine tolle Figur und wallend-schwarze Haare hat, verstehst du?“ Claire beißt sich auf die Lippen. Sie nickt betreten und lehnt sich in dem Stuhl zurück, lässt ihren Blick in Richtung der Bay schweifen. Das Café in Berkeley hat Liz ausgesucht, weil es nicht zum üblichen Revier gehört – weder zu ihrem noch zu Claires – aber nahe genug an ihrer Kanzlei ist. Mai wirft Liz einen fragenden Blick zu, während Claire über die Verfolgung durch die Medien nachsinnt. Liz dreht ihr Handgelenk und sieht auf ihre Uhr, dann drückt sie zweimal auf eine Taste an der Seite der Smartwatch. Sie schluckt und nickt. Doch sie kann nicht genau nachschauen, was sie da als Textmitteilung bekommen hat, nur die ersten paar Worte liest sie. Dass Hawaii sich gemeldet hat, kann sie aber auch der Nummer des Anrufes in Abwesenheit ansehen. Claire nun sitzen zu lassen, würde aber Verdacht erregen. „Wisst ihr, mein Vater… also mein Stiefvater und meine Mutter, die wollten immer, dass ich normal lebe. Dass ich ohne den Medienrummel um Charles B. Howard, ohne all das Tam-Tam aufwachse. Mein Stiefvater ist auch nicht arm…“ Mai runzelt die Stirn, Liz fügt ein: „Steven Lunden, Mai. Isabelle Lagarde hat ein paar Jahre nach der Scheidung Steven Lunden geheiratet.“ Mai blinzelt: „Lunden Electronics fördert das Konservatorium, auf das ich gehe, mit sehr großzügigen Spenden.“ Claire schüttelt vehement den Kopf: „Daddy hängt das nicht raus. Klar hat er dafür gesorgt, dass ich nicht pleite gehe, als ich einen Kellnerjob zum Finanzieren des Studiums verloren habe. Aber ich habe nur ein bisschen mehr finanzielles Netz als die anderen. Ich fahre keinen Sportwagen – ich habe gar kein Auto. Ich lebe wie eine normale Studentin. Mom wollte das so, und ich will es auch so. Als ich begriffen hatte, wie reich Daddy ist- da war’s schwer. Aber inzwischen…“ Liz zwinkert ihr zu. „Ich sage Esther Bescheid, dass du sie gerne treffen möchtest, wenn ich das nächste Mal mit ihr spreche.“ Mai nickt: „Ich werde meinen Vater bitten, es auszurichten.“ Claire nickt, sie bestätigt nicht. Dann wechselt sie zu anderen Themen über – sie befragt Liz über ihre Leidenschaft für Scotch, die sie mittlerweile bemerkt hat. Mai hört zu und mokiert sich darüber, dass Liz wie ihr Vater klänge, wenn er über Matcha spräche. Fast eine Stunde halten die beiden die Farce durch, denn schützt Liz einen Anruf ihrer Kanzlei vor, obwohl sie nur eine Mitteilung eines Nachrichtenportals bekommen hat. Mai bemerkt es, Claire jedoch nicht. Da es doch ein ganzes Stück bis zur nächsten BART-Station ist, zahlen alle drei ihre Getränke und Liz chauffiert die beiden Studentinnen zur Bahn, bevor sie um eine Ecke herum fährt und die Nummer des Howard-Anwesens auf Oahu wählt.

Nicht nur Marshall Wells und Corey Callaghan stehen an der Pier in den alten Lavahöhlen auf Ni’ihau, als die „Tethys“ sich aus dem dunklen Wasser zu schälen scheint und dann anlegt. Fast die ganze Gruppe sieht zu, wie das Schwesterschiff der „Nereide“ einläuft. Als die Luke vor dem Turm geöffnet wird, kann Corey nicht umhin, die Nase zu rümpfen. Carmen Ochoa Sanchez streckt als erstes ihren Kopf aus der Luke, dann folgen schnell Sally Marsh und Sylvain Chartrand: „Mach‘ die Nase wieder auf, Corey. Als ihr angekommen seid, habt ihr sicher auch nicht viel besser gerochen. Bringt lieber eine Trage.“ Marshall scheint der Geruch nichts auszumachen. Während Carmen und drei weitere sich darum kümmern, den am Kopf verletzten Maschinisten aus dem Boot zu bugsieren, fragt Sylvain leise: „Anna oder Esther?“ Sally ist anzumerken, dass sie nicht sicher ist, ob sie es wissen will. Corey beißt sich auf die Lippen, als Marshall ihn streng ansieht: „Anna ist tot. Esther ist auf der ‚Charlotte‘ und hält die mit Bräunungscreme auf Linie gebrachten Ti- … Entschuldigung, ihre Brüste in die Sonne, für die Kameras. Wen habt ihr an Bord genommen?“ Chartrand beginnt aufzuzählen. Mit jedem genannten Namen hellt sich Marshalls Gesicht ein wenig auf. Dann nickt er: „Wir haben Aufsehen erregt. In den Medien überschlagen sie sich vor Verdächtigungen gegen Russland und China. Die Walfangsaison ist – für alle Nationen, die das Abkommen brechen oder nicht ratifiziert haben – ausgesetzt. Nur die Naturvölker, denen man das als Kulturgut erlaubt hat, fangen noch von den Tieren. Ein Boot und eine Person haben wir verloren. In der Navy hätten wir von einer erfolgreichen Mission unter annehmbaren Verlusten gesprochen.“ Sally schluckt hart, Sylvain kommentiert trocken: „Du siehst weder glücklich noch ‚annehmbar‘ damit aus, Marshall.“ Corey beißt sich auf die Lippen, die strategische Formulierung hat ihn wohl noch mehr gestört als die drei anderen. Sally flüstert: „Wir sind zu forsch vorgegangen. Wir hätten sie nicht manövrierunfähig schießen sollen. Gab es Verluste bei denen?“ Corey explodiert regelrecht: „Ja, verdammt! Drei Mann durch Kopfverletzungen durch den Ruck, vier sind ertrunken. Wahrscheinlich ist auch ein Matrose von der Royal Australian Navy bei der Rettungsaktion draufgegangen. Ihr braucht gar nicht so zu gucken! Ohne Verluste kapieren sie es nicht!“ Am Ende seiner Rede ist seine Stimme schrill geworden. Betroffen mustern die drei anderen den Chemiker und Mitverschwörer. Marshall fasst sich als erster: „Corey, keiner hat dir und deinem Drängen die Schuld gegeben. Nicht einmal Esther, und die hätte wirklich jemanden gebraucht, auf den sie die Schuld abwälzen kann.“ Doch der angeblich bei einem Surfunfall umgekommene, forsche Wissenschaftler versteht eher das, was er in die Gesichter hineininterpretiert als die Worte: „Ihr braucht gar nicht so zu gucken! Wenn wir etwas bewirken wollen, müsst ihr auf mich hören! Wir haben gelernt, dass wir sie lieber ersaufen lassen und uns davon machen! Dann passiert uns wenigstens nichts!“ Bestürzt schauen Sylvain, Sally und Marshall dem Mitverschwörer hinterher, als er sich in Richtung seines Zimmers in den Höhlen davonmacht. Sally erklärt Marshall leise: „Drei Leute von der ‚Aphrodite‘ sagten, dass Esther abwarten wollte, bis Rettung kommt, als der Trawler so schwer getroffen war. Corey wollte sie ertrinken lassen.“ Sylvain schüttelt den Kopf und seufzt: „Annas Freund ist verständlicherweise nicht unbedingt weniger radikal geworden. Wir müssen aufpassen. Corey wird sich nicht so leicht abspeisen lassen.“ Doch der Ex-Marine Marshall Wells schüttelt den Kopf: „Ich kümmere mich darum. Ihr kommt hier mal an, dann schnappt ihr euch einen Haufen Bräunungscreme und überbringt Esther die Nachricht, dass es keine weiteren Verluste außer Anna und dem Boot gegeben hat. Bereitet sie darauf vor, dass es mit Corey und Marc Schwierigkeiten geben könnte, und zeigt euch ein bisschen an der Sonne.“ Carmen Ochoa Sanchez tritt an die drei heran, als Sylvain und Sally gerade in Richtung ihrer Quartiere weiter wollen: „Wir haben ihn stabil. Es ist lange nicht so schlimm, wie wir dachten.“ Erst nach einer kurzen Erklärung begreifen die drei anderen, dass es um den Maschinisten geht, nicht um Corey Callaghan oder Anna Perkins‘ Freund. Erst als Sylvain und Sally außer Hörweite sind, erzählt Carmen Marshall davon, dass der Ex-Fremdenlegionär und die Kosmetikerin inzwischen wohl ein Paar seien. Marshall grinst: „Wenigstens eine gute Sache. Gut gemacht, Carmen. Jetzt müssen wir nur wieder Ruhe reinbringen, dann machen wir weiter. Vorsichtig, hoffentlich.“

Folge 2.6: Heimkehr

Die „Charlotte Howard“ dümpelt südöstlich von Big Island auf den Wellen. Willard Sanders lehnt am Geländer seitlich der Brücke und beobachtet mit dem Fernglas die Küste, wo ein Lavastrom Dampffontänen verursacht, als er ins Wasser läuft. Kapitän Sakamoto behält seine Instrumente aufmerksam im Auge. Beide Männer erwecken den Eindruck, nur das Naturschauspiel zu beobachten, so gut sie es können. Ob sie beobachtet werden und somit diese Fassade bräuchten, ist beiden nicht klar, aber sicher ist sicher. So lässt sich der japanische Seemann auch nichts anmerken, als ein sanfter Ruck durch das Boot geht. Sanders wartet noch eine Minute, dann setzt er das Fernglas ab: „Ich geh‘ mal ein bisschen Sonne tanken, Ichigo-kun. Das Zeug fließt zwar wie Wasser, aber wo es herkommt, ist noch viel mehr. Diese Dampffontänen können wir noch tagelang genießen, wenn wir wollen.“ Mit einem „Hai!“ bestätigt der Kapitän, aber die Spannung ist ihm weiter anzusehen: Dass er trotz einiger Kilometer Distanz zu dem Naturschauspiel etwas nervös ist, ist ihm kaum zu verdenken. Ihm selbst ist es eine willkommene Ausrede, denn nervös ist er, jedoch nicht wegen des Vulkans.

Sanders sieht das schwarze, glänzende Deck des Bootes deutlich unter einer dünnen Schicht Wasser unterhalb des Sonnendecks auf dem Heck der Yacht. Als die Turmluke aufklappt, hält er den Atem an – und sieht in das erschöpfte Gesicht von Marshall Wells. „Mr. Sanders. Schön, ihr Gesicht zu sehen“, konstatiert der ehemalige Marineinfanterist. Jegliche gespielte Coolness fällt von dem sportlichen Autonarren ab, erleichtert kommentiert er: „Eines zurück, zwei auf dem Weg.“ Wells Lächeln gefriert auf dem Gesicht. Er klettert fertig hinauf und schüttelt den Kopf. Doch es ist Esther Goldstein-Howard, das Gesicht grau und die Haare wirr, die etwas dazu sagt, als sie nun auch auf die Yacht gestiegen kommt: „Eines auf dem Weg. ‚Aphrodite‘ ist nicht mehr. Und Anna Perkins auch nicht.“ Wells legt ihr die Hand auf den Oberarm. Wie tausendmal in den letzten acht Tagen erklärt er, inzwischen leise und resigniert, dass es nicht Esthers Schuld sei. Corey Callaghans Augen blitzen, als er, nun ebenfalls hochgeklettert, Wells‘ Blick begegnet. Eine Anschuldigung sieht jedoch nur er darin. Dass seine unbedingte Forderung, auch auf ein Schiff zu schießen, den Druck auf Esther, Marshall und Sylvain so erhöht hat, dass sie das Risiko eingehen mussten, sieht nur er als Grund der Katastrophe – zumindest bislang. Sanders fragt in besorgtem und mitfühlendem Ton: „Aber sonst sind alle…“ Esther schüttelt sich. Es bricht aus ihr hervor wie eine Explosion: „Das wissen wir nicht, Will! Wir hatten keinen Kontakt zur ‚Tethys‘! Wir haben ‚Aphrodite‘ versenkt, aber viel hatten wir dabei nicht mehr zu tun – es musste schnell gehen. Wen Sylvain gerettet oder nicht gerettet hat… Wir wissen es einfach nicht!“ Wells‘ Stimme wird härter: „Du wusstest, worauf du dich einlässt, Esther. Jetzt cremst du dich gut ein, weil du drei Wochen keine Sonne gesehen hast, und dann ziehst du einen Bikini an und posierst als Charles B. Howards lustige Witwe, sobald ihr wieder auf Oahu seid. Wir lecken auf Ni’ihau unsere Wunden und sobald Sylvain wieder da ist, planen wir, wie es weiter geht und was wir für Konsequenzen draus ziehen. Wir sind nicht am Ende. Es war leider die bitterste Art und Weise, aber wir haben etwas gelernt.“ Esther nickt. Sie realisiert erst jetzt, wie anders, wie stark Marshall, Corey und sie selbst riechen. Instinktiv will sie das Shirt abstreifen, lässt es mit Blick auf Corey dann aber doch. Will Sanders interveniert, als Wells und Callaghan schon wieder in das Boot hinuntersteigen wollen: „Eins noch… die Klage gegen des Howard-Testament ist abgeschmettert worden. Charles B. Howard hat verfügt, dass Claire das alte Testament sehen darf, wenn sie fragt – und sie hat gefragt. Danach hat sie es direkt zu Liz Ames getragen und ist dem Rest des Clans in den Rücken gefallen. Außerdem haben sie mit Anschlägen wie unseren die halbe Westküste überzogen… und es wiegt zwar kein Erfolg Verluste auf, aber die Walfänger sind auch in Aufruhr. Man schreibt den Anschlag China oder Russland zu. In der Sache… sorry. Ich weiß, das ändert nichts an dem Verlust.“ Doch Esther lächelt flüchtig: „Anna hätte gewollt, dass wir Erfolg haben. Sie hat mich gerettet. Ich konnte sie nicht retten, aber sie hätte gesagt: Rette nicht mich, rette den Planeten.“ Ganz leise schiebt sie einen Dank hinterher, umarmt Wells und Callaghan, bevor sie sich unter Deck der Yacht begibt. Sanders klopft den beiden Männern auf die Schultern, bevor diese sich in die „Nereide“ zurückziehen und das Boot wieder in die Tiefe verschwinden lassen.

