Folge 2.13: Stimmt die Chemie?

Charles Howard Junior mustert seinen Onkel skeptisch: „Was hast du vor, Onkel Nick?“ Nicolas Howard zuckt die Schultern und erwidert, man solle erstmal schauen, ob man etwas nicht könne, bevor man den Akten anderer Leute glaube. Charles runzelt die Stirn noch stärker, dann fragt er: „Und wer im Unternehmen soll das Zeug können, wenn Callaghan beim Surfen ersoffen ist?“ Nick grinst und macht es spannend, indem er erst noch an seinem Kaffee nippt, sich mit dem Handballen Milchschaumreste von der Oberlippe wischt und dann antwortet: „Wird dir nicht gefallen.“ Dem im Anzug angetanen Howard-Erben geht das Gehabe seines in Jeans und Pullover eher lässig angetanen Onkels sichtlich auf die Nerven, er winkt einfach nur mit der Hand. Mit diesem gestischen Machtspiel beißt er bei Nicolas J. Howard allerdings auf Granit. Der Wettbewerb, wer länger schweigend abwarten kann, hält 45 Sekunden, dann wird es Charles zu dumm: „Ich lasse es drauf ankommen. Wer, Nick?“ Der ältere lehnt sich zurück, trinkt noch einen Schluck Kaffee und erklärt dann gönnerhaft: „Thomas Arden, Charlie. Thomas Arden kennt sich damit aus. Der hat auch prompt reagiert, als wir mit diesen Ökoterroristen Probleme hatten. Und deine ‚Stiefmutter‘, Esther Goldstein. Die ist auch Chemikerin…“ Charles braust auf: „Sie hat hübsche Ti-… Brüste und findet bestimmt jemanden, der das für sie rechnet und macht, das heißt nicht, dass sie Ahnung davon hat. Und nenn‘ mich nicht Charlie!“ Es braucht nur zehn Sekunden des Schweigens, bis er erkennt, dass er einen Fehler gemacht hat. Nick Howard schiebt einen Bogen über den Tisch – ein ziemlich seriöses und absolut unsexy Bild von Esther prangt in der oberen, linken Ecke des Lebenslaufes. Er wirft ein Foto drauf – Esther in deutlich jünger, in Hose und Pullover. „Das hat die Pforte gemacht, als sie zur Vorstellung gekommen ist, Charles Benjamin Junior.“ Er betont den vollen Namen seines Neffen, jede Silbe davon. „Du darfst aber trotzdem gerne weiter Onkel Nick sagen, wenn du dir dazu nicht zu fein bist.“ Noch während der aufgebrachte Charles das Büro seines Onkels verlässt, ärgert er sich darüber, ihm nichts über seine Initiative mit Bob Landsman und den Zugangsprotokollen erzählt zu haben. Ob Nick das gut geheißen hätte, darüber macht er sich keine Gedanken, eher beschäftigt ihn, mit den zu findenden Beweisen über die Kontrollen von Esther Goldstein-Howard und Thomas Arden am Projekt, Nicks pragmatisch-sachlichen Umgang mit den beiden zu diskreditieren.

Falls Nick über den kleinen Sieg über seinen Neffen Triumph empfindet, lässt er es sich nicht anmerken, obwohl er allein im Büro ist. Er trinkt einen größeren Schluck aus der Cappuchino-Tasse, dann nimmt er einen Briefbogen, als Notizzettel verwendet, von der Platte auf. „Dorothy lässt Ellison, Wilshire, White, Whitman, Sato, Sato and Ames zwei Sprayer und potentielle Ökoterroristen auf Kosten von Howard Industries verteidigen. Charlie begehrt auf und Claire lässt uns auflaufen und fliegt nach Hawaii. Dazu läuft diese Klage wegen Formfehlern besser als gedacht – und Arden macht die erste Probe von dieser Beschichtung. Wenn ich nicht irgendeines dieser modernen ‚Mindmap‘ Programme benutzen will, brauche ich größeres Papier – oder dünnere Stifte, um den Überblick zu behalten.“ Er trinkt die Tasse leer, löffelt den verbliebenen Milchschaum aus und will gerade aufstehen, als das Telefon klingelt. Kurz entschlossen nimmt er den internen Apparat ab und bittet Cris Benitez, ihm noch einen dieser göttlichen Cappuchinos vorbeizubringen, bevor er das eingehende Gespräch annimmt. Er ist so vertieft in den Anruf, dass er Tom Ardens Sekretärin kaum bemerkt, als sie ihm den Kaffee hinstellt. Ihm entgeht auch ihr Erschrecken, als sie bei instinktivem, flüchtigem Blick auf seinem Notizbogen liest, dass er weiß, dass Claire nach Hawaii geflogen ist.

