Folge 1.31: Feier

„Nichts! So richtig gar nichts“, echauffiert sich Dorothy Howard-Fielding. Einer der Senior-Partner aus Landsmans Kanzlei blättert in einer der Akten, über die ein breiter, roter Streifen mit dem Wort „Classified“ geklebt ist. Landsman ist nicht dabei, da er noch auf seine Sicherheitsfreigabe wartet und daher die Akten nicht einsehen darf. Langsam schüttelt der Anwalt den Kopf, schiebt die Gleitsicht-Brille etwas höher und erklärt etwas nasal: „Die Berichte wurden im Büro von R-NAV-02-B zurückgehalten. R-NAV-02-B, das ist Dr. Callaghan. Mr. Arden bekam falsche Berichte, die einen größeren Fortschritt vortäuschten. Angeblich waren schon U-Boot-Rümpfe gebaut und beschichtet, laut Callaghans offiziellen Berichten. Eigentlich war noch nichtmal die Mischung des komischen Zeugs fertig. Arden und Mrs. Howard-Goldstein wussten nicht, dass es Probleme mit der Kohäsion des Kunststoffs um die antisonischen Sphäroiden und der Adhäsion auf metallischer Oberfläche gab. Können sie mit diesem Tech-Sprech etwas anfangen, Mrs. Howard-Fielding?“ Dorothy explodiert regelrecht: „Das Dreckszeug fällt auseinander und klebt nicht auf dem Metall! Zur Hölle, kann das eine verdammte Fälschung sein?“ Ungerührt fragt der Anwalt, ob sie nicht an die technischen Probleme glaube, doch Dorothy fegt diese Frage weg. Mühsam beherrscht erklärt sie, was sie meinte: Ob die Unkenntnis seitens Thomas Arden und Esther Goldstein-Howard vielleicht ein gefälschtes Alibi in der Akte sein könnte. Callaghan könne man schließlich nicht mehr belangen, der sei ja beim Surfen ertrunken. „Geschickt hat er das gemacht“, kommentiert der Anwalt, und fügt an: „Selbst wenn das eine gefälschte Akte ist, haben wir sonst nichts in der Hand. Wir könnten versuchen, eine Verletzung der Aufsichtspflicht zu konstruieren, aber sie haben die Berichte eingefordert, Aktennotizen geschrieben und regulär die Produktion und Forschung inspiziert. Wenn wir daraus Geschäftsschädigung konstruieren, kann man das JEDEM ankreiden. Das werden nur wenige Richter mitmachen, Mrs. Howard-Fielding. Ich werde mir mal Gedanken machen, was realistische Aussichten bringt, oder was hinreichend Probleme für Arden und Goldstein-Howard bedeutet, selbst wenn es vor Gericht nicht haltbar ist.“ Dorothy unterdrückt noch einige Flüche, dann hebt sie den Hörer ihres Telefons ab und wählt eine Nummer in Washington D.C., verlangt den Senator und erklärt schließlich entschlossen: „Du wolltest doch ein Wochenende in Augusta. Du bekommst es. Ich komme mit dem nächsten Flug. Wir treffen uns in LaGuardia.“ Ohne den Anwalt weiter zu beachten, weist sie ihre Sekretärin an, ihr den nächstmöglichen Flug nach Augusta/Maine über New York LaGuardia zu buchen. Als sie ihre Abflugzeit hört, bescheidet sie dem Anwalt trocken: „Fünfunddreißig Minuten haben sie, um Kopien zu machen. Die Originalakte bleibt hier. In vierzig Minuten muss ich zum Flughafen.“

„Das hast du dich aber etwas kosten lassen, Esther“, lässt sich Chartrand vernehmen. Zehn Flaschen hervorragenden Champagners laden zwei Matrosen der Organisation gerade aus. Esther zuckt die Schultern und verweist auf den Weinkeller des Howard-Anwesens auf Oahu. John Hiller habe ein paar Tränen vergossen, als er die Flaschen ausgebucht habe. „Vor allem dürfte ihm wehgetan haben, dass er nicht dabei ist bei der Feier“, grinst Wells. Er fügt an, dass Hiller den Champagner sicher eher zu schätzen gewusst habe als er selbst. Esther lächelt: „Es waren hervorragende Aktionen, die ein breites Medienecho erzeugt haben. Alle haben es mittlerweile verstanden, dass es eine militante Organisation gibt, die den Pazifik rächt. Das muss gefeiert werden. Außerdem sind von diesen Schätzchen noch zwanzig Flaschen im Keller. Wir haben auch Häppchen, die liegen auf Eis, damit sie die Überfahrt überstehen. Wir haben eine Feier verdient – es gibt noch mehr als genug zu tun.“ Corey Callaghan macht Anstalten, etwas zu sagen, lässt es dann aber doch. Die Feier über die erfolgreichen Aktionen mit seiner Forderung nach noch mehr Druck und noch spektakuläreren Aktionen zu verderben, erscheint ihm nicht zielführend. Wells grinst: „Häppchen und Schampus. Ist eher deins, Sylvain, als meins.“ Chartrand lacht auf: „Ich bin sicher, Esther hat auch an Bier, Steak und Würstchen gedacht. Aber vielleicht zivilisiertes Bier, nicht euer unsägliches Bud.“ Sally reicht Marshall Wells eine Flasche, dieser kommentiert: „Miller High Life. Damit kann ich leben.“ Sally erklärt ihm, es gäbe auch noch Kirin. Grinsend erklärt Wells, Miller sei schon eher seine Kragenweite. Chartrand baut derweil einen Gasgrill unter dem Überhang am Strand auf, um nicht bei einem Überflug eines Satelliten ertappt zu werden. Eine Kühlbox voller Fleisch und Wurst wird aus der Höhle herangeschafft, während Sally sich mit Salat und Häppchen befasst. Seit langem einmal wieder sind wirklich alle anwesend, auch Esther. Nur Will Sanders und John Hiller halten zusammen mit Kapitän Sakamoto und Eli Goldstein auf dem Anwesen die Stellung. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten kommt die Feier recht schnell in Gang – nach der ersten Runde vom Grill zeigen Esther und Sylvain gemeinsam eine Präsentation auf der Leinwand – Videos, Zeitungsausschnitte, Screenshots von der Presseresonanz auf die Aktionen der Gruppe. Begeistert wird vor allem das Echo in großen Zeitungen und auf CNN aufgenommen. Allein die Beschriftungsaktion an den Tankern im Nordwesten der USA hat auf sieben verschiedenen Sendern Sonderreportagen ergeben und die Schlagzeilen einiger überregionaler Zeitungen drei Tage lang beschäftigt. Sogar aus Europa und Japan gab es Berichte über die Aktion. Auch der jüngste Streich, die Schleppnetze voller eingefangenem Plastikmüll am kalifornischen Strand, hat es nicht nur in die L.A. Times und L.A. Post, sondern auch auf CNN, Fox News und in die New York Times geschafft. Zwei philippinische Fernsehsendungen berichten über Müllschiffe, mit ihrem eigenen, über Bord geworfenen Müll in unbemerkt am Rumpf befestigten Schleppnetzen wieder in die Häfen einliefen, und über Schiffe, deren Besatzungen mit ihrem eigenen, verklappten Abwasser bespritzt wurden. Schließlich hebt Wells sein Bierglas: „Acht Monate – acht Monate und so eine riesige Menge von Ideen, Aktionen und Medienecho. Bisher scheint uns niemand auf der Spur zu sein. Wir haben das geschafft, wofür wir angetreten sind. Die Idee von Charles Benjamin Howard lebt weiter – durch uns. Vor allem aber lebt sie weiter durch die Opfer, die einige von uns gebracht haben, und durch das unermüdliche Engagement von Esther Goldstein-Howard!“ Sally echot: „Auf Esther!“ Da fallen sie alle mit ein, und Esther kann nicht umhin, ein paar Worte zu sagen. Sie räuspert sich, und dann erklärt sie: „Wir sind wenige. Keiner von uns ist entbehrlich. Viele haben ihre Karrieren aufgegeben, um sich diesem Projekt, dieser Organisation zu widmen. Sogar ihr früheres Leben haben einige von uns aufgegeben. Es erfüllt mich mit Stolz, mit euch zusammen den Menschen zu sagen, dass der Planet sich wehrt! Auf euch und vor allem auf unsere Bootskommandanten Corey, Marshall und Sylvain!“ Noch einmal donnert die Antwort durch die Höhlen, und schließlich richtet Sylvain Chartrand sich auf und verkündet: „Auf die, die nicht hier sind, aber für uns kämpfen – Thomas Arden, Liz Ames, Cris Benitez, John Hiller, Ichigo Sakamoto, Willard Sanders und wie sie alle heißen! Ein Hoch auf all die, die dies möglich machen!“