Folge 2.5: Wandlungen

Sylvain Chartrand sitzt auf seiner Koje und starrt vor sich hin. Die „Tethys“ hat fast zweihundert Meter Wasser über dem Turm und läuft in Richtung Norden. Da das Boot eine günstige Schicht erwischt hat, kann der Kommandant sein Boot schnell fahren lassen. Doch die raffinierte Fahrt zwischen zwei schallschluckenden Temperaturschichten, die Aussicht, schneller wieder auf Ni’ihau anzukommen, auch die aufgeflammte Romantik mit Sally Marsh auf der Hinfahrt kann ihn nicht aufmuntern. Die „Aphrodite“ haben sie versenkt, sie haben das havarierte Schiff versenken müssen. Es hat Tote gegeben – auf dem japanischen Walfänger vielleicht, sicher jedoch beim Sinken der „Aphrodite“. Das Bild des Frauenkörpers in schwarzglänzendem Taucheranzug, in die Tiefe gleitend, kurz bevor das U-Boot versenkt wurde, es verfolgt Sylvain in seinem Träumen und jedes Mal, wenn er die Augen schließt. Keine Möglichkeit hat er, herauszufinden, ob Esther oder Anna von Marshall Wells auf die „Nereide“ getragen wurde. Schlimmer noch: Er muss sich im Dienste der Organisation wünschen, dass sie Esther gerettet haben und nicht Anna. Sein fast überfülltes Boot muss auch noch mit einer Koje weniger für sieben Leute mehr auskommen, denn der Maschinist der „Aphrodite“, der mit Esther und Anna die Lecks notdürftig abzudichten versuchte, belegt mit schweren Kopfverletzungen ein Bett und wird, so gut es eben geht, von Carmen Ochoa Sanchez und zwei weiteren Besatzungsmitgliedern mit medizinischen Kenntnissen behandelt. Ob alle Leute von der „Aphrodite“ evakuiert wurden oder weitere Leute mit dem Boot untergingen, kann er auch nicht beantworten, denn von der Implosion des Rumpfes angelockt, steuerte das U-Boot der Royal Australian Navy die Stelle der Versenkung an. „Tethys“ und „Nereide“ flohen auf den vorgezeichneten Fluchtwegen, so schnell es nur irgend ging, ohne Funksignale oder SONAR-Signale auszutauschen. Auf keinen Fall durfte bemerkt werden, dass weitere U-Boote im Spiel gewesen sind. Vielleicht, vielleicht würde man den Angriff auf den Walfänger einem chinesischen U-Boot zuschreiben, da die Animositäten zwischen Japan und China ja durchaus nicht immer offen ausgetragen wurden. Als es am offenen Schott der Kabine klopft, sieht er auf. Sally Marsh steht in der Tür. Ihr Gesicht ist grau und übernächtigt, und doch fragt Sylvain, auch wenn er es eigentlich gar nicht hören will, falls ihr Gesicht eine traurige Gewissheit ausdrückt: „Irgendwas von Marshall und der ‚Nereide‘?“ Doch sie schüttelt den Kopf. Nichts per Funk, nichts per SONAR. Beide U-Boote sind auf völlig verschiedenen Wegen unterwegs zurück nach Hawaii. Doch Sally sieht ihm an, dass er etwas mit sich herumschleppt: „Was ist, Sylvain? Es ist doch nur ein Boot…“ Er schüttelt den Kopf, schluckt hart und fasst sich dann ein Herz: „Nein, Sally. Es ist nicht nur ein Boot. Ich weiß nicht, ob es Anna oder Esther war. Aber Marshall hat nur eine von beiden an Bord genommen. Die andere war bewusstlos, oder tot. Ihre Hände lösten sich, als die beiden gegen den Bug der ‚Aphrodite‘ schlugen. Wir konnten sie nicht retten. Sie sank wie ein Stein. Ich weiß nicht, ob Anna oder Esther. Ich weiß es einfach nicht. Aber eine davon ist tot. Ertrunken und versunken in den Roaring Forties. Hoffentlich versunken, nicht, dass die Collins-Klasse sie noch birgt und… herausbekommt, was gespielt wurde. Unsere Chance ist, dass sie uns für Chinesen gehalten haben, die den Japanern übel mitgespielt haben und alle Beweise vernichtet haben, als sie aufflogen. Die einzige. Ich weiß auch nicht, ob Marshall alle, die nicht bei uns an Bord sind, evakuiert hat. Aber mindestens Anna oder Esther… mindestens die eine davon ist tot.“ Sally rutscht an der metallenen Wand hinunter und setzt sich mit dem Hintern auf den Boden. Sie schlägt die Hand vor den Mund und wird noch grauer im Gesicht, als sie ohnehin schon ist: „Und jetzt?“, fragt sie bestürzt.

Dorothy Howard-Fielding wirkt gelöst – der verkniffene Zug um den Mund, ohne den kaum jemand die Milliardärstochter seit langem gesehen hat, ist nicht da. Ein wenig hängen die Wangen, aber dennoch wirkt sie jünger, fast wie ein anderer Mensch, als sie Colette Williams und Simon Albright im ehemaligen Büro ihres Vaters begrüßt. Die Wandlung nach dem ruhigen Wochenende in Maine ist so bemerkenswert, dass Colette Williams beim Blick in das Gesicht der Chefin zuckt. Diese bemerkt es, lächelt aber nur zufrieden in sich hinein. Anwalt Albright lächelt: „Mrs. Howard-Fielding, guten Morgen. Sind sie gestern schon hergeflogen? Sie sehen sehr frisch aus.“ Dorothy schüttelt den Kopf: „Nein, ich bin um sechs Uhr Eastern Standard in Bangor abgeflogen. Die Gulfstream meines Vaters zu nutzen, ist noch immer ungewohnt. Guten Morgen, Mrs. Williams. Wie steht unser Fall?“ Albright lächelt: „Mrs. Williams und Miss Ames haben großartige Vorarbeit geleistet. Wie sie gewünscht haben, habe ich als Senior-Partner den Fall an mich gezogen. Bob Landsman steht aber weiterhin zu ihrer Verfügung.“ Dorothy lehnt sich zurück und macht eine wegwerfende Geste. Mehr Erwähnung ist ihr Landsman nicht wert. Albright versteht den Wink und erklärt: „Es ist korrekt, dass noch Diskussion über das eigentlich angewandte Vergabeverfahren besteht. Die Richtlinien eines Verfahrens wurden eingehalten, dieses kann hier auch angewendet werden, aber die Dokumente besagen, dass ein anderes angewandt worden wäre. Wir haben also wahlweise massive Verstöße gegen die Vorgaben des Verfahrens, das erklärterweise angewandt wurde – oder einen kleinen Fehler bei der Nennung des festgelegten Verfahrens…“ Dorothy nickt und wirft ein, dass die Navy sich sicher darüber herausreden wolle, dass man aufgrund irgendwelcher Kopien oder dergleichen die falsche Überschrift gewählt habe und aus den restlichen Papieren doch eindeutig hervorgehe, dass lediglich die Überschrift falsch gewesen sei. Williams nickt: „Wir vermuten, dass genau das die Argumentationslinie der Navy sein wird. Wir sind derzeit dabei, die Korrespondenz und den Ausschreibungstext auszuwerten. Wir haben bereits Hinweise gefunden, dass zwei Dienststellen von verschiedenen Verfahren ausgingen und somit verschiedene Teile der Ausschreibung von verschiedenen Arten des Verfahrens ausgehen.“ Anwalt Albright grinst, als Dorothy das Ganze mit dem Jahwisten und dem Elohisten als Quellen der Bücher Mose vergleicht. Für Williams muss sie die Vier-Quellen-Theorie der Bücher Mose erklären, dem Anwalt erzählt sie aber nichts Neues. Dieser ergänzt am Schluss: „Und wir müssen jetzt anhand dessen das Werk diskreditieren, weil es nicht aus einer Feder stammt, statt zu argumentieren, dass der Geist richtig ist und nur manchmal ‚Jahwe‘ für Gott und manchmal ‚Elohim‘ drinsteht.“ Williams lacht und erklärt, zum Glück sei Albright Anwalt und kein Theologe. Mit der Weisung, sie auf dem Laufenden zu halten, beendet Dorothy den Termin, da sie gleich eine Telefonkonferenz mit dem Werk in Seattle hat. Vor der Bürotür lächelt Albright: „Darf ich sie zu einem Kaffee einladen, Colette? So gut die Laune ihrer Chefin war, eine gute Gastgeberin war sie nicht.“ Ohne Zögern nimmt sie das Angebot an.

