Folge 2.9: Stiefmuttergespräch

Sally Marsh lehnt sich zurück und hält das Gesicht in die Sonne. Sie lässt sich nicht anmerken, dass sie ebenso wie Sylvain Chartrand, Willard Sanders und Esther Goldstein-Howard um die Drohne weiß, die ein wenig außerhalb der Sichtweite über dem Meer schwebt und Kameras auf sie gerichtet hat. Der Wind und die Brandung machen wenigstens die Gespräche unabhörbar. „Ich bin so froh, dass…“, doch weiter lässt Esther sie nicht kommen: „Nicht, Sally, bitte. Es ist mehr als schlimm genug, dass Anna dort im kalten Meer ertrunken ist.“ Sally seufzt, dann erklärt sie mit hörbarer Gereiztheit: „Esther, es ist nicht deine verdammte Schuld, dass Anna ertrunken ist. Wir haben die Aktion nicht durchdacht, und du wolltest Coreys Drang nach härterer Gangart befriedigen, aber zugleich Pazifistin bleiben. Es ist Scheiße, dass wir es auf diese Weise gelernt haben – wir alle. Aber es ist so, und wir müssen nach vorne schauen. Ich wollte aber auf etwas ganz anderes hinaus…“ Esther blinzelt in die Sonne und zögert. Sie ist sich nicht sicher, ob sie Sally widersprechen muss, aber sie entschließt sich, die Worte so stehen zu lassen und nachzufragen, was Sally meinte. Sylvain registriert es ebenso wie Will Sanders, doch beide Männer hüten sich, eine Bemerkung dazu zu machen. Sally erklärt: „Auf der Rückfahrt waren wir zu sehr durch den Wind – aber auf der Hinfahrt, naja, Sylvain und ich…“ Für ein paar Augenblicke kommt Esther der Gedanke, dass sie eben nachgegeben hat, dann begreift sie schlagartig, was Sally sagt, und stößt hervor: „Ihr seid also ein Paar?“ Sylvain sieht zur Seite – er versucht zu vermeiden, dass Esther sein Erröten sieht. Sally lächelt und zwinkert ihr zu: „Man muss verdammt eng zusammenliegen, um sich eine Koje auf einem unserer Boote zu teilen. Man muss sich verdammt sicher sein, wenn man hinnimmt, dass der Rest der Besatzung es mitbekommt.“ Sylvain muss plötzlich lachen, was Sally skeptisch die Stirn runzeln lässt. Doch er fasst sich schnell und erklärt dann: „Ruhig Blut, Cherie. So sicher kam ich mir gar nicht vor. Du hast dich auch eher vorsichtig geäußert, bis Carmen uns überrascht hat. Aber im Rückblick betrachtet stand es lange genug im Raum.“ Sallys skeptischer Blick wandelt sich zu einem Lächeln. Sie nickt und will gerade noch etwas zum Thema beisteuern, doch Esther schneidet ein anderes Thema an: „Mir macht Sorgen, wie Marc und Corey nun agieren werden. Aber immerhin haben wir gute Gründe, Corey keines der Boote allein zu geben. Marshall und du sind einfach erfahrenere Kommandanten. Das reduziert das Risiko weiterer Hazardeurs-Aktionen. Die Kombination aus Corey und mir ohne einen von euch Soldaten ist – schlecht. Das hat uns diese Katastrophe eingebrockt.“ Sally und Sylvain wechseln vielsagende Blicke, doch Esther geht nicht darauf ein. Als Sally doch noch etwas sagen möchte, werden sie unterbrochen: John Hiller tritt an den Strand, ein Mobilteil des Telefons in der Hand: „Mrs. Goldstein-Howard, Miss Howard für sie.“ Will schüttelt sich, Sally und Sylvain machen große Augen – doch nach kurzem Zögern nimmt Esther das Telefon an: „Danke, John.“ Sie lehnt sich zurück und meldet sich: „Hallo?“

