Folge 2.17: Unter dem Wind

Will Sanders kommt gerade vom Joggen im Park des Anwesens, als er im Angestelltenflügel des Anwesens auf Mai Sakamoto trifft. Sie steht unschlüssig vor der Tür der Räume, die Kapitän Sakamoto bewohnt, als sie Sanders sieht, fragt sie: „Wo ist denn mein Vater?“ Sanders zögert, dann macht er sich klar, dass Mai inzwischen sehr gut über die Organisation Bescheid weiß. „Der Captain ist heute früh mit der ‚Charlotte‘ in Richtung Ni’ihau aufgebrochen. Es sind nur wenige Leute dort, aber auch die brauchen Essen und Sprit für den Generator.“ Dass die hübsche junge Japanerin nur mit einem Nicken bestätigt, enttäuscht Will. Auch wenn ihm klar ist, dass er wohl eher wegen seiner Verbindung zur Organisation auf eine Konversation hätte hoffen können, bemüht er sich nicht allzu sehr, seine Enttäuschung zu verbergen, und Mai reagiert darauf: „Gibt es schon Kaffee?“ Will schenkt ihr sein charmantestes Lächeln und erklärt: „Ich bin zwar nur der Sunnyboy für Park und Fuhrpark, aber ich kann die Espresso-Maschine bedienen. In zwanzig Minuten auf der Terrasse des Haupthauses – was möchtest du, Espresso, Latte Macchiato, Cappuchino…?“ Mai lächelt und bestellt einen Latte Macchiato. Noch während sie entlang des Pools zurück zur Terrasse des Haupthauses schlendert, fragt sie sich, ob Sanders ihr Kaffee machen oder mit ihr Kaffee trinken möchte. Doch dann kommt ihr in den Sinn, dass Sanders einen ähnlich jungenhaften Charme hat wie Corey Callaghan – nur eben ohne das fanatische Glitzern in den Augen. Was ihr Vater zu diesen Gedanken sagen würde, weckt Trotz in ihr, aber dann schiebt sie die Überlegungen weg: Sie muss ohnehin auf dem Anwesen ausharren, Sanders ist sicherlich die unverfänglichste, netteste Gesellschaft, und trotz des Schnurrbarts hat sein offenkundiger Applaus für ihr Aussehen für sie nichts Gruseliges an sich, zumindest sofern er es darauf beschränkt, ihre Anwesenheit zu genießen. Dass sie damit leben kann, bringt sie zum Schmunzeln über sich selbst.

Claire Howard sieht John Hiller halbwegs fasziniert über die Schulter, während der Brite die Espressomaschine im Barraum des Haupthauses bedient. Dann dreht er sich auf dem Absatz und reicht ihr das Tässchen. „Ihr Espresso, Miss Howard.“ Claire schnuppert an der Crema, dann schüttelt sie den Kopf: „Wie in dem italienischen Café um die Ecke der medizinischen Fakultät. Ich habe mich nie so genau danach gefragt, wie das eigentlich geht.“ Hiller hebt eine Braue: „Eine Siebträger-Maschine erfordert eine gewisse Übung. Mahlgrad und Anpressdruck müssen abgestimmt sein, zudem die Temperatur. Dies gilt für jede Röstung und Bohnenmischung separat. Aber man kann das erlernen – selbst mit britischer Herkunft.“ Der blasierte Sarkasmus bringt Claire zum Grinsen, Hiller bemerkt es und zwinkert ihr zu. Nach einer Kunstpause fragt er: „Miss Howard, erlauben sie mir eine Frage?“ Sie erwidert, natürlich, er könne gerne fragen, was er möchte. Aber er solle sie doch duzen, sie komme sich irgendwie komisch vor, wenn man sie „Miss Howard“ nenne. Kurzerhand macht sich Hiller auch selbst einen Espresso, gesellt sich zu Claire an die dunkle Theke, die offenbar für Parties im Raum platziert wurde, und fragt sie nach ihrem Medizinstudium aus. Dass Claire mit „Miss Claire“ nicht wesentlich glücklicher ist als mit „Miss Howard“, lässt sie sich erst einmal nicht anmerken – aber sie fragt sich schon, ob die Förmlichkeit der wahre Habitus von John Hiller ist oder nur eine Maske. Überhaupt kommt sie sich vor, als hätte das ganze Haus ein Geheimnis vor ihr, aber sie tut dieses durchaus berechtigte Gefühl als Paranoia ab. Beide grüßen Sanders nur flüchtig, als er frisch geduscht in offenem, ungemustertem Hemd und Shorts hereinkommt, einen Latte Macchiato und einen Espresso bereitet und sich dann anschickt, die Milchlanze zu reinigen. Hiller lächelt: „Lass nur, Will. Ich höre Mrs. Howard schon auf der Treppe, sie möchte Cappuchino.“ Sowohl Will als auch Claire sind merklich verwundert – Sanders wundert sich, dass Hiller in Gegenwart von Claire ihm gegenüber nicht den pedantischen Briten markiert, und Claire staunt über den informell-vertrauten Ton zwischen den beiden. Doch dann geht Will Sanders mit einem Tablett, auf dem er Gebäck und beide Kaffees arrangiert hat, in Richtung Terrasse, und Esther kommt aus der Halle in den Raum. Das Gespräch mit Claire so weit möglich fortführend, macht sich Hiller sofort daran, der noch etwas verschlafen wirkenden Esther einen Cappuchino zu bereiten.