Folge 2.4: Heimatfront

Tom Arden ist anzusehen, dass er schlecht geschlafen hat. Fast noch deutlicher wird seine Nervosität für Cris Benitez dadurch, dass er bereits im Büro sitzt, als sie um halb acht ankommt. Sie seufzt: „Immer noch nichts Neues?“ Er schüttelt heftig den Kopf. Immer noch herrscht Funkstille von den drei Booten der Organisation. Dann realisiert sie drei Bücher auf seinem Schreibtisch, dazu zwei Aktenordner: „Nick Howards Projekt?“ Wieder bekommt sie nur eine Geste zurück, dieses Mal ein Nicken. Dass er schweigsam und unhöflich ist, sieht sie ihm nach, legt ihre Tasche ab und geht erst einmal Kaffee kochen. Als sie ihm seinen schwarzen Kaffee hinstellt, malt er gerade Reaktionsgleichungen, Strukturformeln und Reaktionskinetik auf sein Whiteboard. Sie lehnt sich gegen seinen Schreibtisch und schaut mit der Cappuccino-Tasse in der Hand zu. Plötzlich bricht es aus Arden hervor: „Herrgottnochmal! Wie ich es auch anstelle, ich komme auf Coreys Formel, aber alle Berichte sagen, die funktioniert nicht. Und wenn ich jetzt nicht mit einer anderen aufwarten kann, die doch funktioniert, was soll ich denn dann Nick Howard sagen, verdammt?“ Cris schluckt heftig, denn er hat sich während seiner Schimpfkanonade herumgedreht und somit schien ein Teil des Vortrags direkt in ihre Richtung zu zielen. Sie schluckt: „Und jetzt? Wie können wir das erklären…?“ Bevor sie detaillierter fragen kann, verzieht er das Gesicht. „Entschuldige, ich bin so in diesem Mist drin, dass ich nicht einmal ‚Guten Morgen‘ gesagt habe. Danke für den Kaffee.“ Sie runzelt die Stirn, will gerade ihr Verständnis zum Ausdruck bringen, dass er unter den gegebenen Umständen so reagiere, da unterbricht eine tiefe, knarzende Stimme die Unterhaltung: „Guten Morgen, Mrs. Benitez, Mr. Arden. Wie viele Tage Überstunden sind inzwischen auf ihrem Konto, Arden?“ Von Cristinas Tasse schwebt eine Milchschaumwolke auf ihre lila Bluse, als sie herumfährt. Beschwichtigend will Nick Howard der Sekretärin die Hand auf den Oberarm legen, lässt es dann aber doch. Dann bittet er höflich um eine Tasse Kaffee. Cappuccino, präzisiert er, als er des Inhalts ihrer Tasse gewahr wird. Anschließend tritt er zu Arden an die Tafel und schaut sich an, was dieser aufgeschrieben hat. Grinsend kommentiert er: „Dasselbe Kauderwelsch, das Charles stets auf irgendwelche Tafeln gekritzelt hat. Chemie ist ein Spiel, dessen Regeln ich nicht verstanden habe. Es lag mir fern zu lauschen, doch sie sagten, sie kämen immer wieder bei den Formeln von Dr. Callaghan heraus. Wie wäre es, wenn wir einfach mal probieren, ob’s nicht an der Formel, sondern an der Ausführung mit den Maschinen lag?“ Cris‘ Hand krampft sich um das Dampfrohr, als sie Milch für Nick Howards Cappuccino aufschäumt, sie unterdrückt mit Mühe einen Aufschrei, als sie das heiße Metall fester anfasst, als sie das eigentlich beabsichtigt hatte. Das ist es! So könnte man klar machen, dass der Navy-Auftrag doch nicht verbockt wurde, nur durch einen Brand aufgehalten! Schließlich sind die Maschinen alle zerstört- zumindest sagt das der Brandbericht. Dass die Geräte in Wirklichkeit in einer Höhle auf Ni’ihau stehen, weiß schließlich niemand. Arden schaltet ebenso schnell, lässt sich aber nichts anmerken: „So ein Unsinn. Mit diesen Maschinen kann man doch nichts falsch machen!“, widerspricht er schnell. Nick Howard wiegt den Kopf hin und her, dann wirft er ein: „Dann dürfte es auch keine verdammten Fumbles im American Football geben, Mr. Arden.“ Cris beherrscht sich mit Mühe, als sie dem Bruder des langjährigen Chefs des Unternehmens die Tasse übergibt. Dann wirft sie ein: „Corey war manchmal ein ganz schöner Hektiker, wenn die Theorie erledigt war, oder?“ Nick Howard lächelt in ihre Richtung: „Gute Sekretärinnen sind manchmal das, was zu weniger emanzipierten Zeiten die Ehefrauen waren. Sie sorgt sich um sie, Arden, sie sehen wirklich übernächtigt aus.“ Arden zuckt die Schultern: „Sie waren recht eindeutig, Chef. Wir müssen das hinbekommen. Sie trauen der Klage ihrer Nichte gegen das Vergabeverfahren wohl nicht sehr weit?“ Nick Howard grinst: „Mein Bruder fuhr immer mehrgleisig. Dass Dorothy das nicht tut, kann ich gut oder schlecht finden, aber ich muss mich ja auch nicht damit abfinden, nicht?“ Arden begreift den Gedankengang nicht und Cris sieht keine Möglichkeit, ihm auf die Sprünge zu helfen. Doch Nick Howard stört das nicht. „Machen sie heute früher Schluss, Arden. Morgen prüfen wir, ob Dr. Callaghan vielleicht besser daran getan hätte, sie seine Formel in die Maschinen eingeben zu lassen.“ Tom blinzelt, dann erwidert er schleppend: „So einfach ist das nicht. Es geht nicht um das Eingeben von Temperatur und Druck und dieser und jener Konzentration einer Chemikalie. Das ist eine Frage von vielen, vielen Parametern.“ Doch der alte Howard macht eine wegwerfende Handbewegung, die eigentlich jeder von seinem Bruder kannte: „Kleinkram. Ich werde es nicht kapieren, selbst wenn sie es mir dreimal erklären. Schätzen sie ab, wie lang es dauert, es richtig zu machen, und sagen sie mir das. Dann schlagen wir 20% drauf und dann machen sie’s. Wenn sie ‚immer wieder‘ auf Callaghans Formel kommen, hilft’s nichts, wenn sie’s noch wochenlang anders versuchen. Dann liegt der Fehler woanders, und das finden wir nur heraus, wenn wir es ausprobieren.“ Cris schmunzelt, als ihr klar wird, dass Tom fast vor Nick Howard salutiert hätte. Der alte Mann nippt an seinem Kaffee und erklärt: „Ich bring‘ ihnen die Tasse später wieder. Sie haben übrigens Milchschaum auf der Bluse, Mrs. Benitez. Entschuldigen sie bitte, dass ich sie erschreckt habe.“ Damit verlässt er das Büro. Tom Arden und Cris Benitez sind noch minutenlang wie erstarrt – erst das Klingeln des Telefons reißt sie aus der Betäubung.

Folge 2.3: Seenot

Auf dem Deck der „Aphrodite“ arbeiten drei Gestalten in engen, schwarzglänzenden Anzügen, so dass sie kaum vom ebenfalls schwarzglänzenden Rumpf des Bootes zu unterscheiden sind. Wellen überspülen das Deck, und so gleicht es einem kombinierten Glücks- und Geschicklichkeitsspiel, mit Hilfe eines speziellen Kunststoffschweißgeräts die Risse in der Hülle flicken zu wollen. Langfristig ist an eine Reparatur ohnehin nicht zu denken, das Boot ist irreparabel beschädigt. Lediglich, um noch etwas länger durchzuhalten, bis hoffentlich „Nereide“ und „Tethys“ zur Rettung eintreffen, unternehmen sie die Versuche, das Boot notdürftig mit speziellem Howard-Industries-Kunststoff abzudichten. „Brecher!“, brüllt der Matrose auf dem Deck, der eigentlich als Maschinist auf dem Boot dient. Dass die Bezeichnung nicht korrekt ist, wird schnell irrelevant, als eine riesige Welle das Heck des U-Boots mächtig anhebt, so dass sich alle drei festzukrallen versuchen, ausgleiten und dann von einer acht Meter hohen Wasserwand mitgerissen werden. Hektisch greifen sie nach den Seilen, als der Schmerz durch den rabiaten Kampf zwischen der mächtigen Woge und den Halteseilen abflaut. Erst dann schauen sie sich um, doch es liegen nur zwei Gestalten verzweifelt auf das Deck gedrückt. Ein Halteseil baumelt frei, es ist das von Esther Goldstein Howard. „Esther“, kreischt die Frau in die Funkmaske des Anzugs, und bekommt und einen wüsten Fluch und ein Wimmern von der Milliardärswitwe zurück. Corey Callaghan fragt panisch: „Was? Was ist? Antwortet, verdammt!“ Doch keiner der drei, die auf dem Deck des Bootes arbeiteten, gibt dem Mann in der Zentrale eine Antwort. Dass auch das Kunststoff-Schweißgerät über Bord gespült wurde, beachten sie nicht, haben es noch nicht einmal gemerkt. Esther stößt nach zehn angestrengten Atemzügen hervor: „Torpedo-Klappe. Daran halte ich mich.“ An ihren Halteseilen kämpfen sich die SONAR-Frau und der Maschinist in ihren Anzügen bis auf den Bug, dann können sie Esther sehen, die jeden Moment abzurutschen droht. Jedes Schlingern, jede Welle macht die Hilfe für Esther etwas unmöglicher, Coreys verzweifelte Anrufe bemerkt keiner der drei. Mit den Saugnäpfen auf den Stiefeln klettert schließlich die Frau am Bug herunter, um das Seil an Esthers Gürtel zu befestigen. Oben auf dem Deck bemüht der Maschinist sich verzweifelt, die Seile so festzuhalten, dass die Rettungsaktion nicht noch schwerer wird. Dann drückt sich die junge Frau fest an Esther, greift an ihren Gürtel und versucht, den Karabiner auch an den Gürtel der Chefin zu haken… doch in diesem Moment wird das Heck des Bootes von einer weiteren Welle angehoben. Krampfhaft umschlingen Esther und die Frau sich, um nicht weggespült zu werden. Für einen Augenblick scheint es, als habe sich der Karabiner von beider Gürtel gelöst, doch dann werden sie heftig zurückgerissen und schlagen hart gegen die Rundung des Bugs. Noch fester umklammern sich die beiden Frauen, während der Maschinist panisch und unartikuliert in den Funk brüllt. Für Callaghan scheinen es Stunden zu sein, doch es dauert nur etwa eine halbe Minute, bis er sich beruhigt. „Esther und Anna hängen am Seil vor dem Bug. Sie kommen nicht hoch. Der Schweißer ist weg. Scheiße!“

„Funkkontakt“, meldet Carmen Ochoa Sanchez in Brüll-Lautstärke. Sally fügt an: „Zweitausend Meter, vielleicht dreitausend. Es ist ‚Aphrodite‘. Bis jetzt keine Kontakte innerhalb vierzig Kilometern.“ Chartrand reagiert quasi ohne Zeitverzögerung. Er befiehlt, den Antrieb mit halber Kraft zurücklaufen zu lassen und aufzutauchen. Sanchez berichtet, was sie im Funkverkehr gehört hat, dann fragt sie bei Callaghan nach dem Status der „Aphrodite“. Endlose Sekunden vergehen, in denen alle auf dem Boot sich die furchtbarsten Szenarien überlegen, was auf der „Aphrodite“ passiert sein könnte. Doch dann hören sie Callaghans stockende Stimme: „Ich- ich wollte gerade einen allgemeinen Notruf senden. Das Boot… es ist kaputt. Irreparabel. Wir müssen es versenken. Esther und die anderen sind draußen. Sie wollten zumindest mit Kunststoff die Lecks flicken. Jetzt hängen Esther und Anna am Seil. Ihr müsst uns helfen! Schnell!“ Das Flehen Callaghans wird immer verzweifelter, während Chartrand das Boot neben der „Aphrodite“ längsseits bringt und seine Leute anleinen lässt. Die Evakuierung der Besatzung in das andere Boot läuft an, während sich Carmen und Sylvain selbst auf das vordere Deck des havarierten Bootes tasten. Zuerst finden sie den starr am Seil hängenden, leblosen Maschinisten. Hektisch befiehlt Chartrand, den Mann an seiner Halteleine zurück zum Turm zu ziehen und an Bord der „Tethys“ zu nehmen. Die „Nereide“ taucht derweil auf der anderen Seite des havarierten Schwesterboots auf. Kurzentschlossen befiehlt Wells, den Rest der Besatzung der „Aphrodite“ auf sein Boot zu evakuieren. Er selbst leint sich an, um Sylvain und Carmen zu helfen. Als sie an dem Seil ziehen, tut sich zunächst nichts. Dann geht es plötzlich ganz leicht, das Seil einzuholen. Marshall und Sylvain stoßen zugleich Flüche hervor, sie fürchten, beide verloren zu haben- doch Carmen kreischt auf. Zwei Körper hängen am Seil, eng umschlungen. Fast werden sie alle von einer neuen Monsterwelle weggespült, dann ist ein häßliches Knirschen im Funk zu hören. Wie in Zeitlupe lösen sich die umeinander gekrampften Arme – eine der beiden Frauen hält sich noch etwas länger fest. „Sie sind am Seil“, brüllt Carmen triumphierend in den Funk, doch dann gleitet einer der beiden Körper über die Rundung des Bugs davon, wie ein nasser Sack, plötzlich sehr schnell. Rasch, nun wie im Zeitraffer versinkt, ja stürzt der in schwarzglänzendem Howard-Industries-Superrubber gekleidete Frauenkörper in die Tiefe des aufgewühlten Meeres. Wie erstarrt sind die anderen, für endlos wirkende Sekundenbruchteile. Dann reißen sie heftig am Seil und zerren die andere Frau hinauf. Wells schleppt den Körper auf seinen Rücken geworfen zur „Nereide“, während Ochoa Sanchez zurück zur „Tethys“ hetzt. Nur Sylvain Chartrand verbleibt noch auf dem Wrack der „Aphrodite“, kämpft sich zum Turmluk und will hinein steigen. Da ist plötzlich Sallys Stimme im Funk: „Corey hat die Ventile aufgedreht. Komm zurück, Sylvain, schnell! Eh sie uns mit runterreißt!“ Der Franzose polynesischer Abkunft zieht etwas vom Gürtel, reißt einen Splint heraus und lässt die Granate in das Turmluk fallen. Dann springt er an Bord seines Bootes und schlägt die Luke hinter sich zu. „Weg hier, so schnell es geht! Das gilt auch für ‚Nereide‘! Allons-y!“

