Folge 2.14: West Coast

„Das nicht, die fahren rauswärts“, erklärt Carmen Ochoa Sanchez, als Marc Walters fragt, ob sie das nächste Schiff, das auf dem SONAR angezeigt wird, auch mit Leuchtschrift besprühen sollen. Walters fragt, wo der Frachter denn hinführe, sie zuckt die Schultern: „Tokio, nehme ich an. Zumindest sagt das der letzte Datendump der Tracker-Webseiten. Der andere, in seinem Kielwasser, fährt nach Shanghai – da stehen die Container auch gerade noch so legal.“ Marc schüttelt sich. „Die sollten wir mal bemalen. Direkt vor Tokio oder Shanghai, oder Hongkong.“ Carmen zuckt die Schultern und erwidert, wenn man die Chinesen schone, lege man eine falsche Spur. Marc schüttelt den Kopf: „Mann, Carmen! Die treiben genauso Schindluder mit der Umwelt. Und wollen wir wirklich SO falsche Fährten legen? Wir wollen, dass sie erkennen, was wir wollen!“ Er zuckt heftig zusammen, als er Chartrands Stimme hinter sich hört: „Und was sollen wir da drauf pinseln? Wenn wir schlechtes Japanisch oder Chinesisch da drauf sprühen, können wir auch gleich eine Visitenkarte da lassen. Aber prinzipiell keine schlechte Idee.“ Marcs Instinkt lässt ihn einen scharfen Tadel von Sylvain wahrnehmen, aber Sallys Anwesenheit bringt ihn dazu, kurz nachzudenken. Als er die Worte des Kommandanten Revue passieren lässt, entspannt er sich erstaunt. Eine kurze Diskussion entbrennt, wo muttersprachlich klingende, passende Diffamierungen für die Bordwände von Schiffen her zu bekommen seien – Sylvain beendet die Debatte mit dem Verweis, man habe noch zwei Schiffe zu bemalen. Dieses Mal operiert die „Tethys“ vor dem Golden Gate, um leuchtende Texte und Symbole auf Schiffe zu prägen, die San Francisco oder Oakland anlaufen. Mit „Nereide“ hatten sie kurzen Kontakt weit vor der Küste. Marshall Wells und Corey Callaghan haben Attacken mit verklapptem Abwasser aus Wasserwerfern auf Schiffe im Santa Barbara Kanal auf ihrem Plan, danach beabsichtigen sie, mit Volldampf in Richtung Süden zu fahren und dort großen Fischtrawlern die Schleppnetze abzuschneiden – vor allem die Küsten von Ecuador, Peru und Chile sind ihr Ziel. Die Netze wollen sie dann in Mexico mit treibendem Kunststoff gefüllt vor Acapulco anlanden, um ein Zeichen zu setzen. Sylvains Mission führt nach der Aktion vor dem Golden Gate wieder in die Juan-del-Fuca-Strait, Tanker in der vielbefahrenen Meeresstraße manövrierunfähig machen und Staus vor den Häfen von Seattle und Vancouver verursachen – um dann weiter nach Alaska zu ziehen und den Funk von Bohrinseln mit Piratensendern in Bojen zu sabotieren, über die wissenschaftliche Gutachten zur Erderwärmung auf allen Frequenzen ununterbrochen gesendet werden. Auch Sally ist aufgefallen, dass die Konzentration auf die Westküste des amerikanischen Doppelkontinents allmählich auffallen muss. „Es wird nicht weniger ‚Hawaii‘, wenn wir auch Russisch-Fernost, China, Japan, die Philippinen und Australien beharken, aber wir dürfen auch nicht zu berechenbar werden.“, wirft sie einige Stunden später ein, während die „Tethys“ bereits Richtung Norden taucht. Sylvain nickt, dann erklärt er: „Woher wir gutes Russisch für glaubhafte und treffende Sprüche für den Hafen von Wladiwostok herbekommen, oder Chinesisch oder Koreanisch, das weiß ich nicht. Aber wir könnten Mai nach Japanisch fragen. Dann tut sie was für die Organisation, aber wir halten sie nach Ichigos Wunsch aus der eigentlichen Aktion fern.“ Sally nickt, sie hält das für eine tolle Idee. Muttersprachler in anderen Sprachen könne man sicher auch auftreiben, wahrscheinlich sogar unauffällig. Marc geht darauf ein und erklärt, dass Unauffälligkeit wichtiger sei als alle Nationen abzudecken. Auch wenn Sylvain und Sally die Fährte nicht bewusst gelegt haben, befriedigt es doch beide, dass ausgerechnet Marc bremst.

