Folge 1.37: Um den Pol

Sieben Meter hohe Wellen schütteln das über einhundert Meter lange Schiff durch, während der heftige Sturm der Furious Fifties über das Deck pfeift. Die Mannschaft agiert nur angeleint, die meisten Besatzungsmitglieder halten sich in den Aufbauten fest oder bleiben unter Deck. Zielstrebig dreht der Rumpf nach Süden, die Wellen schlagen nun schräg gegen den Rumpf, wodurch sich das Schlingern intensiviert. Aber niemand denkt daran, das Schiff wieder anders zu drehen; wie ein wildes Tier auf der Jagd haben Sensoren und Besatzung die Witterung von Walen aufgenommen, die Harpunenschleudern auf der Bordwand werden gedreht und bereit gemacht. Noch ist nichts zu sehen, die Wellenberge laufen von schräg hinten auf den Walfänger auf, schütteln ihn durch und setzen ihren Weg in Richtung Osten fort. Hektisch krallt sich ein Seemann an einer Stange fest, als das Schiff durch eine besonders hohe Welle heftiger schlingert. Trotz aller Erfahrung und obwohl sie sehr beschäftigt sind, fragen sich einige Besatzungsmitglieder, ob das Schiff wirklich nicht kentern wird in diesem brutalen, sturmgepeitschten Seegang an der Grenze zwischen Indischem und Antarktischem Ozean. Doch jeder Gedanke daran ist vergessen, als sich vier Wellenberge voraus etwas Dunkles, Glattes aus dem Wasser hebt, dann bläst der Wal. Ein zweiter erscheint, dann ein dritter, während der erste schon seine Fluke zeigt und wieder taucht. Es wird schwierig zu zählen, denn immer wieder tauchen die Tiere, bevor sie nochmals blasen, zehn sind es jedoch ganz sicher. Die halbe Besatzung wird von einer fast fünfzehn Meter hohen Welle überrascht, die von hinten anläuft und das Deck mehr als 45 Grad anstellt, bevor das Schiff zurück in die Waagerechte kippt. Mehr als ein Matrose hat sich Prellungen zugezogen, aber alle sind fest genug an Deck verankert, um nicht heruntergespült zu werden. Die Wale überstehen den Kaventsmann besser, lassen sich treiben. Mechanische Steuerungen richten die Harpunenschleudern am Bug aus, während das Schiff langsam fünf Wellenberge hinter der Walschule wieder in den Wind dreht und somit ruhiger fährt. Mittels Videoaufzeichnungen auf den Bildschirmen der Brücke prüft ein Wissenschaftler in Ölzeug, ob Jungtiere dabei sind und dass es sich um Seiwale handelt. Dreizehn ausgewachsene Tiere identifiziert er, noch schwimmen sie langsam. „Wir müssen schnell handeln, Kapitän. Seiwale schwimmen schnell!“, erklärt er an den Kommandanten gewandt. Die Harpuniere zielen bereits, da geht plötzlich ein Ruck durch das Schiff. Heftig an seine Konsole festgeklammert stößt der Wissenschaftler hervor: „Noch ein Kaventsmann?“ Der zweite Ruck lässt ihn an einen anderen Monsterwellentyp, die drei Schwestern denken. Ein Maschinenalarm jedoch lässt den Verdacht in ihm keimen, dass die Wellen nichts damit zu tun haben, dass das Schiff durchgeschüttelt wird.

„Volltreffer“, vermeldet der Seemann an der Waffenkonsole der Aphrodite. Callaghan hebt die Brauen: „Genauer! Marshall oder Sylvain würdest du’s auch exakter melden!“ Der Kanonier des Bootes grinst und erklärt, er habe die Schraube des Schiffes getroffen. Erste Schäden habe bereits die Kollision erzeugt, aber die kleine Sprengladung sei verheerend gewesen und habe beide Schrauben des Schiffes schwer beschädigt. „Gerade zerschlägt die Unwucht ihnen die Lager. Die müssen froh sein, wenn sie sich nicht quer zum Seegang drehen, bevor sie jemand evakuiert. Ohne Steuer und Antrieb braucht’s kaum mehr als eine größere Welle, dann kentert das Ding. Den Kaventsmann von vorhin würden sie jetzt nicht mehr überleben.“ Callaghan nickt zufrieden, ein Grinsen macht sich auf seinen Zügen breit. „Ich bin angeblich beim Surfen ersoffen. Ihr ersauft, statt dass ihr Wale tötet!“

Der Lärm der kleinen Explosion und des heftigen Schlagens der Antriebswellen des japanischen Walfangschiffes hat die Seiwale aufgeschreckt. Instinktiv beschleunigen sie, während der Walfänger an Tempo verliert. Mehr und mehr macht sich bemerkbar, wie die Wellenberge anschieben und die Wellentäler bremsen. Noch bringen die beschädigten Schrauben an den schlagenden Wellen genug Vortrieb, um ein Drehen zu verhindern, aber bereits jetzt ist klar, dass dies nur eine kurze Verzögerung des weiteren Verlaufs der Katastrophe sein wird. Aller erlernten Beherrschtheit zum Trotz brüllt der Kapitän eine Reihe wüster Flüche, dann lässt er „SOS“ funken. „War das ein Torpedo?“, fragt der Steuermann, doch der Kapitän widerspricht dieser Vermutung: „Ein Stück Holz, ein Trümmer, irgendwas. Hier ist weit und breit keiner, der uns beschießen würde.“ Die Spekulation, ein U-Boot könnte sie beschossen haben, weist er vehement zurück.