Folge 1.30: Medienechos

„Esther Goldstein-Howards neuer Lover?“, titelt die Los Angeles Times. Das Bild zeigt Eli Goldstein, der seiner Schwester den Arm um die Hüfte gelegt hat. Er trägt Badeshorts, sie einen schwarzen Bikini. „Das ist ihr verdammter Bruder! Dilettanten!“, echauffiert sich Bob Landsman. Claire Howard seufzt. Dass sie mit der Klägergemeinschaft gegen das Testament von Charles Benjamin Howard in die Kanzlei bestellt wurde, ist ihr schon unangenehm. Dass sie nun aber auch noch allein mit Bob Landsman auf Dorothy, Nick und Charles Junior zu warten hat, setzt der Zumutung die Krone auf. Sie schaut auf das Bild und kommentiert: „Vermutlich kann man immer eine Szene erwischen, die entlarvend aussieht, wenn man lange genug wartet. Das ist wirklich ihr Bruder?“ Eigentlich verfängt sich ihr Blick eher an den kleineren Schlagzeilen in der unteren Hälfte der Titelseite. Landsman nickt: „Eli Goldstein. Will wohl studieren, in Tel Aviv. Im Moment ist er arbeitslos nach dem Militärdienst in Israel. Wir haben ein Dossier über ihre Stiefmutter, Miss Howard.“ Anders als Dorothy stört sich Claire nicht daran, dass Landsman Esther als ihre Stiefmutter bezeichnet. Sie schüttelt den Kopf, dann liest sie vor: „Huntington Beach: Ein Schleppnetz voller Kunststoffteile aus dem Meer wurde vor den Toren eines namhaften Kunststoffherstellers in Huntington Beach/Los Angeles aufgefunden. Unbekannte haben zweitausend Tonnen Kunststoffteile aus dem Pazifik in einer Anordnung aus verlorenen Schleppnetzen verpackt vor einer Produktionsstätte für Kunststoff in Huntington Beach auf dem Strand deponiert. ZWEITAUSEND Tonnen!“ Landsman grinst. Ohne darauf zu achten, dass Claire noch liest, dreht er die Zeitung zu sich und erklärt: „Vielleicht ein Zahlendreher. Oh, und wieder fünf Meldungen über Seeleute, die mit öliger Kloake bespritzt wurden. Trifft also nicht nur unsere Klienten.“ Claire stutzt. Dann lässt sie sich von Landsman erklären, was in dem Artikel steht. Mit einem Grinsen schließt der Anwalt: „Allmählich gibt es ein Bild. Drecks-Ökoterroristen.“ Claire denkt sich ihren Teil, sie widerspricht nicht. Ganz allmählich setzt sie die Fernsehbilder von leuchtenden Parolen über Ölpest und mangelnde Sicherheitsmaßnahmen, mit Gülle, verklapptem Öl und Chemikalien bespritzte Seeleute und am Strand deponiertem Plastikmüll wie ein Puzzle zusammen. Doch ihr leiser Ausruf „Wow!“ geht völlig an den mittlerweile anwesenden Dorothy, Charles Junior und Nick Howard sowie den Anwälten vorbei. Sie bekommt gar nicht richtig mit, was eigentlich für das weitere Vorgehen beschlossen wird, vergisst sogar, dass sie den anderen drei Erben anbieten wollte, ihre Anteile an Howard Industries zu kaufen und sie auszuzahlen, entschuldigt sich mit einer Vorlesung und verlässt die Gruppe, die noch für einen Drink in eine Bar weiterzieht. Als sie auf den Bay Area Rapid Transit nach San Francisco wartet, schaut sie auf einem großen Fernsehschirm in der Station die Nachrichten über das riesige Schleppnetz voller Plastikmüll am Strand von Los Angeles an. „Das sind Helden!“, murmelt sie, als sie die daran gehängten Banner mit der Aufschrift „Humans Destroy the Seas“ erkennt. Lächelnd bestätigt eine junge Asiatin neben ihr: „Oh ja, das sind sie. Hoffentlich sind das dieselben Leute, die auch die Tanker vor Seattle beschriftet haben!“ Claire stimmt zu, doch dann hastet sie zu ihrem Zug. Mai Sakamoto lächelt, sie hat etwas mehr Zeit, da sie in die andere Richtung zu fahren beabsichtigt. Sie wendet den Blick erst von dem Bildschirm, als Claires Zug schon abgefahren ist, dann stutzt sie. Dann hebt sie das Mäppchen auf, das vor dem Bildschirm auf dem Boden liegt. Mehrere Notizzettel sind darin, dazu ein Schlüssel und ein USB-Stick. In einem plötzlichen Impuls nimmt sie das Mäppchen an sich, um es der Besitzerin zurückzugeben – schließlich hat die junge Frau sich positiv über die Ökoterroristen um Esther Goldstein-Howard geäußert. Dass es Claire Howard war, hat sie nicht erkannt. Als sie zum Bahnsteig in Richtung Silicon Valley wechselt, wird ihre Miene ernster: „Wie gerne wäre ich eine von denen!“

Eli Goldstein fragt hörbar aufgebracht in den Hörer: „Und was kann man dagegen tun, dass die so einen Dreck schreiben?“ Liz Ames am anderen Ende, etliche tausend Meilen weiter östlich, lacht auf: „Nichts, das die Sache nicht noch mehr aufbauschen würde. Mr. Goldstein, sie wissen, dass sie keine inzestuöse Verbindung zu ihrer Schwester haben, ich weiß das, und Esther weiß es auch. Wollen sie wirklich eine längst verbreitete Schlagzeile mit einer einstweiligen Verfügung verbieten lassen? Glauben sie, irgendwer liest den Widerruf der ‚Times‘?“ Eli stößt hörbar Luft aus. Auch wenn er sich von der Anwältin keine Antwort erhofft, fragt er, was er nun tun solle. Liz rät ihm, seinen Urlaub auf Hawaii zu genießen, Esther völlig harmlos und ohne erotische Gedanken den Rücken einzucremen, Hillers hervorragendes Essen so lange zu konsumieren, wie er könne, und sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Seufzend erwidert er, er sei vermutlich voreilig gewesen, es tue ihm leid, die Zeit der Anwältin beansprucht zu haben. Liz kichert: „Ich war eh noch im Büro. Ich hatte heute morgen Besuch von der Tochter des Kapitäns der ‚Charlotte Howard‘ zum Tee. Irgendwann muss ich meine Akten ja aufarbeiten.“ Als Eli klar wird, dass es in Kalifornien bereits nach zehn ist, entschuldigt er sich nochmal, aber Liz will davon nichts wissen: „Ich hatte gute Nachrichten heute. Sagen sie ihrer Schwester, das Spiel ‚Seniors gegen Elite Girls Varsity‘ steht inzwischen fünf zu eins.“ Er fragt nicht nach, verabschiedet sich und legt auf. Esther sieht zu ihm hinüber: „Und, was sagt Liz?“ Er schüttelt den Kopf. Die Schlagzeile, er sei Esthers neuer Liebhaber, könne sie auch nicht mehr rückgängig machen. Aber irgendein Fußballspiel stehe fünf zu eins, solle er ausrichten. Esther runzelt die Stirn, sie versteht die Anspielung nicht, fragt dann aber nach dem genauen Wortlaut. Eli wiederholt nun, was Liz gesagt hat, und Esther beginnt zu lachen: „Seniors gegen Elite Girls Varsity? DAS hätte sie mir auch direkt sagen können. Offenbar hat sich nur noch einer der Senior-Partner nicht entschieden, ob sie Liz als volle Senior-Partnerin in die Kanzlei aufnehmen. Vor einer Woche stand’s noch vier zu zwei.“ Später, beim Sundowner auf der Terrasse, erwähnt er, dass Liz Ames noch im Büro gewesen sei, weil sie morgens mit der Tochter von Kapitän Sakamoto Tee getrunken habe. Esther versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass Mais Ambitionen auf Mitgliedschaft in der Organisation sie beunruhigen. Dennoch stürzt sie ihren Tequila Sunrise deutlich schneller hinunter, als sie das vorhatte, und lässt sich von Hiller noch einen Pina Colada mixen. Sanders gesellt sich mit einem Bier zu den beiden Goldsteins, Hiller lässt sich ebenfalls auf der Terrasse nieder, ein Glas Rotwein vor sich. Während die Männer sich über das Essen, die Landschaft und das Wetter unterhalten, tröstet sich Esther mit dem Gedanken, dass die Aktionen in Los Angeles und bei den Frachtern und Tankern einigen Staub aufgewirbelt haben – nachhaltiger jedenfalls als das Foto von Elis Hand auf ihrer Hüfte.