Corey Callaghan steht in Surferpose auf dem Rand des Turms der „Nereide“. Er trägt Shorts, balanciert gekonnt auf der für Wasser schlüpfrigen, für Haut aber erstaunlich griffigen Oberfläche – seinen Sonnenbrand ist er inzwischen wieder los, aber dieses Mal hat er sich sorgfältig eingecremt. Marshall Wells sitzt auf dem Rand der Luke. Nicht, dass er sich einen Balanceakt nicht zutrauen würde, aber im Gegensatz zu Corey findet er, muss er sich nichts beweisen. Die Aufmerksamkeit des Publikums gilt ohnehin eher dem knapp 50 Meter langen Boot als den beiden kleinen Gestalten darauf: „Nereide“ hat sich dem Tempo einer Schule Grauwale angepasst und gleitet zwischen den Tieren durch das unendlich erscheinende Wasser. Dass nur etwa fünf Kilometer hinter dem Horizont auf der Backbord-Seite der mexikanische Bundesstaat Baja California Sur die Unendlichkeit des Pazifik begrenzt, ist beiden Männern sehr bewusst, aber für den Moment sind sie völlig fasziniert vom Anblick der Wale. Wells reißt sich los und lässt seinen ehemaligen Adjutanten bei den Marines der Royal Navy, Ethan Cummings, hoch auf den Turm. Stück für Stück darf jeder auf dem Boot die Interaktion mit den Tieren genießen – die Ex-Militärs nehmen sich weniger, die Zivilisten mehr Zeit. Als Corey wieder unten ist, übergibt Wells die Brücke wieder an ihn und geht nach vorne. Das verklärte Lächeln des Chemikers und Surfers hätte er gerne noch länger genossen, aber ihn drängt es, sich nochmal die Fracht anzusehen: Fünf kleine Tankcontainer voller Insektenvertilgungsmittel, selbst in kleiner Dosierung auch absolut tödlich für Krustentiere, haben sie nahe der geschützten Inseln im Santa-Barbara-Channel geborgen. Noch ist nicht klar, was sie damit anfangen – aber die Transporteinheiten sind eindeutig mit Absender, Beförderer und Empfänger markiert, und das ist eine Route quer über den Pazifik, von San Francisco aus. Dass sie ausgerechnet vor Los Angeles, weitab von der geplanten Route, und ausgerechnet in einem Meeres-Naturschutzgebiet zufällig vom Schiff gefallen sein sollen, ist nahezu unmöglich. Keiner auf dem Boot hatte eine gute Idee, wie man die gefährliche verlorene Fracht publikumswirksam finden lassen hätte können – zumindest keine, die eine Freisetzung des Gifts ausgeschlossen hätte. Noch immer nachsinnend, wie man mit dem Material verfahren soll, bemerkt Wells, dass sich das Deck nach vorne neigt – „Nereide“ taucht, um sich von den Walen abzusetzen und etwas schneller in Richtung peruanischer Küste zu fahren. Die Schleppnetze im Boot zu lagern, die sie dort abschneiden wollen, ist durch das geborgene Gift nicht in Frage gestellt, und sie mit Plastikmüll aus dem nordpazifischen Müllstrudel zu füllen, geht auch problemlos nach publikumswirksamem Fingieren des Funds des Gifts vor Los Angeles, wenn sie wieder zurückfahren. Als Wells aufsieht, wird er Corey Callaghans gewahr, der ebenfalls nach vorne gekommen ist. Er seufzt: „Auch noch keine gute Idee, wie wir das Zeug sicher im Santa-Barbara-Channel finden lassen können, ohne dass es ausläuft?“ Wells schüttelt den Kopf. Er zuckt die Schultern: „Wir haben einen Haufen Zeit bis Peru, um drüber nachzudenken.“

