Folge 1.27: Kriegsrat

Eli Goldstein betrachtet interessiert die Gruppe, die mit dem Schlauchboot von der „Charlotte Howard“ zum Strand fährt. Esther lehnt neben ihm am Geländer oberhalb des Felsabbruchs, unter dem der private Strand des Howard-Anwesens liegt. „Wer sind diese Leute, Esther?“ Sie zwinkert ihm zu, streicht eine Locke aus der Stirn und fragt, wie dringend er das wissen wolle. Schulterzuckend schaut Eli wieder auf das Meer, während John Hiller hinzutritt. Über die Balustrade aus weißen Miniatursäulen und Steinplatten hinweg taxiert er das Boot. Dann fragt er an Esther gewandt, ob die Herrschaften Tee benötigten oder zu speisen wünschten. „Kaffee, Tee und Kekse, John. Ob sie zum Dinner bleiben, weiß ich noch nicht.“ Eli fragt beiläufig: „Ihr könntet ja auch essen gehen, wenn die Gruppe über Nacht bleibt.“ Esther schüttelt nur den Kopf und schreitet zur Treppe hinunter an den Strand, während Hiller sich zum Haus zurückzieht. Eli bleibt allein oben an der felsigen Kante zwischen Rasen und Strand. Er sucht nach einer Idee, was es mit der Gruppe auf sich hat, auch wenn er sich eigentlich vorgenommen hat, die Worte seiner Schwester ernst zu nehmen und sich über diese Dinge keine Gedanken zu machen.

Corey Callaghan schwingt als erster ein Bein aus dem Boot auf den von Wellen überspülten Strand. Dann unterstützt er Sally Marsh, als sie ihm folgt, und fängt sich einen nachdenklichen Blick von Chartrand ein. Als Callaghan seine Blicke wieder auf Esther heftet, die Bikini und Wickelrock trägt, wechseln der Kapitän und Esther bedeutungsvolle Blicke. Chartrand sucht Esthers Nähe, als ein Matrose der „Charlotte“ das Boot zurück zur Yacht steuert und die Gruppe die Treppe zum Garten hochsteigt. Doch Esther kommt ihm mit der Gesprächseröffnung zuvor: „Ihr seht aus wie eine britische U-Boot-Besatzung, Sylvain. Eli wird nichts sagen, selbst wenn er sich seinen Teil denkt, aber es könnten immer noch Journalisten mit Drohnen in der Nähe sein.“ Der ehemalige französische Offizier Chartrand nickt, er begreift Esthers Bedenken und macht sich eine gedankliche Notiz zu Bikinis, Badeshorts und Surfanzügen. Dann kommt er leise zum Thema: „Corey hat sich echt gut gemacht, in der Juan-del-Fuca-Strait. Keine Dummheiten, effizient und professionell. Auch bei der Hin- und Rückfahrt war alles bestens. Vielleicht haben wir doch eine Chance, drei Boote gleichzeitig im Einsatz zu halten.“ Esther nickt und zählt die Kommandanten an den Fingern ab: Sylvain Chartrand, Marshall Wells und Corey Callaghan. Dann fragt sie, ob es genug wirklich kompetentes Steuer- und SONAR-Personal gäbe. Chartrand grinst: „Du musst deine eigene Organisation ja sehr gering schätzen, Esther. Klar haben wir genug Leute.“ Doch die Milliardärswitwe erklärt, bei einer solchen Organisation habe man nicht den Luxus, Menschen nach Fähigkeit auszuwählen, sondern müsse nach Leidenschaft und der Bereitschaft gehen, etwas geheim zu halten. Wells, der die letzten paar Worte mitbekommen hat, wirft ein: „Wir haben auf Ni’ihau wenig anderes zu tun als Ausbildung. Deswegen sind wir so gut aufgestellt, Boss.“ Dass Wells einen misstrauischen Blick zu Eli Goldstein wirft, entgeht Esther nicht.

Als sie dann zu fünft um den Tisch im Wohnzimmer sitzen, mit Blick auf den Pool, lehnt Esther sich zurück. „Bedient euch erstmal.“ Chartrand spricht merklich genüßlich dem Kaffee zu, Wells und Sally Marsh nehmen Tee. Callaghan verzichtet und brennt scheinbar darauf, die Debatte zu eröffnen. Doch Esther kommt ihm zuvor: „Bisher haben die Wasserwerfer mit Gülle und mit verklappter Flüssigkeit mit am besten funktioniert. Den meisten Aufriss hat die Beschriftung der Tanker gemacht, aber das dürfte sich schneller abnutzen. Neuartige Anschläge erfordern eine gewisse Vorbereitung, ich würde daher gerne weiterverfolgen, dass wir an verschiedenen Stellen des Pazifik Umweltsünder mit Gülle oder ihrem eigenen Abwasser bespritzen, während wir etwas Neues ins Auge fassen.“ Wells nickt bedächtig, er zeigt kaum, dass er eine Idee einzubringen hat. Chartrand grinst und nippt an seinem Kaffee, Sally Marsh hält ihre Idee etwas weniger dezent zurück, wartet aber auch erst einmal ab. Da platzt Corey hervor: „Wir haben die Mittel, um sie empfindlich zu treffen…“ Esthers Stimme hat eine klirrend kalte Qualität, als sie ihm das Wort abschneidet: „Wer ist ’sie‘, Corey? WEN willst du empfindlich treffen? Die US-Navy etwa?“ Chartrand beißt sich heftig auf die Lippen, um nicht aus Ärger und Überraschung über diese Eskalation heißen Kaffee über den Tisch zu prusten. Sally stöhnt auf, doch Callaghan setzt sofort nach: „Wie wäre es denn mit einem japanischen Walfänger in der Antarktis? Wir haben die Mittel, wir KÖNNEN so einen torpedieren. Ob unsere Geräusch-Sonde zum dranpappen an den Rumpf die Wale wirklich vertreibt, wissen wir selbst nicht. Außerdem MERKEN sie das nicht. Wir sollten drastischer vorgehen!“ Chartrand will Callaghan gerade mit einer harschen Erwiderung Einhalt gebieten, doch da meldet sich Marshall Wells zu Wort: „Ich finde, wir sollten mehrgleisig fahren. Wir fahren in die Antarktis und verspritzen auf dem Weg Gülle, bringen an einigen der ‚Forschungsschiffe‘ der japanischen Walfänger unsere Sender an und beschädigen einem davon die Schraube mit einem Torpedo. Vom Versenken halte ich nichts, dann werden sie uns sehr motiviert suchen. Wir sind nicht unverwundbar.“ Callaghan kann kaum verbergen, dass er zwischen dem Triumph über eine Verschärfung der geplanten Aktionen und der Enttäuschung über die deutliche Ablehnung einer Versenkung hin- und hergerissen ist. Sanft und verhältnismäßig leise wirft Sally ein: „Ich würde überlegen, ob wir im Meer vorhandenen Müll einsammeln und einem der Verursacher öffentlichkeitswirksam vor der Haustür abladen. Das ist jedenfalls besser, als mehr Müll in den Ozean zu schleppen. Nicht, dass ich die Aktion vor Guam blöd fand, aber mir kamen danach Gedanken, wie es besser geht.“ Angesichts der Tatsache, dass die Walfangsaison der japanischen „Forschungsschiffe“ ohnehin noch zwei Monate in der Zukunft liegt, findet Sallys Vorschlag bei den vier anderen Anklang – etwas zögerlich sogar bei Corey Callaghan. Als Esther vorschlägt, sie könnten alle zusammen auf dem Anwesen essen, stimmt Chartrand begeistert zu.

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