Marc Bannister runzelt die Stirn, als eine Mappe auf seinem Tisch landet. Die Notizen auf der Mappe legen nahe, dass der Inhalt hochsensibel sei, außerdem haben mehrere Analysten, deren Zeichen er nicht richtig deuten kann, das Material begutachtet. „Satellitenbilder… hmm…“, brummelt der CIA-Agent. Er erkennt die Wärmesignaturen zweier U-Boote und mehrerer Schiffe. Der Satellit stand schon recht tief über dem Horizont, als die Aufnahmen gemacht wurden. Dann liest er den Begleittext und schluckt: ein havariertes Walfangschiff mit beschädigtem Antrieb, zwei Schiffe und ein U-Boot der Royal Australian Navy. Bannister runzelt die Stirn, da über das zweite U-Boot keine Angaben notiert sind. Nur ein Post-It klebt auf dem Hochglanz-Ausdruck: „Vermutlich dieselelektrisches Boot, Volksrepublik China.“ Bannister verwirft einen Gedanken, der in seinem Kopf aufflammte, gleich wieder. Ein nie gebauter U-Boot-Prototyp aus Kalifornien, der sich im südlichen Indik herumtreibt, erscheint ihm sehr abwegig, auch wenn er verinnerlicht hat, dass berufstypische Paranoia nicht bedeuten muss, dass die paranoiden Gedanken falsch seien. Oder vielleicht doch nicht? Der CIA-Analyst zögert, dann beschließt er, seine Bewertung des Bildes noch einen Moment sacken zu lassen, bevor er es abzeichnet und weitergibt. Besteht doch die vage Möglichkeit, dass Corey Callaghans gefälschte Mitteilungen an Esther Goldstein-Howard und Thomas Arden nur eine weitere Schicht der Täuschung verbergen sollten? Doch wer könnte ein Interesse haben, den tatsächlichen Bau solcher U-Boote zu verschleiern und dem Hersteller solche Probleme mit der Navy einzubrocken, wenn die technischen Probleme eigentlich gelöst waren? Seufzend legt er sich die Akte auf Wiedervorlage am nächsten Morgen und nimmt sein Telefon in die Hand: „Jack? Ich würde jetzt Mittagessen gehen. Ich glaube, ich bin völlig paranoid. Ja, der Howard-Fall lässt mich Gespenster sehen.“ Der Kollege am anderen Ende will nicht wissen, was für Geister Bannister zu sehen glaubt, er bestätigt nur die Verabredung zum Mittagessen und kommentiert vor dem Auflegen: „Wir sind doch alle paranoid hier, Marc. Ich habe genug eigene Paranoia, ich brauche deine nicht auch noch. Bis gleich in der Kantine!“

Folge 2.2: Trinkgesellschaften

„Hast du was aus der Antarktis gehört“, fragt Cris Benitez, als endlich der Kellner weg ist. Liz Ames schüttelt den Kopf, Tom Arden ebenso. „Ganz allmählich bereitet mir das Ganze Sorgen“, bekennt die Anwältin. Auch sie beschäftigt nicht nur der Gedanke an das Ende des Projekts und die Gefahr für die Freunde auf den U-Booten, sondern auch die Frage, ob sie ihre Komplizen auf dem Festland nennen werden, wenn es zum Äußersten kommen sollte. Sie vermutet, dass Tom und Cris ihre Gedanken an ihrem Gesicht ablesen können müssen, aber beide beschäftigt derselbe Gedanke, sie lassen es sich aber fast ebensowenig anmerken wie die Anwältin mit ihrem Pokerface. Gerade will Liz etwas sagen, da schüttelt Tom vehement den Kopf. Irritiert bricht Liz ab, dann realisiert sie, dass Mai Sakamoto in die Tischnische tritt. Halbwegs beruhigt will Liz nun doch sagen, dass sie auf Hawaii anrufen möchte, da unterbricht sie sich abermals, denn Mai ist nicht allein – Claire Howard gesellt sich dazu, und Mai fragt, ob sie sich dazusetzen dürften. „Klar“, erwidert Liz offen, auch wenn sie eigentlich lieber unter Eingeweihten der Verschwörung geblieben wäre. Claire setzt sich und stellt sich vor: „Claire Howard – also das bin ich.“ Cristina übernimmt die Initiative und erklärt offen, dass Tom und sie bei Howard Industries arbeiteten, dann hebt sie ihren Mai Tai und prostet Claire zu: „Freut mich, sie kennenzulernen, Miss Howard.“ Doch Claire schüttelt den Kopf: „Ich bin Claire, von Chef-Ambitionen bei Vaters Firma bin ich weit entfernt. Eigentlich wollte ich auch gar nicht gegen das Testament klagen, ich habe eigentlich sogar… naja, das Ganze sabotiert.“ Cris lächelt, lehnt sich zurück und erwidert trocken, dass Liz davon erzählt habe. Die Art, wie das Testament nun wirklich abgefasst gewesen sei, klinge sehr nach Charles B. Howard. Liz beginnt, ihren Gedanken nachzuhängen, als Claire und Cris zunehmend das Gespräch alleine bestreiten. Tom bemerkt zwar, dass Mai wissen möchte, ob es Neuigkeiten von den drei U-Booten gäbe, aber da Claire dabei ist und zudem ohnehin keiner von ihnen etwas weiß, reagiert er nicht auf die Blicke der jungen Japanerin. Schließlich fragt er höflich, wie es um Mais Studium auf dem Konservatorium stehe, und sie berichtet vor allem Belangloses, während Cris nun bei der Frage angelangt ist, was Claire denn beruflich mache. „Ich studiere Medizin“, erläutert die Milliardärstochter, und das bringt Fragen von allen am Tisch auf. So findet Mai die Gelegenheit, die in Gedanken versunkene Liz kurz anzusprechen: „Und, was Neues aus…?“ Liz schüttelt den Kopf und fragt: „Was sagt denn dein Vater?“ Mai schüttelt nun selbst den Kopf: „Er weiß nichts. Ob die ganze Entscheidung Konsequenzen für das Howard-Anwesen auf Hawaii hat, ist ihm genauso unklar wie mir.“ Liz lächelt gequält. Die Ungewissheit macht ihnen allen Sorgen, aber in der Öffentlichkeit über die Sorge zu sprechen, dass etwas von Esthers großer Aktion schiefgegangen sein könnte, wäre auch ohne Claires Anwesenheit nicht möglich gewesen. Claire bringt nun ein anderes Thema auf: „Sagt mal, was haltet ihr eigentlich von all den Anschlägen von Ökoterroristen überall in der Bay Area? Ich finde das echt krass, aber es ist wichtig, dass endlich mal jemand etwas tut!“ Tom Arden beginnt, die hochspezialisierte Kunststoffproduktion von Howard Industries und die Wiederverwertungs-Einrichtungen des Konzerns zu verteidigen, um seine vehemente Geißelung der Aktion mit Schleppnetz und aus dem Meer gefischtem Kunststoff vor dem Haupteingang der Konzernzentrale von Howard Industries zu verteidigen. Liz übernimmt und referiert darüber, dass das leuchtende Graffiti auf den Schiffen in der Bay eventuell sogar strafrechtliche Relevanz habe, von den Angriffen mit Abwasser, das gegen die Fassaden von Firmen gespritzt wurde, sowie dem Sprengen von Dämmen an den Salzgewinnungen im Süden der Bay ganz zu schweigen. Mai kommentiert: „Eigentlich ist es gut, dass mal jemand was tut. Aber es ist schon sehr schwierig, die richtige Balance zu finden, was man tun kann und sollte. Ich frage mich, was aus den Seeleuten auf den Tankern geworden ist, die mit verklappten Fäkalien und öligem Abwasser bespritzt wurden. Das klingt irgendwie genau so, wie diese Angriffe, die jetzt in der Bay stattfinden.“ Liz zuckt die Schultern: „Muss keine Verbindung haben. Das können genauso Trittbrettfahrer sein. Aber ich bin eh keine Strafrechtlerin, der einzige Strafverteidiger bei uns in der Kanzlei ist Martin Whitman. Wenn er mir von Polizeiarbeit erzählt, bin ich verdammt froh, dass ich Gesellschafts-, Wirtschafts- und Erbrecht mache. Aber ist schon richtig, irgendwie müssen die Leute drauf gestoßen werden, dass wir etwas tun müssen. Aber das Gesetz ist das Gesetz…“ Dies Diskussion wogt hin und her, Claire schwingt sich in zunehmendem Maße zu Sympathie für die Terroristen auf, während vor allem Liz und Mai relativieren. Cris und Tom werfen in die Debatte, dass schließlich ihre Kinder auch noch Strände aus Sand und nicht aus Kunststoffmüll und Öl erleben sollten, aber eben auch keine verrohte Gesellschaft. Claire jedoch wischt das letztere Argument immer wieder mit dem Verweis auf die rabiaten Methoden der Verschmutzer weg, schließlich nutzten die Verteidiger des Planeten nun nur die Methoden, die auch auf der anderen Seite verbreitet seien.

Auf der anderen Seite von San Francisco sitzen Bob Landsman und Charles Howard junior in einer Sitzgruppe aus schweren Sesseln, die mit einer Balustrade aus dunklem Holz eingefasst sind. Auf dem Tisch vor ihnen stehen Drinks – Bourbon mit Eis und Budweiser vor Landsman, Scotch und Guinness vor Charles. Eine Asiatin in schwarzer Spitzenwäsche tanzt vor den beiden an der Stange, Tisch und Tanzfläche sind eine einzige große Platte. Dass Landsman sich trotz seiner jüngst geschehenen Beförderung zum Partner in der Kanzlei den exklusiven Club nicht leisten könnte, tut seinem breitbeinig-selbstbewussten Ego, das aus jeder Pore seiner Haltung spricht, keinen Abbruch. Er hat die Krawatte gelockert, während Charles junior sogar das Jackett angelassen hat. „Wieder eine Sache, in der Ames knapp die Nase vorn hatte“, merkt Charles nicht ohne ätzende Gehässigkeit an. Dass er weglässt, dass Liz Ames sogar als Senior-Partnerin geführt wird, während Landsman sich mit einer Namensnennung unter den „weiteren Partnern“ begnügen muss, lässt die Spitze noch tiefer in Robert Landsmans Nervenkostüm bohren. Doch er macht gute Miene zum bösen Spiel: „Wenn ich mit ihr fertig bin, tanzt sie auf dem Tisch für mich, Senior-Partnerin oder nicht.“ Charles unterdrückt ein sarkastisches Auflachen, schließlich braucht er Landsman noch. Dorothys Angriff auf die Formfehler des Vertrags im Navy-Projekt von Howard Industries halten beide Männer für lange nicht so aussichtsreich wie Dorothy selbst, und wenn sie scheitert, gedenkt Charles die geschwächte Position seiner älteren Schwester zu nutzen. Landsman verschweigt, dass er selbst seine Zweifel daran hat, ob Charles‘ Format genügt, den Chefsessel von Howard Industries zu füllen, doch wenn es ihm reicht, um Karriere zu machen und Liz Ames zu demütigen, darf der Konzern der Howards von ihm aus gerne zum Teufel gehen. Grinsend richtet er sich auf, zieht einen Schein aus seiner Brieftasche und schiebt ihn unter das Haftband der halterlosen Strümpfe der Stripperin, um ihr dann grinsend das kalte Bourbon-Glas gegen den Schenkel zu drücken. Doch die Frau reagiert nicht – zumindest nicht sichtbar. In Gedanken begleiten unflätige Titulierungen für die beiden Herren das unterdrückte Zucken über die Gemeinheit des Anwalts. Aber sie beherrscht sich nicht nur, weil es ein einträglicher Job ist. Charles zuckt die Schultern: „Lass den Unfug, Bob. Schau zu und genieße. Wenn man hier mal rausgeflogen ist, reicht auch das Geld meines verstorbenen Vaters nicht, um sich hier wieder reinzukaufen – und ein Zehntel des Vermögens reicht schon gar nicht.“ Trocken erwidert Landsman, dass er dann warten müsse, bis er im Chefsessel von Howard Industries sitze, dann könne er das Etablissement kaufen und als Chef könne er tun, was er wolle. Mit dem Scotch in der Hand lässt Charles sich erläutern, wie Landsman die Chancen für Dorothys Vorstoß sehe, und dieser zeichnet die Aussichten in recht düsteren Farben. Der Howard-Erbe selbst hört nur mit einem Ohr zu. Dass Landsmans ruppiges Verhalten ihn daran erinnert, was sein Vater ihm über Respekt und Anständigkeit beizubringen versuchte, beschäftigt ihn ebenso wie die Frage, wieso Claire Howard Dorothy und ihn vor Gericht mit der Offenbarung des ursprünglichen Testaments seines Vaters an Liz Ames verraten hat. Im Gegensatz zu Dorothy ist ihm partout nicht klar, was zwischen Claire und den anderen Howards schief gelaufen sein könnte. Schließlich ist Claire Nutznießerin der Erbschaft, außerdem hat Esther Goldstein-Howard Claires Mutter im Bett von Charles B. Howard ersetzt. Landsman endet mit der Bemerkung, das Ausschreibungsverfahren habe aus seiner Sicht eigentlich keine Formfehler gehabt, denn eigentlich sei ein anderes Ausschreibungsverfahren verwendet worden als das, auf das Dorothy sich bezieht. Nach diesem hätte alles seine Richtigkeit gehabt. „Kannst du gegen deine eigene Kanzlei agieren, Bob“, will Charles junior wissen. Dieser lacht auf und betont, das solle nicht Charles‘ Sorge sein.