Folge 1.29: Dreckschlacht

„Du siehst aus, als wolltest du jemanden erwürgen, große Schwester!“ Charles Howard Junior genießt es sichtlich, die Unbeherrschtheit seiner Schwester anzuprangern. Dorothy Howard-Fielding wirft ihm einen vernichtenden Blick zu, während sie mit verdrießlicher Miene ihre Sicherheitsfreigabe im Original in einen großen Umschlag steckt. Doch der jüngere Sohn Charles B. Howards aus erster Ehe lässt nicht locker: „Was bringt dich so auf?“ Sie schnaubt, doch dann zuckt sie mit den Schultern. „Wir haben einen Formfehler gemacht, als wir die Akten einsehen wollten. Die brauchen eine beglaubigte Kopie oder das Original der verdammten Freigabe.“ Auf die Frage hin, ob Bob Landsman ihr das nicht gesagt habe, schnaubt sie nur abermals unwillig, dann drückt sie auf einen Knopf auf ihrem Schreibtisch. Charles setzt sich lässig auf die Schreibtischkante und knöpft die oberen drei Knöpfe seines Hemdkragens auf, was ihm ein Augenrollen seiner Schwester einbringt. Es dauert eine halbe Minute, dann tritt Collette Williams ein. Die Juristin aus der Rechtsabteilung von Howard Industries trägt eine hellblaue, glänzende Bluse und ein hellgraues Kostüm. Charles lässt seine Blicke völlig ungeniert über den Körper der Frau gleiten, die ihm einen giftigen Blick zuwirft. Dorothy richtet sich auf, schiebt mit den Knien den Schreibtischstuhl zurück und reicht ihr den Umschlag: „Das fehlende Dokument, Miss Williams.“ Die Mittvierzigerin erwidert kühl: „Mrs. Williams, Ma’am. Vielen Dank. Wir werden Ihnen die Akten zukommen lassen. Bitte beachten Sie, dass wir der Navy versichert haben, dass ausschließlich freigegebenes Personal Einsicht erhält.“ So betont, wie sie mit ihren Blicken Charles meidet, wird selbst diesem deutlich, dass er gemeint ist. Er versetzt: „Und was wollen sie dagegen tun, Süße?“ Wenn Collette Williams‘ Stimme eine Temperatur hätte, läge diese nun auf antarktischem Niveau: „Mrs. Howard-Fielding, ich MUSS sie darauf hinweisen, dass im Falle eines Bruchs der Vorgaben der Navy die Zuverlässigkeitsüberprüfung der Person, die diesen Bruch wissentlich verursacht, zu verwerfen ist. Zudem muss ich darauf hinweisen, dass wenn mir zur Kenntnis kommt, dass eine überprüfte Person ihre Freigabe missbraucht, ich die als geheim klassifizierten Akten zurückhalten muss – und dies ist keine ‚kann‘-Vorgabe…“ Dorothy öffnet den Mund, um Williams anzuherrschen, ihre Fingerknöchel krampfen sich um die Schreibtischkante. Doch dann besinnt sie sich eines Besseren: „Mrs. Williams, ich versichere ihnen, dass mein Bruder über mich weder Einsicht in die Akten zum Navy-Projekt erhalten wird, noch ich ihm über den Inhalt dieser Akten berichten werde. Genügt ihnen das?“ Collette Williams nickt, doch bevor sie noch etwas ergänzen kann, reißt Dorothy ein Blatt von ihrem Notizblock ab, zückt ihren Füller aus Gold und Keramik und schreibt: „Hiermit versichere ich, Dorothy Howard-Fielding, dass ich den Inhalt der Akten zum Projekt ’schallschluckende Beschichtung von tauchbaren Schiffen‘ bei Howard Industries keiner Person zur Kenntnis bringe, die über keine adäquate Sicherheitsfreigabe verfügt.“ Dann setzt sie ihre Unterschrift darunter und reicht den Zettel über den Tisch. Collette Williams bedankt sich, dreht sich auf dem Absatz um und verlässt das Büro wieder. Langsam schließt sich die Tür hinter ihr. Noch bevor sie ins Schloss gefallen ist, zetert Dorothy los: „Du Idiot! Erstens war das haarscharf an einer Grenzüberschreitung vorbei und zweitens hast du keine gottverdammte Freigabe. Du kennst die Regeln!“ Als die Tür endlich mit einem Klicken schallisolierend schließt, fügt sie leise und gefährlich an: „Wenn du nicht so ein Theater aufgeführt hättest, hätte sie sich mit einem mündlichen ‚Ja‘ begnügt und ich hätte dir die Akten vielleicht gezeigt. Und jetzt verpiss‘ dich, bevor die Akten hochkommen! Schaff‘ deinen Arsch hier raus!“ Als Dorothy ihn so vulgär hinauswirft, schockiert Charles Junior offenkundig so sehr, dass er sich nicht zu einer lockeren Erwiderung in der Lage sieht. Die Sekretärin im Vorzimmer bemüht sich redlich, ihre Häme zu verbergen, während sie Charles Juniors Miene beim Verlassen des Büros beobachtet. Doch dieser hat keine Augen dafür, er ist viel zu sehr damit beschäftigt, seine arrogante Maske wieder aufzubauen.

Langsam gleitet „Aphrodite“ durch die Schwärze des tiefen Wassers. Marshall Wells lehnt an dem Geländer um das Periskop und beobachtet die Vorgänge in der Zentrale des kleinen U-Bootes. Er beachtet Sally Marsh nicht, die bereits in schwarzglänzendem Taucheranzug angetan ist und sich am Rahmen der Heckluke festhält. Die Navigatorin des Bootes ist merklich angestrengt, ebenso der Orter. Ohne sich zu Sally umzuschauen, meint Wells: „Es gibt Orte, die ich wesentlich lieber verstohlen anlaufe als Los Angeles. Musste es unbedingt Huntington Beach sein, Sally?“ Sie zuckt die Schultern, obwohl er es nicht sehen kann. Wells hat keine Gelegenheit nachzufragen, auch er ist sehr konzentriert. Sally erwidert nach fast drei Minuten: „Wenn, dann richtig. Howard Industries wäre zu offensichtlich gewesen, also die direkte Konkurrenz. Wärest du lieber durch die Nordwestpassage an die Ostküste gefahren?“ Der Captain lacht auf: „Battery Park, New York City. Das wär’s gewesen. Aber mit diesem Riesennetz hinter den Propellern fahr‘ ich weder durch den Parry-Channel noch um Kap Hoorn, darauf kannst du dich verlassen.“ Leise meldet der Orter Überwasserkontakte, die Navigatorin fragt an, ob sie angesichts des flacher werdenden Wassers auf auf zweihundert Meter steigen soll. Wells erwidert: „Geh‘ gleich auf 120 Meter. Es ist nicht mehr weit bis Huntington Beach. Wir gehen ganz langsam hoch. Außenteam, an die Luken. Zieht das Netz schonmal näher ran.“ Die nächsten zwei Stunden verbringt die Mannschaft in heftiger Anspannung, denn immer noch sind zu viele Schiffe im Bereich des geplanten Landebereichs. Wells lässt langsam in 70 Meter Tiefe Kreise fahren, damit das prall gefüllte Netz hinter dem Boot nicht in die Schrauben treibt. „Oben frei!“, verkündet der Orter, die Navigatorin unterdrückt ein Lachen: „Untenrum noch Daisy Dukes,“ antwortet sie, nimmt aber Wells‘ Kommando schon vorweg und steuert das Boot in Richtung Strand und an die Oberfläche. Sally und vier weitere, in schwarzen, ölig glänzenden Anzügen angetane Mitglieder der Organisation steigen bereits vom Turm hinunter, als noch zwei Meter Wasser über Deck sind. Als das Boot scharf nach Süden abdreht, haben sie zwei Kabel am U-Boot ausgehängt und schleppen ein riesiges Netz mit dem Schlauchboot in Richtung des dunklen Strandabschnitts. Hinter mehreren Hallen verschwimmen die Lichter von Huntington Beach mit der Lichtaura von Los Angeles. Bei dem heiklen Manöver wird kein Wort gesprochen, nicht einmal in die Funk-Atemmasken der schwarzen Anzüge. Dann klappt eine der dunklen Gestalten den Außenbord-Motor nach oben und setzt das Schlauchboot auf den Strand. „Los“, kommandiert Sally. Schnell und verhältnismäßig leise werden zwei gewundene Stangen in den Sand gebohrt, dann ziehen sie mit der so verankerten Motorwinde an den Tauen. Die Kraft der Winde und der zuvor erworbene Schwung lassen die gewaltige, dunkle Masse wie ein Meeresungeheuer durch die Wasseroberfläche brechen. Hektisch stürmen die fünf Gestalten auseinander, als eine Konstruktion aus drei verlorenen Schleppnetzen durch den Sand pflügt, langsam an Schwung verliert und die Winde überrollt. Fast zwanzig Meter landeinwärts der Wasserlinie bleibt der Berg von Kunststoff im Netz liegen, zehn Meter hoch und zwanzig Meter im Durchmesser. „Scheiße! Kann man nachvollziehen, wessen verdammte Winde das war?“ Sally lächelt unter ihrer Maske. Sie erklärt ruhig, dass Seriennummern und Markenzeichen von den Teilen der Winde herunter geschliffen wurden, wie bei allen Geräten, die die Gruppe verwendet. „So. Es ist – Null-Dreihundert Ortszeit. Vor fünf Minuten hat die Presse einen anonymen Tipp bekommen. Scheiß auf die Drecks-Winde, dreht das Schlauchboot rum. Wenn die Presse hier ankommt, will Marshall ‚Aphrodite‘ schon hundert Meter tief mit Kurs auf den Santa-Barbara-Kanal haben. Bewegt euch!“ Dass sich Sally seltsam dabei vorkommt, den Befehlston an den Tag zu legen, den sie von Chartrand und Wells kennt, tut ihrer Entschlossenheit keinen Abbruch. Zehn Minuten später liegt das entleerte Schlauchboot unter der Luke, der Motor hat beim Sturz in den Niedergang gelitten. Aber die „Aphrodite“ taucht ab, während Wells noch durch das Periskop zum Strand starrt. Als Sally in die Zentrale kommt, erklärt der Kapitän: „Miss Anonyma Ames war ganz schön flott. Ein Kamerateam ist schon da. Es ist allerhöchste Zeit!“ Die Navigatorin kommentiert: „Zehn Grad vorlastig, bin doch schon dabei. Festhalten, Sally!“ Diese krallt sich am Geländer um das Periskop fest, fällt aber dennoch halb gegen Wells. Der Mann grinst: „Du bist nass – und glatt. Bewahre dir das mal für Sylvain auf, dem könnte das gefallen.“ Sally fragt, ob es ihm nicht gefalle, doch Wells zwinkert ihr zu: „Süße, du bist so gar nicht mein Beuteschema. Nichtmal in schallschluckendem Howard-Industries-Superrubber.“