Auf der Terrasse sitzt Mai in Bikini-Oberteil und als Rock um die Hüften geschlungenem Batiktuch auf einem der Liegestühle am Pool. Will hält mit dem Tablett inne, um mit sich selbst auszumachen, ob er die Aufmachung als Aufforderung interpretieren soll, ruft sich dann aber zur Ordnung. Egal, ob sie ihn damit provozieren will, sich nichts dabei denkt oder gar tatsächlich auf seine Blicke eingeht, erstens ist sie zu jung für ihn und zweitens ist ihm klar, dass Ichigo und auch Esther kaum damit einverstanden wären, dass er ihr Avancen macht. Er nimmt rittlings mit Blick Richtung Haus auf einem zweiten Liegestuhl Platz und stellt das Tablett auf dem Tischchen zwischen Mai und sich ab. Sie schiebt die Sonnenbrille in die Haare und lächelt ihm zu: „Danke. Sehr charmant.“ Dass sie einen Blick auf sein offenes Hemd und die so sichtbaren Bauchmuskeln wirft, entgeht ihm nicht, er quittiert es mit einem schelmischen Grinsen: „Dir ist schon klar, dass dein Vater mich vor Big Island den Haien zum Fraß vorwirft, wenn ich mit dir zu flirten versuche – und Esther wird sehr wahrscheinlich fürchten, dass ich dich in Coreys Arme treibe.“ Mai blinzelt überrascht und setzt sich dann auf. Sie zögert, nippt am Strohhalm, den er in den Milchschaum gesteckt hat, und antwortet dann doch recht gelassen: „Ich hätte erwartet, dass du das mit dir selbst besprichst und mich im Unklaren lässt, damit ich mich weiter unbefangen in deiner Gegenwart bewege.“ Will grinst und erklärt, ihre Reaktion sei sowas von nicht japanisch. Aber er sei nicht Thomas Magnum, der innere Monologe führe, und er glaube, dass Unbefangenheit eher aus Klarheit denn aus vagen Annahmen resultiere. Mai pflichtet ihm bei und bekennt, dass sie einen Versuch seinerseits vielleicht wirklich als Trotz-Ausrede genutzt hätte, ’nach Ni’ihau‘ zu gehen, wie sie es ausdrückt, auch wenn sie es nicht so geplant habe. Wo das nun geklärt sei, könne er ihr – mit seinen eigenen Hintergedanken, das sei ihm überlassen – den Rücken eincremen, und sie könnten weiter genießen, dass sie beide nichts Sinnvolles auf dem Anwesen tun könnten. Sanders denkt sich seinen Teil zu dieser Aussage, geht aber auf den Deal ein. Dass er sehr wohl eine Funktion auf dem Gelände hat, lässt er großzügig unter den Tisch fallen – schließlich ist ihm der andere Teil des Deals gerade recht: Erklärt chancenlos, um keinen Ärger zu erzeugen, aber eben doch in Mais angenehmer Gesellschaft, das macht es ihm leichter.