Esther Goldstein-Howard beobachtet durch das immer wieder überspülte Periskop, wie sich die Katastrophe auf dem Walfänger entwickelt. Callaghan ist sehr beschäftigt, das nahe der Oberfläche schlingernde Boot unter Kontrolle und stets von genug Wasser bedeckt zu halten, um nicht von den Seeleuten auf dem Walfänger entdeckt zu werden. Sie wiegt den Kopf hin und her: „SOS haben sie gefunkt. Wenn die Australier schnell reagieren, sind sie in drei Stunden hier. Die Rettungsinseln des Fängers pumpen sich schon auf.“ Callaghan nimmt die Erleichterung in ihrer Stimme deutlich wahr. Er lässt sich nicht anmerken, dass er es auf einen Streit hätte ankommen lassen, wenn Esther die im Boot bereitstehenden Rettungsinseln hätte aufpumpen und aussetzen lassen. Anders als ihr ging es ihm allerdings nicht nur um die Entdeckungsgefahr, sondern auch darum, ein Exempel an den Walfängern zu statuieren.

Sechshundert Seemeilen weiter südöstlich verfolgt die Nereide vorsichtig ein anderes Schiff. Der auch hier recht heftige Seegang lässt das geplante Manöver anspruchsvoll werden, auch wenn die Walfänger alle Hände voll zu tun haben, nach Walen zu suchen und nicht über Bord zu fallen oder gegen die Wände des Schiffes zu stürzen. „Verdammt!“, flucht der ehemalige Marinesoldat Wells, als das Boot von einer heftigen Welle rasant auf den Kutter zu gespült wird. Der Ruf, sich festzuhalten, kommt gerade noch rechtzeitig, dann sinkt Nereide wie ein Stein, als die Ballasttanks geflutet werden, um eine Kollision zu vermeiden. „Also nochmal von vorn“, lässt sich Wells vernehmen, „und dieses Mal bringen wir sie ganz langsam hinter ihnen hoch, schießen das magnetische Teil auf deren Rumpf ab, aktivieren’s und hauen wieder ab. Keine Bälle auf der Nase balancieren, nicht durch Ringe springen, ja?“ Die Besatzung der Zentrale goutiert den Humor nicht – einige sind nach fast drei Stunden auf und ab in den Wellenberge seekrank, und die Nerven liegen blank. Doch Wells lächelt: „Bald haben wir es geschafft. Dann lauschen wir mal, ob die anderen Hilfe brauchen, oder ob wir diese ungemütlichen Breiten verlassen können. Auf geht’s!“

Noch ein bisschen weiter im Süden schleicht die Tethys um einen Eisberg herum, der von der Ostantarktis abgebrochen ist, und sucht den Kutter, der hier erwartet wird. Doch von dem Schiff ist nichts zu sehen oder zu hören. Sally beobachtet mit auf minimaler Leistung arbeitendem SONAR, das mit aufgenommenen Walgesängen statt Pinggeräuschen arbeitet, die Kante der gewaltigen Eisplatte, damit das Boot nicht damit kollidiert. Chartrand beißt sich auf die Lippen: „Keine Beute. Haben die umgeplant oder narren sie uns? Je ne sais pas…“ In diesem Moment reißt Sally die Kopfhörer von ihren Ohren: „Scheiße!“ Sylvain starrt zu ihr: „Was?“ Es rauscht und brummt heftig aus den Muscheln, die eben noch über den Ohren der jungen Frau gelegen haben. Sylvain dreht die Lautstärke herunter, orientiert sich kurz und schluckt dann: „Wir haben das Schiff übersehen. Das ist der verdammte Kutter.“ Der andere Orter hat schneller reagiert und bereits bei ersten Geräuschen eines Motors das Geräusch leiser gedreht. Er spricht lauter als nötig, wohl wegen des Geräuschs auf seinen Kopfhörern: „Überwasserkontakt, verdammt nah. Zweitausend Meter, höchstens. Dreht nach Norden – Kurs jetzt 290… 305… 315… der fährt in Richtung Corey und Esther!“ Chartrand warnt, voreilige Schlüsse zu ziehen, aber eine Viertelstunde später ist deutlich klar, dass der Walfänger mit voller Kraft nach Nord-Nordwest dampft, während der Funker des U-Boots den dringlichen Notruf auf Japanisch empfängt. Die Schrauben seien beschädigt, bei starkem Seegang, ein Kentern sei immanent und unvermeidlich. Dann hören die Ökoterroristen auf der Tethys deutlich die Geräusche eines startenden Hubschraubers, der wohl von dem Kutter aufbricht, um die Kameraden zu retten.

Callaghan steht inzwischen selbst am Periskop und schaut zu, wie sich der japanische Walfänger in den nochmals größer gewordenen Wellen fast waagerecht legt. Esther steht neben ihrem Funker und flucht: „Wann kommen die endlich? Wir wollen ihr Schiff unbrauchbar machen, sie aber nicht umbringen, verdammt!“ Und dann erschüttert ein Geräusch die gesamte Aphrodite. Es ist jedoch nicht das Bersten von Aufbauten auf dem Walfänger, nein. Es ist ein deutlich hörbares „Ping“ eines Aktivsonars. „Oh Kacke“, bringt Callaghan hervor.

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