Folge 2.1: Gegen die Zeit

Das Telefon auf Elizabeth Ames‘ Schreibtisch klingelt bereits das zehnte Mal, als sie sich dazu aufrafft, den Hörer abzunehmen: „Ellison, Wilshire, White, Whitman, Sato, Sato and Ames, Elizabeth Ames spricht.“ Die Person am anderen Ende der Leitung räuspert sich erst einmal, dann kommt es leise: „Ich, ähm, bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber ich würde gerne mit Esther Goldstein-Howard Kontakt aufnehmen.“ Es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis Liz Ames erfasst hat, dass sie Claire Howard am Apparat hat, die „Verräterin am Howard-Clan“, wie sie nach dem Durchstich von Charles B. Howards Testament an Anwältin Ames in der Presse genannt wurde. Sie verzögert die Antwort nicht weiter, überlegt während des Sprechens, wie sie am besten vorgeht: „Nun, ich werde sehen, ob sie mit dir sprechen möchte, Claire. Darf ich fragen, warum du nicht Mai Sakamoto gefragt hast?“ Claires kurzes Zögern, in dem diese sich tatsächlich fragt, warum sie die spröde Anwältin und nicht die junge Japanerin gefragt hat, lässt Liz grinsen. Sie tippt bereits während sie weiter mit Claire telefoniert eine kurze Warnung an Mai, dass Claire sie um Kontakt zu Esther bitten wird. Nach den etwa zehn Minuten des Telefonats weiß Liz sehr genau, dass Claire ein schlechtes Gewissen wegen ihres Verrats hat, aber auch zögert, sich all zu sehr in den Kontakt mit der anderen Seite des Konflikts zu stürzen. Neugierig auf Esther ist sie dennoch.

Doch Esther hat gerade ganz andere Sorgen als den Kontaktwunsch der Tochter ihres verstorbenen Mannes. Das U-Boot „Aphrodite“ wird von den hohen Wellen im südlichen indischen Ozean durchgeschüttelt, irgendwo zwischen Australien, Neuseeland und der Antarktis. Jedes Mal, wenn das Deck überspült wird, dringt Wasser in den Rumpf ein. Die Bilgenpumpen werden mit dem eindringenden Wasser nicht mehr gänzlich fertig, auch wenn das Boot aufgetaucht ist – langsam, ganz langsam steigt das Wasser, und im gleichen Maße liegt das kleine, von schwarzem, ölig-glänzendem Kunststoff überzogene Boot tiefer im unruhigen Wasser. Corey Callaghans Hände krampfen sich so fest um die Haltegriffe, dass die Knöchel weiß hervortreten. Zwei weitere Besatzungsmitglieder versuchen, die Technik des Bootes am Laufen zu halten. Esthers schwarze Locken sind vor kaltem Schweiß und aus dem oberen Deck tropfendem Meerwasser nass, ihr Shirt klebt am Leib. „Wir müssen versuchen, irgendwie den Wassereinbruch zu verringern. Dann können wir lange genug überleben, bis Marshall und Sylvain…“ Doch Callaghan will das nicht hören: „Nein! NEIN! Wir sterben, Esther! Wir müssen um Hilfe funken!“ Doch Esther packt ihn so fest an der Schulter, dass er aufschreit: „Verdammt, nein! Corey, du hast deinen Tod vorgetäuscht, ich habe mit dem allem hier nichts zu tun! Was meinst du, was die mit uns machen, wenn sie uns hier aufgreifen?“ Callaghan bäumt sich auf, doch dann schluckt er. Auf seinen Gesichtszügen zeigt sich deutlich Entsetzen, als er sich vorstellt, was geschehen würde, wenn die australische Marine das Boot und seine Besatzung findet. „Mach keinen Unsinn!“, weist Esther Corey an, während sie sich aus Shirt und Hose schält, um einen Taucheranzug aus glattem, glänzendem, schwarzen Kunststoff anzuziehen. Sie erklärt Corey nicht, dass sie mit zwei weiteren Leuten der Besatzung verzweifelt versuchen wird, die „Aphrodite“ noch ein bisschen länger in einem Stück zu halten.

Der geräuscharme Antrieb der „Tethys“, Schwesterschiff der havarierten „Aphrodite“, treibt es wie einen schwarzen Schatten in fünfzig Metern Tiefe in Richtung Nordwesten. Mit versteinertem Gesicht beherrscht Sylvain Chartrand den Kommandoraum. Der ehemalige französische Marine-Offizier und Fremdenlegionär sagt nichts. Er fragt nicht, wie weit es noch bis zum Treffen mit der „Aphrodite“ ist, denn die geschätzte Position des Bootes und die seines eigenen Bootes kennt er genau. Sally Marsh und Carmen Ochoa Sanchez lauschen gemeinsam auf Geräusche im Meer, doch der knapp hinter ihnen liegenden „Nereide“ unter Marshall Wells schenken sie keinerlei Aufmerksamkeit. Ihnen geht es um die Geräusche des havarierten Walfängers, viele Seemeilen voraus, um den sich mehrere Hilfsschiffe der Royal Australian Navy kümmern, um das zweite japanische Walfangschiff, das mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung der Havarie dampft – und vor allem um ihr Schwesterschiff „Aphrodite“, von dessen Notlage sie kaum genaue Informationen haben. Nur dass Corey und Esther mit Boot und Besatzung Hilfe brauchen, das ist ihnen völlig klar. Sally malt sich furchtbare Dinge aus, einen Wassereinbruch im Boot, oder gar ein Feuer an Bord. Nur der dürre, standardisierte und in natürlichen Meeresgeräuschen verborgene Notruf ist bis zu den beiden anderen Booten durchgekommen, mehr hätte das Inkognito des Bootes gefährdet. „Verdammter Mist“, flüstert sie, was Carmen den Blick wenden lässt. Die Hispanic dreht sich zu ihr: „Hast du was gehört?“ Sally schüttelt den Kopf und beißt sich auf die Lippen. Sie stellt die Frage nicht, doch Carmen ahnt, was sie fragen möchte. Sie bestätigt bedauernd, dass sie auch nichts gehört hat. Sylvain hat zwar bemerkt, dass Carmen und Sally die eiserne Disziplin fallengelassen haben, aber er kann es ihnen nicht verdenken – nicht nur, weil sie Zivilistinnen sind, sondern auch, weil auch ihn die Sorge um Esther, Corey und deren Besatzung mehr als nur nervös macht. Er memoriert einige Tabellen über den Antrieb und beschließt dann, die Fahrt erhöhen zu lassen. Der Gedanke, zur Rettung der Kameraden aus zu vorsichtiger Auslegung ihrer Geheimhaltung zu spät zu kommen, lässt ihn schaudern. Ein wenig bleibt die „Nereide“ unter Marshall Wells zurück, bevor die Besatzung reagiert und ebenfalls die Fahrt erhöht. Keiner spricht es aus, aber alle denken nicht nur an die Rettung ihrer Leute auf der „Aphrodite“, sondern auch an die Konsequenzen, wenn das Boot oder seine Besatzung in die Hände der offiziellen Stellen gelangen. Ob Esther offenbaren würde, wer noch alles an dem Projekt beteiligt ist, wenn die Behörden sie durch die Mangel drehen würden? Sylvain bezweifelt es, aber bei Corey Callaghan und den anderen ist er sich nicht so sicher. Um sich selbst macht er sich weniger Sorgen, aber sich Sally und Carmen in der Gefangenschaft wegen Terrorismus und Diebstahl von Regierungseigentum vorzustellen, lässt ihn frösteln.

Folge 1.40: Am Ende

Die Sonne steigt langsam über die Linie, an der sich Ozean und Himmel berühren. Es ist ein klarer Tag auf Hawaii, und die Sicht vom Howard-Anwesen im Osten von Oahu ist klar und frei. Die „Charlotte Howard“ dümpelt vor dem Strand vor Anker, Willard Sanders macht gerade Pause vom Joggen, da er Kapitän Ichigo Sakamoto am Geländer über dem Steilufer lehnen hat sehen. Der Japaner lächelt: „Sie halten sich in Form, Willard-kun. Für die Mädchen?“ Sanders lacht: „Die interessantesten Frauen nehmen mich weder wegen der Autos noch wegen der Muskeln oder der Ausdauer wahr.“ Sakamoto lächelt und tippt im Stillen auf Sally Marsh und Esther Goldstein-Howard. Dann kommt ihm in den Sinn, dass seine Tochter Mai sich gerne der Gruppe anschließen möchte und damit wohl auch einen Teil ihrer Zeit in Sichtweite von Sanders verbringen wird. Nach einem kurzen, reflexhaft finsteren Blick stellt er sich die Frage, ob Sanders ihn als Freund seiner Tochter stören würde, kann es aber nicht beantworten. Besser als Corey Callaghan wäre Sanders allemal, bodenständiger und weniger radikal. Sanders hat trotz Sakamotos Schweigen kein Problem, das Gespräch allein am Laufen zu halten: „John meint, es habe wohl einen Unfall eines japanischen Walfangschiffes irgendwo südlich von Australien oder Neuseeland gegeben. Er hört wieder irgendwelche Marine-Kanäle ab, vermutlich hat er irgendwo einen Freund bei der Royal Australian Navy. Manchmal ist es erschreckend, wie viel ‚Higgins‘ in ihm steckt.“ Der Japaner runzelt die Stirn. Dann fragt er vorsichtig: „Denken sie, es gibt Probleme dort?“ Sanders wiegt den Kopf hin und her, dann erwidert er, man werde es wohl erst erfahren, wenn die Boote zurückkehrten. Dann läuft er weiter. Als er ins Haupthaus kommt und zum Duschen in den Flügel der Angestellten geht, nimmt Hiller gerade die Post entgegen: „Ein Einschreiben für das Howard-Anwesen, annehmbar von Mr. John Hiller, Mr. Willard Sanders oder Mrs. Esther Goldstein-Howard. Da war aber jemand gründlich!“ Der Bote zuckt die Schultern. „Sie sind Mr. Hiller, das genügt mir.“ Trocken erwidert Hiller, ihm genüge es auch, Mr. Hiller zu sein. Dann besieht er sich den Umschlag und wiegt den Kopf hin und her. Er brütet noch immer darüber, als Sanders vom Duschen zurückkehrt. „Mach schon auf, John. Es ist ‚für das Howard-Anwesen‘. Wenn es für Esther persönlich wäre, stände das drauf, nicht wahr?“ Dass er das eigentlich für Hiller typische, britische Question-Tag verwendet, nimmt Hiller gar nicht wahr. Er nickt und öffnet den großen Umschlag – um mit sorgsam verhehlter Enttäuschung festzustellen, dass noch ein Umschlag drin ist. Auf dem steht: „Esther Goldstein-Howard. Persönlich.“ Sanders versteckt seine Enttäuschung unter einem ironischen Lachen und tritt in Shorts und Polohemd auf die Terrasse, wo Sakamoto gerade Zeitung liest. Hiller folgt den beiden etwas später mit dem Frühstück – Eier mit Speck, Toast, aber auch Baked Beans serviert er. Nervös sind alle drei, da sie nicht wissen, was im eisigen Süden des Pazifik und Indik gerade mit den drei U-Booten geschieht, aber das deftige Frühstück hilft zumindest zeitweise, die Sorgen zu überdecken.