Esther hat die Hände um die Tasse geschlungen, ihr ist deutlich anzusehen, dass sie schlecht geschlafen hat. Claire fragt mitfühlend: „Erinnert es dich wieder neu an meinen Vater, dass ich nun hier bin?“ Esther schüttelt den Kopf, bemüht sich dann aber, es wie ein sich Schütteln wegen der Müdigkeit aussehen zu lassen. Das sei vielleicht der Grund, erklärt sie wenig überzeugend. Hiller hebt eine Augenbraue, mehr tut er nicht. Aber Esther versteht durchaus, dass ihr Versuch einer Täuschung dünn ist. Also zuckt sie nochmals die Schultern und erklärt: „Kann schon sein. Vielleicht auch nicht. Geträumt habe ich nicht von Charles.“ Claire saugt die Lippen zwischen die Zähne und knetet sie, dann fragt sie: „Soll ich wieder nach San Francisco fliegen? Es gibt hier irgendwas, das ihr alle wisst – und ich soll es nicht wissen. Ich respektiere das, aber vielleicht wäre es einfacher, wenn ihr eure Ruhe vor mir hättet?“ Esther lehnt vehement ab, nippt an ihrem Kaffee und scheint mehrfach etwas sagen zu wollen, entscheidet sich dann doch anders. John Hiller beschließt, für Ablenkung zu sorgen und fragt höflich, ob er sich die Nachrichten ansehen könne – er wolle gegebenenfalls noch mit Kaffee oder anderen Dingen für Esther und Claire zur Verfügung stehen, also werde er wohl bei den beiden bleiben, aber ihn interessiere, ob es etwas Neues auf der Welt gäbe. Weder Claire noch Esther haben etwas dagegen, da Claire Esther nicht unterbrechen möchte – und Esther keinen Ansatzpunkt findet, wie sie nicht erzählt, was los ist, aber eben doch auch Claire das Gefühl nehmen kann, nicht willkommen zu sein. Als Hiller den über der Theke angebrachten Fernseher anschaltet, dauert es nur Sekunden, dann starren beide Frauen wie elektrisiert auf das Gerät. Von Piratensendern, die Umweltsünden anprangern und in halb Alaska auf Frequenzen großer Radio-Sender zu hören sind, berichtet der Sprecher. Auf dem Newsticker am unteren Bildrand läuft eine Nachricht über diplomatische Spannungen zwischen China und Peru, da ein peruanischer Fischtrawler-Kapitän in internationalen Gewässern vor der Westküste Südamerikas einen chinesischen Kapitän erschossen haben soll, als ein Streit über abgeschnittene Schleppnetze eskalierte. Der Sprecher geht nach der Nachricht aus Alaska auf einen Frachtschiff-Stau in der Juan-del-Fuca-Strait ein, fünf Schiffe seien von Schleppnetzen unbekannter Herkunft in den Schrauben lahmgelegt. Dass danach noch über Umweltsünden anprangernde Leuchtschriften auf Tankern in der San-Francisco-Bay-Area berichtet wird, entgeht Claire und Esther. Es kostet die Milliardärswitwe einige Mühe, ihr Entsetzen über die Verbindung zu verbergen, die Claire zieht: „Was, wenn jemand die Schleppnetze von Trawlern nimmt und damit Tanker oder Containerschiffe lahmlegt?“ Hiller merkt an, dass die Netze von der Küste von Peru schon mit Flugzeugen an die kanadisch-US-amerikanische Grenze geflogen werden hätten müssen, um für den aktuellen Vorfall verantwortlich zu sein, aber Claire geht es eher um ein Konzept als um die konkrete Verbindung – zumal der Vorfall vor Vancouver und Seattle vor dem eskalierten Streit vor Peru stattfand. Mit hörbarer Bewunderung in der Stimme sagt sie: „Das trifft keine Unschuldigen – und genau da, wo es wehtut. Bei Geld und Publicity.“ Esthers Blick geistert nachdenklich zum Bildschirm – und dann weiten sich ihre Augen.

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