Liz Ames hat nur eine Handtasche dabei, Ryo Satos Aktentasche wird nach der Durchleuchtung sogar noch einmal von Hand durchsucht, während Liz mit einem freundlichen Nicken des übergewichtigen Officers um eine eingehendere Untersuchung ihrer selbst wie auch ihrer Tasche herumkommt. Als sie den kargen Raum betreten, erklärt Sato mit ungewohnt süffisantem Ton: „Sie haben zur Zeit keine weiblichen Officers, um eine Leibesvisitation zu machen.“ Liz zuckt mit den Schultern und erklärt, ihren Lippenstift, das kleine Notizbuch und ihr Handy habe auch niemand sehen gewollt. Dann wird sie der beiden jungen Männer gewahr, die in Haftanstaltskleidung am Tisch sitzen. Blicke werden ausgetauscht, die Sato zu einem irritierten Anheben der Brauen animieren. Dann stößt einer der Jungs hervor: „Scheiße Mann, wollen sie uns auch noch Catcalling anhängen?“ Satos fragender Blick trifft Liz mit großer Intensität. Diese grinst geradezu unverschämt: „Sie beide werden es nicht glauben, aber Mr. Sato und ich sind hier, um sie zu verteidigen. Wir haben ein Mandat von Howard Industries Ltd., und wenn sie uns nicht ablehnen, haben wir sicher bessere Aussichten, sie aus dem Schlimmsten rauszuhalten, als die ihnen zugeordneten Pflichtverteidiger. Mein Name ist Elizabeth Ames.“ Dass sie die unausgesprochene Frage ihres Kollegen damit keineswegs beantwortet hat, ficht sie nicht im Geringsten an. Sato lässt es aber nicht auf sich beruhen: „Vielleicht solltest du uns ALLE auf denselben Stand bringen, Liz.“ Diese zwinkert ihren beiden potentiellen Mandanten zu und wartet, ob diese was dazu sagen. Der sichtlich jüngere der beiden schüttelt sich: „Mann, dann waren sie das am Ende gar nicht, am Pier, bevor…?“ Liz schüttelt den Kopf, allerdings nicht als Antwort auf seine Frage: „Doch. Ich war das Mädchen mit dem aufregenden Rückenausschnitt, dem ihr nachgestellt habt, bevor ihr ‚Pollutor‘ in Glow-in-the-Dark-Farbe auf die Fähre gesprayt habt. Ist mir aber völlig egal, ich mache meine Arbeit als von Howard Industries beauftragte Verteidigerin für euch Jungs, ich würde das auch machen, wenn ihr mehr als nur geguckt hättet. Also: Ihr HABT das Schiff angesprayt. Habt ihr in der Nacht sonst noch was angestellt? Wir müssen das wissen, wenn wir euch verteidigen sollen.“ Sato lehnt sich zurück, ein wenig verblüfft darüber, wie gut Liz den Ton trifft, der die beiden jungen Männer zu dankbaren Mandanten macht – und wie viel Mühe sie sich dabei gibt. Auch wenn Sato – wie auch die anderen Senior-Partner der Kanzlei – Liz schätzen, sie wissen doch, dass sie kühl, distanziert, aufbrausend, spröde und teils scheinbar grundlos boshaft sein kann, und dass sie selbst im professionellen Umgang Antipathie sehr deutlich durchblicken lassen kann. Wenn sie sich also tatsächlich von den beiden Männern belästigt oder gar bedroht gefühlt hat, wieso ist sie dann so höflich, ja sogar freundlich, fast schon anbiedernd?

„17 bar, Chef!“ Der Techniker verkündet den Wert mit Triumph in der Stimme. Tom Arden schüttelt den Kopf: „Das sind gerade mal 170 Meter. Kompletter Kollaps?“ Der Mann an der Steuerung des Testsystems mit der Druckkammer spezifiziert, dass 50 Prozent der schallfangenden Bläschen in der Kunststoffschicht kollabiert seien, etwa ein Fünftel davon hätten sich in den ersten zehn Minuten nach Druckentlastung regeneriert. „Wenn Dr. Callaghans Formel stimmt – und ich komme ja auch immer wieder auf sie – dann müssen mindestens 300 Meter drin sein.“ Der Techniker merkt skeptisch an, niemand wisse nach dem Brand in der Halle noch, ob das hätte klappen können und wie weit Corey Callaghan die Werte übertrieben habe. Er will ihn gerade anfahren, er habe es nachgerechnet und es müsse bis 50 bar funktionieren, dass die schallschluckende Schicht zu 25 Prozent intakt bleibe und sich vollständig wieder regeneriere, da klingelt das Telefon im Labor. Arden nimmt ab, noch während er den Hörer ans Ohr führt, denkt er sich, dass es besser so sei – schließlich darf niemand wissen, dass er nicht nur denkt, sondern experimentell bewiesen weiß, dass die Beschichtung bis 500 Meter druckfest ist. Doch dann hat er einen ganz anderen Grund, finster drein zu blicken: Cris Benitez berichtet ihm, was sie in Nick Howards Büro mitbekommen hat. Was der Bruder des alten Howard sonst noch weiß, will sich Arden gar nicht ausmalen, wenn er eine Quelle hat, die ihm über Claires Flug nach Hawaii berichtet hat. Aber wirklich verhindern kann er nicht, dass ihn nun weit mehr als der schallschluckende Superrubber beschäftigt, wer was an Nick Howard berichtet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s