Colette Williams lehnt sich in dem bequemen Sitz zurück und sieht hinüber zu Liz Ames: „Danke für’s Mitnehmen. Mit wem kreuzen sie die Klingen?“ Liz grinst: „Vermutlich abermals mit der Chefin. Für die habe ich aber eine Überraschung… wertet vielleicht ihre Position auf, Colette.“ Williams runzelt die Stirn und stellt dann ihre Frage: „Es schwebt eine Ankündigung auf ein Verfahren wegen Geschäftsschädigung gegen Esther Goldstein-Howard und Tom Arden im Raum, dazu steht in Frage, ob die Klage gegen das Howard-Testament zugelassen wird. Sonst noch was?“ Liz lacht: „Ob’s zu der Geschäftsschädigungs-Geschichte überhaupt kommt, keine Ahnung. Die Sache mit dem Testament ist ein Zombie – läuft noch, ist aber bereits tot. Die Gegenseite weiß es nur noch nicht. Ich verfolge auch mit Interesse, aber als Unbeteiligte die Anzeige gegen Unbekannt wegen des Brandes in Halle E17. Wenn nochwas kommt, trifft es mich ahnungslos.“ Die Justiziarin von Howard Industries lacht: „Da sind meine drei Anträge auf einstweilige Verfügungen ja todlangweilig.“ Liz kichert und erklärt, es sei überhaupt nicht langweilig, dass sie zu zweit heute das gesamte Bezirksgericht des Alameda County beschäftigen würden. Als sie ihren Wagen vor dem Gerichtsgebäude parkt, stutzt sie kurz: „Hmm… der Wagen kommt mir bekannt vor. Kennzeichen aus D.C., aber keine offiziellen Markierungen. Jetzt bin ich doch etwas gespannt.“ Doch Williams hat keine Zeit, ihren Gedanken zu folgen. Sie eilt kurz nach dem Portal eine Treppe hinauf, um die erste Antragsanhörung nicht zu verpassen. Liz schlendert in Richtung eines anderen Saals und stutzt abermals: FBI-Agentin Cynthia Crown und CIA-Agent Marc Bannister stehen bei Kaffee aus Styroporbechern an einem Stehtisch zusammen. Beide kennt sie flüchtig, da sie teils die Untersuchung zum Brand der Halle begeleitet hat. Sie beschließt, einen Kaffee zu brauchen und tritt an den Automaten. Bannister sieht sie: „Oh, Miss Ames! Guten Morgen.“ Als Liz mit ihrem Kaffee bei den beiden steht, fragt Bannister: „Was führt sie heute hierher, Miss Ames?“ Liz grinst: „Irgendwie alles. Wenn ich sehe, dass sie beide hier sind, hab‘ ich vermutlich sogar noch eine Verhandlung, bei der ich gerne zusehen würde, wenn sie öffentlich ist.“ Crown zuckt die Schultern. Sie verhehlt nur schlecht, dass sie Liz Ames nicht leiden kann, und ihre Antipathie wird von Bannisters Interesse für Liz‘ Ausschnitt nicht gelindert. Dennoch wirft sie ein: „Die Sache ist durch. Vermutlich muss sich Howard Industries irgendeinen anderen Schuldigen für die Inkompetenz in dem Projekt suchen, statt einen nicht existierenden Brandstifter.“ Liz zuckt die Schultern: „Ich vertrete Mrs. Goldstein-Howard und Mr. Arden. Ich hoffe nicht, dass Mrs. Howard-Fielding es darauf ankommen lässt, dass wir das Andenken von Dr. Callaghan besudeln. Es ändert ja eh nichts.“ Bannister zuckt die Schultern: „Ich habe da was ganz anderes gehört…“ Liz horcht auf, aber Bannister winkt ab: „Werden sie schon noch sehen. Ich glaube nicht, dass das ihr Kampf wird, Liz.“ Die Anwältin grinst: „Ich kämpfe in vielen Arenen. Nun muss ich aber los. Ich vermute, man sieht sich!“ Damit eilt sie davon. Crown mustert Bannister irritiert, doch sie sagt nichts dazu.

Nicolas Howard betritt die Firma seines älteren Bruders mit einem mulmigen Gefühl. Seit vielen Jahren hat er sich anderen Dingen gewidmet, und nun ist er doch wieder hier in Oakland. Am Empfang wird er gleich zur Chefetage gewiesen, aber er fragt sich erstmal zu Thomas Arden durch – schließlich seien weder Dorothy und Charles Junior noch Esther Goldstein-Howard anwesend. Er nickt Cris Benitez zu und drückt Arden dann kräftig die Hand. Schließlich fragt er: „Mr. Arden – die Firma hat ein Problem. Sie haben gerade in einer kritischen Situation schnell und beherzt eingegriffen, daher komme ich zu ihnen, außerdem wissen sie schon Bescheid.“ Er wirft einen Blick zu Cris Benitez, aber Arden schüttelt den Kopf: „Cris ist auf Zuverlässigkeit überprüft. Es geht um das Navy-Projekt, richtig?“ Nick Howard nickt und lächelt gequält: „Das gibt eine wirklich saftige Schadensersatzklage durch den den Bund, wenn wir nicht nachweisen können, dass sie – das WIR schon weiter waren, als es erscheint. Das FBI sagt, es war ein Unfall, dass die Halle brannte. Sie haben nichts gefunden, was auf einen weiten Fortschritt des Projekts hindeutet. Einen Unfall kann die Navy uns nicht ankreiden, wohl aber Lügen über den Projektfortschritt.“ Arden wird blass und stößt hervor: „Und da kommen sie zu MIR, Mr. Howard? Ich gehörte zu dem Projekt. Ich bin befangen. Außerdem haben wir dokumentiert…“ Nick Howard winkt ab. Er wisse, dass Dr. Callaghan ihn und Esther über den Fortschritt des Projekts getäuscht habe. Aber was wäre, wenn die Täuschung nicht so weitgehend gewesen wäre? Arden flüstert: „Dann müssten wir zeigen, dass wir doch solche Beschichtungen bauen und auf U-Booten auftragen können, Mr. Howard.“ Nick erklärt, dass er genau diesen Nachweis von Arden haben wolle. Zur Not solle er die Entwicklungsarbeit nachholen und sie Callaghan zuschreiben. Als Nick Howard in Richtung Chefetage weitergeht, sehen Cris und Tom sich an: „Mann, das ist ein dicker Hund“, stößt Cris hervor. Tom seufzt und gibt ihr völlig recht.

Als Dorothy Howard-Fielding in den Gerichtssaal im Bezirksgericht von Alameda County kommt, sitzt Liz Ames bereits an ihrem Platz. Die älteste Tochter Charles Benjamin Howards sieht etwas zerzaust aus, da sie gerade vom Flughafen kommt. Dann realisiert sie, dass Claire Howard bereits da ist – als einzige der fünf Erben, von Dorothy abgesehen. Dorothy eilt nach vorne, lässt sich neben Claire in den Sitz fallen und flucht: „Verdammte Verspätung. Haben sie schon angefangen?“ Claire schafft es nicht, ihr schlechtes Gewissen zu verbergen. Sie zögert nur kurz, dann flüstert sie: „Ich fürchte, ich habe… euch sabotiert.“ Dorothy runzelt die Stirn, doch die Richterin gibt ihr keine Zeit für eine Rückfrage: „Wir BEGINNEN nun. Dem Gericht wurden neue Informationen zugänglich gemacht, die die Sache in einem neuen Licht erscheinen lassen. Miss Ames?“ Liz richtet sich auf, sie sieht entschuldigend hinüber zu Claire und Dorothy. Dann tritt sie drei Schritte vor: „Aufgrund neuer Informationen beantrage ich, die Klage gegen das Testament von Charles Benjamin Howard nicht zuzulassen. Uns wurde, aufgrund einer Verfügung von Mr. Charles Benjamin Howard selbst, durch Mr. Aldred die vorherige Version des Testaments zugänglich gemacht…“ Sie spricht fast zehn Minuten, in denen Landsman dreimal zu unterbrechen versucht. Die Richterin wiegelt ihn beim dritten Mal ab: „Mr. Landsman! Neben ihrem Platz liegt eine Mappe mit den neuen Dokumenten, und zwar seit sie hier im Saal sitzen.“ Landsman biegt sich wie unter einem Schlag. Er starrt auf die Mappe, die ihm bisher nicht aufgefallen ist. Dorothy blinzelt heftig und sieht fragend zu Claire, die unter ihrem Blick den Kopf einzieht. Die Richterin schüttelt den Kopf: „Miss Ames, kommen sie wohl bitte endlich zur Sache!“ Liz nickt: „Sehr wohl. Nun: Mr. Charles Benjamin Howard fasste nach seiner Scheidung ein neues Testament ab. Mr. Landsman und seine Kollegen haben seit Beginn dieser Verhandlung unterstellt, dass das verlesene, vor anderthalb Jahren abgefasste neue Testament von Mr. Howard zuungunsten der Howard-Familie ausfiel. Mr. Howard hinterließ allerdings eine Verfügung, dass dieses Testament einer Person ausgehändigt werden solle, wenn diese frage. Sie fragte und händigte uns eine von Mr. Aldred beglaubigte Kopie des vorheringen Testaments aus.“ Dann beginnt sie vorzulesen. Dorothys Gesicht wechselt von irritiert zu wütendrot und dann zu aschfahl. Landsman steht der Mund offen. Liz legt die Kopie zur Seite: „Und da die Anteile von Mr. Nicolas Howard, Mrs. Dorothy Howard-Fielding, Mr. Charles Benjamin Howard Junior und Miss Claire Howard exakt Null gewesen wären, bevor Mr. Charles Benjamin Howard sein Testament unter anderem zugunsten von Mrs. Esther Goldstein-Howard änderte, beantrage ich, die Anfechtung abzuweisen. Dies soll auch die Ansprüche der Howard-Familie schützen, die bei einem Rollback auf die vorherige Version gänzlich leer ausginge. Vielen Dank!“ Als sie sich setzt, fragt die Richterin: „Möchten sie die Anfechtung zurückziehen, Mrs. Howard-Fielding?“ Dorothy konsultiert Landsman gar nicht erst. Sie nickt: „Ja. Wir haben keinen Fall.“ Die Richterin schlägt ihren Hammer auf den Tisch: „Dieses Gericht wird sich nicht mit der Anfechtung des Testaments von Mr. Charles Benjamin Howard befassen. Die Kosten des Verfahrens tragen Mr. Nicolas Howard, Mrs. Dorothy Howard-Fielding, Mr. Charles Benjamin Howard Junior und Miss Claire Howard. Das Verfahren ist hiermit geschlossen.“ Als Dorothy Claire zu Bob Landsman zieht, folgt diese nur widerstrebend. „Wer, Landsman? WER hat Liz Ames dieses verdammte Testament organisiert?“ Landsman schluckt betreten – so sehr ihn die krachende Niederlage schmerzt, die er eben erlitten hat, so deutlich steht ihm vor Augen, wie Dorothy auf das reagieren wird, was er eben in der Mappe gelesen hat. Doch Claire kommt ihm zuvor: „Ich war’s, Dorothy. Ich habe erfahren, dass mein leiblicher Vater das vorherige Testament zu meiner Einsicht bei Mr. Aldred hinterlegen ließ. Zu NUR meiner Einsicht. Ich fand, unter diesen Umständen…“ Dorothy blinzelt, ihre Hand zuckt, aber sie gibt Claire keine Ohrfeige. Nicht vor Gericht, unter den Augen der Presse. „Du hättest zu uns kommen können.“ Claire nickt und bekennt, nicht daran gedacht zu haben. Dass sie befürchtet hatte, Dorothy und Charles Junior hätten das Ganze einfach totschweigen können, sagt sie nicht. Dorothy schüttelt den Kopf, dann flüstert sie: „Geh‘. Geh‘ einfach. Charles hat dich dazu überredet. Ich weiß, dass du nicht hinter der Sache standest. Aber das – geh‘ einfach, Claire, und lass dich bei den Howards NIE mehr sehen.“

Colette Williams und Liz Ames stehen etwas später in der letzten Reihe eines anderen Saales. Drei einstweilige Verfügungen hat Williams mit Hilfe von Liz‘ Vorarbeit beantragt, drei hat sie bekommen. Die Presse darf diverse Spekulationen über Howard Industries nicht mehr verbreiten, da sie nicht erwiesenen Tatsachen entsprechen. Dorothy Howard-Fielding hat die beiden gelobt, auch wenn ihr das bei Ames merklich schwer fiel. Nun steht Bob Landsman im kleinen Saal und verkündet, nach einiger Vorrede: „…und aufgrund der genannten Verfahrensfehler in der Ausschreibung sehen wir es als erwiesen an, dass der Vertrag zwischen Howard Industries Ltd., vertreten durch Geschäftsführerin und Teilhaberin Dorothy Howard-Fielding und der United States Navy, nur aufgrund dieser Verfahrensfehler zustandekam. Da das Ausschreibungsverfahren nicht rechtmäßig durchgeführt wurde, wird durch diese Feststellung auch der Vertrag über die Erbringung von Leistungen, namentlich der Entwicklung eines Kunststoffes für spezielle Beschichtungsanwendungen, nichtig.“ Williams stößt Ames an, doch dieser steht der Mund offen. Dann flüstert sie begeistert: „Gut gespielt, Dorothy. Alle Achtung!“ Dass ein Gutteil ihrer Begeisterung daher rührt, dass sie damit wahrscheinlich keine Klage gegen Tom Arden und Esther fürchten muss, enthält sie Williams vor. Dann grinst sie: „Lassen sie uns mal gleich in den Archiven suchen – sie haben Meriten im Unternehmen zu verdienen, ich habe gutzumachen, dass ich Claires Verrat an ihr eingefädelt habe. Lassen wir Bob Landsman nicht den ganzen Ruhm, okay?“ Noch bevor die Verhandlung richtig in Schwung kommt, sitzen Williams und Ames wieder im Auto und fahren zurück zur Konzernzentrale.