Folge 1.28: Leidenschaften

Einer der Senior-Partner von Liz Ames betritt das Büro der jungen Anwältin: „Wie lief’s gestern vor Gericht?“ Liz hebt die Brauen und schiebt eine Mappe zur Seite. Sie wiegt den Kopf hin und her. „So lala. Aber solange die Richter sich noch nicht einmal darüber im Klaren sind, ob sie die Anfechtung des Howard-Testaments überhaupt zulassen, kann und will ich mich nicht beschweren. Von dem anderen Fall habe ich immer noch nichts gehört.“ Auf die Nachfrage des älteren Anwalts hin erklärt sie, der „andere Fall“ sei die Klage gegen Esther Goldstein-Howard und Thomas Arden wegen geschäftsschädigenden Verhaltens gegenüber Howard Industries. „Du avancierst zumindest nach der Größe deiner Gegenspieler zu einem unserer Stars, Elizabeth. Eigentlich solltest du dir auch mal wieder was gönnen.“ Lachend erklärt sie, dass das letzte Mal, als sie einen Erfolg ausgiebig feierte, sie mit Restalkohol und Kater aus der Hölle bei Howard Industries einen „Fight“, wie sie es nennt, gegen Dorothy Howard-Fielding auszutragen hatte. Der ältere Anwalt grinst: „Vielleicht weniger Scotch, dafür teureren, was denkst du?“ Sie grinst: „Den dreißigjährigen, den der alte Howard mir verehrt hat, werde ich erst aufmachen, wenn ich einen der Prozesse gewonnen habe, Gregory.“ Nachdem er Kaffee für Liz und sich bei ihrer Sekretärin geordert hat, lässt sich der erfahrenere Jurist an Liz‘ Schreibtisch auf der Besucherseite nieder und setzt ihr einige Recherchen auseinander, die die Kanzlei zu Ardens und Goldstein-Howards Geschäftsgebahren in Auftrag gegeben hat. Eine Stunde später lehnt Liz sich zufrieden zurück: „Das wird sehr helfen, wenn sie die Klage tatsächlich einreichen. Was das Testament angeht, habe ich eine schlüssige Argumentation, aber leider keine Beweise. Aldred hat das vorherige Testament sicher noch, aber der alte Geier will es nicht rausrücken. Um keinen Preis der Welt – er gibt nicht einmal zu, dass er es noch hat. Dabei bin ich völlig sicher, dass er auf Esthers Seite ist.“ Gregory zuckt die Schultern. „Im Moment läuft es gut. Vielleicht solltest du das mal feiern, ohne dich abzuschießen. Was ist es denn für ein Dreißigjähriger?“ Der Themensprung erwischt die Anwältin kalt. Blinzelnd bekennt sie, dass sie keine Ahnung habe, wovon der Seniorpartner spricht. Dieser zwinkert ihr zu: „Na die Flasche Whisky, die der alte Howard dir geschenkt hat. Bourbon – oder ist es Scotch? Die könntest du zum Beispiel auch aufmachen, wenn wir dir eine Seniorpartnerschaft anbieten.“ Liz Ames‘ Kehle ist schlagartig wie ausgetrocknet. Doch sie braucht kaum eine Viertelsekunde, um sich zu fassen. Den hingeworfenen Köder schluckt sie nicht: „Laphroaig thirty years old. Scotch. Ich trinke doch keinen verdammten Bourbon, Greg!“ Lachend erwidert er: „Klingt teuer und widerlich. Die ganze verdammte Isle of Islay besteht doch nur aus Torf und Rauch, oder nicht?“ Liz grinst und nickt, dann nennt sie den Preis für eine Flasche. Greg pfeift durch die Zähne, dann steht er auf: „Vier von sechs Seniorpartnern halten dich für reif. Ich gehöre dazu. Es kann dauern, bis es einstimmig ist, aber ich dachte, du solltest das wissen.“ Nachdem er ihr Büro verlassen hat, steht sie auf und öffnet eine Vitrine an der Rückwand ihres Büros. Sie schiebt die beiden Pokale vom internen Pokerturnier der Kanzlei zur Seite und tippt nach sorgsamem Zielen mit dem Finger gegen einen unsichtbaren Druckpunkt unter dem grünen Filz in der Rückwand des Glasschranks. Die Rückwand schwingt auf, dahinter liegt ein schmales Fach. Ein Packen Kleidungsstücke aus schwarzem Gummi nimmt den größten Teil des Fachs ein. Ganz rechts daneben steht eine in Klarsichtfolie verpackte Holzkiste. Es ist der dreißigjährige Scotch aus der Destillerie Laphroaig. Ein kleiner Umschlag mit der handschriftlichen Aufschrift „Elizabeth Ames“ steckt ebenfalls in der Klarsichtfolie, ein schwarzes Lackband hält mit einer Schleife die durchsichtige Folie zusammen. „Senior-Partner“, murmelt Liz. „Ist das der Anlass dafür, oder erst das Abschmettern der Anfechtung des Testaments?“ Sie streicht über die Folie, dann über die Gummiklamotten. Dabei denkt sie mit gehässigem Grinsen an Bob Landsman und schließt entschlossen die doppelte Rückwand der Vitrine wieder. „Das entscheide ich wannanders!“

„Na, Großer? Gefällt’s dir hier?“ Will Sanders lehnt sich lässig an eine Säule und mustert Eli Goldstein. Der junge Israeli nickt und grinst, nachdem er seine Überraschung über Sanders‘ ungenierte Art überwunden hat. „Macht schon Spaß, so ein Anwesen und das Wetter hier. Der Wind und die Luftfeuchtigkeit sind ganz angenehm, verglichen mit zuhause.“ – „Lust auf eine Spitztour? Unser Custos schickt uns in die Stadt zum Einkaufen und wir haben die volle Auswahl, welches Auto wir nehmen. SLK? Corvette?“ Sanders wiegt die Schlüssel zu beiden Wagen in den Händen. Eli lacht und fragt, ob er fahren müssen. Sanders erwidert ironisch, er werde sich gerne opfern. „Du hast einen Riesenspaß daran, nicht wahr?“, fragt Eli, als die Corvette durch den Pali-Tunnel rollt. Grinsend nickt Sanders und fragt großspurig, ob seine Fahrweise Eli störe. Dieser grinst ebenfalls: „Nach dem zweiten Durchdrehen der Reifen habe ich aufgehört, mich in die Polster zu krallen. Als du dieses Geschoss die Serpentine hochgejagt hast, hat’s Spaß gemacht – so wie der Rollercoaster in Disneyland, nur real.“ Als sie zwei Stunden später über den Highway H3 wieder zur windwärtigen Seite der Insel fahren, den ganzen knappen Stauraum mit teuren, edlen Lebensmitteln gefüllt, fragt Eli vorsichtig: „Weißt du, was meine Schwester und diese Leute planen?“ Sanders zuckt die Schultern. „In groben Zügen. Es interessiert mich nur so weit, wie es meine Arbeit betrifft. Ich schütze das Anwesen, so gut es geht, vor Eindringlingen, vor allem vor der Presse, und spiele ein bisschen den ‚Thomas Magnum‘. Ich vergesse, oder erzähle zumindest nicht, wen ich auf dem Anwesen sehe. Das war’s. Ich könnte mir meinen Teil denken, aber was Mrs. Howard und Sally Marsh tun, geht mich nichts an. Vermutlich würde ich es gutheißen, aber nicht mitmachen. Und das ist alles.“ Eli nickt. In seinem Kopf hallt Esthers Frage wider: „Wofür würdest du die Waffe erheben?“ Was an seiner Antwort hat sie elektrisiert? Dass sie darauf reagierte, dass auch Sally Marsh darauf reagierte, dessen ist er sich gewiss. Dass er seine große, glamouröse Schwester mit der Waffe schützen würde, ist doch nicht so verwunderlich, oder ging es vielleicht doch um etwas anderes? Eli beschließt, darüber nachzudenken, ob er sie fragen will. Denn dass er eine Antwort erhalten wird, wenn er fragt, dessen ist er sich genauso gewiss.