Tausende Kilometer weiter nordwestlich versammelt sich eine bunte Gruppe in einer eher kleinen Halle. Alle tragen Helm und Warnweste – sogar Dorothy Howard-Fielding, die so angetan seltsam deplatziert wirkt. Eine große Maschine mit einem dicken Sichtfenster in dem massiven Druckkörper ist es, die sie alle hierher kommen lassen hat. Auf einem großen Flachbildschirm daneben werden zwei Diagramme angezeigt, auf dem oberen eine langsam ansteigende Linie, auf dem unteren zwei Linien: eine, die immer wieder nach oben schnellt und absinkt, eine andere, die unregelmäßig hin und her zuckt, auf deutlich niedrigerem Niveau, aber auch ein kleines bisschen auf die Peaks der anderen zu reagieren scheint. Thomas Arden erläutert: „Oben sehen wir den Druck – unten die eingestrahlte Schallstärke und das zurückgeworfene Geräusch.“ Nick Howard grinst schief und fragt, ob er „für die anwesenden Laien“ auch einfach Zahlen anzeigen lassen könne. Arden nickt und verstellt etwas – die beiden Diagramme rücken in die linke Bildschirmhälfte, in der rechten wird nun oben eine Druck- und eine Prozentangabe angezeigt, unten rechts ein drittes Diagramm. Weder Dorothy noch Nick oder Charles hören wirklich zu, als Arden erklärt, das dritte Diagramm zeige die Schallabsorption als Funktion des Drucks an, Liz Ames und Colette Williams dagegen haben sichtlich verstanden, dass genau in diesem Diagramm die spannende Frage beantwortet wird, die spannende Frage, die lautet: Kann der Howard-Industries-Superrubber auch in großen Tauchtiefen ein U-Boot quasi unsichtbar für das SONAR machen? Beide Juristinnen sind nervös – Colette wegen der Vertragsstrafen der Navy, falls es nicht klappt, Liz hat ganz andere Gründe für ihre Nervosität. Tom Arden dreht den Druck langsam hoch, immer wieder lässt er den Schallerzeuger, der einer SONAR-Einrichtung entnommen ist, in die mit dem schwarz-ölig-glänzenden Material ausgekleidete Kammer pingen und die Reflexion messen. Ganz langsam steigt der Druck, die Korrelation der Ping-Lautstärke mit dem zurückgeworfenen Schall bleibt weiterhin auf sehr niedrigem Level konstant. „280 Meter!“, verkündet Arden, Liz beißt sich auf die Lippen und presst dann hervor: „Der geleckte Drecksack hatte es tatsächlich hingekriegt und nur die falschen Knöpfchen gedrückt…“ Dass ihr eigentlich etwas ganz anderes durch den Kopf geht, lässt sie sich nicht anmerken. Nick Howard grinst, Liz‘ derbe Äußerung gefällt ihm, während Dorothy die Nase rümpft. Tom Arden schränkt ein: „Das sind Laborbedingungen. Und wir wollen bis 340 Meter schaffen. Die ersten Blasen sind garantiert schon kollabiert. Entscheidend ist außerdem, wie gut sie sich regenerieren.“ Bei 31 bar Druck zuckt die Korrelation zwischen eingestrahltem Schall und Echo erstmals wirklich deutlich über das Niveau des Rauschens hinaus, bei 35 bar bricht die Schallabsorption zugunsten der Reflexion zusammen. Arden steigert den Druck noch bis zum Äquivalent von 400 Metern Tiefe, dann fährt er den Druck langsam wieder herunter. Dorothy fragt: „Und was sagt uns das jetzt?