Auf der „Aphrodite“ flüstert Esther mit Corey Callaghan: „Ein Leck haben wir nicht. Aber die Batterien in der oberen Hülle sind kaputt. Das ist ein irreparabler Schaden, Corey.“ Callaghan flüstert ebenso leise zurück: „Und wenn wir nicht davonkommen, macht uns dieses U-Boot den Garaus, wenn die nicht schon hinter uns her sind.“ Sie schüttelt den Kopf. Das U-Boot sei ein australisches, es helfe gerade bei der Evakuierung des Walfang-Schiffes. Das sei aus den Geräuschen eindeutig hervorgegangen. Erst, wenn diese Evakuierung abgeschlossen sei, werde das U-Boot sich auf die Suche machen, ob der seltsame, hinter der Schule zurückgebliebene Seiwal auch wirklich ein Seiwal sei. Doch beiden ist klar, dass das eine vage Hoffnung ist. Das Meer ist tief genug, um die „Aphrodite“ so zu versenken, dass niemand sie je finden wird. Aber ob die Besatzung davonkommen wird, weil rechtzeitig eines der beiden anderen Boote da sei, stehe auf einem anderen Blatt. Vorsichtig, wie eine Mutter, die ihre Kind badet, bringt die Rudergängerin das U-Boot immer wieder zwischen den Seiwalen hoch, taucht dann wieder eine Strecke. Von leisen Schraubengeräuschen abgesehen ist das U-Boot ein Teil der Seiwal-Schule geworden, auch wenn es etwas zu groß ist. Drei Stunden entfernen sie sich schon von der Stelle der Havarie, haben fast achtzig Seemeilen zwischen sich und die Rettungsaktion gebracht. Plötzlich merkt der Mann am SONAR auf: „Mrs. Howard, Mr. Callaghan… da kommt ein Hubschrauber von Südosten. Vermutlich groß, kommt uns entgegen. Er wird uns in ein paar Minuten überfliegen – ich glaube nicht, dass man bei dem Seegang und diesem Regen und Sturm irgendetwas sieht, aber…“ Nach kurzer Beratung beschließen Esther und Corey, dass die „Aphrodite“ auf fünfzig Meter Tiefe gehen soll. Man wolle nichts riskieren. Langsam sinkt das Boot etwas ab, wird dabei etwas schneller. „Bei dem Lärm durch Seegang und alles andere hört uns keine Sau, der nicht gerade direkt vor unserer Nase rumdümpelt…“, erklärt die Navigatorin. Dennoch lauschen alle wie gebannt den ausgefilterten Geräuschen des Hubschraubers, wie sie über der Oberfläche näher kommen, lauter werden, dann langsam wieder leiser werden. Gerade wollen alle aufatmen, da schrillt ein Alarm los. „Auftauchen, SOFORT!“, brüllt Esther. Der höhere Wasserdruck hat das Boot beschädigt, durch einen schmalen Riss dringt Wasser ein. Noch ist das Leck klein genug, dass die Pumpen die Trimmung schnell genug ins Positive drängen, schneller, als Wasser in den Rumpf läuft. Aber eines ist sicher: Die letzte Fahrt der „Aphrodite“ wird hier enden, im stürmischen Süden, irgendwo an der Grenze zwischen indischem Ozean, pazifischem Ozean und antarktischem Ozean. „Sendet Codefunk in Richtung der Operationsgebiete von Marshall und Sylvain. Wir brauchen deren Hilfe. ‚Aphrodite‘ wird hier absaufen. Wenn wir überleben wollen, müssen die uns retten.“ Esther lehnt sich nach diesem Befehl gegen eine Wand. Sie stöhnt. Corey versucht, einen Arm um sie zu legen, doch sie wehrt ihn ab: „Das ist nicht das Ende, Corey. Und wenn es das Ende wäre, würde ich trotzdem ‚Nein‘ sagen.“ Callaghan beißt sich auf die Lippen. Dann geht er Richtung Bug, klettert die Leiter hinauf und versucht verzweifelt, sich nützlich zu machen – oder wenigstens die Rettungsinseln, die eigentlich für einen ganz anderen Zweck auf dem U-Boot waren, bereit zu machen.

Noch immer viel weiter südlich empfangen „Nereide“ und „Tethys“ den als Rauschen codierten Notruf ihres Schwesterschiffes. Weder Wells noch Chartrand zögern auch nur eine Sekunde. Selbst wenn der Walfänger, der gerade zur Rettung seiner Kameraden viel weiter nordöstlich braust, auf sie lauscht, ist es ihnen egal. Sie geben den Befehl aus, mit voller Kraft nach Nordosten zu fahren.

Folge 1.39: Breitseiten

„Wie weit entfernt sollte ‚Nereide‘ gerade sein?“, fragt Sylvain Chartrand dringlich. Ochoa Sanchez blinzelt zweimal, dann gibt sie ihm eine Position und schiebt nach, dass es bis dorthin nur ungefähr dreißig Seemeilen seien. Chartrand rechnet kurz, er zählt auf Französisch. Sally Marsh, Carmen Ochoa und auch alle anderen in der Zentrale schauen fragend zum Kommandanten, dann befiehlt er einen Kurs nach Nord-Nordwest, zwanzig Knoten und dreihundert Meter tief. Ochoa mustert den Kommandanten fragend, dann sieht sie zu Sally. Diese schluckt hart, dann fragt sie: „Was hast du vor? Und was denkst du, ist passiert?“ Chartrand widersteht mit Mühe dem Reflex, wie ein militärischer Kommandant zu agieren und sich in Schweigen über die Idee hinter dem Einsatz zu hüllen. Er zählt an den Fingern hinunter: „Cinq, quatre, trois, deux, un – d’accord.“ Dann erläutert er, dass der Notruf des Walfängers zwar geplant sei, aber das Aufsteigen des Hubschraubers und die Dringlichkeit des Funkrufes ihm Sorgen bereiteten. Außerdem, so fügt er an, seien ein wenig viele australische Kriegsschiffe in der Region unterwegs gewesen, für seinen Geschmack. Die Besatzung beginnt nun, Sylvains Unruhe zu teilen. Sally beißt sich auf die Lippen: „Sollen wir versuchen, Marshall zu erreichen?“ Chartrand nickt und befiehlt, mit den aufgenommenen Walgesängen, die einen Notruf anzeigen sollten, leise ins Wasser zu tasten, sobald sie in der Nähe der vermuteten Position der Nereide seien. „Geht mal davon aus, dass Marshall mit der ‚Nereide‘ genauso vorsichtig, aber bestimmt nach Nord-Nordwest dampft wie wir. Ich hab’s im Gefühl, dass Corey, Esther und die ‚Aphrodite‘ unsere Hilfe brauchen. Ich lege mich noch eine Runde auf’s Ohr – wir werden nachher alle unsere Kraft brauchen, wenn ich recht habe. Wenn irgendwas ist, weckst du mich, Carmen, klar?“ Ochoa bestätigt mit einem „Sí!“, dann schickt sie mit strengem Blick auch Sally in die Koje und beharrt darauf, dass sie auch schlafen solle. Die restliche Besatzung der Zentrale bemerkt die Anspielung gar nicht, an Sylvain prallt der leichte Tadel völlig ab – nur Sally läuft rot an und beeilt sich, in eine freie Kabine zu verschwinden.

„Aktivsonar. Ganz schwach, aber eindeutig“, erklärt der Orter der „Nereide“. Marshall Wells neigt den Kopf und fragt, wo das Geräusch herkomme. Der junge Mann flüstert betreten, es komme aus Richtung Nordwest. Wells schließt für einen Moment die Augen, eine steile Falte bildet sich auf seiner Stirn. Dann befiehlt er, sich hinter den Walfänger zu setzen, an dem sie das Wal-Vertreibe-Gerät angebracht haben, und in dessen Tempo in vierzig Metern Tiefe hinterherzufahren. „Abstand konstant auf zehntausend Meter halten, schön unten bleiben. Wenn die ein U-Boot in der Nähe von Coreys Beute haben, könnte es für die ‚Aphrodite‘ verdammt unangenehm werden.“

Corey Callaghans Hände krallen sich um das Geländer am Periskop, dass die Knöchel weiß hervortreten. Die Ratlosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Esther hat die Augen geschlossen, allerdings ist sie bereits dabei, die Panik niederzukämpfen. Sie wägt die Möglichkeiten ab, dann fasst sie einen Entschluss: „Langsame Fahrt voraus. Kurz das Vorderdeck sehen lassen, aber nur im Wellental, dann wieder runter – aber nicht tief. Haben wir ein Band mit Seiwal-Gesang?“ Verblüfft dreht Corey sich um, doch Esther lässt ihn nicht zu Wort kommen. Er solle das Periskop einfahren und an der Navigation unterstützen. Zu überrascht, um es richtig zu realisieren, versucht er gar nicht, Esthers Übernahme des Kommandos zu verhindern. Dass es ein gewagtes Manöver ist, sich als angeblicher Seiwal davonzumachen, ist ihr bewusst, aber die Walschule schwimmt rasch vom havarierten Walfänger weg und im Chaos der Rettung für das Walfangboot rechnet sie sich gewisse Chancen aus. Ohne auf Esthers Bestätigung zu warten, legt eines der drei Besatzungsmitglieder, die sich um die SONAR-Konsole versammelt haben, das Band mit den Gesängen ein und gibt es auf die Signalgeber. Langsam dreht sich das Boot nach Süden und lässt kurz das flache Deck des Turms sehen, bevor es tiefer geht. Als sie unter dem Walfangschiff hindurch tauchen, trifft eine weitere Monsterwelle auf havariertes Schiff und U-Boot. Es klingt wie ein weicher Zusammenstoß – auf der Hülle des U-Bootes ebenso wie draußen im Wasser. Aber Esther stöhnt auf: „Nein! Nicht auch noch…“ Corey Callaghan fasst sich ein Herz und fordert: „Inspiziert die Bordwand, schnell. Wir müssen wissen, ob etwas passiert ist!“ Doch die Schwankung in der Stromversorgung beantwortet die Frage bereits eindeutig. „Aphrodite“ ist nun auch noch beschädigt, und Corey sinkt mit den Händen fest um das Geländer am Periskop auf die Knie. Doch Esther bekräftigt seinen Befehl: „Wir müssen wissen, was passiert ist. Weiter den Seiwalen folgen, zum Glück tauchen die nicht tief, also müssen wir nicht riskieren, aus einer Delle ein Leck zu machen, wenn wir weiter Seiwal spielen.“ Als sie merkt, dass nicht nur Corey Callaghan Panik empfindet und die Angst um sich greift, erklärt sie entschlossen, die Beschädigung sei kein Todesurteil. Außerdem kämen Marshall Wells oder Sylvain Chartrand sicher, um ihnen zu helfen. Gehört hätten sie nämlich bestimmt, dass hier etwas gar nicht nach Plan gelaufen ist. Die Moral von Callaghans Besatzung, die nun plötzlich weit mehr ihre Crew ist, hebt das ein wenig – zumindest für den Moment.