Folge 1.27: Kriegsrat

Eli Goldstein betrachtet interessiert die Gruppe, die mit dem Schlauchboot von der „Charlotte Howard“ zum Strand fährt. Esther lehnt neben ihm am Geländer oberhalb des Felsabbruchs, unter dem der private Strand des Howard-Anwesens liegt. „Wer sind diese Leute, Esther?“ Sie zwinkert ihm zu, streicht eine Locke aus der Stirn und fragt, wie dringend er das wissen wolle. Schulterzuckend schaut Eli wieder auf das Meer, während John Hiller hinzutritt. Über die Balustrade aus weißen Miniatursäulen und Steinplatten hinweg taxiert er das Boot. Dann fragt er an Esther gewandt, ob die Herrschaften Tee benötigten oder zu speisen wünschten. „Kaffee, Tee und Kekse, John. Ob sie zum Dinner bleiben, weiß ich noch nicht.“ Eli fragt beiläufig: „Ihr könntet ja auch essen gehen, wenn die Gruppe über Nacht bleibt.“ Esther schüttelt nur den Kopf und schreitet zur Treppe hinunter an den Strand, während Hiller sich zum Haus zurückzieht. Eli bleibt allein oben an der felsigen Kante zwischen Rasen und Strand. Er sucht nach einer Idee, was es mit der Gruppe auf sich hat, auch wenn er sich eigentlich vorgenommen hat, die Worte seiner Schwester ernst zu nehmen und sich über diese Dinge keine Gedanken zu machen.

Corey Callaghan schwingt als erster ein Bein aus dem Boot auf den von Wellen überspülten Strand. Dann unterstützt er Sally Marsh, als sie ihm folgt, und fängt sich einen nachdenklichen Blick von Chartrand ein. Als Callaghan seine Blicke wieder auf Esther heftet, die Bikini und Wickelrock trägt, wechseln der Kapitän und Esther bedeutungsvolle Blicke. Chartrand sucht Esthers Nähe, als ein Matrose der „Charlotte“ das Boot zurück zur Yacht steuert und die Gruppe die Treppe zum Garten hochsteigt. Doch Esther kommt ihm mit der Gesprächseröffnung zuvor: „Ihr seht aus wie eine britische U-Boot-Besatzung, Sylvain. Eli wird nichts sagen, selbst wenn er sich seinen Teil denkt, aber es könnten immer noch Journalisten mit Drohnen in der Nähe sein.“ Der ehemalige französische Offizier Chartrand nickt, er begreift Esthers Bedenken und macht sich eine gedankliche Notiz zu Bikinis, Badeshorts und Surfanzügen. Dann kommt er leise zum Thema: „Corey hat sich echt gut gemacht, in der Juan-del-Fuca-Strait. Keine Dummheiten, effizient und professionell. Auch bei der Hin- und Rückfahrt war alles bestens. Vielleicht haben wir doch eine Chance, drei Boote gleichzeitig im Einsatz zu halten.“ Esther nickt und zählt die Kommandanten an den Fingern ab: Sylvain Chartrand, Marshall Wells und Corey Callaghan. Dann fragt sie, ob es genug wirklich kompetentes Steuer- und SONAR-Personal gäbe. Chartrand grinst: „Du musst deine eigene Organisation ja sehr gering schätzen, Esther. Klar haben wir genug Leute.“ Doch die Milliardärswitwe erklärt, bei einer solchen Organisation habe man nicht den Luxus, Menschen nach Fähigkeit auszuwählen, sondern müsse nach Leidenschaft und der Bereitschaft gehen, etwas geheim zu halten. Wells, der die letzten paar Worte mitbekommen hat, wirft ein: „Wir haben auch Ni’ihau wenig anderes zu tun als Ausbildung. Deswegen sind wir so gut aufgestellt, Boss.“ Dass Wells einen misstrauischen Blick zu Eli Goldstein wirft, entgeht Esther nicht.

Als sie dann zu fünft um den Tisch im Wohnzimmer sitzen, mit Blick auf den Pool, lehnt Esther sich zurück. „Bedient euch erstmal.“ Chartrand spricht merklich genüßlich dem Kaffee zu, Wells und Sally Marsh nehmen Tee. Callaghan verzichtet und brennt scheinbar darauf, die Debatte zu eröffnen. Doch Esther kommt ihm zuvor: „Bisher haben die Wasserwerfer mit Gülle und mit verklappter Flüssigkeit mit am besten funktioniert. Den meisten Aufriss hat die Beschriftung der Tanker gemacht, aber das dürfte sich schneller abnutzen. Neuartige Anschläge erfordern eine gewisse Vorbereitung, ich würde daher gerne weiterverfolgen, dass wir an verschiedenen Stellen des Pazifik Umweltsünder mit Gülle oder ihrem eigenen Abwasser bespritzen, während wir etwas Neues ins Auge fassen.“ Wells nickt bedächtig, er zeigt kaum, dass er eine Idee einzubringen hat. Chartrand grinst und nippt an seinem Kaffee, Sally Marsh hält ihre Idee etwas weniger dezent zurück, wartet aber auch erst einmal ab. Da platzt Corey hervor: „Wir haben die Mittel, um sie empfindlich zu treffen…“ Esthers Stimme hat eine klirrend kalte Qualität, als sie ihm das Wort abschneidet: „Wer ist ’sie‘, Corey? WEN willst du empfindlich treffen? Die US-Navy etwa?“ Chartrand beißt sich heftig auf die Lippen, um nicht aus Ärger und Überraschung über diese Eskalation heißen Kaffee über den Tisch zu prusten. Sally stöhnt auf, doch Callaghan setzt sofort nach: „Wie wäre es denn mit einem japanischen Walfänger in der Antarktis? Wir haben die Mittel, wir KÖNNEN so einen torpedieren. Ob unsere Geräusch-Sonde zum dranpappen an den Rumpf die Wale wirklich vertreibt, wissen wir selbst nicht. Außerdem MERKEN sie das nicht. Wir sollten drastischer vorgehen!“ Chartrand will Callaghan gerade mit einer harschen Erwiderung Einhalt gebieten, doch da meldet sich Marshall Wells zu Wort: „Ich finde, wir sollten mehrgleisig fahren. Wir fahren in die Antarktis und verspritzen auf dem Weg Gülle, bringen an einigen der ‚Forschungsschiffe‘ der japanischen Walfänger unsere Sender an und beschädigen einem davon die Schraube mit einem Torpedo. Vom Versenken halte ich nichts, dann werden sie uns sehr motiviert suchen. Wir sind nicht unverwundbar.“ Callaghan kann kaum verbergen, dass er zwischen dem Triumph über eine Verschärfung der geplanten Aktionen und der Enttäuschung über die deutliche Ablehnung einer Versenkung hin- und hergerissen ist. Sanft und verhältnismäßig leise wirft Sally ein: „Ich würde überlegen, ob wir im Meer vorhandenen Müll einsammeln und einem der Verursacher öffentlichkeitswirksam vor der Haustür abladen. Das ist jedenfalls besser, als mehr Müll in den Ozean zu schleppen. Nicht, dass ich die Aktion vor Guam blöd fand, aber mir kamen danach Gedanken, wie es besser geht.“ Angesichts der Tatsache, dass die Walfangsaison der japanischen „Forschungsschiffe“ ohnehin noch zwei Monate in der Zukunft liegt, findet Sallys Vorschlag bei den vier anderen Anklang – etwas zögerlich sogar bei Corey Callaghan. Als Esther vorschlägt, sie könnten alle zusammen auf dem Anwesen essen, stimmt Chartrand begeistert zu.