Claire bekommt zuerst keinen Ton heraus, als sie Esthers Stimme am Telefon hört. All die Gedanken über Dinge, die sie Esther sagen oder fragen möchte, sind ihr abrupt entglitten. Sie hasst sich sofort für ihr dünnes: „Äh, hallo.“ Doch Esther lässt sich nicht beirren, ein vorsichtiger, aber durchaus wohlwollender Unterton ist in ihrer Stimme, als sie die Pause in der Leitung unterbricht, bevor sie wirklich peinlich werden kann: „Ich habe von Liz Ames gehört, dass sie die Anfechtung des Erbes vor Gericht verhindert haben, weil ihr Vater sie hätte leer ausgehen lassen, bevor er das Testament auch zu meinen Gunsten geändert hat. Das war ein feiner Zug von ihnen. Ich war etwas erstaunt, dass sie zu Liz gegangen sind, statt Dorothy, Charles Junior und Nicolas einen Rückzieher ohne so viel Aufsehen zu ermöglichen.“ Diese Offenheit hilft Claire nicht so viel, wie Esther sich das vielleicht erhofft hat. Die Gedanken wirbeln durcheinander, aber nach vier, fünf, vielleicht sechs Sekunden beschließt sie, der Reihe nach zu sagen, was ihr einfällt: „Äh, naja. Ich wäre nicht leer ausgegangen. Meine Mutter wird von der Howard-Stiftung unterstützt, und die hätte die Hälfte bekommen… ich wäre sozusagen die einzige gewesen, die etwas bekommen hätte. Aber ich fand es nicht richtig, sie fertig machen zu wollen, nachdem ich gehört hatte, was sie gesagt haben.“ Nun ist es auf der anderen Seite der Leitung für einen Moment still. Claire kann Stimmen im Hintergrund hören, nach einer Schrecksekunde unterbricht Esther jedoch das Hintergrundgeräusch: „Seid doch mal still. Okay, Miss Howard – oder Miss Lagarde? Lunden?“ Dies ist nun eine Frage, bei der Claire eine eindeutige Antwort hat: „Claire Howard. Sie können mich gerne Claire nennen – ich bin es nicht gewöhnt, Miss Howard zu sein, oder auch Miss Lagarde oder Miss Lunden. Fühlt sich alles nach einem Menschen an, der… sich seiner Sache sicherer ist, als ich es bin.“ Esther lacht auf. Ihre Stimme zeugt davon, dass sie wohl gerade mit dem Telefon in der Hand ein paar Schritte geht: „Du gestehst Schwäche gegenüber mir ein, Claire? Du bist wirklich keine von den eigentlichen Howards. Nenne mich ruhig Esther. Ich bin ein wenig bestürzt, muss ich gestehen. Mr. Aldred hätte das Tonband vernichten sollen. Es war – wie ich glaube – auch nicht besonders schmeichelhaft für ihn.“ Claire beißt sich auf die Lippen, als sie an die Worte denkt, die Aldred in Esthers Gegenwart für deren Figur gefunden hatte, und erwidert betreten: „Besonders viel sympathischer ist er auch mit Mai und mir nicht umgegangen. Aber darum ging es eigentlich gar nicht. Diesen alten Mann werde ich nicht mehr ändern und mit ihm muss ich auch nicht mehr zu tun haben.“ Esthers Lächeln ist ihrer Stimme anzuhören: „Charles realisierte es zuerst gar nicht. Erst später wurde ihm klar, dass Aldred mich behandelte wie die hübsche Trophäe, als die mich das Testament eben genau nicht behandeln sollte. Es ist eine andere Generation, ich hoffe, die sterben bald aus. Aber was kann ich für dich tun, Claire? Du rufst doch nicht hier an, um meine Stimme zu hören und dich über den alten Sexisten Aldred zu beschweren, nicht wahr?“

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