Mai Sakamoto trägt ein schwarzes Kleid über einer kühl-violetten Bluse und einen Blazer darüber und wartet nervös in dem kleinen Café mit Blick auf die Hayward Japanese Gardens. Keinen Blick hat sie für die Anlage, die ihrem Vater sicher gefallen hätte. Sie beobachtet den Eingang und rührt in ihrem Grüntee. Dreimal hat sie schon gedacht, dass Claire endlich käme, doch jedes Mal waren es andere Frauen, die durch die Tür traten und zielsicher auf andere Tische zusteuerten. Kopfschüttelnd schließt sie die Augen und formuliert in Gedanken Worte: Ruhe, Schwere, Wärme… beim vierten Mal „Ruhe“ legt sich eine Hand auf ihre Schulter: „Träumst du“, fragt Claire Howard irritiert. Mai beißt sich auf die Lippen. „Ich war so nervös – Moment.“ Entschlossen vervollständigt sie das autogene Training durch die Rücknahme, dann sieht sie auf die Uhr und beginnt zu lächeln, als sie feststellt, dass Claire überhaupt nicht zu spät ist – im Gegenteil, sie haben noch fast vierzig Minuten bis zu Claires Termin bei Notar Aldred. Claire bedankt sich mehrfach, dass Mai sie begleiten wird – ihre Mutter hat sie doch nicht gefragt, und vor einer vielleicht triumphierenden Reaktion von Liz Ames hat sie sich gefürchtet. Ansonsten hat Claire kaum ein Thema und bleibt zumeist still, während Mai von den Aktionen der Umweltschützer erzählt. Nicht einmal die Aktion vor der Zentrale von Howard Industries kann Claire wirklich von dem anstehenden Termin ablenken. In ihrem Geist wird der alten Notar zu einer regelrechten Hexer-Figur aus einem Horror-Film. Sie bereut schon, eine verhältnismäßig leichte, zart-türkise Bluse unter dem grau-glänzenden Kostüm zu tragen, da sie antizipiert, sich unter den Blicken des Alten darin nackt und verletzlich zu fühlen. Vor lauter Nervosität verzettelt Claire sich so sehr beim Bezahlen, dass sie sich schon fast beeilen müssen, um die halbe Meile Fußweg bis zu Aldreds Büro bis um neun zu schaffen. Während Claire zur Sekretärin hintritt, die in Strickjacke und Jeans eher lässig aufgemacht ist, tippt Mai eine kurze Mitteilung an Liz Ames, dass sie jetzt reingehen. Notarin Button schaut neugierig aus ihrem Büro, als sie Stimmen im Vorraum hört, und hebt die Brauen, als sie Claire erkennt. Mai bemerkt es, die Sekretärin ebenso – aber Claire bekommt es zum Glück nicht mit. Dann öffnet sich, ohne dass die Sekretärin etwas getan zu haben scheint, Aldreds Bürotür. Der alte Mann ist noch hagerer, noch faltiger, als Claire ihn in Erinnerung hat. Sie muss alle ihre Beherrschung aufbringen, um der zerknittert-vertrockneten Gestalt in schwarzem Anzug, weißem Hemd und roter Fliege die Hand zu geben. Sie bemüht sich, nicht zu sehr auf die großen Altersflecken auf seiner Stirn zu starren, während sie sich von ihm hereinbitten lässt. Dann lenkt sie sich damit ab, ihre Freundin Mai Sakamoto vorzustellen. Aldred nickt: „Sie sind die Tochter von Kapitän Sakamoto, nicht wahr? Wie geht’s dem alten Seemann?“ Mai erklärt, ihr Vater lehre wieder mehr Teezeremonie und es ginge ihm ansonsten gut. Aldred nickt und bietet den beiden jungen Frauen die Plätze vor seinem Schreibtisch an. Eine Flasche Whisky steht auf dem Tisch, daneben eine Kanne Kaffee und eine Kanne Tee. Entschuldigend erklärt der Notar, er habe eine andere Begleitung erwartet, es handle sich beim Tee um Earl Grey und der Kaffee sei stark und tiefschwarz. Dann grinst er linkisch: „Den Scotch werde ich bei ihnen beiden vermutlich gar nicht los. Bin ja froh, dass ich nicht die ganz alte Flasche von ihrem Vater geöffnet habe, für die findet sich dann vielleicht noch eine Abnehmerin. Also, zum Geschäft, richtig?“

Liz sieht auf ihr Handy, als eine Message eingeht. Sie lächelt: „Okay, eine gute Nachricht hätten wir schonmal.“ Als Cris Benitez und Tom Arden fragen, erklärt sie, Claire und Mai seien nun beim Notar. Dann wendet sie sich wieder den Berichten zu, wird aber durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Arden sieht auf und lächelt: „Oh, hi Colette. Komm doch rein. Wir können alle Unterstützung brauchen.“ Colette Williams sieht zu Liz Ames, zuerst abschätzend, dann jedoch lächelt sie offen. Liz nimmt die Wandlung mit Irritation zur Kenntnis und fragt dann, ob sie Neuigkeiten aus der Chefetage bringe. Willimas nickt, schüttelt dann den Kopf und besschließt dann, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten ist: „Jain. Ich habe Dorothy Howard vorgeschlagen, dass wir mit einstweiligen Verfügungen gegen die Berichterstattungen über Umweltsünden von Howard Industries vorgehen könnten. Sie meinte, das solle ich mit ihnen besprechen. Also mit ihnen beiden – wörtlich sagte sie: Lassen sie das von Miss Ames und Mr. Arden mit prüfen. Keine Ahnung, was die reitet, noch vor Kurzem wollte sie ALLES, was sie beide tun, aus dem Konzern rausbekommen…“ Liz lacht ein gehässiges Lachen, Tom Arden erwidert trocken, in der Not fresse der Teufel eben Fliegen. Einige Sätze später können weder Tom noch Cris den beiden Juristinnen mehr folgen, da sie mit Fachbegriffen, Gesetzen und den Namen möglicher Richter an möglicherweise zuständigen Gerichten um sich werfen. Dass sich daraus eine Strategie entwickelt, wie man die momentane unangenehme Presse in den Griff bekommen könnte, beruhigt Arden aber immens. Dann nimmt Cris Benitez einen Anruf entgegen und legt nach kurzer Interaktion auf. Sie wirft ein: „Keine Ahnung, was das bedeutet – aber Nick Howard will morgen hier her kommen und uns helfen. Ich hätte mit Charles Junior gerechnet, auf jeden Fall mit Dorothy. Aber Nicolas?“

Der alte Aldred schiebt, nachdem Claire und Mai mit Kaffee versorgt sind, eine Mappe über den Tisch: „Ich werde das nur auf ihre Nachfrage kommentieren, Miss Howard. Lesen sie erstmal.“ Mai blinzelt und fühlt sich fehl am Platze, Aldred widmet sich ungeniert einem Glas Bourbon und seinem Kaffee, während Claire die Mappe aufschlägt. Das Datum sagt ihr schon einiges: Das Testament ist vier Wochen nach Rechtskraft der Scheidung zwischen Isabelle Lagarde und Charles Benjamin Howard abgefasst. Ein Vermerk kennzeichnet es als seit anderthalb Jahren ungültig – der letzte Wille galt also noch lange fort, nachdem Charles Howard Esther Goldstein geheiratet hatte. Dann werden Claires Augen immer größer. Alles, wirklich ALLES vermachte ihr Vater danach den Stiftungen „Charles B. Howard“ und „The Bay“. Das Geld, das Charles seiner Ex-Frau Isabelle Lagarde und ihrer Tochter Claire regelmäßig zukommen ließ, kam von der Howard-Stiftung. Ansonsten wären alle Howards – Dorothy, Charles Junior, sie selbst, auch Nicolas Howard, völlig leer ausgegangen. Bestürzt fragt Claire: „Und das galt seit den Neunzigern unverändert?“ Aldred nickt. Dann beginnt er zu erzählen: „Ja. Charlie war schrecklich wütend und verletzt darüber, was Dorothy, Charles Junior und Nicolas im angeblichen Dienste am Andenken von Charlotte Howard angerichtet hatten. Er wollte sogar den Namen Howard ablegen, aber er fürchtete sich vor der Presse – und wollte außerdem nicht klein beigeben. Er hätte… aber das tut eigentlich nichts zur Sache.“ Mai Sakamoto erkennt deutlich, dass Aldred möchte, dass Claire nachfragt, und diese lässt sich nicht lange bitten. Bei ihr überwiegt aber die Neugierde, die Absicht des Notars hat sie, aufgewühlt wie sie ist, nicht durchschaut. Aldred lehnt sich zurück: „Ich erinnere mich, wie sie gemeinsam hier waren. Ihre Stiefmutter und Charlie. Vergeben sie bitte einem alten Mann, aber sie ist eine unglaublich erotische Frau, diese Esther Goldstein-Howard. Ich sehe es genau vor mir…

Esther ließ sich nicht drausbringen von Aldreds Blicken auf ihre sportlich-schlanke Figur und die wallenden, schwarzen Locken. Charles hob nur die Brauen und Aldred lehnte sich zurück, nickte. „Entschuldigung. Charles, du möchtest also dein Testament ändern. Der Anteil von ‚The Bay‘ und ‚Charles B. Howard‘ soll künftig nur noch 75 Prozent betragen, verteilt in gleichen Teilen, richtig? Alles andere soll Esther bekommen.“ Der alte Howard nickte und seufzte: „Es ist ja sonst keiner mehr da.“ Esther zögerte, während die Männer über genaue Formulierungen sprachen. Doch dann räusperte sie sich: „Charles… da sind noch deine Kinder. Deine Familie.“ Für einen Moment herrschte gespenstische Ruhe im Büro in Hayward. Die Schärfe in Charles‘ Stimme ließ Esther und auch Aldred zucken: „Ich habe sie nicht ohne Grund enterbt.“ Esther lächelte warm und entschuldigend: „Möchtest du deinen Groll auf sie mit ins Grab nehmen? Möchtest du, dass sie mich bis auf’s Blut juristisch bekämpfen, weil sie glauben, dass ich sie um ihr Erbe gebracht habe?“ Es dauerte Minuten, viele Minuten, bis Charles Benjamin Howard aufhörte, vor sich hin zu grollen. Dann jedoch nickte er: „Okay. Halb-halb. Die eine Hälfte paritätisch für die Stiftungen. Die andere Hälfte geht durch fünf – je ein Teil an meine drei Kinder, einer an meinen Bruder und einer an dich. Die Immobilien verteilen wir willkürlich – nur die Stadtwohnung in Oakland, die kleinere im Honolulu und das Anwesen auf Ost-Oahu MÜSSEN an Dich gehen. Ich will nicht, dass meine Familie sich dort einnistet, wo wir…“ Esther wurde leicht rot, Aldred grinste anzüglich, dann begann er, für Charles vorzuformulieren…

„Wirklich? Esther Goldstein-Howard hat zu unseren Gunsten interveniert?“, fragt Claire völlig perplex. Auch Mai ist überrascht, aber zum Beweis lässt Aldred eine Tonbandaufnahme von jenem Nachmittag ablaufen, die er mit seinem Diktiergerät gemacht hat. Claire schüttelt sich, da die Aldred noch expliziter auf die Vorzüge von Esther einging, als er das in seiner Erzählung hinbeschönigt hatte. Dann beißt sie sich auf die Lippen: „Unter diesen Bedingungen kann ich doch nicht verantworten, dass ich mit unterschreibe, dass wir Vaters Testament anfechten!“ Aldred grinst: „Ganz davon abgesehen, dass die Argumentation ihrer älteren Stiefschwester darauf basiert, dass die Testamentsänderung zu Ungunsten der Howards ausgefallen sei…“ Claire blinzelt, dann fragt sie, ob sie eine Kopie der Tonbandaufzeichnung bekommen könne. Aldred grinst und verneint. Als er das Tonband auf den Schreibtisch fallen lässt, will Claire danach greifen und realisiert dann, dass er es auf einen großen Magneten hat fallen lassen, an dem seine Bürklammern kleben. „Das hätte ich eigentlich gar nicht aufnehmen dürfen, junge Dame. Aber seit ich weiß, dass es für sie bestimmt ist, habe ich beschlossen, es zumindest so lange aufzuheben. Aber eine Kopie vom alten Testament können sie haben. Nehmen sie auch die Flasche mit, wenn sie es Liz Ames bringen. Sie soll sich gelegentlich dafür revanchieren, können sie ihr sagen.“ Damit drückt er Claire die Holzkiste mit der Flasche Laphroaig Thirty Years Old in die Hand, erhebt sich und schüttelt Mai Sakamoto die Hand, gibt ihr Grüße an ihren Vater auf. Claire schwindelt, so dass sie gar nicht richtig realisiert, wie unhöflich Mai und sie eigentlich hinausgeworfen werden.