Folge 1.26: Hindernisse

„Nichts in der Post von Liz Ames?“, fragt Notar Aldred seine Sekretärin. Sie schüttelt nur den Kopf. Ergeben sieht sie zu, wie er noch einmal die Briefe durchblättert, aber weder von Ames selbst noch von ihrer Kanzlei einen Posteingang vorfindet. Dass der alte Notar selbst schaut, wenn es ihm wichtig erscheint, ist sie bereits gewohnt. „Das gefällt mir nicht. Sie schweigt. Seit Wochen.“ Der Notar murmelt diese Worte vor sich hin, die junge Frau zuckt die Schultern. Sie hat nicht jedes Wort verstanden, letztlich will sie aber auch nicht alles verstehen, was ihr Boss von sich gibt. Als er mit einem Stapel Post in sein Büro verschwindet und die Tür zunächst langsam, dann auf den letzten Zoll aber doch mit Schwung schließt, seufzt sie, ebenso erleichtert wie resigniert. Aldreds Junior-Partnerin schaut nun aus ihrem Büro heraus. Sie hat wieder einmal genau abgepasst, dass der Alte in sein Büro verschwand. „Na, was hat er übrig gelassen?“, fragt sie die Sekretärin. Diese zuckt die Schultern und schiebt den Postkorb in Richtung der Mittdreißigerin im grauen Kostüm. „Das hier. Und apokalyptische Visionen über das, was Liz Ames vorhat, aber nicht sagt.“ Schulterzuckend erwidert die jüngere Juristin, sie halte Ames für überschätzt. Dass die beiden Frauen einander ebenso missbilligen, wie sie Elizabeth Ames verachten, hängt unerklärt in der Luft. In seinem Büro tritt Aldred an die Wandvertäfelung aus hellbraunem, ausgebleichtem und abgewetztem Holz. Er benötigt drei Anläufe, um seine steifen Finger in einen Spalt zu bekommen, dann klappt ein Stück der Wandverkleidung weg und gibt ein etwa drei mal drei Fuß großes Regal frei, das in die Wand eingelassen ist. In den unteren beiden der vier Fächer sind zwei Dokumententresore eingelassen und mit der Wand verschraubt, in den oberen beiden stehen Spirituosen und Gläser. Bedächtig hebt Aldred eine Flasche an, zieht eine Karte darunter hervor und stellt die ungeöffnete Scotch-Flasche vorsichtig wieder ab: „Alter Freund! Wir hätten dieses Testament verbrennen sollen. Zeige es niemandem, so hart es ist. Nur wenn Claire fragt, eröffne es ihr. Charlie. P.S. Wenn Du den Scotch nicht magst, verkaufe ihn Liz Ames. Zehn Flaschen von dem Fusel, den Du trinkst, bekommst Du sicher dafür.“ Aldred grinst linkisch, er schiebt die Flasche dreißig Jahre alten Laphroaig Whisky etwas tiefer in das Regal, damit sie nicht herunterfällt, dann steckt er die Karte wieder darunter. „Fusel! Straight Bourbon, mein Alter. Ob irgendwer diesem raffinierten Miststück einen Tipp gibt, dass sie sich an Claire Lagarde … oder eher Howard heranmachen sollte?“ Doch eigentlich will Aldred der Anwältin keinen Tipp geben, wie sie an die vorherige Version des Testaments von Charles Benjamin Howard herankommen kann, so sehr er sich auch wünscht, dass Dorothy Howard der Erfolg bei der Anfechtung des aktuellen Testaments verwehrt bleibt.

„Büro von Thomas Arden“, sagt Cristina Benitez in den Hörer, nachdem sie abgenommen hat. Sie hört einen Moment zu, dann dreht sie sich um und schaltet das Telefon stumm. „Tom! Eine Collette Williams…“ – „Durchstellen, Cris, bitte!“ Ardens Stimme ist dringlich, fast befehlend. Cris hebt die Brauen, sagt aber nichts, fragt nichts, sondern stellt das Gespräch an Toms Apparat durch, steht auf und schließt die Durchgangstür zu seinem Büro. „Collette, was gibt’s?“ Die Angestellte aus der Rechtsabteilung erklärt hastig, dass die Anfrage von Dorothy Howard-Fielding, die Akten zum Navy-Projekt einzusehen, erneut eingereicht worden sei, nun mit einer Kopie der Sicherheitsfreigabe. Arden erkundigt sich, ob die Anfrage per Mail oder schriftlich eingegangen sei, Collette Williams erklärt, sie habe das Ganze schriftlich vorliegen. „Es kam eben per Kurier. Ich könnte fordern, dass ich eine beglaubigte Kopie der Sicherheitsfreigabe bekomme, zumindest wäre das dann richtig korrekt. Aber eigentlich ist das albern. Was meinst du?“ Arden zögert. Williams‘ Tochter geht mit einem seiner Kinder auf die Schule, der Kontakt ist eher inoffiziell. Doch das Telefonat läuft über die Firma, und Collette muss wissen, dass das Projekt ihn betroffen hat. Als er sie Luft holen hört, um wegen seines Zögerns nachzuhaken, sagt er bedächtig: „Tu‘, was du für richtig hältst. Das Ganze ist höchst ärgerlich. Sich mit der Chefin und Frau eines Senators anzulegen, kann blöd für deine Karriere im Konzern sein. Wenn du dir nur eine vielleicht gefälschte Kopie vorlegen lässt, wo du qua Gesetz eigentlich die Pflicht hast, eine beglaubigte Kopie oder ein Original zu bekommen, ist das aber genauso blöd.“ Williams‘ Seufzen könnte auch ein Schnauben sein, dann bescheidet sie ihm, das wisse sie selbst. Arden muss plötzlich grinsen, er hat einen Geistesblitz, wie er Collette seinen Rat so verkaufen kann, dass sie seine Motive nicht erkennt: „Wenn du wirklich mich fragst: Die blöde Schnepfe hat mich auf’s Abstellgleis geschickt, dabei war es ein verdammter Brand. Mach’s ihr so schwer es geht, Collette.“ Sie lacht verächtlich auf, dann hört er aber ein Lächeln: „Danke, Tom. Wir haben nichts zu verbergen, aber korrekte Vorgänge haben wir doch einzuhalten. Meinst du, Esther Howard holt dich wieder zurück an die Front, wenn sie hier wieder was zu sagen hat?“ Tom ist froh, dass sie seine Mundwinkel nicht schlagartig fallen sehen kann. Er bemüht sich um einen neutralen Ton: „Keine Ahnung, ob sie das tun würde. Aber ich mache mir keine Illusionen. Unter Charles‘ Kindern werde ich nichts mehr Spannendes zu tun bekommen. Und Esther ist raus, egal, was in irgendwelchen Akten steht und auch egal, was die Gerichte zum Testament sagen.“ Williams schluckt hörbar. „Sorry, Tom. Ich wollte kein Salz in Wunden streuen. Sehen wir uns auf dem Elternabend?“ Er bestätigt, dann legt er auf. Fünf Minuten lang fragt er sich zunehmend ungehalten, wann Cris Benitez endlich hereinkommt und fragt, was die Rechtsabteilung wollte. Weitere fünf Minuten dauert es, bis er sich halbwegs belustigt vorstellt, wie sie auf der anderen Seite der Tür genauso auf glühenden Kohlen sitzt und wartet, dass er ihr erzählt, was die Rechtsabteilung wollte. Als er die Tür schließlich öffnet, steht Benitez mit der Hand an der Klinke direkt vor ihm, so nahe, dass er fast die Wärme ihrer Wangen spüren kann. Er überspielt die Peinlichkeit rasch mit einem „Du wirst nicht glauben…“ Cris Benitez macht der Gedanke merklich Spaß, dass Dorothy Howard-Fielding wegen eines Formfehlers noch länger auf Akteneinsicht warten muss, als Arden ihr erzählt, was Collette Williams genau von ihm wollte.