“ Nick Howard kommt Tom Arden zuvor: „Noch bedeutet das gar nichts. Es kommt drauf an, wann sich die Blasen, die den Schall schlucken, wieder aufbauen – und ob sie es überhaupt tun.“ Charles Junior, Dorothy und Colette Williams haben dieses Problem nicht verstanden, und so sind es vor allem Nick, Tom Arden und Liz Williams, die beim Absinken des Drucks unter 35 bar immer nervöser werden. Bei 31 bar sinkt zuerst recht langsam die Schallreflexion wieder – und bei 28 ist sie plötzlich wieder im Rauschen verschwunden. Tom reckt die Faust: „Yeah!“ Liz nickt zufrieden und Nick bietet Arden zu dessen Überraschung die Hand zum High-Five an. Tom erklärt: „Ein Achtungserfolg. Nun müssen wir es großflächig hinbekommen und die Druckfestigkeit der Blasen noch etwas hochschrauben, ohne dass der kollabierte Zustand stabiler wird. Dann schaffen wir 400 Meter und Regeneration bei 350. Wir müssen allerdings noch messen, ob die Regeneration total ist. Ich lasse das Ganze von Null bis 45 bar hoch und runter laufen, noch neun Mal. Dann ziehen wir eine Probe für’s Labor und zählen kollabierte Blasen, den Rest quälen wir noch 90 Mal und zählen dann wieder. Wenn wir dann noch eine ordentliche Menge funktionierendes Material haben, machen wir’s noch hundert Mal.“ Dorothy runzelt die Stirn, Charles Junior fragt: „Immer wieder dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten, zeugt von Wahnsinn, oder?“ Arden sieht die beiden verständnislos an, Nick ist die Ungeduld anzuhören: „Du biegst den Löffel einmal, zweimal, dreimal. Und dann bist du überrascht, wenn er beim fünften Mal abbricht? Du warst doch auf dem College, Charles Benjamin Junior, oder nicht?“ Nur mit Mühe beherrscht sich der Sohn des Firmengründers, zumal auch Dorothy nicht daran denkt, im beizuspringen.

Als Liz und Tom zu Fuß über das Gelände gehen, fragt die Anwältin: „Wird’s gleich klappen mit der weitgehenden, immer wieder kommenden Regeneration des SONAR-Stealth? Oder hast du’s mit Absicht…?“ Arden seufzt: „Ich bin froh, dass ich es schon beim zweiten Anlauf so gut hinbekommen habe. Es sind andere Maschinen, und es ist ein ziemlicher Balance-Akt zwischen Viskosität und Oberflächenspannung, um die Wanddichte der Bläschen zu optimieren und das Zeug nicht ausleiern zu lassen. Ich habe nichts sabotiert. Es ist nicht so einfach.“ Grinsend meint Liz, wenn es einfach wäre, könne es ja jeder. Und wenn es zu leicht erscheine, könnte man auf Ideen kommen – denn auch Corey sei nicht so blöd, wie er aussehe. Mit einem süffisanten Lächeln korrigiert sie: „Nicht so blöd, wie er ausSAH.“ Arden schüttelt nur den Kopf. Im Büro wartet Cristina Benitez mit vier Telefonnotizen und drei Tassen Kaffee auf die beiden. Als alle drei ihre Tassen in den Händen halten, fragt sie: „Und, wie lief’s?“ Tom grinst: „Reicht nicht für ein praktisch anwendbares U-Boot. Aber mit ein bisschen Schweiß und Rumprobieren kriegen wir das hin. Sicher nicht gut genug für absolut geheime U-Boote wie für Terroristen. Aber gut genug für die Navy.“ Komplizenhaft stoßen sie mit den Kaffeetassen an.

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