Folge 1.25: Fragen und keine Antworten

Eli Goldstein schüttelt den Kopf. „Was für ein dekadentes Anwesen.“ Sally Marsh zwinkert ihm zu, dann erzählt sie die Geschichte nach, die Esther ihr über die Abende erzählt hat, wenn Charles Howard erschöpft zum Anwesen kam und seine Frau nackt in der Muschelwanne in der Grotte unter dem Pool vorfand. Eli beißt sich auf die Lippen, dann grinst er und bekennt, er fände das heiß, wenn es nicht um seine Schwester ginge. Schließlich stellt er die Frage: „Was hat es eigentlich damit auf sich, dass Esther so zurückhaltend auf die Leuchtschriften auf den Schiffen reagiert hat? Wie ich sie kenne, muss es sie unheimlich befriedigt haben, dass jemand so mit den Reedern umspringt.“ Sally zögert einen Moment, dann erklärt sie: „Das musst du sie selbst fragen, Eli. Sie telefoniert aber gerade mit Oakland. Ich würde ihr danach einen Moment lassen, meist kommen keine guten Nachrichten aus der Konzernzentrale. Charles‘ ältere Kinder setzen ihr ganz schön zu.“ Eli nickt und wartet ab – ein wenig komisch kommt er sich schon vor, als Hiller ihm einen Drink mixt, sich aber ansonsten im Hintergrund hält. Als Esther aus dem Arbeitszimmer kommt, lächelt sie süß-säuerlich. „Das war Liz. Dorothy hat die Sicherheitsfreigabe. Wenn eine Mehrfertigung physisch bei Howard Industries eingeht, legen sie die Akten offen.“ Sie unterbricht sich. „Oh, Eli.“ Sally wirft ihr einen irritierten Blick zu. Nach Esthers Sondierung, wofür Eli die Waffe erheben wolle, war sie sich sicher, dass Esther ihren Bruder einweihen wolle. Dieser hebt den Kopf und sieht Esther an: „Da ist etwas, in das du mich nicht hineinziehen möchtest, große Schwester. Richtig oder falsch?“ Esther nickt. Eli nickt ebenfalls und lehnt sich zurück: „Dann genieße ich meinen Urlaub hier und respektiere Deine Entscheidung. Du hattest bisher meistens Deine Gründe, wenn du etwas vor mir geheim gehalten hast. Okay?“ Esther lächelt und nickt. Dann nimmt sie ohne weiteren Kommentar Sally zur Seite, schließt die Tür des Arbeitszimmers und berichtet: Liz habe schon die Anfrage zur Akteneinsicht weitergeleitet bekommen. In der Rechtsabteilung säßen noch Kontakte von ihr, die Dorothy und Charles junior nicht bekannt seien. „Ich bin gespannt, wie sie auf die Akten reagieren.“ Sally seufzt: „Was steht da eigentlich drin?“ Esther erklärt trocken, Corey Callaghan habe alle Schuld auf sich genommen. Schließlich war ohnehin klar, dass er seinen Tod fingieren würde. Damit hätten Arden und sie eine weiße Weste, erst recht, da aus den Akten hervorginge, dass Callaghan seine Inkompetenz durch falsche Berichte verschleierte. „Das Schärfste ist, dass in den Berichten steht, die schallschluckenden Bläschen mit ihren speziellen Oberflächen brächen unter Druck und Salzwasser zusammen. Es KANN also gar nicht funktionieren, Sally. Aphrodite, Nereide und Tethys kann es gar nicht geben, wenn diese Berichte richtig sind. So schwer, wie sie drankamen, werden sie eine Weile brauchen, bevor sie sie bezweifeln.“ Sie zögert, dann schüttelt sie den Kopf: „Wieso die CIA allerdings nicht selbst diese Berichte konfisziert hat – oder das FBI, verstehe ich nicht. Genauso wenig ist mir klar, wie es so lange dauern kann, eine Ehefrau eines Senators zu prüfen. Irgendwas ist da faul. Ich bin nur nicht sicher, ob das zu unseren Gunsten spielt – oder gegen uns.“ Als Sally anspricht, dass Esther Eli nicht eingeweiht habe, lacht diese nur. „Er kommt schon noch, wenn er so weit sein sollte. Wenn nicht, würde er eh einen Rückzieher machen. Er ist nicht so konsequent … so fanatisch wie ich.“ Sally lacht auf: „Aber als braungebrannter, angeblicher Lover am Strand ist er gut genug, wie?“ Esthers Kommentar, die Paparazzi hätten es doch geglaubt, lässt nun auch Sally auflachen. Später am Strand des Anwesens liegen sie alle drei nebeneinander im Sand – Sally, Esther und Eli. Eli schaut immer wieder zu Sally, macht aber keinerlei Flirtversuche, und alle drei genießen die Ruhe.

Folge 1.24: Bestanden

CIA-Officer Bannister hebt die Brauen: „Sir, ich KANN die Überprüfung von Dorothy Howard-Fielding nicht länger zurückhalten.“ Der stellvertretende Direktor zuckt die Schultern: „Müssen sie auch nicht, Bannister. Ich habe nur darum gebeten, dass sie gründlich vorgehen. Mehr nicht.“ Als Bannister die Frage stellt, warum er das tun sollte, bekommt er keine Antwort. Schulterzuckend verlässt er das Büro seines Chefs und lässt eine halbe Stunde später seine Sekretärin ein Dossier über die Ehefrau von Senator Fielding in die Post geben. Dass die Sekretärin sehr genau weiß, wie lange das Dokument schon fertig ist, hilft Bannister nicht. Doch ihr gegenüber kann er sich nicht verteidigen, dass er auf Anweisung noch weiter bohrte und die Anfrage der Koordinationsstelle somit nur sehr verzögert beantwortete. Alle Anweisungen waren mündlich, und Bannister wird das Gefühl nicht los, dass der stellvertretende Direktor die mündliche Anweisung zu weiteren Recherchen nicht aus eigenem Interesse gab. Doch was steckt dahinter, fragt er sich? Kann in den Akten zum Projekt, die bei Howard Industries liegen, eine entscheidende neue Information liegen? Verfolgt Dorothy Howard-Fielding nicht eine zivilrechtliche Schadensersatzklage, oder ist da tatsächlich noch mehr? Kurzentschlossen schreibt er eine Aktennotiz, dass weitere Nachforschungen auf Anweisung ausgeführt worden sind, aber nichts erbrachten. Dann lehnt er sich zurück. Ob das FBI auch Anweisung für zusätzliche Nachforschungen bekommen hat? Fragen über Fragen, keine davon beantwortbar. Bannister wendet sich wieder dem Tagesgeschäft zu.

Corey Callaghan legt mit der „Aphrodite“ als letzter in der Höhlenbasis auf Ni’ihau an. „Tethys“ und „Nereide“ liegen bereits an ihren Stegen, Chartrand erwartet Callaghan bereits. „Gute Arbeit, Corey. Wirklich gute Arbeit!“ Callaghan verbirgt sein Erstaunen über das Kompliment hinter einem souveränen Grinsen. Er ist der einzige Kommandant ohne Marine-Erfahrung in der Runde, Wells hat seine Erfahrungen in der Royal Navy gesammelt. Auf dem Weg zur Messe berichtet Callaghan, dass er die bekannten Positionen fest installierter SONAR-Stationen gemieden hat, im Bereich der SONAR-Netze langsam fuhr und nur einmal einen Unterwasser-Kontakt hatte. „Da haben wir uns dann benommen wie ein Loch im Wasser. Das war im Bereich, wo wir aus dem Nordpazifik-Strom gedroppt sind. Waren auch eine Menge Walgesänge in der Nähe.“ Chartrand nickt: „Das waren wir. Wir mussten einem U-Boot auf Patrouille ausweichen. Daher kamen wir so weit nördlich. Ich wir haben euch etwa gleichzeitig geortet, aber nur, weil wir wissen, worauf wir hören mussten. Du hast absolut richtig reagiert. Strand?“ Callaghan nickt vehement. Nach mehr als 14 Tagen im U-Boot sehnt er sich nach Sonnenlicht. Wie gut ihm das Lob tut, nach all dem Tadel, den er für as Einweihen Mai Sakamotos in die Art der Mission geerntet hat, will er Chartrand nicht sehen lassen. Dazu kommen die Berichte über die Aktion vor Seattle und Vancouver, die große Wellen geschlagen hat. Für den Moment ist sogar vergessen, dass es ihm nicht schnell genug geht mit dem, was er „Aktionen gegen vitalere Ziele“ nennt.

Folge 1.23: Erzählungen und Essen

Die Sushi-Bar in Old Oakland ist recht voll, als Cris Benitez dort eintrifft. Suchend sieht sie sich um, doch Liz Ames hat sie zuerst erspäht und winkt sie zu ihrem Tisch. Cris macht große Augen: „Äh, ich sitz‘ lieber an einem richtigen Tisch. Erst recht, wenn ich nur in der Mittagspause…“ Doch Liz wischt die Bedenken weg. Unter dem niedrigen, japanischen Tisch ist eine Grube, so dass man westlich sitzen kann, und das Essen bezahle sie. Außerdem wisse sie eh, dass Tom Arden im Büro sei und eigentlich viel zu wenig zu tun habe, um eine Sekretärin zu brauchen. Seufzend gibt sich Cris geschlagen, setzt sich und lässt sich sogar zu einem Sake überreden. Dann bestellen die beiden Frauen jeweils einige Stück Sushi, und kurz bevor Cris die Spannung nicht mehr aushält, kommt Liz zur Sache: „Okay. Du fragst dich, warum ich dich hierherbestellt habe. Ich finde, du hast oft genug gefragt, warum Bob und ich einander so spinnefeind sind und uns gegenseitig in den Staub stoßen möchten.“ Die Endgültigkeit in der Stimme der Anwältin lässt Benitez aufhorchen. Sie zögert, doch Ames kommt ihr nicht zuvor, selbst als sie noch länger nicht weiß, was sie sagen soll. Sie hat sich gerade sortiert und will fragen, wie das gemeint sei, da kommt das Essen: zwei Sushi-Arrangements auf geglättetem Holz, Sojasauce, Ingwer und Wasabi. Neben Liz‘ Satz von gegrilltem Aal, Omelette, Thunfisch und Wolfsbarsch bekommt sie noch eine Miso-Suppe. Cris blinzelt heftig, da die Portion blanchierter Spinat mit Sesam-Paste weit größer ist als gedacht, dazu hat sie Lachs, Avocado und Garnele. Doch davon lässt sie sich nun nicht mehr ablenken: „Ich soll also nicht mehr fragen, Liz. Meinst du das?“ Doch diese schüttelt den Kopf: „Nein. Ich werde es dir heute erzählen. Es ist aber pikant. Der Wasabi passt ganz gut dazu.“ Cris lacht artig, doch ihre Freundin wird von einem weit heftigeren Lachen geschüttelt. Der Lachanfall lässt Liz zwei, drei grunzende Laute ausstoßen, bevor sie sich wieder unter Kontrolle hat. Über japanischem Essen erzählt Liz Ames eine Geschichte aus Studienzeiten, von einer heftigen, ausufernden Party bei ihrer Studentenverbindung. Im Detail erzählt sie über die Kleidung, die eine Freundin und sie getragen haben, über den Eindruck, den sie erweckten, und dass sie es genoß. Cris Benitez kommt kaum zum essen, stellenweise wird sie rot, dann reißt sie wieder ungläubig den Mund auf. Obwohl Ames es ist, die erzählt, hat sie ihr Brett schneller leer als ihre Zuhörerin. „Und dann kam Bob. Er meinte, zwischen zwei Mädchen sei Lack, Leder und Kette an Halsband doch nicht das Wahre. Es bräuchte einen Mann für eine erotische Spannung. Ich ließ ihn auflaufen. Seinen Kopf ließe ich vielleicht unter meinen Rock, aber bestenfalls, wenn er sich rasiere. Nicht aber seinen… du weißt schon. Ich hab’s auch nicht schön ausgedrückt, dafür sehr deutlich. Als er dann auf die Knie ging, hat Elaine ihm unters Kinn gefasst und ein Halsband herausgezogen. Ich hab‘ gesagt, dass er ja uns beide bedienen könne. So laut, dass seine ganze Verbindung es gehört haben muss. Er muss wohl irgendeine steile Ansage an einen seiner Verbindungsleute gemacht haben, der sein Rivale war, bevor er zu uns kam. Danach war er mein Feind, aber so schlagartig, das glaubst du nicht.“ Cris lächelt und zwinkert: „Verdient hatte er das ja schon. Wenn zwei Mädels so eine Nummer miteinander durchziehen, braucht er nicht zu erwarten, dass er als großer Macker einsteigen kann.“ Liz wird sehr leise, als sie anfügt, da sei noch mehr. Sie kippt den Rest ihres Sake hinunter, bevor sie fortfährt. Dann beschreibt sie, dass Landsman sie im Vorfeld dieser Szene immer wieder, wenn er sich unbeobachtet fühlte, anschaute. Immer, wenn sie seine Blicke erwidert habe, habe er verschämt weggesehen: „Er war wohl ein bisschen verschossen in mich. Nun ja. Das hat sich gründlich geändert.“ Als Benitez nach der Mittagspause an ihren Schreibtisch zurückkehrt, lächelt Tom Arden ihr zu: „Na, gute Pause gehabt? Wie war’s mit Liz?“ Arden grinst, kann aber seine Neugier kaum verbergen, als sie sich über die Gesprächsthemen ausschweigt und nur vom Essen erzählt. Dass sie dabei rot wird, hilft nicht, Toms Neugier zu dämpfen.

Folge 1.22: Es steht geschrieben

Claire Howard starrt ungläubig auf ihren Fernsehbildschirm. Riesengroß prangen Schriftzüge an Öltankern, sie leuchten in der Dämmerung des Morgens. Der Kommentator erklärt: „Am Morgen sind sieben Tanker in Seattle beziehungsweise Vancouver eingelaufen, auf deren Flanken fluoreszierende Schriftzüge prangten. Die Schriftzüge waren jeweils so angebracht, dass sie von Land aus gesehen werden konnten. Etwa eine Stunde nach Tagesanbruch endete das Leuchten, die hellviolette Chemikalie auf den Rümpfen verflüchtigte sich bis zum Mittag völlig. Umweltschäden wurden bisher nicht gemeldet.“ Claires Katze buhlt vergeblich um die Aufmerksamkeit ihres Frauchens. „Einwandig = Ölpest“ steht auf einem der Schiffe, „Profit über Sicherheit“ auf einem zweiten. Bei einem lokalen Sender aus Seattle wird berichtet, dass die Schriftzüge bereits bei der Vorbeifahrt an der kanadischen Stadt Victoria leuchtend auffielen. „Mein Gott, wie klasse! Hoffentlich nichts Giftiges“, murmelt Claire in sich hinein.

Esther beherrscht sich meisterhaft, als sie die von Liz Ames weitergeleiteten Videos des CNN-Berichts und des lokalen Berichts aus Seattle auf ihrem Smartphone anschaut. Sie zeigt weder den Triumph, den sie empfindet, noch gibt sie dem Drang nach, sich vor Lachen auszuschütten. Der stark gebräunte, arabisch aussehende junge Mann neben ihr grinst. „Große Schwester, lass es doch raus, was dir auf der Seele liegt!“ Esther schüttelt den Kopf. „Nicht hier, Eli, nicht jetzt.“ Sie umfasst Waikiki Beach mit einer Handbewegung. „Die beobachten alles.“ Doch Eli versteht nicht. Schulterzuckend erneuert er seinen Sonnenschutz und reibt dann auch den Rücken seiner älteren Schwester ein. Will Sanders kommt mit einem Tablett voller Cocktails heran und stößt gegen einen Mann mit einer Kamera, der sich plötzlich umgedreht hat. „Passen sie doch auf“, fährt er den Paparazzi an, der von seinem vermeintlichen Surfer-Fotomotiv abrupt auf Esther umgeschwenkt hat, als diese sich aufrichtet, obwohl Eli ihr Oberteil noch nicht wieder zugemacht hat. „Meinst du, er hat sein Bild bekommen?“, fragt Sanders seine Chefin. Sie lacht und schüttelt den Kopf. Eli grinst, er hat schnell gehandelt und verhindert, dass die nackten Brüste seiner Schwester für die Kamera entblößt wurden. Er nimmt sich einen der beiden Blue Hawaiian vom Tablett, Sanders hält sich an den Virgin Colada. Auf Elis Frage, ob Esther amüsiert oder bestürzt über die Aktion der Umweltschützer an der Westküste sei, hüllt sie sich in Schweigen. Sie lehnt sich zurück und zwinkert: „Ich erzähl’s dir später, Bruderherz. Ich hoffe, es ist nicht schlimm, dass ich dich gleich am ersten Tag an den Strand entführe. Wie hat dir eigentlich der Wehrdienst gefallen?“ Eli zuckt die Schultern. Der Strand und der Pazifik gefallen ihm, auch das warme, aber nicht ganz so heiße Klima, so hat er nichts dagegen, dass seine Koffer noch unausgepackt auf dem Anwesen stehen. Zum Wehrdienst hat er mehr zu sagen. Er habe viel gelernt, sei fitter geworden, aber eigentlich ziehe er vor, dass es keinen Krieg mehr gebe. Forschend fragt Esther ihn, was für ihn denn ein Grund sei, die Waffe in die Hand zu nehmen. Darauf weiß er keine Antwort. Erst viel später, nach einem recht peinlichen Versuch mit dem Surfboard und mehreren Badegängen, als Sanders sie in der schwarzen Limousine wieder zum Anwesen zurückfährt, erklärt Eli unvermittelt: „Wenn dich jemand bedroht. Oder gegen diesen ganzen Mist, der unseren Planeten kaputt macht, da würde ich schon eine Waffe erheben. Aber es bringt ja nichts. Gegen wen will man da kämpfen?“ Sanders beobachtet Esther im Rückspiegel sehr genau, doch sie lässt sich nicht anmerken, dass sie auf eine solche Antwort gehofft hat.